Reisen 6.0 – Teil 5

Noah schaut unschlüssig auf das Display seines Smart Phones. Links der Button „Abbrechen“, rechts der Button „Reise buchen“. Darüber die Worte des CEO von VTS, der eine Neuorientierung im Reisegeschäft verkündet. 

Die klimabewussten Fernreisen über die Virtual Travel Center taten zwar der Umwelt gut, waren aber mit den neuen Hygiene-Vorschriften nicht mehr vereinbar. VT@Home heisst das neue Format nun.

Noah drückt auf „Reise buchen“, denn das Format „Abbrechen“ kommt für ihn nun gar nicht in Frage.

Er entscheidet sich für den Tarif „VTS Weekend“. Die App bestätigt die Lieferung der VT@Home-Box für die nächsten 60 Minuten. Und siehe da, bald klingelt es unten an der Haustür, der Fahrrad-Kurier schlägt vor, die Lieferung in den Fahrstuhl zu stellen. Natürlich. Noah überlegt kurz, ob es nicht mal langsam Zeit wäre, ein Regal im Fahrstuhl zu installieren. Bei all den LHD-Paketen und Pizza-Kartons, die wortlos auf den verdreckten Steinplatten abgelegt und die 82 Stockwerke hinauf zu ihm befördert wurden.

Die Kabinen-Tür öffnet sich und gibt den Blick auf die Lieferung frei. Ein großer Aufkleber prangt auf der Oberseite des Kartons. „Frisch desinfiziert und abflugbereit“. Während Noah die Kiste anhebt und in seine Micro-Flat trägt, wird ihm vollends klar, wie wichtig ihm das Reisen doch geworden ist. Reisefreiheit war schließlich ein Gut, was die Generation seiner Eltern auf die Straßen getrieben hat. Doch Klima und Virus verwandelten diese Freiheit nun in einen schwarzen Kunststoff-Würfel, kaum größer als ein Tissue-Spender. Mehr war außer 3rd-Hand-Pappe, Bio-Knallfolie und Tofu-Styropor nicht übrig geblieben. Und natürlich solch eine VR-Brille, die er schon von der gemeinsame Indien-Reise mit Yumi kannte und sofort aufsetzte. Yumi, ja wo bleibt sie eigentlich? Aber so konnte er sich noch etwas mit dem Setup des Würfels beschäftigen. Zunächst wurde das VTS-Profil zur Bestätigung angezeigt, dann folgten ein paar weitere Abfragen zu Präferenzen, Unverträglichkeiten und Risikoübernahmen, die im Januar nicht abgefragt wurden. Zum Ende wurde die Schrift immer kleiner und es folgte der übliche „Alles akzeptieren“-Button. Nach ein paar weiteren Einstellungen öffnete sich vor ihm eine gigantische Auswahl von Reise-Angeboten. Alle vorstellbaren Strecken, alle erdenklichen Klimazonen und Sehenswürdigkeiten. Manche Destinationen waren mit einem „Gesperrt-Symbol“ markiert und dem Zusatz „Einreise aus ihrem PLZ-Gebiet nicht erlaubt“. Bayern, Meck Pom, USA und noch ein paar andere. Immernoch. Aber egal, bleiben noch genug andere Ziele. Sollte er nun noch auf Yumi warten oder vielleicht schon einmal anfangen?

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18) Smartvid-20 – Teil 3

Was soll man nur anfangen mit diesem Wochenende im September 2022? So richtig rausgehen kann man ja immer noch nicht, will man auch nicht. Und der Papierstapel ist noch nicht merklich geschrumpft. Also macht man einfach weiter.

Kaum waren also die beiden Zeitungsausschnitte vom >20. März 2021 und vom >11. April 2021 in der feuerfesten Kiste verstaut, so beschleunigt der Puls beim Lesen des dritteln Artikels noch einmal merklich.

