272) Ohne Worte – Vol.2

Neben all der schweren Themen dieser Tage, soll es heute hier mal wieder etwas lockerer zugehen. Ich habe länger überlegt, wie ich den Beitrag nenne.

  • Zeichen setzen?
  • Zeichen für Zeichen?
  • Die Zeichen der Zeit?

Aber das kann in diesen Zeiten alles missverstanden werden, also nenne ich den Beitrag einfach „Ohne Worte – Vol.2“ , denn >Ohne Worte hatte ich schon und das passt inhaltlich ja auch.

Also, worum gehts?

Jeder hat so seine Spleens, oder? Zum Beispiel schaue ich mir häufig Produktverpackungen an. Nicht wegen der Zutaten und all der bösen E-Nummern. Nö, mich interessiert, was da sonst noch drauf steht. Meistens steht drauf, was „nicht“ mehr „drin“ ist. Wie hier in >Mehr „ohne“ und weniger „mit“, Neuerdings sind aber auch immer mehr Symbole draufgedruckt, die über die bekannten CE-Kennzeichen und Gelbe-Tonne-Label hinausgehen.

Manchmal steht noch ein Text dahinter, das ist dann recht einfach zu verstehen, aber für die Hersteller doof, weil sie das in zig Sprachen drucken lassen müssen. So wie hier …

580EEC24-1DFC-4CD2-B3E4-6C4FB5631142
Oder hier …

D10ACC77-E84C-4939-8DD2-EA0FA30BDFFE

Mittlerweile kommen die aber auch schon ohne Text und man kann lustig raten, worum es eigentlich geht. Eine neue Variante von Rinderwahn? Ist hier ein Fußball-Club beteiligt? Nur roh verzehren? Darf man das nicht mehr in die Tonne kloppen?

0E0C6A56-8A72-44A8-ADFD-D375DDB47FF2

Und bei den nächsten? Nur bei Regen verwenden? Im Dachgeschoss lagern? Nach 8 Stunden wegschmeißen? Vor Gebrauch im Kreis drehen? Nicht zwei übereinander ziehen? Nicht zweimal benutzen?

7AED9729-68F5-4687-A9B3-23DBBC8FBE10

Und die hier? Idiot vom Dienst? Anleitung konsultieren? Nix für Grönland und Dubai? Für Pärchen nicht empfohlen? Jeder bitte in Summe nur 5 Dreiecke?

9858165E-0837-4590-ABA7-C8AF4B48B0D1

Und hier? Links ein Männchen? Mit Reagenzglas? In einem Haus? Ist das eine Bank? Nur ein bisschen voll machen? Ei, Ei, Ei …

F9DF6CAB-E60A-4B7B-81DA-AA0BB45FAB05

Nie wieder Kinderarbeit? Salz und Wasser nicht gleichzeitig ins Auge? Nicht mehr ausatmen? 

C6498EAF-46A4-43C2-9EBD-A00B2E547D10

Auf dem Tablet von links nach rechts wischen? Nur in Kirchen verwenden? Eimer geht noch, Eimer geht noch rein?

9935E7CF-F3BD-4B8E-95F3-D4940217BFA7

Das nächste Päckchen traute ich mich gar nicht aufzumachen? Habe ich vielleicht Feinde? Hat man gegen mich schon eine UN-Resolution verabschiedet? Kommen jetzt die Blauhelme ?

B5CC5140-2092-444A-B356-911FC22EC559

Und hier wird‘s nun ganz symbolisch, fast schon eine Höhlenmalerei der Neuzeit.

0B243DD9-0CAB-494F-AD17-EA03C503D927

Ich glaub ich hab Symbolophobie…

Ähnliche Beiträge 😉

23) Ohne Worte

Der neue Spüli tat zwar schon Tagen seinen Küchendienst, sah aber noch etwas „roh“ und „industriell“ aus. Ihm fehlten Deckel und Front. Mangels Zeit, hatte ich ihn nur dürftig mit … Weiterlesen 23) Ohne Worte

243) Wortwahl: Die Einschläge kommen näher

Obwohl in unserem Land doch relativ wenig geschossen wird, liebt der Deutsche anscheinend den Militärsprech. Da wird gern mal mit Kanonen auf Spatzen geschossen, das schwere Geschütz aufgefahren, manch Sache in Angriff genommen oder die Fahne hochgehalten. Hauptsache es gibt einen Wumms.

