47) Hongkong

Neulich, in den Abend-Nachrichten, liefen Video-Aufnahmen von Straßenschlachten in Hongkong.  Da gingen Demonstranten und die dortige Polizei aufeinander los. Der Sohnemann sollte eigentlich schon im Bett sein, hatte dann aber doch noch ein paar Bilder im Vorbeigehen erhascht.

Er: „Papa, was ist da los?“
Ich: „Das ist etwas kompliziert, erkläre ich Dir morgen. Versprochen“

Und wie die Kids halt so sind, vergessen sie so ein Versprechen  nicht. So stand er dann den Tag darauf vor mir und verlangte eine Erklärung. „Hol mir mal ein Blatt Papier und einen Stift, ich muss da bestimmt etwas malen“.

  • Wir begannen unser Wimmelbild also mit der Kolonialisierung durch die Engländer, (… Portugiesen, Spanier, Holländer und Deutsche natürlich auch … aber das kürzten wir ab)
  • Anschließend streiften wir die beiden Weltkriege und machten mit dem Freiheitskampf Indiens weiter, bei dem die Engländer dann wieder vor die Tür gesetzt wurden.
  • Dann machten wir einen Abstecher zum Kalten Krieg, zu den Supermächten Russland und USA, und teilten Europa in Ost und West ein. Zack. Dicker Strich mitten durch Berlin.
  • Weiter ging es nach Fernost zu den britischen Kronkolonien Singapur und Hongkong, wo die Engländer noch etwas länger ihren 5-Uhr-Tee tranken, bevor sie wieder nach Hause fuhren.
  • Irgendwann landeten wir bei den heutigen Handelsströmen, wo die einen Länder die Ideen und Technologien haben und andere Länder die Werkbänke und Millionen von Arbeitskräften. Und mittlerweile auch das Geld. Und großartige Technologien, mit denen sie ihre Einwohner gängeln können…

Er: „Und was kann man da jetzt machen?“
Ich: „Puhh…“

22) Social Credit System

Ich habe neulich einem Podcast zugehört, beim dem ging es um das Social Credit System, welches aktuell in China aufgebaut wird.

Offiziell will man die Moral in der Gesellschaft heben, mehr Ordnung und bessere Menschen schaffen. So habe ich das zumindest verstanden.

Was passiert da?

Für gutes Benehmen, vergibt eine App fortan Punkte, für schlechtes Verhalten kassiert sie wieder Punkte ein. Was gut oder schlecht ist, entscheidet aber nicht die Gesellschaft sondern der Betreiber. Also der Staat. Und damit das nicht so umständlich läuft, wie das Kleben von Konsum-Marken, werden Stück für Stück andere IT-Plattformen angebunden und melden gute wie schlechte Taten an die App. Kameras im öffentlichen Raum decken immer mehr Fläche ab und dokumentieren das Verhalten. Gesichts-Erkennung ist völlig normal, von der Gang-Erkennung verspricht man sich noch viel mehr Zuverlässigkeit. Vorbildlich lebende Menschen werden in höchsten Tönen gelobt, Petzen und Anschmieren von anderen Menschen ist vorprogrammiert. Vielleicht bekommt man da sogar noch Punkte dazu? Durch dieses Meer von Daten lassen sich auch super-easy Sanktionen gegen Kritiker umsetzen, deren Punktestand vermutlich dauerhaft in den Miesen ist. Deren Accounts kann man sperren, Mobilität und Kommunikation einschränken und sogar die Bezahl-App austrocknen, ohne die künftig kaum noch etwas funktioniert.

Das muss man sich mal für unseren Alltag vorstellen:

  • Alles, was wir heute schon selber freiwillig sammeln (z.B. Kilometer, Stockwerke, Kilogramm, Meilen, Payback-Punkte, Treueherzen usw.) wird direkt an diese App übermittelt. Und zwar nicht die Punkte, sondern die Rohdaten. Ein wahrer Schatz. Die Punkte vergibt dann die Social Credit App. Der Maßstab kann beliebig angepasst werden. 
  • Alle elektronischen Zutrittssysteme und Mitgliedschaften melden unsere Bewegungen (z.B. Schwimmhalle, Fitness-Center, Fluggesellschaften, Car-Sharing, Navi, Schmuddel-Video-Shop und Massage-Extase-Oase). Das ist Grundvoraussetzung für deren Gewerbe-Erlaubnis.
  • Für „vorbildliches Verhalten“ gibts künftig Punkte von Vater Staat. Wenn man die StVO exakt befolgt, Organ-Spender ist, Sonntags in die Kirche geht und sich alle drei Jahre einen nagelneues deutsches Auto kauft. Taucht man auf einer Demo oder auf dem Volksfest einer Partei auf, kommt’s drauf an bei wem. Bonus oder Malus. Je nachdem wer gerade regiert.
  • All das gegenteilige „schlechte Verhalten“ wird sofort in Abzug gebracht. Versäumte Schulhof-Feste werden von der Power-Eltern-App gemeldet. Zu viel Screentime kommt von der Streaming-Plattform. Kritische Inhalte auf Blogs, führen bereits zu Punkt-Abzug, noch bevor man den „Veröffentlichen“-Button gedrückt hat.
  • Bei jedem Abruf einer privaten oder staatlichen Leistung, bei jedem Event, bei Bewerbung und auch beim Online-Dating muss man künftig seinen Punktestand ausweisen. Je nachdem wie es um diesen bestellt ist, bleibt man draußen oder man muss das oder den nehmen, der übrig bleibt.
  • Findige Streber mit Geschäftssinn werden ihre Punkte-Überschüsse verkaufen und damit steinreich werden, da Menschen mit wenigen Punkten ihren Wucher-Bedingungen chancenlos ausgeliefert sind
  • Mit dem Renten-Eintrittsalter werden nicht nur die Rentenpunkte gezählt, sondern auch der „Final Lifetime Social Score“ beim Social Credit System ermittelt und gegengerechnet. Das Ergebnis bestimmt die Höhe der Grundrente, die Güteklasse und Location des Altenheims und die Form der Bestattung. Senator oder Holzklasse?

Ein Cocktail aus Orwells „1984“ und Hollywoods „In time“.

Gruselig.