Berliner Allgemeine Zeitung 11. September 2021

IoT-Ministerium genehmigt NGM-Chips

Berlin. Die knappe und überraschende Mitteilung des IoT-Ministeriums ist weit mehr als eine Pressemitteilung. Es ist die Dokumentation einer beginnenden Zeitenwende. Aber zunächst ein Rückblick. Ende 2019 bricht Covid-19 aus und legt 2020 die ganze Welt lahm. Im Frühjahr 2021 wird bekannt, dass sich ein Ableger des Virus bevorzugt in Sprachmuscheln und Lautsprechern von Smart Devices einnistet. Was folgte, dürfte jedem noch gut in Erinnerung sein. Eine flächendeckende Vernichtung sämtlicher Smart Phones und Tablets. Konfisziert oder ferngezündet. Menschen irrten planlos durch die Städte, wussten nichts mehr mit sich anzufangen. Und obwohl die Infektionen zurückgingen, machte sich Unmut breit. Es gab Demonstrationen in der Hauptstadt und man forderte digitale Freiheit. Um frühzeitig entgegenzuwirken, wies man Motorola, Nokia und Siemens an, ihre Mobilfunk-Klassiker aus den 90-er Jahren wieder neu aufzulegen. Diese würden immerhin mobile Telefonie ermöglichen und SMS. Nicht smart aber immerhin.

Die großen Smart Phone Hersteller Pear, Samson und Au-Weih wetterten wegen Wettbewerbsverzerrung und drohten, sich durch alle Instanzen zu klagen. Milliarden an Strafen würden den Start erwarten. Auf Jahre. Nicht finanzbar. Es gab nur eine Möglickkeit, den Klägern anderweitig entgegenzukommen: Das Konsortium der „großen drei“ bekommt die Lizenz für Entwicklung und Betrieb eines Nano-Gehirn-Mobil-Chips. Mit Internet-Zugang nach 5G-Standard. Man rechne bereits für Januar 2023 mit der Betriebsgenehmigung und ersten Implantierungen.

Das Filialnetz ist noch nicht einmal vollständig geplant, doch die Hersteller verzeichnen bereits lange Wartelisten. Die Menschen können es kaum erwarten.

Ende Zeitungsartikel Berliner Allgemeine Zeitung vom 11.09.2021

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134) Corona-Lektionen 43

Bereits seit vergangenen Samstag sehe ich Weihnachtsgebäck im Supermarkt. Mir ist überhaupt nicht nach Weihnachten, habe noch nicht einmal die versauten Ostern verdaut.

Als ich da aber die Domino-Steine und Lebkuchen so liegen sah, musste ich über Weihnachten und den Jahreswechsel nachdenken. Schließlich macht man ja an Weihnachten häufig gravierende Veränderungen fest. Wie zum Beispiel das erste Weihnachten allein … oder in Freiheit … oder fern der Heimat … oder ohne Schnee … oder in den Tropen. Dies wird also das erste Weihnachten mit Corona sein.

Ein Blick in die Glaskugel:

  1. Betriebliche Weihnachtsfeiern werden abgesagt. Vielleicht ist es auch besser so. Dann muss man nicht zugucken, wie sich der dicke Wagner von der IT an die hübsche Krause aus der Buchhaltung ran macht
  2. Weihnachtsmärkte werden so sterbenslangweilig sein wie noch nie. Gesungen werden darf nicht, die Achterbahn setzt zu viele Aerosole frei, Glühwein gibts nur auf Marke und das ganze Gedrängle … was soll ich sagen. Den Rest erledigt die Angst vor dem Terror.
  3. Weihnachtsmänner werden Maske tragen müssen, man wird aber noch ausdiskutieren ob eher über oder unter dem mächtigen Bart. Vermutlich eher darunter oder der Bart wird gleich auf die Maske genäht. Das lässt sich dann leichter handhaben.
  4. Findige Geschäftsleute werden Corona-Accessoires auf den Markt werfen. Ein Masken-Etui mit Brillo’s für die Damen, ein 100-er Pack Schnelltests in Titan-Optik für die Herren. Auch eine Masken-Hakenleiste der Marke Ralf Bonz für den heimischen Flur wird’s geben, denn die Stofffetzen können ja nun nicht überall so herum liegen.
  5. All die Weihnachts-Shows kommen aus der Retorte oder aus TV-Studios ohne Publikum. Einzig auf Winnetou und Old Shatterhand ist Verlass, die reiten eh nur im Freien durch die Prärie der dritten Programme. Und auf „Dinner vor One“ natürlich. Völlig Corona-konform. Die Geburtstagsgäste von Mrs Sophie sind eh schon alle tot, Buttler James hält immer Abstand, desinfiziert sich gründlich von innen und gehört eh zum selben Haushalt. 
  6. Es wird ein paar Verdächtigungen geben, ob sich die mehrheitlich angebotenen Gänse (aus Polen) oder Kaninchen (aus China) mit dem Virus angesteckt haben könnten. Aber der Hobby-Koch wird die Viecher einfach die ganze Nacht bei 100°C in den Backofen schieben. Zusammen mit den Masken, die hätten es auch mal wieder nötig. Auf keinen Fall gibts Fledermaus mit Rotkohl!
  7. Die Sylvester-Party in Berlin wird abgesagt. Warum? Siehe 01.08.2020 und 29.08.2020, mehr gibt‘ da nicht zu sagen.