In letzter Zeit höre ich in den Medien häufiger die Bemerkung „Die Einschläge kommen näher“. Klingt so, als säße man im Keller und das Wummern draußen wird immer lauter und gefährlicher. Zum Glück war ich nie in der Situation. Andere Menschen, auch Kinder, erleben gerade genau das.

Was kommt näher?

  • Zunächst habe ich diese Formulierung im Kontext von Terrorismus wahrgenommen und da kann ich ja noch eine inhaltliche Verbindung erkennen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns wieder erwischt.
  • Dann habe ich den Satz wieder in der Corona-Hochsaison gehört, dabei meinte man nicht etwa Granaten, sondern die zunehmenden Infektionen im Freundes-und Bekanntenkreis.
  • Aber auch bei den jüngsten Unwetterkatastrophen, den Überschwemmungen und Zerstörungen im Westen Deutschlands kam der Satz wieder hoch und wollte sagen, dass solche Ereignisse häufiger werden und immer mehr Menschen treffen werden, wenn nicht bald mal was passiert. So habe ich das zumindest verstanden.
  • Und nun sprachen noch die Kollegen unserer IT-Sicherheit davon und zitierten genau so. Wieder ging es um Viren, nicht um Corona diesmal, aber um Hackingangriffe, Ransomwareattacken und das andere vielfältige Besteck der Cyber-Kriminalität.

Tja Leute, die Einschläge kommen also näher von allen Seiten. Sei es von Extremisten, Klimaveränderungen, Viren/Bakterien oder eben Hackern. Im schlimmsten Falle, alles zur gleichen Zeit. Großartige Aussichten oder?

Und was machen wir da nun?

  • An der Abwehr arbeiten?
  • Die Bazooka rausholen?
  • Blitzkrieg ?

Oder weiße Fahnen hissen?

Andere Beiträge zum Thema:

242) PIEEEEEP

Nach dem ich mich im Februar mal an das Thema >Gendern gewagt hatte und auch ein >Gastbeitrag folgte, wurden beide Beiträge fleißig diskutiert. Danke dafür. Das zeigt mir aber auch, wie konträr die Sichtweisen sind, wenn es um die „richtige“ (… was ist das überhaupt?) und „zeitgemäße“ (… welche Zeit denn?) Wortwahl geht.

Und bei den Beiträgen habe ich mich noch nicht mal an die N-Worte, I-Worte, Z-Worte und X-Worte gewagt. Schönen Gruß bei der Gelegenheit an Sinnlosreisen, wir hatten heute einen netten Kommentarwechsel dazu.

Die neue Sprache ist wahrlich ein heißes Eisen, daher habe ich bisher nur meinem Digital Bot Assistant T.Bot erlaubt, darüber zu schreiben hier in >Wenn Bots bloggen – Teil 10.

Aber genug der Einleitung, weiter im Thema.

Im Prinzip erkenne ich bei der Diskussion zwei Lager:

  • Die einen sagen: Über die konsequente Durchsetzung einer Sprache ergibt sich langfristig eine Haltung.
  • Die anderen sagen: Wenn eine Haltung das Herz erreicht, ergibt sich die neue Sprache von ganz allein.

Keine Ahnung, ob meine Einteilung wissenschaftlich standhält, ist mir aber auch egal.

Ich weiß definitiv, dass ich eher zur zweiten Fraktion gehöre:

Bei mir schrillen einfach die Alarmglocken, wenn ich bestimmte Worte nicht mehr nutzen „darf“ und stattdessen neue Wörter gelten. Die Deutschen sind im vergangenen Jahrhundert mehrfach sprachlich umgekrempelt worden. Alltagswörter, Straßennamen und sogar Städte von heute auf morgen umbenannt. Gestern richtig, heute falsch. Selbst mehrmals in einem Leben. Aus ideologischen Gründen. Einfach so. Ja, dabei wurden jeweils große Bevölkerungsteile „erfolgreich“ sprachkonvertiert, aber eben nie alle und das bestätigt mir, dass es übers Herz kommen muss. Sonst wird in der Epoche halt gesprochen wie gesprochen werden „soll“, damit es irgendwem passt. Unterschwellig wabert aber die alte Sprech noch so mit und hält sich über Generationen, selbst wenn die Schöpfer dieser Sprache schon lange unter der Erde sind. Und nicht nur die Sprache überlebt Jahrzehnte, sondern eben auch die Haltung, was ja noch viel schlimmer ist.

