234) Schon gewählt?

Die Frage höre ich recht oft dieser Tage und zwar nicht von einem Kellner oder der *In, sondern von Kollegen, Freunden und Verwandten. Vor ein paar Wochen lautete die Standardbegrüßung noch „Schon geimpft?“, nun war es für ein paar Wochen „Schon gewählt“. Und in wenigen Wochen wird es wohl „Schon alle Geschenke beisammen?“ sein.

Aber zurück zur Wahl. Denn die ist schließlich morgen:

  • Ich bin froh, dass es nun endlich soweit ist. Denn ich bin gesättigt vom Wahlkrampf. Das war schon etwas viel, oder? Triel, Sextell … Sechstel, Sechstell …ihr wisst schon. Tempolimit, Kohleausstieg, Windeinstieg, Schuldenbremse, Rente, Migration … garniert mit etwas Bildung und angereicht mit einer dünnen Digitalisierungs-Sauce. Da waren 90 Minuten schnell gefüllt und kaum war die Sendung zu Ende, gab es noch eine Nachbereitung und dann noch einmal einen Zusammenschnitt in den Spätnachrichten. So, als hätte ich nicht zugehört.
  • Und dann all die Dokumentationen in den letzten Tagen, in der wieder der ganze Wahlkampf wiedergekäut wurde. Auf verschiedensten Sendern, immer mit den gleichen Bildern und Nebensächlichkeiten wie „Nebeneinkünfte“, „Lebenslauf“, „Zitate“ und „Faxen machen am Hochwasser“. Das lenkt eigentlich nur ab, von den wichtigen Herausforderungen die hier zu meistern sind.
  • Die Stadt ist vollgepflastert mit Plakaten, auf den Grünstreifen versperren riesige Gesichter den Blick. Ein Wunder eigentlich, dass noch keiner beim Überqueren von Straße oder Gleis überfahren wurde.
  • Zwecks Gleichberechtigung werden nicht mehr nur die Plakate männlicher Kandidaten mit Hitler-Bärtchen verziert sondern auch die von Frauen. Und weil die Kinder uns so am Herzen liegen, bekommen die auch gleich einen Diktatoren-Bart angemalt. Widerlich. Wobei mich manch Oberlippen-Schmuck eher an einen Gewerkschaftschef der Neuzeit erinnerte.

Also lasst es uns über die Bühne bringen, geht wählen, im besten Falle irgendetwas was uns nach vorne bringt. Und dann sehen wir uns alle Sonntag 18:00 Uhr vor dem Fernseher wieder, um verschiedenste Ampel-Modelle und National-Flaggen zu diskutieren. Jamaika? Kenia? Deutschland? Gibt’s noch andere?

Hauptsache nicht Südafrika, denn da ist zu viel blau drin.

Schönen Wahlsonntag!

PS: Der Bildausschnitt des Titelbildes ist rein zufällig gewählt, soll euch nicht beeinflussen 😉

Andere Beiträge zum Thema Wahl:

227) Wahl-O-Mat 2.0

Der Wahl-O-Mat ist wieder verfügbar, ich habe das Programm gleich absolviert und es gab … keine wirklichen Überraschungen. Na bloß gut so. Nach dem ich also meine Gesinnung mit den Wahlprogrammen abgeglichen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich mit euch teilen will.

Jetzt mal angenommen, der Button „Auswerten“ am Ende hieße gar nicht „Auswerten“, sondern „Buchen“. Oder „Bestellen“? Oder „Jetzt wählen“. Und diese Order würde dann am Parlament vorbei 1:1 in der Gesetzgebung berücksichtigt. Wäre das nicht tool … ähm … toll? Unmittelbare Demokratie? Direkter gehts ja gar nicht. Kurz darauf fragte ich mich, ob das so eine gute Idee sei, denn würde es nicht automatisch zu 60 Mio verschiedenen Meinungen führen? Nein, kann eigentlich nicht, denn so viel Freiraum bot der Fragebogen ja gar nicht. Es waren ja nur 38 Fragen, die man mit ja / neutral / nein beantworten konnte

Aber wenn wir der Einfachheit halber das „neutral“ mal ignorieren und sich jeder klar mit „ja“ oder „nein“ positionieren müsste … (was ich auch gemacht habe) … wie viele Wahl-Muster bzw. Individuelle „Wahlprogramme“ gäbe es dann eigentlich maximal? 

Nun sind die Mathe-Freaks gefragt:

  • Sind es 38 x 2 = 76? Das scheint mir zu wenig zu sein, oder was denkt ihr? Ich komme ja schon bei 3 Fragen auf 8 Kombinationen.
  • Sind es 38 x 38 = 1.444? Wow, aber lässt ein starrer Fragebogen, wo Frage 2 immer nach Frage 1 kommt, überhaupt so viel Kombinationen zu? 1.444 klingt aber deshalb interessant, weil man sich ja bei 1.444 zu 50% einigen kann und dann bräuchte man ja eigentlich auch keine 700 Abgeordnete mehr, um den Volkes Willen ins Gesetz zu bringen 😉
  • Oder sind es gar 2 hoch 38 = 274.877.906.944?

Ui, ui, das wäre mir bei ca. 60 Mio Wahlberechtigten doch ein bisschen zu viel an Basis-Demokratie … 

Nachtrag 04.09.21: Meine Nichte sagt, es sind 2 hoch 38 und sie hatte Mathe als Leistungskurs eine

 

Frühere Beiträge zum Thema Wahl:

188) Wäre, hätte … Infektionskette

Man hört immer wieder schlaue Erkenntnisse, was man in der Pandemie hätte anders machen können. Oder sogar müssen. Wo falsche Entscheidungen getroffen wurden. Das ist einfach und beliebt, ganz besonders im Nachhinein 😉

Daher will ich jetzt hier nicht weiter darauf eingehen.

Die Worte „wäre“ und „hätte“ beschäftigen mich aber trotzdem im Corona-Kontext, allerdings auf einer anderen Ebene:

Wäre
Was wäre eigentlich geschehen, wenn uns diese Pandemie in den 80-er Jahren erwischt hätte?

  • Wäre es überhaupt dazu gekommen? Schließlich war der Tourismus noch nicht so extrem und die Grenzen waren ja mehr oder weniger dicht. Trotzdem, gereist wurde da ja auch schon, auch interkontinental.
  • Wo wären all die Daten hergekommen? All die Inzidenzen, Fallzahlen, R-Werte, die wir mittlerweile checken wie den Wetterbericht. Und uns dann schon aufregen, wenn die Zahlen vom Wochenende „noch nicht drin“ sind. Wie wären die ermittelt worden? Per Telefon, Fernschreiber, Telegram?
  • Wie wären Schule und Arbeit damals abgelaufen? Homeoffice, Homeschooling gab‘s nicht. Tragbare PC’s waren erst am Entstehen, aber was hätte das „Tragen“ schon geholfen, gab es doch kein Internet in den Wohnungen. Nicht einmal Telefon überall.
  • Und wie wären Regierungen und Ordnungskräfte vorgegangen? Wäre das Militär auf den Straßen unterwegs? Hätte man ganze Stadtbezirke abgeriegelt und ausdörren lassen (Camus, Die Pest)?

Wie wäre das wohl gewesen???

Hätte
Und nun mal anders herum. Was hätten wir eigentlich auf dem Tisch, hätte uns die Pandemie nicht erwischt? Was hätte unser aller Aufmerksamkeit erreicht und an den Stammtischen diskutieren lassen?

  • Hätte unser Klima da seinen Platz? Hätten Greta und Future-Friends weiter demonstriert? Hätten sich „die alten“ immer noch drüber aufgeregt, dass die Kids erst einmal zur Schule gehen sollen, bevor sie sich anmaßen, die Welt zu retten?
  • Oder hätte die Digitalisierung und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt den Weg in die Nachrichten gefunden? Die anstehende Transformation von Beschäftigungs-und Einkommensstrukturen?
  • Vielleicht hätten wir aber auch unseren maßlosen Konsum thematisiert, der uns Europäern dank ausgeklügelter Lieferketten, die Bengalen-Billo-Shirts bis in den heimischen Kleiderschrank liefert.
  • Möglicherweise hätten wir uns mit flüchtenden Menschen beschäftigt, die ja auch noch „da“ sind und sich bald auf den Weg zu uns „hier“ machen? Hoffentlich auch mit deren Ursachen?

Wäre … hätte … Infektionskette.

Ich bin mal auf den kommenden Wahlkampf und die Schwerpunkte da gespannt.