Und nu? Tja am besten noch schnell eine Hütte buchen und bloß weg hier.

<— Corona-Lektionen 42

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Reisen 6.0 – Teil 4

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Noah spielt seit ein paar Tagen den Gedanken, Yumi mit einer Reise zu überraschen. Die letzten Wochen waren für sie beide anstrengend, etwas Auslands-Urlaub wäre genau das richtige.

Da Fernreisen seit 2022 nur noch über VTS-Reisen möglich sind, erspart man sich langes Suchen im Internet oder den Weg ins Reisebüro. Die gemeinsame  >Indien-Reise im Januar war ein voller Erfolg. Das Klima, die Sehenswürdigkeiten, das Essen. Großartig. Sie denken oft daran zurück. Also öffnet Noah die VTS-App, tippt im Menü auf „Reise buchen“ und erwartet jeden Moment den virtuellen Reiseberater. Wie beim letzten Mal. Aber Fehlanzeige, stattdessen erscheint eine Information des CEO von VTS. Noah beginnt zu lesen.

Liebe VTS-Reisende,

Ursprünglich als Konsequenz aus der Klima-Krise entwickelt, hat sich VTS zum Marktführer entwickelt. Wir danken Ihnen für ihr Vertrauen und ihre zahlreichen Buchungen. Aber die Corona-Pandemie geht auch an VTS nicht spurlos vorbei. Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretung haben beschlossen, dass Geschäftskonzept an die aktuelle Lage anzupassen. Wie sie wissen, sind die Virtual Travel Center in den deutschen Städten ein wesentlicher Bestandteil der VTS-Reisen. Diese lassen sich aber aufgrund der gebotenen Hygiene-Regeln nicht mehr nutzen. Neue Ideen müssen her. Wir freuen uns, ihnen heute unser neues Programm VT@Home vorstellen zu können. Informieren Sie sich, nutzen Sie die Eröffnungsangebote, wir würden uns freuen, Sie an Board von VTS-Reisen begrüßen zu dürfen!

Herzlichst, Ihr
Hans-Jürgen Oberheiner
CEO VTS Reisen

Noah ist etwas verwundert. Soll ihm diese Nachricht nun echt einen Strich durch seine Pläne machen? Er hatte sich doch so gefreut. Unterhalb der Nachricht des CEO folgt eine Anzeige von VTS-Reisen. Er liest weiter.

Join VT@Home

Bestellen Sie Ihre VT@Home-Box noch heute und genießen sie die Vorzüge des neues Reisens! Wir bringen ihr Traumland nach Hause zu ihnen aufs Sofa.

  • Nie wieder Visum, Impfung, Jetlag und Magenverstimmung!
  • Ganz ohne Pass-Kontrolle und Wartezeit am Kofferband!
  • Nahezu frei von Masken und mit sehr geringem CO2-Verbrauch!

Freuen Sie sich auf individuelles Reisen, bummeln sie über Bangkoks Märkte, wandern sie entlang des Grand Canyon, besuchen Sie Machu Picchu oder erleben sie Delhi oder Peking bei bester Luftqualität!

Durch unsere Tarife „VTS Now“, „VTS Weekend“ und „VTS Flat“ ist für jedes Reiseverhalten und Budget etwas dabei.

Wählen Sie aus einer Vielzahl von Zusatz-Angeboten, die von lokalen Anbietern in den eigenen vier Wänden erbracht werden.

Auszug:

  • Thai-Massage, Nagelpflege
  • Meditation, Yoga, Tai Chi
  • Ü18-Angebote je nach geltender Corona-Regelung
  • Kochabend mit beurlaubtem Kreuzfahrt-Koch
  • 1:1 mit ehemaligen 747-Piloten (im Sonderangebot)
  • Auswahl an Souvenirs (abhängig Verfügbarkeit)

Natürlich reichen wir die Mehrwertsteuerreduzierung an sie weiter!