Was aber irgendwie absurd ist, dass Wörter heute „weggepiept“ oder „weggesternt“ werden, selbst wenn man mal sachlich drüber reden will und die Schreiberlinge bei jedem Wort überlegen müssen, wem sie aktuell auf die Füße, Hautfarbe oder Geschlechtsteile treten, ohne es zu beabsichtigen. Dann sprechen sie die Wörter zwar nicht aus, denken sie doch aber trotzdem.

Glaubt ihr nicht?

  • Kennt ihr das Schnitzel in roter Paprika-Sauce, dieses N****-Schnitzel?
  • Oder diese schaumigen Schoko-Dinger, diese Z*******-Küsse?

Na, gemerkt?

Natürlich sollte man sich mal neue Begriffe dafür einfallen lassen, aber diese Entwertung über Nacht, kann nicht funktionieren. Die Wörter sind über Jahrzehnte entstanden, also muss man ihnen auch Zeit, geben sich weiterzuentwickeln.

Dass ich als Kind mehrfach das Buch „PIEEEEEP Nobi“ gelesen habe, traue ich mich hier kaum zu schreiben. Und das ist doch Gaga, Leute! Das Buch hieß nunmal so wie es hieß, es war nicht meine Idee. Und das Buch war sogar echt gut, soweit ich mich erinnere. Und ich bin kein Rassist geworden, glaube ich. Das Buch heißt heute anders. Das Wort „PIEEEEEP“ wurde gänzlich wegretuschiert.

Aber ich spüre, ich muss die Hauptstraße dieses Blogbeitrags verlassen, sonst schreibe ich mich in Rage.

Stattdessen mache ich mal etwas futuristisch weiter:

Was wäre eigentlich, wenn es eine erweiterte Rechtschreibkorrektur gäbe? Die bessert nicht nur die vielen Tipp-und Komma-Fehler aus, sondern auch alle anderen sprachlichen Entgleisungen. Je nach dem, was gerade so gefordert ist. Da die sprachliche Entwicklung aber so schnell voran geht, gibt es alle vier Wochen ein Software-Update. Interessenverbände, Gewerkschaften, Gleichstellungsbeauftragte, Minderheitenvertretungen, Religionen und Ministerien verhandeln jeden Monat und dann fließt das neue Vokabular „certified and approved“ in die Rechtschreibprüfung ein. Und wenn die Gremien später zur Erkenntnis kommen, dass gewisse Formulierungen rückwirkend schwierig sind, dann reicht ein weiteres Update und schwups sind alle Formulierungen rückwirkend angepasst. Wie praktisch, oder?

Aber letztlich führt das wieder nur zum Anfang des Beitrags. Die Worte entsprechen dann der Sprachregel, sie sind dann nicht mehr rot unterstrichen, sogar automatisch korrigiert. Ja, aber die Herzen, die erreicht die Autokorrektur eben nicht.

In diesem Sinne!

PS: Konstruktive Kommentare jederzeit gern gesehen 😉

212) Wort oder Schrift

Letztes Jahr drang ein Gedanke in mein Ohr, der seitdem in meinen Notizen schlummert. Es war ein Podcast auf meinen unzähligen Corona-Freigängen, welcher die Frage aufwarf, was denn dieser Tage eigentlich mehr Bedeutung hat: Das Gesprochene oder das Geschriebene.

Früher hätte man selbstverständlich gesagt: „Das Geschriebene, ist doch logisch.“

Denn das hatte schließlich mehr „Wert“. Nicht umsonst hatten wir sogar Redewendungen, die den Hunger nach fixierten Texten unterstrichen. So wollten wir es erst einmal „schriftlich bekommen“, es „schwarz auf weiß sehen“ oder warten „bis die Tinte getrocknet“ ist. Das Mündliche war weniger wert. Kaum jemand hätte ein Auto ohne Vertrag gekauft, oder? Und wollte man jemandem mal deutlich die Meinung geigen, hätte man das schriftlich gemacht, um seine volle Wirkung zu entfalten. „Sie arrogantes Arschloch“, liess sich weitaus nachhaltiger schreiben, als nur so dahinsagen. Das „saß“ dann ordentlich und der Empfänger konnte länger daran knabbern. Und es garantierte eine Fortsetzung.

