41) Fallen über 40

Hat man das Alter 40 passiert, scheint man zwar „komplett“ zu sein, man ist aber nicht davor gefeit, heftig auf die Schnauze zu fallen. Und da stellen wir uns sehr dämlich an, es tut weh und sieht zudem auch blöd aus.

Vor einiger Zeit war ich zu Fuß im Kiez unterwegs. Ich eile also am Späti vorbei in Richtung Sparkasse, auf einmal macht es laut „Klatsch“ und meine 1,80m Mensch fallen wie eine frisch gefällte Eiche aufs Pflaster. Wie gefesselt liege ich auf dem Fußweg und komme zu mir. Kids laufen an mir vorbei und schauen abfällig auf mich hinunter, als wäre ich gerade besoffen aus dem Späti gefallen. Ich schaue an mir herab und sehe meine Füße gefangen in einem weißen Plastik-Band, womit man normalerweise Zeitungsstapel bündelt. Diese dämliche Schlinge hat mich also zu Fall gebracht? Kurz überlege ich, mich im Kiosk zu beschweren. Ein kurzer Body-Check ergab aufgeschlagene Knie, Prellungen am Brustkorb, verschrammte Hände. Mein Visage hat nichts abgekommen. Ab nach Hause.

Im Sommer joggte ich an der Algarve. Zunächst entlang der Strandpromenade hin und her, später dann durch eher wildes Gelände mit Trampelpfaden und kniehohen Büschen. Im „Runners-High“, denke ich kurzzeitig an Schlangen oder wilde Hunde. Den Stein vor mir registriere ich aber nicht. Ich stolpere, taumele und lande im Dreck. Irgendwie wollte sich mein Körper noch abrollen, dass berichtet die schmerzende Schulter ans Kleinhirn. Ansonsten sind die Knie wieder aufgeschrammt und die rechte Handfläche blutet. Verziert mit Sand, kleinen Steinchen und was die portugiesischen Brache sonst noch so zu bieten hatte. Was nun? Auf den Rücken legen und heulen? Interessiert hier aber auch keinen. Im Schongang zurück zur Unterkunft überlege ich, wann ich eigentlich meine letzte Tetanus-Impfung hatte.

Gestern stand wieder mein Laufprogramm auf dem Plan. Zunächst 1 Kilometer über Berliner Pflaster, dann hinein in den Park. Auf dieser Strecke kenne ich jede Wurzel, jeden Kiesel. Aber die Plattentektonik scheint auch in Berlin zu wirken. Am Arnswalder Platz hat sich der Gehweg angehoben. Der Rest verlief wie in Zeitlupe. Mein Kopf registriert, dass etwas nicht stimmt. Der Körper gerät in Schräglage, der Kopf scheint die Füße zu überholen. Also signalisiert er an die Beine, die Schritte größtmöglich zu verlängern, um das ganze System wieder zu stabilisieren. Oberkörper nach vorn und mit riesigen Schritten stolpere ich also ein paar Meter, um dann letztendlich doch zu fallen. Laufhose an den Knien kaputt, darunter Blut und  der linke Mittelfinger hat auch etwas abbekommen. Abbrechen? Nein. Finger in den Mund und mehrmals in die Höhe gestreckt, absolviere ich die Strecke. Sieht doof aus, aber funktioniert. 

Vermutlich werde ich den ganzen Tag keine E‘s tippen können, denke ich auf dem Heimweg. Was sollen die Kollegen nur denken? Vielleicht sage ich einfach, die Tastatur hat einen Schaden…

 

PS: Aber der aufmerksame Leser wird hier jede Menge E‘s gefunden haben, es geht also wieder, ich lebe noch 😉

 

Frühere Beiträge zum Thema Ü40 und Sport:

35) Eislaufen über 40

Um endgültig bewiesen zu bekommen, dass man ab Anfang vierzig so langsam älter wird, muss man keinen Stadtmarathon laufen oder die Zug-Spitze auf einem Bein hinaufhüpfen. Das kann man einfacher haben. Geht einfach mal Eislaufen! Also ich meine nicht nur an die Glühwein-Hütte nebendran, sondern richtig rauf auf das Eis, mit Schlittschuhen. Nur eine Stunde lang, das reicht schon. Bevor wir also losgehen, erinnern wir die Kids, dass sie sich bitte warm anziehen sollen. Solch eine Eishalle ist schließlich kalt. War sie früher auch schon. Auf dem Weg zur Halle erzähle ich von meinen früheren Eiskunstlauf-Probe-Trainings für den Turn-und-Sport-Club in unserem Kiez. Der Club hatte damals in den benachbarten Kindergärten die künftigen Leistungssportler getestet, mich dann aber bald wieder an eine andere Sportart „empfohlen“. In meiner Teenie-Zeit war ich dann auch ein paar Mal in der Eishalle, aber da ging’s weniger ums Eislaufen, eher um die Mädels dort. Das scheint den Kids schon Kompetenz genug zu sein und sie erwarten natürlich ein paar spektakuläre Sprünge und Landungen vor mir. Die Latte hängt also hoch. Wir gehen zur Kasse und zahlen Eintritt und Leihgebühr für die Eislaufschuhe. Das war einfach. Dann tauschen wir unser Schuhwerk gegen blaue „Knobel-Becher-Eislaufschuhe“. Es dauert etwas, für uns vier die beste Größe und Einstellung herauszufinden. Gegen 17:00 Uhr betreten wir die Eisfläche. Auf den ersten Metern komme ich überhaupt nicht klar. Das war früher viel einfacher. Da muss ich erst einmal meckern. Das Eis ist Mist! Die Schuhe sind doof! Die Kufen sind nicht ordentlich geschliffen! Warum sonst eiere ich hier so auf dem völlig verschneiten Eis? So kann doch keiner fahren! 

Aus der Musik-Anlage tönen Vanilla Ice mit „Ice Ice Baby“ und Snap! mit „Rhythm is a Dancer“. Krass, das läuft noch? Bald bin ich schneller unterwegs und gewinne zusehends an Stabilität … geht doch wieder. 

Links an mir zieht ein 14-jähriger Bubi vorbei. Er nimmt sich dabei selbst mit seinem Handy auf. Er fährt wie ein Olympionike, hüpft, dreht sich, springt und hält seinen Selfie-Stick wie der Musketier einen Degen. Respekt! Aber zum Glück empfindet meine Tochter noch nichts für solche Poser. 

Prompt überholt mich rechts ein Mädel in Kapuzen-Shirt und Karottenhose. Warum hat die sonst nichts an? Es ist doch kalt in einer Eis-Halle. Und warum sehen unsere Kids aus, als wären sie zum Nordpol unterwegs? Na immerhin die Klamotten der Girls scheinen noch die selben zu sein wie bei uns in den 80-er Jahren

Vor mir schiebt ein vierjähriger mit Bommel-Mütze einen Pinguin auf Kufen vor sich her um sich an ihm festzuhalten. Gleich hinten dran folgt sein Vater auf wackeligen Beinen, der sich an seinem Sohn festhält. Am liebsten hätte der Vater vermutlich den Pinguin selber gehabt, aber das fand er wohl uncool.

Anstelle von dramatischen Sprüngen, atemberaubenden Hebefiguren und Pirouetten, entscheide ich mich lieber dafür, ein paar Schlangenlinien und Zwiebeln zu fahren. Mehr geht heute auf diesem Eis echt nicht. Tür mir Leid. Aber ich erhöhe die Geschwindigkeit, um ein absolutes „Muss“ in einer Eis-Disco unter Beweis zu stellen. Nämlich mit Affen-Speed auf die Bande zufahren, ganz kurz vorher abbremsen, dann um die eigene Achse drehen und mit coolem Blick rückwärts an der Bande lehnen…

Frühere Beiträge aus dem Familienleben:

34) Mega-Slide und Super-Maus

Schön, wenn die Kinder größer werden. Insbesondere deshalb, weil sie dann die Dinge zunehmend allein machen dürfen, die ihnen zwar einen Riesen-Spaß bereiten, mir aber ein absolutes „Unbehagen“ verschaffen. Vorsichtig ausgedrückt. Leider müssen sie aber bei bestimmten Anlässen immer noch von einem Erwachsenen begleitet werden.