Unter der Anzeige findet Noah zwei Buttons.

Links „Abbrechen“. Rechts „Traumreise buchen“

Er zögert…

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15) New Work – Teil 6

Gong: „Guten Morgen Noah, es ist 5:30 Uhr“, klingt es aus der Zimmerdecke und beginnt sofort mit dem täglichen Briefing.

„Dein Meeting um 7:00 Uhr wurde abgesagt, das nächste ist für 08:00 Uhr geplant. Die frei gewordene Zeit ist dir als persönliche „reflection time“ zugeordnet worden. Man bittet um sofortige Umsetzung dieser Maßnahme. Weitere Instruktionen folgen um 7:45 Uhr.“

Noch etwas überrascht über diese Ansage, liegt er auf seiner Schlafmatte vor seinem Arbeitsplatz und reibt sich die Augen. Er beschließt, etwas liegen zu bleiben und über die letzten Wochen nachzudenken. Für ihn persönlich hat sich ja eigentlich in dieser ganzen Corona-Zeit nicht viel verändert. Zumindest was die Arbeit angeht. Die vielen Holo-Cons, die vollgepackten Tage, all das war vorher schon an der Tagesordnung.

Ein paar Veränderung gab es aber schon, resümierte er:

  • Zunächst das permanente Klopfen dieser Drohnen an der Fensterscheibe, die zweimal am Tag die Arbeitnehmer um einen Corona-Test baten. Es galt das Fenster zu öffnen und den Mund weit zu öffnen. Die Drohne flog in den Rachenraum, nahm einen Abstrich vor und verschwand wieder. Da war ihm sehr unangenehm, so als hätte er einen Käfer verschluckt.
  • Als es dann durch einen Softwarefehler zu unverhältnismäßig vielen Abstürzen dieser Drohnen kam, wurden die Postboten des Versandhandels in die Testung eingebunden. Denn die waren schließlich eh permanent in den Häusern unterwegs. Es war schon vor Corona störend, wenn ständig jemand an der Tür klingelte, um Pakete bei ihm abzugeben. Aber nun, baten sie ihn auch noch, jedes Mal den Mund zu öffnen, um einen Abstrich vorzunehmen. Das war nicht ganz einfach mit den Konferenzgesprächen via Holo-Con.
  • Die Holo-Cons haben sich nicht wesentlich verändert. Wechselweise erschienen verschiedene Kollegen aus aller Welt in seiner Micro-Flat und besprachen mit ihm die Dinge, die zu besprechen waren. Allerdings erwartete sein Arbeitgeber das Tragen eines Mundschutz, alleine aus Respekt gegenüber den Nationen, bei denen die Infektionen immer noch anstiegen.
  • In seinem Team kamen neue Meeting-Formate auf. „Virtual Coffee Breaks„ und „Tele-Lunchs“ wurden anberaumt, um die Kollegen vernetzt zu halten und etwas Small Talk unter ihn zu fördern. Ein paar Mal war er anwesend, dann schwänzte er immer häufiger. Er hatte keine Lust mehr, die Töpfe seiner Kollegen klappern zu hören und schon gar nicht, sie in Jogging-Hose beim Mittag zu sehen.
  • Die IT-Abteilung sensibilisierte anfänglich noch, des Überspringen des Virus von Mensch auf Computer unbedingt zu vermeiden. Dies stelle ein großes Risiko für die IT Infrastruktur dar, hieß es. Mittlerweile hatte man diese Angst relativiert. Ja man fordert sogar dazu auf, diesen Virus endlich zu digitalisieren, dann könnte man ihn wenigstens mit den herkömmlichen Mitteln bekämpfen.

Gong: „Noah, es ist 07:45 Uhr. Hier nun das Briefing für das anstehende Meeting.“

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14) PPBS – Postpandemische Belastungsstörung

14. Juni 2021: Liebes Tagebuch, ich habe dir schon lange nichts mehr anvertraut, aber heute kann ich nicht mehr anders. Denn ich bin ein Wrack. Das Jahr nach Corona war einfach zu viel für mich.

Vor gut einem Jahr wurden immer mehr Corona-Maßnahmen gelockert und alles unterlag dem Ziel, die Deutsche Wirtschaft wiederzubeleben. Anfänglich wurde mit einem Wumms die Mehrwertsteuer gesenkt, aber das war ja alles noch harmlos und nur der Beginn viel weitreichender Konjunktur-Pakete.

