Reisen 6.0 – Teil 10

Fortsetzung …

Noah war sehr verwundert über die wortkarge Begrüßung seitens Yumi. Schließlich haben sie sich soeben nicht vor der Dreh-Tür des heimischen Supermarkts getroffen, um ihre tägliche Ration eingeschweißtes Brainfood entgegenzunehmen. Nein, sie beide standen an einem Straßenrand in Old-Delhi.

Gerade eben aus zwei verschiedenen Tuk Tuks entstiegen. Noah war sich immer noch nicht klar, wie Yumi ihm über das VT@Home System nach Indien folgen konnte. Und genau weil das alles so unvorstellbar war, hätte er sich doch etwas mehr „Freude“ gewünscht. Aber immerhin hat sie ihm keine Szene gemacht, denn schließlich war er ja ohne Ankündigung vorgereist. Er beschloss, die Angelegenheit ruhen zu lassen, deutet auf einen Indischen Guide vor ihnen, der sofort die Führung übernahm. Gemeinsam bummeln sie durch die große Freitagsmoschee und beobachten Reisende aus aller Welt. Sie hüpfen Hand in Hand über die von der Sonne aufgeheizten roten Sandsteinplatten, um 30 Meter weiter ein schattiges Plätzchen für ihre dampfenden Fußsohlen zu erobern. Sie stehen an den Arkaden des gigantischen Bauwerks und lassen ihre Blicke über die quirlige Altstadt werfen. Der Guide führt sie weiter in das Viertel um den Chandni Chowk und läuft mit ihnen durch die wuseligen Gassen. Sie sehen Handwerk, Shops, Gewürze, Obst, Gemüse, Garküchen, Hunde, Kühe und sogar Affen in den Bäumen. Mal riecht es gut, mal eher übel. Noah tritt aus Versehen in eine knöcheltiefe Lache, Yumi wird von jedem Ladenbesitzer mit „Please come in my shop“ begrüßt. Ganz aufgeregt lassen sie sich so auf diese Weise in Richtung West treiben bis zur nächsten Moschee. Als die Gassen immer enger und einsamer werden, ist Noah heilfroh, einen Guide bestellt zu haben, denn die Orientierung in dem Viertel scheint unmöglich und Yumi klammert sich schon an ihn. Der Guide rät umzudrehen und deutet in Richtung Ost, Red Fort, ein besserer Ort zum Entspannen. Sie arbeiten sich wieder durch die Massen, kreuzen die große Straße, an der sie vor ein paar Stunden aus ihren Tuk Tuks ausgestiegen sind und bewegen sich auf das streng gesicherte Rote Fort zu. In der Grünanlage laufen sie die uralten Gebäude ab und finden Schatten unter großen Bäumen. 

In Noahs Sichtfeld erscheint auf einmal ein Countdown, der auf das anstehende Ende der Reise hindeutet. Ihm ist noch gar nicht nach Rückkehr. Überhaupt nicht nach seiner Micro-Flat im 82. Stock des Wohnturms. Es gibt hier noch so vieles zu bereisen, so vieles zu sehen. Und Yumi scheint es ja auch gefallen zu haben. Kurz streift er mit der Handfläche über die leere Sofafläche neben ihm.

Dann wieder der Blick auf den Countdown.
Er ist bei 00:00:10 angekommen. 
Zwei Buttons erscheinen.

Rechts: „Vielen Dank und auf Wiedersehen bei VT@Home“
Links: „Auf unbestimmte Zeit verlängern“

Noah muss nicht lange überlegen. Ohne Yumi zu fragen drückt er … Links.

Ende.
Vorläufig 😉

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Reisen 6.0 – Teil 9

Fortsetzung …

Noah verharrte auf dem roten Sitzleder des Tuk Tuks und beobachte Yumi, die unerwartet aus dem anderen Tuk Tuk vor ihm gestiegen war. 

Seine Yumi stand dort tatenlos und wartend am Straßenrand. Sie wirkte wie in „stand by“, als würde sie auf irgendetwas warten. Was macht sie hier? Und wie ist sie hier nach Indien gekommen? Er widerstand der Versuchung, sofort zu ihr zu gehen und suchte zunächst einmal nach Erklärungen für diese Situation.

War Yumi dann doch noch in seiner Micro-Flat erschienen und ist ihm über die VT@Home-Box nach Delhi gefolgt? Um das herauszufinden, müsste er die Reise abbrechen, die Brille und die Elektronen abnehmen und auf die Sofafläche neben ihm schauen. Und er würde auf den Kosten für die Reise sitzen bleiben. Keine gute Idee. So eine Fernreise ist schließlich kein Schnäppchen.