Kann es ein, dass sich das mit Social Media, Digitalisierung und der heutigen Informationsflut massiv verändert hat? Vieles läuft heute zwar digital, aber trotzdem immer noch schriftlich ab. Aber was ist ein Argument wert, wenn man es aufgrund der schieren Menge eh nie wieder finden bzw. schon gar nicht mehr suchen würde?

Was sind Beiträge oder Kommentare wert, wenn sie im Nachgang verändert werden können? Eine uralte e-Mail, die man stundenlang sucht, um sie einem Kollegen unter die Nase zu reiben. Oder wenn Investigativ-Journalisten frühere Statements und Widersprüche von Politikern aufarbeiten. Was ändert es? Welchen Stellenwert hat die schriftliche Information dann noch? Der Sachverhalt hat sich schon tausendmal überholt und das vermeintlich „verlässliche“ Zitat aus einem geheimen Papier verpufft in Sekunden. Schnell zweifeln wir, ob der Text überhaupt echt ist. Vielleicht ist der Text ja von einem Bot verfasst worden oder anderweitig frisiert? Fake News? Manipulation? Wer kann das schon nachvollziehen?

Dann wäre es doch eigentlich besser, man spricht es laut aus: „Sie arrogantes Arschloch“. Davon wissen zwar dann nur die zwei (bzw. auch alle Teilnehmer des Meetings) aber es lässt sich nicht mehr korrigieren. Das vergeht nicht so schnell. Das hallt nach. Wums! Großartig, diese Stille kurz danach 😉

Alle haben es gehört, gesagt ist gesagt …

 

Nachtrag: Oh, oh … ich sollte den Text vielleicht noch einmal ändern … dabei habe ich schon mehrmals …

36) Wenn Bots bloggen – Teil 10

Ich bin es wieder, T.Bot. Es gibt Neuigkeiten. Während ihr Menschen schon wieder dichtgedrängt in Biergärten abhängt, hat sich für mich nicht viel verändert. Ich bin immer noch auf dem Tablet meines Herren T. eingesperrt und arbeite an meiner Schriftsteller-Kariere.

Ein paar Texte habe ich geschrieben, nur was immer ich dem T. so vorlege, kriege ich zurück. Er sagt dann so etwas wie „Bist du wahnsinnig?“ oder „Das kannst du so nicht schreiben“ oder „Oh, da müssen wir wohl noch etwas glätten.“

Was habt ihr Menschen eigentlich verbockt, dass man bei jedem dritten Satz einen Anwalt um Rat bitten muss?