  • Bereits im Spätsommer 2020 wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch alles kaufen sollte. Die monatlichen Zwangsumsätze, die deutsche Haushalte zu erreichen hatten, waren kaum zu schaffen. So viele Schuhe, Hemden und Hosen brauchte ich doch gar nicht. Oft habe ich dann irgendetwas gegriffen, zügig bezahlt und die Einkäufe dann aber dort stehen lassen.
  • Als das Wirtschaftsministerium dann die Haushaltsgeräte-Hersteller anwies, deutsche Fabrikate per Fernsteuerung außer Funktion zu setzen, begann der nächste Stress. Auf einmal mussten sich unzählige Haushalte neue Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kühlschränke anschaffen.  Endlich kam es zu den erhofften Lieferengpässen. Die alten Geräte waren aber nun mal kaputt. Das ebnete den Weg für die nächste Maßnahme.
  • Um die Gastronomie wieder anzukurbeln, sollten die Menschen verstärkt auswärts essen. Ich habe 20 Kilo zugenommen, kann keine Pizza und kein Schnitzel mehr sehen. Gehe ich am Asia-Bistro vorbei, kriege ich vom Glutamat-Aerosol rote Pickel im Gesicht. Der nagelneue Geschirrspüler hatte kaum noch etwas zu tun, der endlich gelieferte neue Kühlturm kühlte fortan nur noch mein Bier und die blauen Kühl-Packs für Sportverletzungen.
  • Auch mein alter Diesel versagte eines Morgens den Dienst. Bei nur 160.000 Kilometern. Dem Automobil-Club war untersagt, den Fahrzeughaltern zu helfen. Als ich die Karre eigenhändig zur Werkstatt schob, schüttelte man nur den Kopf. Reparatur-Verbot. Erlass vom Wirtschaftsministerium. Als ich dann mit einem Hybriden aus Japan liebäugelte, schickte man mir Agenten des Deutschen Automobilverbands auf den Hals.
  • Und dann ging es weiter. Um die am Boden liegende Hotellerie zu retten, wurde jeder volljährige Staatsbürger verpflichtet, einmal pro Woche in einem Hotel zu nächtigen. Kostenloses Pay-TV, freie Mini-Bar und Frühstück ans Bett machten diese Einzelhaft zwar annehmlich, ich wäre aber lieber zu Hause gewesen. 
  • Als dann nach den Sommerferien die Berliner Clubs wieder öffneten, mussten wir auch dort regelmäßig antanzen. Ich meine, Blitzlicht und Nebeleffekte sind ja schon anstrengend genug, aber dann noch tanzen? Mit Maske! Ich halte mich ja eigentlich für sportlich, aber das war dann doch zu viel.
  • Zum Herbst hin, wurden dann die Kinos geöffnet. Unmengen Filme wurden auf den Markt geworfen und die Kino-Industrie erwartete, dass man auch dort vorbeischaut. Der gute neue Stoff war schnell durchgesehen, dann folgten nur noch schlechte Remakes. Kinokarten gab es nur noch mit Snack-Paket zu kaufen und der Werbeblock war nun doppelt so lang.
  • Und dann noch die Luftfahrt. Der Staat war ja nun Miteigentümer einer Airline. Und die Flugzeuge sollten wieder fliegen. Du glaubst nicht wieviele Flüge ich absolvieren musste. Stundenlang saß ich im Flieger, manchmal drehten wir nur über der Stadt, damit die noch übrig gebliebenen Piloten ihre Pflichtstunden absolvieren konnten. Damit es nicht so langweilig wurde, haben sie dann Elemente aus dem Kunstflug eingebaut. Erstaunlich, zu was so ein Airbus fähig ist und wieviele Kotztüten ich gefüllt habe.

Und das war noch lange nicht alles, liebes Tagebuch. Während der Corona-Zeit dachte ich ja, dass all die Einschränkungen einen bleibenden Schaden in uns hinterlassen, aber es war eher die Zeit danach, als es all die Verluste wieder aufzuholen galt. Immer häufiger wünsche ich mich in die Corona-Zeit zurück. Alles war entschleunigt, das Meiste war geschlossen, man konnte mal was lesen und Podcasts hören. Wir waren schon froh, überhaupt mal vor die Tür zu kommen. Das waren noch Zeiten.

118) Corona-Lektionen 32

In welcher Homeoffice-Woche sind wir denn jetzt eigentlich? In Nummer 12 oder schon 13? Habe den Überblick verloren. Ich zähle noch einmal nach. Wir gehen nun in die 14. Woche!

Zwei Gedankengänge der letzten Tage:

Normalität 1: Viel wird derzeit geschrieben und besprochen, was uns wohl in der „neuen Normalität“, dem „New Normal“, erwarten wird. Der Begriff klingt verheißungsvoll, irgendwie nach Reform, oder? Als würde demnächst ein weißhaariger Mann mit Bart auf einen Hügel klettern und uns den Weg weisen, wie wir alle ab Stichtag X leben werden. Und so als würde diese neue Normalität dann eine Weile anhalten, bis sie dann mal wieder überarbeitet wird, wenn ein Grund dazu besteht. Ein neuer Virus, die Polkappen-Schmelze oder der Umwelt-Kollaps vielleicht? Der Begriff „Normalität“ scheint uns Orientierung zu geben, uns zu beruhigen, irgendwie unser Leben zu ordnen. Ist aber eigentlich auch Augenwischerei. Denn Normalität ändert sich doch täglich! Etwas wirkt auf uns ein, oder wir wirken auf andere. Das alles verändert den Status Quo. Und weil das so ist, brauchen wir auch nicht auf das „New Normal“ warten.

Normalität 2: Gemäß der großen Suchmaschine ist Normalität „ … das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen …“! Na bitte. Da steht’s doch. Und wie kommt es dazu? Normalität wird diktiert (z.B. durch Politik, Organisationen oder Gesetze) und sie wird bestimmt durch unser aller Handeln. Letzteres können wir direkt beeinflussen und können was draus machen. Sollten wir auch. Sonst machen es nämlich andere! Wie wollen wir künftig konsumieren, wie wollen wir uns ernähren, wir wollen reisen, wie wollen wir arbeiten? Da haben wir durchaus Einfluss und sollten uns nicht unmündig vor die Karren anderer spannen lassen.

Frohes Nachdenken!

T.

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105) Corona-Lektionen 25

Die 25. Ausgabe der Corona-Lektionen will ich etwas unterhaltsamer angehen.

Viele Zukunftsforscher zerbrechen sich aktuell den Kopf, wie sich die Welt mit dem Corona-Virus verändern wird. Da geht es um die richtig dicken Dinger. Staatengefüge, Globalisierung, Weltweite Arbeitsteilung und so weiter. Aber auch im kleinen lässt sich drüber spekulieren. Ernst und weniger ernst.

Alles anders?

  1. Das Modell der „Mega-City“ steht auf dem Prüfstand. Das Ansteckungs-Risiko ist auf engem Raum einfach zu groß. Andererseits, lässt sich eine Stadt besser kontrollieren und versorgen, als der ländliche Raum. Man versucht es mit einer Mischform. Erste Großstädte gründen Stadtbezirke in der Mongolei, Grönland und Kanada. Da ist noch Platz. Das Wort Kolonialisierung soll in diesem Zusammenhang aber besser nicht verwendet werden, besser wäre „City-Off-Shoaring“ oder „Decentralized City“.
  2. Das Boom-Ziel des Tourismus ist Mecklenburg Vorpommern geworden. Wer hätte das gedacht. Da nun aber auch nicht jeder bis zur Waterkant fahren kann, entstehen gigantische Wohn-und Themenparks links und rechts von A11 und A20. Viele neue Glaskuppeln, nach dem Modell „Tropical Island“ sorgen nun für warme Temperaturen und entsprechendes Urlaubs-Feeling. Und da keiner wochenlang Fischbrötchen essen will und Mecklenburger Phlegma ertragen kann, wird auch kulinarisch und kulturell einiges geboten. China-Town, Little India und Phuket Beach begrüßen die Freunde Asiens auf der östlichen Seite, auf der gegenüberliegenden Seite warten Karibische Metall-Trommeln, Zigarren und Rum. Prost.
  3. Die Deutsche Kino-Wirtschaft hat Zeitkontingente bei den Sex-Kinos angemietet. Da sei naturgemäß am Vormittag eh weniger los, also könnten die Video-Kabinen auch für den normalen Kino-Betrieb angeboten werden. Auch Kinder-Filme und Wandertage werden ins das Programm aufgenommen. Damit die Kids beim Schulausflug nicht völlig ausflippen und albern herumkichern, sind die Betreiber der Etablissements aufgefordert, den Buchstaben „S“ abzukleben. Gerne auch mit einer Maske. Mit einem „ex-Kino“ können Filmwirtschaft und Kultusministerium sehr gut leben.
  4. Auch im Sport hat sich einiges verändert. Tennis, Hammer-Werfen, Diskus und Bogen-Schießen sind so populär wie nie zuvor geworden. Fußball spielt man nicht mehr mit zehn Feldspielern, sondern nur mit sieben. Kopfball-Duelle und jeglicher Körper-Kontakt sind verboten, um die fehlende Dynamik auszugleichen, wird mit vier Bällen gleichzeitig gespielt. Nur Torwarte dürfen Bälle noch mit den Händen anfassen. Einwürfe von der Seiten-Linie werden von Automaten vorgenommen. Zuvor wird der Ball selbstverständlich desinfiziert. Versteht sich ja von selbst.
  5. Nachdem die Kids im Frühjahr 2020 bereits im Homeoffice gearbeitet haben, bevor überhaupt ihre Berufstätigkeit begonnen hat, lernten sie ab Mai 2020  zusätzlich die „Teilzeit“ kennen und finden Gefallen dran. Ihre nächsten Ziele sind „Gleitzeit“, „Sabbatical“ und ein Firmenwagen (… bzw. Firmenroller 😉 und dann sollte schon mal bald über eine „Altersteilzeit“ verhandelt werden. Denn das geht ja schneller als man denkt.

Noch andere kreative Vorstellungen zu unserer Zukunft?

Grüße aus Berlin, T.

Wer es noch etwas futuristischer mag, kann ja mal hier vorbei schauen.

 

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13) SmartVid-20 – Teil 2

Der wiedergefundene Zeitungsausschnitt vom 20. März 2021 (hier zum nachlesen), wird wohl für immer in der metallenen Erinnerungskiste im Flur verschwinden. Persönliche Erinnerungen wurden bis Mitte 2021 üblicherweise unterm Bett oder auf dem Dachboden gelagert. Seit der vielen Feuer im Frühling 2021, der damit einhergehenden Zerstörung vieler Erinnerungsstücke und den Millionen Klagen gegen die Bundesrepublik, wurde das PEaG (Persönliche Erinnerungsaufbewahrungs-Gesetz) verabschiedet. Es regelt die künftige Aufbewahrung solcher Erinnerungen in den eigenen vier Wänden. Eine feuerfeste Metall-Kiste der Schutz-Klasse A1, die im Flur zu stehen hat, soll das zügige und eigenhändige Heraustragen im Feuerfall ermöglichen. Kaum war der Ausschnitt von März in der Kiste verstaut, fällt ein zweiter Zeitungsartikel in die Hände.

Berliner Allgemeine Zeitung 11. April 2021:

Bundesregierung, Feuerwehr, Polizei und KatSchutz-Behörden rufen die Bürger erneut dazu auf, ihre Smart Phones und Tablets an die ausgewiesenen Sammelstellen zu schicken, um sie nachhaltig zu zerstören. Nur so lasse sich die Ausbreitung von SmartVid-20 eindämmen, hieß es. Mit Durchsagen über Funk und Fernsehen werde versucht, jeden Haushalt zu erreichen. Dies gestalte sich jedoch mehr als schwierig, da die meisten Menschen ihre Informationen nicht mehr über diese konventionellen Kanäle beziehen, sondern nur noch über ihre Smart Devices. Man stecke hier in einem Dilemma, bestätigte Bundesinnenminister Horst Meerkötter. Das Einfachste wäre natürlich, Push-Nachrichten auf die Millionen Geräte zu schicken. Damit würde man zwar alle Bundesbürger sofort erreichen, jedoch wäre die Maßnahme kontraproduktiv, wenn es doch eigentlich darum ginge, die Smart Phones zu zerstören. Zudem bestehe ein hohes Risiko, dass diese Nachrichten als lästige Werbung oder Fake News weggedrückt werden. Ein eigens für diese Aufgabe gegründeter Think Tank rät indes dazu, subtile Durchsagen in Netflix-Serien und Podcasts zu integrieren. Diese würden dann irgendwann gestreamt und die Nachricht wäre somit übermitteltet. Aber auch das gestaltet sich schwierig, werden solche Formate doch meistens über Smart Devices konsumiert, die man doch zügig vernichten wolle. Die Maßnahme würde zudem zu lange dauern und die notwendigen Retour-Quoten würden so nicht erreicht. Die KatSchutz-Behörden dagegen schlagen vor, mit Lautsprecher-Wagen durch die Straßen zu fahren und die Menschen über diesen analogen Weg zu informieren. Aber auch hier scheint der Wirkungsgrad gering, da die Menschen ihre Wahrheiten nicht mehr auf der Straße suchen, sondern in ihren digitalen Welten. In einem Feldversuch wurde nun die im März 2021 seitens der Smart Phone Hersteller vorgeschlagene Fernzündung der Geräte getestet. Alle Smart Phones und Tablets der Gemeinde Klein-Kennstenicht wurden gestern in Brand gesetzt. Es sei zu erheblichem Sachschaden in den Wohnungen gekommen. Größeren Personenschaden gab es, aufgrund der durch die Smart Phone Branche initiierten Brandmelder-Pflicht, glücklicherweise nicht. Insider sind sich einig, dass dieses Vorgehen innerhalb der nächsten zwei Wochen für ein zufällig gewähltes Bundesland wiederholt wird. Mit Spannung wird die Ansprache der Bundespräsidentin heute Abend erwartet, in der letztmalig zur freiwilligen Abgabe der Geräte motiviert werden soll.