Oder hatte Yumi mittlerweile in ihrer Wohnung auch eine solche Box stehen und ist über ihren eigenen Account nachgereist? Aber woher wusste sie dann, dass er nach Indien gereist war? Sind die beiden Boxes vielleicht ohne deren Wissen miteinander verbunden? Woher wusste VTS-Reisen von ihrer Beziehung? Vielleicht von ihrem ersten Trip über das Virtual Travel Center in 2023?

Oder ist es gar ein Feature von VTS, dass man mit seiner Freundin verreisen kann, ohne dass sie wirklich vor Ort ist. Wobei die Formulierung „vor Ort sein“ an sich ja schon sehr merkwürdig ist. Vielleicht ist sie nur hineinprojiziert, um ihn bei Laune zu halten. Vielleicht weiß sie gar nichts von ihrer „Anwesenheit“ hier in Indien. Oder hat er einen dieser grünen Schieberegler missverstanden, mit dem er die Reise individualisieren musste?

Möglicherweise steckt aber auch ein finsterer Typ dahinter, der einfach nur ihren Avatar nutzt, um ihm näher zu kommen und Informationen zu ergattern. Jemand aus seiner Firma, der seine Performance überwachen soll? Vielleicht ein Neider? Oder gar ein Gauner? Wer weiß das schon. All das ist möglich und auch schon passiert.

Aber wenn er sie einfach an diesem Straßenrand in Old Delhi stehen ließe, würde sie ausrasten, wenn sie ihm doch einfach nur gefolgt war, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Das konnte er nicht bringen.

Also stieg er aus dem Tuk Tuk, ging direkt auf sie zu und näherte sich ihr von der Seite.
„Hallo Yumi“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
„Ah. Noah, da bist du ja. Wollen wir?“

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Reisen 6.0 – Teil 8

Fortsetzung….

Und wieder wurde Noah in New Delhi, am Connaught Place abgesetzt, wieder vor dem Khadi-Shop. So langsam gewann er Routine beim virtuellen Reisen. Wie auch bei den ersten beiden Testläufen taxiert er die Umgebung.

Diesmal wirkt alles sehr durcheinander und geschäftig. Entweder lag das daran, dass er die grünen Schieberegler zu oberflächlich positioniert hat oder Indien ist nun einfach mal genauso. Vielleicht von beidem etwas. Schnell wird es heiß und er beginnt zu schwitzen, er hat das Gefühl, einen Dieselgetränkten Lappen vor der Nase zu haben. In seinem Gesichtsfeld erscheinen Angaben zur weiteren Orientierung. Nach Süden geht es zum Regierungsviertel, nach Norden zum Bahnhof und nach Old-Delhi. Wohin zuerst? Normalerweise entschied so etwas immer Yumi. Aber sie hat die Reise mit der VT@Home-Box nun mal leider verpasst. Also? Norden! Altstadt. Von der hatte Noah schon so einiges gehört. Am Rande seines Sichtfeldes werden verschiedene Transport-Optionen eingeblendet, inklusive der Fahrzeiten und der geschätzten Tarife. Linien-Bus, Tuk Tuk, Ola Cab oder Taxi stehen zur Auswahl. Er wischt vor seinem Gesicht umher und wählt das Tuk Tuk. Wenn schon Altstadt, dann zünftig. Und sogar zu einem Festpreis. Das erspart ihm nervige Verhandlungen. Wie aus dem Nichts steht eine grün-gelbe Autorikshaw vor ihm und er steigt ein. Der Fahrer tritt ohne Worte aufs Bodenblech und kämpft sich durchs Gewühl der Stadt. Nach einer halben Stunde hält der Fahrer am Straßenrand. „Here we are. Old Delhi, Sir“. Er zeigt rechts auf das Rote Fort und links auf eine quirlige Straße, deren Name Noah kaum verstanden hat. Andere Tuk Tuk-Fahrer tun ihm gleich, fast synchron. Noah entrichtet den Fahrpreis und beobachtet dabei das Tuk Tuk vor ihm. Auch da zeigen Arme nach recht und dann nach links. Dann dauerte es einen Moment und eine Europäerin windet sich wie in Zeitlupe elegant aus dem Gefährt. In einer fließenden Bewegung, wirft sie ihre Haare in Form und setzt eine Sonnenbrille auf. „Wow“, denkt sich Noah. „Was für eine Fr …, die sieht ja aus wie …, aber das kann nicht sein …! Noah mach sich zwei Köpfe kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er muss nachdenken. „Wie zum Geier kommt Yumi hierher? Woher wusste sie…? Wie konnte sie hierher …?“