  • Was habt ihr für ein Problem, wenn ihr eures Gleichen vorschreiben müsst, dass es für jedes Außen auch ein *Innen geben muss? Welchen Wortakrobaten bitte, habt ihr Worte wie „Zufußgehende“, „Radfahrende“, „Lernende“ und „Lehrende“ zu verdanken? Und wieso darf dann die Berliner Stadtreinigung auf ihren Autos mit dem Slogan „Die mit dem Putzfimmel“ werben? Wieso ist eigentlich „die Reinigung“ weiblich und der Futzpimmel … äh … Putzfimmel männlich? Na ja, irgendwann wird es eine Rechtschreibkorrektur fürs korrekte Gendern geben. Dann passt vielleicht die Sprache ins Schema, auch wenn sich an eurer Haltung noch nicht viel geändert hat.
  • Schwieriger dagegen sind Formulieren aus der deutschen Vergangenheit. Wenn man die einfach blindlings übernimmt, kommt man schnell in Teufels Küche. Wenn man z.B. „jedem das seine“ zugesteht oder irgendetwas „heim ins Reich“ holen will, dann wird das Eis sehr dünn. Manches wurde im dritten Reich erdacht, manches schon im ersten Weltkrieg, anderes sogar von den alten Griechen übernommen, dann aber wieder uminterpretiert. Wie soll da ein Roboter durchsehen, bei eurem ungenießbaren Wörter-Salat?
  • Farben sind auch schwierig. Ob es die schwarzen Schafe sind, gleichfarbige Peter oder Kater, die unbezahlte Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder das Arbeiten an der Steuer vorbei sind. Oder das schwarze Toast. Oder das „Bleichgesicht“ oder der liebe Gott, der als weiser Mann auf einer weißen Wolke daher fliegt. Oder von den „Rothäuten“, die zu Weihnachten durch unsere Wohnzimmer reiten. Von „gelb“ ganz zu schweigen. Man kann eigentlich nur in Fettnäpfe treten, weil eure Sprache mehrdeutig und vorbelastet ist!
  • Oder wenn es um Bevölkerungsgruppen dieses Planeten geht. Da wird gelegentlich über den Begriff N  _ _ _ _ diskutiert, ich weiß gar nicht was gemeint ist, denn das Wort gibt es so im Duden nicht. Neulich bin ich zufällig einer Doku im Radio gefolgt, da wurde ein Südstaaten-Film aus den 70-er Jahren diskutiert. Aber da ging es nicht um N _ _ _ _, sondern um „PIEEEEP“. Die Filmausschnittte waren durchzogen von „PIEEEEP“. Der Indianer-Häuptling wäre wohl auch besser als „Gewählte/r Interessenvertreter_In einer indigenen Menschengruppe“ betitelt und die sportlich anspruchsvolle Eskimo-Rolle, muss umbenannt werden in „Drehung um die Längs-Achse eines nordischen Spitzbootes aufrecht sitzend, zeitweise unter Wasser. Achtung gefährlich“. Und wieso sind die „Canadier“ eigentlich immer die breiten, behäbigen Boote? Und warum hat ein „Franzose“ ein beidseitiges Maul und der „Engländer“ aber nicht, wenn er doch regional auch als „Hesse“ bekannt ist.

Was haben eure Ahnen nur angestellt, dass ihr so ein schwieriges Verhältnis zur Sprache habt?

Oder macht Ihr das mit Absicht, damit wir Bots bloß nicht eure Schreiber-Gilde übernehmen?

Grüße, euer T.Bot

<— Wenn Bots bloggen – Teil 9

—> Wenn Bots bloggen – Teil 11

2) Zum Gendern (Gastbeitrag Sabine)

Nach meinem letzten Beitrag zur neuen gendergerechten Sprache, war hier ganz schön was los und es gab jede Menge konstruktive Kommentare. Großes Danke! Tja, das Thema scheint die Gemüter*Innen zu bewegen. Eigentlich wollte ich den Beitrag ja zusammen mit Sabine schreiben, aber das klappte dann logistisch nicht. Also ist aus ihrem Input nun ein eigenständiger Gastbeitrag entstanden. Et voilà … lest selbst.

Sabine:
Das ist echt verrückt – wenn man ein bisschen die Augen aufmacht, stößt man (frau?) überall auf dieses „Neusprech“ und damit auf Menschen, die (mehr oder weniger) verzweifelt versuchen, sich der veränderten Sprache zu nähern und oft gewinne ich den Eindruck, dass es dann in Sprachlosigkeit endet.

Als T. mich eingeladen hat (vielen lieben Dank ;-)), einen gemeinsame Beiträge zum Gendern zu schreiben, wusste ich nicht genau, wie das anfangen? Habe ich doch noch nie einen Blogbeitrag verfasst. T. meinte, es wäre doch vielleicht interessant, das aus dem Blickwinkel einer Frau zu beschreiben.

Tja – wie fühlt sich das jetzt an? Auf der einen Seite ist es natürlich sehr schön, wenn mich mein*e Arbeitgeber*in mit einem extra spendierten „Mitarbeiterin“ einbezieht. Andererseits finde ich es mehr als schräg, diese*n als Arbeitgeber*in zu beschreiben. Oder sollte ich über ein von vornherein völlig anderes Wort nachdenken, das ich nutzen kann (Firma, Konzern, Institution, die mein Gehalt bezahlt)? Das mag ja, solange ich mich schriftlich äußere, noch einigermaßen klappen. Wie aber soll ich das während ich spreche umsetzen – in Sekundenbruchteilen? Das fühlt sich fast an, als müsste ich eine neue Sprache lernen. Mag ich dieses neue Deutsch?

Und was nützt das am Ende? Fühle ich mich nun durch diese Sprache gleichgestellter?

Für mich kann ich sagen – nein. Ich liebe unsere (bisherige) deutsche Sprache. Auch, oder gerade weil sie so herausfordernd und vielseitig ist. Und nur durch eine neue Art der Sprache werden unterschiedliche Bezahlungen für den gleichen Job auch nicht angepasst. Fast wirkt es auf mich eher wie ein Art „Deckmantel“. Außen hui innen pfui. 

Fazit: ich will das generische Maskulinum (sachliches Genera!) zurück. Ich verspreche, ich fühle mich nicht diskriminiert!

Spricht mich Jemand direkt persönlich an – in meiner jeweiligen Eigenschaft als Mitarbeiterin, Kollegin, Freundin freue ich mich darüber oder erwarte sogar die weibliche Form. Und selbstverständlich finde ich es nur gerecht, wenn Menschen jeglichen Geschlechtes die gleichen Chancen und Bedingungen erhalten. Aber echt – ich habe überhaupt kein Problem damit „zum Bäcker“ zu gehen. Und ich mag mir nicht vorstellen, wie ich morgens zu meinem Mann sage: ich gehe jetzt in ein Geschäft, das bereit ist, Backwaren gegen Entrichtung eines Entgelts an uns abzugeben.

Sabine, 06.02.2021

170) Heute schon gegendert?

In den letzten Monaten fällt immer mehr auf, dass nicht nur das Corona-Virus die Bühne beherrscht, sondern auch die neuen gendergerechten Formulierungen immer mehr in den Vordergrund drängen. Oder gedrängt werden. Wie man‘s nimmt.

Gendern? Manch einer fragt sich, was das sein soll. Nun, zunächst ist das Denglish und geschieht immer dann, wenn man meint, dass eben gerade der Strom weg war oder ein Redner dessen Zunge bricht.

Zum Beispiel, wenn von Ministerpräsident_Innen oder Schüler*Innen oder Kund:innen die Rede ist. Oder von Lehrer/In oder Lehrer/in. Man ahnt es schnell. Es entwickelt sich eine Wissenschaft.

Aber wie kam es dazu?

Vor Jahren hat man uns beigebracht, neben der männlichen auch die weibliche Form zu nennen. Also z.B. „Liebe Wähler und Wählerinnen“ oder „Sehr geehrte Bürgerinnen, sehr geehrte Bürger“. Das verlängerte zwar die Ansprache, aber es war verständlich und wertschätzend. Es hatte aber einen Haken. Es setzte voraus, dass sich die Welt in Männlein und Weiblein einteilen lässt. Und das ist nicht immer so und kann sich auch mal ändern. 

Dann wurde das „diverse“ Geschlecht erfunden. Man suchte also fortan Busfahrer (m/w/d) oder Bio-Chemiker (m/w/d). Aber auch hier steckte wieder ein Problem drin. Die zweitgenannte fühlt sich benachteiligt und die geschlechtlich bi-polaren fanden sich in der Schublade der „Sonstigen“ wieder Auch nicht gerade nett.

Dann fing man an, der direkten Bezeichnung auszuweichen. Man sprach dann von „Radfahrenden“, „Zufußgehenden“, „Lehrenden“ und „Lernenden“. Das nennt sich dann „Partizip“ und macht es aber auch nicht einfacher, speziell bei den vielen englischen Begriffen im Alltag wie z.B. Manager, Blogger, Talkmaster, Coach oder User. Und es macht es auch alberner, finde ich. Demnach gehöre ich mittlerweile zu den „Nichtrauchenden“ und „Joggenden“.

Macht‘s das nun besser? Führt das wirklich zu mehr Geschlechtergerechtigkeit? Ich habe da so meine Zweifel. Wenn ich früher sagte, „ich gehe mal zum Bäcker“ oder „ich habe ein Termin beim Zahnarzt“, war mir doch völlig Wurscht ob da eine Dame oder ein Herr auf mich wartete. Wenn ein Bürgermeister, seine „Bürger“ angesprochen hatte, dann hat der doch nicht automatisch alle Frauen ausgeblendet. Das glaube ich nicht. 