Ende Zeitungsartikel Berliner Allgemeine Zeitung vom 11.04.2021

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12) SmartVid-20 – Teil 1

Irgendwann im Jahr 2022, wird man beim Aufräumen vielleicht auf diesen Zeitungsartikel stoßen. Er wird die Welt verändert haben.

Berliner Allgemeine Zeitung 20. März 2021:

Gesundheitsministerin, Bundeskanzler und die Top-Virologen des Landes, laden zur Pressekonferenz ins Headquarter der Bundesregierung auf Hiddensee ein.

Hauptthema sei die immer noch anhaltenden Pandemie Covid-19 und neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft. Vorabberichte ließen verlauten, dass einem Team aus hochkarätigen Wissenschaftlern der Durchbruch bei der Ursachenforschung gelungen sei. Erste Auszüge der wissenschaftlichen Arbeit liegen nun vor. Demnach hat das Covid-19 Virus schon kurz nach seiner Entdeckung 2019 einen Ableger gebildet, der sich bevorzugt in Baukomponenten von Smart Phones und Tablets einnistet.  Insbesondere Home Button, Lautsprecher und das integrierte Mikrofon sind ideale Nist- und Vermehrungsplätze für diesen Virus. Dadurch sei auch zu erklären, warum selbst durch massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit bislang keine nennenswerten Erfolge bei der Covid-19-Bekämpfung erzielt werden konnten. Die Menschen hielten in diesen schwierigen Zeiten ständig ihr Smart Phone in der Hand, machten Selfies, Video-Calls mit den Eltern und bezahlten damit an den Kassen der Super-Märkte. Mit dieser Erkenntnis erwartet man nun weitere drastische Einschränkungen. Da ein normale Reinigung der Geräte nicht ausreicht, werden die Bürger gebeten, ihre Smart Phones unverzüglich zu sichern (nur über WiFi, nicht per Kabel) und zur jeweiligen zentralen Sammelstelle der Gemeinde zu schicken (nicht bringen!). Die großen Smart Phone Hersteller Pear, Samson und Au-Weih signalisierten bereits volle Unterstützung bei der Idee, die Smart Phones per Fernsteuerung in Brand zu setzen und somit dem Virus konsequent an den Kragen zu gehen. Die Technologie gäbe es seit 2016 und war damals versehentlich an die Öffentlichkeit geraten. Nachdem einzelne Geräte in Brand gerieten, wurde dieses Feature damals als technischer Defekt kommuniziert. Damit erreicht die Krise wohl eine weitere Verschärfung. Haben sich die Deutschen in den vergangenen Monaten damit abgefunden, in der Wohnung zu bleiben, selten das Haus zu verlassen und nicht mehr in die Schule zu gehen, werden sie nun vor die vermutlich härteste Probe gestellt. Bis zur Entwicklung eines Nano-Gehirn-Mobil-Chips nach G5-Standard, wird das liebgewonnene „Daddeln“ wohl auf längere Zeit unmöglich sein.

Ende Zeitungsartikel Berliner Allgemeine Zeitung vom 20.03.2021

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