42) Jeans-Kauf

Unser Ende wird nicht der Mangel sein, sondern Überangebot, Vielfalt und Auswahl!

Eigentlich würde ich mir gern mal wieder eine neue Jeans kaufen.
„Blau, gerader Schnitt, Größe 31/34.“ Eigentlich ganz einfach.

Aber schon bei dem Gedanken daran, wird mir schlecht.

Hier die Schilderung meines Einkaufs, noch bevor ich ihn erlebt habe:

  • Um dem Einzelhandel eine Chance zu geben, werde ich in ein Shopping-Center fahren. Es wird ein großes Center sein, um die Wahrscheinlichkeit auf einen Jeans-Kauf zu erhöhen und  es nicht noch einmal versuchen zu müssen.
  • In der Dreh-Tür zum Center werde ich mit mir hadern, ob ich mich nicht gleich wieder von der Tür „herausdrehen“ lassen sollte. Quasi den Schwung mitnehmen und bloß weg von dort. Aber nein. Ich habe mir das vorgenommen, also werde ich das auch durchziehen wollen.
  • Ich werde die ersten Geschäfte ablaufen und dann den zweiten oder dritten Jeans-Shop betreten. Kaum den Laden betreten, werde ich stehenbleiben, in Ehrfurcht die meterhoch gestapelten Jeans betrachten und fühlen, wie die Schwerkraft an meinen Mund-Winkeln zieht
  • Dann wird ein Typ auf mich zukommen. „Kann ich dir helfen?“ Oh ja, bestimmt. Ich werde so etwas sagen wie: „Ich brauch´ne Jeans, blau, gerade, 31/34.“ Aufgrund der beeindruckenden Jeans-Stapel wird der Verkäufer zuversichtlich sein, ich aber ahne aber bereits schlimmes.
  • Er wird mich durch den Laden ziehen und mir Schnitte vorschlagen: Skinny, Slim-Fit, Tapered, Karotte, Boot-Cut, Comfort. „Nee, gerade bitte“, werde ich wiederholen.
  • Wir werden die Styles besprechen: Zerschossen, Aleppo, verätzt, stone washed, zerschlissen, befleckt, genietet, getackert, kleine Löcher, riesige Löcher, Knie frei, Arsch frei, Hochwasser, Stretch. „Nee, eigentlich nur Blau“, werde ich sagen.
  • Dann wird er mich noch einmal nach meiner Größe fragen und dann ins trudeln kommen. „Tja, eine 32/34 hätten wir da noch und eine 34/34 habe ich doch heute irgendwo noch gesehen“. „Nee, 31/34, bitte“, werde ich noch einmal fordern.

„Mhm. Ja, da kann ich ihnen leider nicht helfen“.

Grmpff.

 

As Peter Drucker said, “In a few hundred years, when the history of our time will be written from a long-term perspective, it is likely that the most important event historians will see is not technology, not the Internet, not e-commerce. It is an unprecedented change in the human condition. For the first time – literally – substantial and rapidly growing numbers of people have choices. For the first time, they will have to manage themselves. And society is totally unprepared for it.

― Greg McKeown, Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less

 

Frühere Beiträge rund um den Einzelhandel:

 

20) 94 Zentimeter Wahl

Heute steht die Europa-Wahl an. Im Radio verkündigt man, dass man sich auf längere Wartezeiten einstellen sein soll, da der Stimmzettel diesmal etwas länger ist. Stolze 94 Zentimeter misst ist er diesmal. Das ist die Arbeitsplatten-Höhe in Einbauküchen für etwas größere Menschen. Bevor wir ins Wahllokal marschieren, schaue ich mir die Parteien noch mal im Internet an.

Da erwartet uns ein wirklich buntes Spektrum diesmal: 

Konservativ, Sozial, Öko, Digital, Liberal, Links, Rechts, Religion, Tierschutz, Rentner und noch viel mehr. Da es keine 5-Prozent-Hürde gibt, kann jede Partei mitspielen. Das ist auch vollkommen in Ordnung, wenn diese Parteien die EU wirklich konstruktiv gestalten wollen. 

Erschreckend finde ich aber, wie viele Parteien da auf der Liste stehen, die EU gar nicht gestalten wollen, sondern abschaffen. Wenn man in Deutschland schon keine Mindest-Hürde fordert (…was andere Länder ja durchaus tun…), könnte man dann nicht wenigstens eine Art „positive Einstellung zur Europäischen Idee“ als Zulassungskriterium fordern?

Großbritannien wird konsequenterweise aus den Wahlen ausgeschlossen und wir bringen die Weise die nächsten Exit-Phantasten ins Haus. Was soll das?

 

16) Wahl-O-Mat

Bald werden wir wieder zu den Wahlurnen gerufen und dürfen wählen gehen. Ja wir „dürfen“ wählen gehen, das vergisst der ein oder andere Mitmensch gern mal. Seit Ende letzter Woche ist dazu auch der Wahl-O-Mat wieder online. Eine großartige Erfindung. Man beantwortet einfach 38 Thesen mit „Stimme zu“, „Stimme nicht zu“ oder „Neutral“. Das ganze dauert nur ein paar Minuten und danach bekommt man die Parteien, die am besten zu den eigenen Ansichten passen. Eigentlich brauche ich den Wahl-O-Mat nicht unbedingt, um herauszufinden, welche Partei ich von den möglichen 41 wählen soll. Ich denke, man hat doch ein paar innere Überzeugungen und Werte, so dass man ja nun nicht wirklich die Auswahl aus 41 hat, sondern doch eher zwei oder drei in Betracht zieht. Der Wahl-O-Mat lässt sich aber super nutzen, um mal zu schauen, wie das Wahlprogramm der Partei, die man so im Auge hat, zu den eigenen Ansichten passt. Und so habe ich den Wahl-O-Mat genutzt, allerdings unter der Bedingung, mich immer klar zu positionieren und niemals „neutral“ zu tippen.

  • Manche Thesen waren so polarisierend formuliert, da wusste man so sofort, aus welcher Ecke die kommen. Die machten es mir aber einfach, dafür oder dagegen zu stimmen. Klick. Nächste Frage bitte.
  • Schwieriger waren dagegen die Thesen, die man sich ganz schnell mit egoistischer Brille beantworten kann, sich dann aber noch die Influencer „Vernunft“, „Realität“ und das „Große und Ganze“ einmischen.

Nach der Beantwortung aller Thesen bekam ich dann Parteien aufgelistet, die auch auf meinem Zettel standen. Das beruhigt. Man stelle sich mal vor, man bekäme auf einmal Parteien vom ganz anderen Rand des Spektrums. Gruselig.

PS: Ein ganz interessanter Versuch ist, wenn man die eigenen Kids bittet, die 38 Fragen für sich zu beantworten. Zunächst müssen die Erwachsenen natürlich erst einmal von „Politik“ auf „Kind“ übersetzen, was gar nicht so einfach ist. Und man sollte es bei der sachlichen Übersetzung belassen und nicht versuchen, die Entscheidung zu beeinflussen. Was erst recht nicht einfach ist.

Im Ergebnis sind Mama und Papa dann super stolz oder gar entsetzt 😉

 

Also Leute, gern mal selber probieren und noch viel wichtiger… wählen gehen!