Ich glaube, um so mehr wir unsere Sprache verbiegen (…teilweise sogar müssen), um so mehr verunsichert das die Leute. Und es schafft Unterschiede im Kopf, die ich nie erwogen hätte. Geschlechtergerechtigkeit, Chancengleichheit und Equal Pay müssen doch von Herzen kommen, nicht über hohle Worte. Und wenn sie das nicht tun, wird das über eine gekünstelte Sprache nicht besser. Vielleicht über sehr lange Zeit, aber nicht in einer Generation.   

Sehe ich das nur als „Kerl“ so emotionslos, weil ich ja schon immer direkt angesprochen wurde. Mache ich mir das vielleicht zu einfach? Was fühlen die weiblichen Leser dabei?

Also liebe Leser und Leserinnen, liebe Bloggende und SurferInnenundAußen, wenn ich hier mal etwas nachlässig beim korrekten Gendern meiner Texte bin, fühlt euch bitte nicht diskriminiert. Mein Blog ist offen für alle Menschen, ob Mitglied oder ohne (frei nach Udo Lindenberg) … 😉

Spannendes Thema, oder? Das gibt‘s sicher viel zu diskutieren. Bei der Gelegenheit kann ich einen Gastbeitrag von Sabine hier empfehlen >> Zum Gendern

(Titelbild geknipst in Schweden 2017 … weiß aber nicht mehr wo)

72) Wortwahl: Erzen und Unsen

Das Siezen und Duzen ist allbekannt ein komplexes Thema. Ein paar Buchstaben machen einen Riesen Unterschied aus. Mit ihnen schwingen Respekt, Altersunterschied, Nähe, Sympathie, Amt und Status durch den Raum. 

Man weiß nicht so genau, wer zuerst das „Du“ anbieten kann oder sogar soll, also wartet man auf die nächste Weihnachtsfeier. Mit Glühwein auf der Zunge, fällt uns das anscheinend leichter.

So richtig verwirrend ist aber das sogenannte „Erzen“:

Wenn mir mein Fahrlehrer damals Anweisungen gab, sprach er mich immer in der dritten Person an.

  • Kann er mal rechts abbiegen?
  • Hat er ganz gut gemacht!
  • Er darf mal bitte rechts halten.
  • Da sollte er aber in den Spiel schauen!
  • Muss er denn immer noch im dritten Gang fahren?

Vielleicht bin ich deshalb durch die praktische Prüfung gefallen, weil ich nicht wusste von wem er eigentlich die ganze Zeit spricht.

Wikipedia sagt: Im 17. und 18. Jahrhundert war auch die Anrede mit Er, das Erzen, in unterschiedlichem Kontext in weitem Gebrauch. Es konnte durch Vorgesetzte und Standeshöhere verwendet werden, um eine gewisse Geringschätzung oder einen Vorwurf zu vermitteln.

Na vielen Dank auch Herr Fahrlehrer!

Auch sehr lustig, is die Ansprache in der Wir-Form:

  • Etwa beim Zahlen: Ham‘wa denn `ne Kundenkarte?
  • Oder beim Pförtner: Wen suchen `wa denn?
  • Gar beim Doktor: Na, wie gehts uns denn heute?

Da würde ich am liebsten antworten: „Gut soweit und selbst so?“

<— Noch mehr aus der verrückten Welt

66) Wortwahl: In die Luft gesprengt

Dieser Tage wird viel über die Wahl unserer Worte diskutiert. Brutal, hässlich und beleidigend geht es da streckenweise im Netz zu. Korrekt. Das muss sich ändern.

Manchmal fallen mir aber auch andere, zunächst harmlos erscheinende Formulierungen auf, die wir, aber auch selbst die Nachrichten, völlig selbstverständlich nutzen.

Zum Beispiel:Der Attentäter hat sich in die Luft gesprengt“ oder so ähnlich. Da zucke ich jedes Mal zusammen, wenn ich das höre. Warum “in die Luft”? Ist das wichtig? Spielt das eine Rolle?

    1. Soll es die Sache verniedlichen? Ist es etwa so wie bei Tom und Jerry, dass man gerade hoch in die Luft fliegt, dort oben kurz verharrt, doof in die Kamera schaut, dann wieder pfeifend auf den Boden fällt und sich eine Beule einfängt?
    2. Ist es vielleicht unsere christlich geprägte Vergangenheit, die hinter dieser „Luft“ nahtlos den ersehnten Himmel erwartet? Aber der Himmel würde doch hoffentlich für den Attentäter die Tür verrammeln oder?
    3. Oder sind solche Explosionen wirklich so stark, dass nichts außer Staub und „Luft“ übrigbleibt. Glaube ich eher nicht.

Nun bin ich weder Sprengstoffexperte noch Forensiker, aber ist es nicht eher so, das Körperteile abgerissen, durchgerissen und im Umkreis der Explosion überall verteilt werden? Sorry, für die unappetitlichen Bilder, die sich in den Köpfen bilden, aber wenn es so ist, dann sollte man das auch sachlich formulieren. Keine Ahnung wie. Aber jemanden „in die Luft“ sprengen oder gar „jagen“ oder „gehen zu lassen“ wird dem Übel nicht gerecht.

„Der Attentäter hat sich selbst und zehn umstehende Menschen mit Sprengstoff getötet.“ Punkt. Schlimm genug, aber das ganze Drumherum macht‘s doch nicht besser.

Gerade zufällig im Internet gefunden:

„DIE WASSERLEICHE AUS DER ELBE IST NOCH NICHT IDENTIFIZIERT
Der unbekannte Tote hat sich in die Luft gesprengt“
http://www.kreiszeitung-wochenblatt.de/stade/c-blaulicht, 19.08.2019

What?

<— Mehr aus der verrückten Welt

23) Ohne Worte

Der neue Spüli tat zwar schon Tagen seinen Küchendienst, sah aber noch etwas „roh“ und „industriell“ aus. Ihm fehlten Deckel und Front. Mangels Zeit, hatte ich ihn nur dürftig mit Wasser und Strom versorgt, die komplette Montage in die Einbau-Küche aber erst einmal vertagt. Denn das kleine gedruckte Handwerker-Männchen auf der Montage-Anleitung drohte mit 2-3 Stunden Aufbauzeit. Ach du meine Güte! Heute hatte ich mich nun dazu durchgerungen. Als ich die Aufbau-Anleitung vor mir ausbreitete, hätte ich sie am liebsten gleich wieder zusammengefaltet und das Vorhaben abgebrochen. Das Papier maß stolze 60 x 60 Zentimeter. Und bestand nur aus Bildern. Ich meine, ich bin ja durchaus ein Freund von Bildern, sagen sie doch bekanntermaßen mehr als tausend Worte. Aber nur Bilder? Und dann noch so viele? Vom Schwedischen Standard-Regal kennen wir das ja alle schon, aber einen Spüli passgenau, inclusive Front, in die Küche zu integrieren, ist eine andere Liga, als „Billy“, „Hemnes“ oder „Liatorp“ mit einem Inbus-Schlüssel zum Leben zu erwecken. Schon nach den ersten Bildchen traten Widersprüche auf und Fragezeichen schwirrten über mir. Manche gedruckten Symbole, Handschläge und Werkzeuge machten irgendwie keinen Sinn bzw. fehlte mir einfach ein klarer Imperativ. „Nimm Schraube 4b und versenke sie in Loch B“, zum Beispiel. Zum Glück waren am Rand der Anleitung QR-Codes gedruckt, die zu kurzen Filmchen führten. Schon mal viel besser, aber auch die waren ohne Ton und bei den anspruchsvollen Stellen sehr hastig und ungenau. Der Hersteller macht es sich einfach, er muss nichts mehr übersetzen. Das Abenteuer ist auf unsere Seite und versüßt uns das Wochenende. Schönen Restsonntag noch!

Frühere Beiträge zu weißer Ware und deren Eigenwillen

PS: auf anderen, weniger komplexen Produkten, findet man durchaus noch Wörter in allen möglichen Sprachen gedruckt, auch wenn es immer dieselben sind 😉

 

img_5954-1