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Reisen 6.0 – Teil 7

Fortsetzung …

Noah saß vor der Liste der grünen Schieberegler, mit denen er sich seine anstehende Indien-Reise  konfigurieren sollte. Etwas hilflos begriff er nun den Unterschied zum bisherigen Reisen über die Virtual Travel Center (VTC). Diese Reisen in den frühen 2020-er Jahren boten ja immerhin noch EIN gewisses Programm an. Dieses Erlebnis hat man sich vor Ort mit anderen Mitreisenden geteilt, man hatte also EINE gemeinsame Erfahrung. Das neue Reisen über VT@Home läuft nun vollständig individualisiert ab. 200 Länder warten mit ihren hunderten Zielen, deren „Experiences“ nun noch zusätzlich über diese Schieberegler „customized“ werden müssen. „Unser Ende wird die Auswahl sein“ brummelt er, als leichte Panik in ihm aufsteigt. Soll er die Reise einfach abblasen? Aber das Fernweh und der Durst nach einem Kulissen-Wechsel begleitet ihn nun schon seit Wochen und andere Formen des Reisens sind ja verboten. Er will reisen, aber befürchtet zugleich, dass er sich mit einer falschen Einstellung den ganzen Trip versaut. Mit etwas Erleichterung entdeckt er neben der Option „Einstellungen übernehmen“ auch die Möglichkeit einer „Vorschau“. Aha. Man konnte also die Einstellungen jederzeit verändern und mit der Vorschau ausprobieren, ob einem das zu erwartende Reiseerlebnis auch zusagt, bevor man dann kostenpflichtig bucht.

Etwas planlos schiebt er alle Regler auf die eher rechte Seite und wählt „Vorschau“. Ein Countdown zählt 3-2-1, es gongt und Noah findet sich auf New Delhi’s Connaught Place wieder. Südseite, vor dem Khadi-Shop. Es ist superheiß, die Luft verqualmt und der Himmel drückt schwefelgelb von oben herab. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von Hupen, Bussen, Trucks, Polizei-Sirenen und Bolly-Techno. Tausende Menschen bewegen sich um ihn herum, Köter, Ratten und Schlangen wimmeln in den offen Straßengräben durch den Müll. Ein Junge ohne Beine sitzt auf einem Rollbrett und zieht ihm am Hosenbein. Ein Mädchen mit verätztem Gesicht hält die verkrüppelte Hand für ein Bakshish hin, ein alter Greis wankt auf ihn zu, breitet die Arme aus und … „raus, raus, ich will raus hier“, brüllt Noah und wählt „Vorschau abbrechen.“ Es gongt und er findet sich zu Hause vor seiner VT@Home-Box wieder. Sein Herz rast, er schwitzt und atmet schnell. Da waren die Regler wohl zu weit nach rechts geschoben. 

Für einen weiteren Versuch, schiebt er alle Regler auf die linke Seite. Wieder wählt er die „Vorschau“, das System zählt von 3-2-1, gongt und setzt ihn wieder auf dem Connaught Place ab. Wieder vor dem Khadi-Shop. Es herrschen angenehme 24°C, die Luft ist klar, der Himmel blau. Der Verkehr ist mäßig, Autos summen geräuschreduziert vorbei, wenige Menschen sind auf der Straße und überqueren sie wohl geordnet an Ampelanlagen und Fußgängerüberwegen. Über den Platz klingen zarte Sitar-Töne, an jeder Ecke gibt es kostenloses Wasser und Früchte. Polizisten tragen keine Rohrstöcke, sondern Tablets, mit denen sie für die Bürger jederzeit ansprechbar sind. Kinder spielen auf der gigantischen Grünfläche in der Mitte des Platzes, Papageien sitzen in den großen Bäumen, Wasser sprudelt aus Springbrunnen und eine weiße heilige Kuh … „stop, stop, was soll denn der Blödsinn“, schimpft Noah und bricht die Vorschau wieder ab. Dieses Erlebnis war ihm zu albern, auch wenn er den Indern diesen Wandel ja wünschen würde.

Er will es aber noch einmal versuchen. Er ordnet die Regler eher in der Mitte an, belässt die Position der Knöpfe aber leicht unterschiedlich. Ein wenig Überraschung soll ja schließlich sein. Daher verzichtet er auch auf eine weitere Vorschau, wählt „Einstellungen übernehmen“ und dann „kostenpflichtig buchen“.

Oh shit … wo bleibt Yumi eigentlich?“, flüstert er.

Aber das System zählt unmittelbar von 3 auf 1 und es ertönt der Gong.

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