Zwei Anlässe: 

Im Sommer lassen wir uns überreden, einen Wasserrutschenpark an der Algarve zu besuchen. Die Tickets kann man schon vorher online bestellen. Das ist praktisch. Zum Event selber, muss man aber noch persönlich erscheinen. Das ist eher unpraktisch. Für mich. Nachdem wir uns durch die Drehkreuze gedreht haben, geht es zur zentralen Umkleide. Von dort aus bewegen wir uns nur noch in Badekleidung. Das muss man mögen. Ich hasse es. Tasche, T-Shirt oder Latschen mitzunehmen macht keinen Sinn, wenn wir zu viert rutschen wollen … ähhm … müssen. Dann suchen wir uns die erstbeste Schlange und stellen uns an. Mit all den anderen halbnackten Menschen stehen wir also dicht an dicht in praller Sonne und warten. Überall riecht es nach Sonnen-Chreme. Das ganze Wasser muss doch schimmern wie eine Benzin-Pfütze unterm Auto, denk ich mir so. Bewegt sich die Warte-Schlange etwas nach vorn, drängen uns sofort nackte Leiber von hinten, die entstandene Lücke vor uns zu schließen. Passt man nicht auf, rutscht man der korpulenten Rutsch-Genossin vor uns auf. Nach circa 30 bis 45 Minuten kommen wir näher an das Geschehen heran und können schon mal sehen, wie sich andere Erwachsene so anstellen, wenn sie in den Rutschkanal verschwinden und unten wieder kopfüber herausfallen. Sieht turbulent aus, aber immerhin sind ihre Bikinis und Badehosen meistens noch da, wo sie hingehören. Manchmal aber auch nicht. Unsere Kinder hüpfen vor Freude wie Gummi-Bälle vor uns auf und ab, wir Erwachsenen werden immer stiller und schließen mit dem Leben ab. Was machen wir hier eigentlich? Könnten wir nicht gemütlich mit einer Flasche Vino Verde auf der Terrasse sitzen? Vielleicht etwas lesen oder was lustiges schreiben? Aber nein, wir müssen hier die Mega-Slide rutschen, bei der wir im Reifen eine Steilwand hinauf katapultiert werden und zum Ende in einer Art überdimensionalen Ausguss verschwinden. 

Aber auch der Winter in Berlin bietet ähnliche Challenges für uns Eltern. Auf dem Weihnachtsmarkt beim IKEA an der Landsberger Allee wartet die Super-Maus auf die Kinder. Und auf uns. Die Schlangen sind deutlich kürzer als im Rutschenpark in Portugals Süden. Die Menschen dort haben wenigstens Klamotten an und es gibt Glühwein so viel man will. Kein Vino Verde, aber immerhin. Um uns herum stehen lauter Teenies und gackern vor sich hin. Ein Girl aus der Gruppe telefoniert mit ihrem Handy und brüllt „Nee, isch bin nich Alex, isch bin IKEA, Alder“ in das Mikro. Ich sehe meine staatliche Rente im Schlamm des Weihnachtsmarkts versickern. Aber darum geht es ja hier nicht. Das wäre schon einen eigenen Beitrag wert. Zu viert besteigen wir also den Wagen der Achterbahn und lassen uns die stählerne Rampe hinauf ziehen. Noch einmal drücke ich den Metall-Bügel über unseren Hüften nach unten. Nur um sicher zu gehen, dass keiner herausfliegt. Zuviel. Ich kriege kaum noch Luft. Misst. Wir erreichen den Gipfel der Bahn, verharren für einen Moment und dann donnern wir hinunter. Kurve für Kurve. Über Berg und Tal. Es gibt zwar keine Loopings, trotzdem reicht es mir bald. Die Gondel beginnt nun auch noch, sich zu drehen. Ich habe die ganze Zeit meine Augen geschlossen, spüre meine Knie an die Wagen-Kante prellen und mein Halswirbel aus der Verankerung springen. Kaum ist es überstanden schallt es im Chor „Noch maaaal!!“. Also wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, würde ich mich mit einem Papp-Schild vor die Achterbahn stellen. Darauf stünde dann so etwas wie „Kinderbegleitung: 5 EUR“.

Bei der Gelegenheit wünsche Ich allen Lesern einen guten Rutsch!!!

Frühere Beiträge aus dem Familienleben: