53) Warteschlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer sind Alleinunterhalter, die mit Tricks und Musik versuchen, die Schlange nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Beim letzten Indienbesuch habe ich zwar keine mehr angetroffen, dafür komme ich mir hier in Deutschland bald selber vor wie solch ein Alleinunterhalter, der mit Schlangen kämpft.

Die Situation in 10 Schritten:

  1. Mit großen Schritten laufe ich auf eine Service-Situation (z.B. Ticket-Schalter, Check in oder Security…) zu
  2. Aus der Ferne sehe ich schon einige Menschen dort in der Schlange stehen. Sie warten alle vorwärts mit Blick auf den Counter, sie brauchen es so. Das Ziel immer vor den Augen
  3. Vor mir erreichen aber noch andere Menschen ihr Ziel und stellen sich hinten an, alle mit Blick nach vorn. Wie sonst
  4. Sehr bald droht das Ende der Schlange, andere Verkehrswege zu stören. Da wollen Reisende zu anderen Gates, Rollstuhlfahrer müssen durchkommen, Service-Kräfte sollen ihren Job machen
  5. Komme ich zu diesem Zeitpunkt bei der Warteschlange an, will ich mich nicht mehr hinten anstellen, da ich damit den kompletten Flur-Verkehr stören würde
  6. Also stelle ich mich zwar ans Ende der Schlange, ABER in einem 90 Grad Winkel, an. Ich versuche also die Schlange „abzuknicken“, zu beschwören
  7. Und schon kommt der nächste Service-Gast, nennen wir ihn einfach mal Heinz. Er stellt sich an die bisherige Schlange an und mustert mich, warum ich denn da so „abgeknickt“ stehe
  8. Ich bin überzeugt von meinem edlen Anliegen und verharre in meiner Position. Es ist richtig. Vorausschauend. Nachhaltig
  9. Es kommen weitere Gäste und stellen sich hinter Heinz an. Denn aus ihrer Sicht, bildet Heinz das Ende der Schlange. Nicht ich. Ich stehe da ja nur so „abgeknickt“ herum
  10. Trotzdem bleibe ich dort wo ich bin, denn ich war ich ja nun wirklich vor Heinz dort. Hinter Heinz entsteht zunehmend das totale Chaos. Keiner kommt mehr durch. War zu erwarten

Und was passiert dann?

Irgendwann bewegt sich etwas, es geht weiter. Die Menschen tippeln stur wie die Lemminge auf den Counter zu. Und all die Menschen, die hinter Heinz stehen, verachten mich mit bösen Blicken, die förmlich sagen … „Können Sie sich nicht hinten anstellen?“

 

Oh man, ihr habt alle einen Schaden. Muss man euch erst immer in Gatter und Metall-Stangen zwängen!?

PS: Aktuell läuft ein Plakat-Kampagne „30 Jahre – Typisch Deutsch“ … das gehört auch dazu

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50) Flughafen im Kopf

„Ladies and Gentlemen, we started our descent to Berlin Tegel“. Schon so viele Male gehört, bedeutet es eigentlich immer etwas Gutes.

Wir nähern uns der Hauptstadt von Süden und ich habe guten Ausblick auf unseren neuen Flughafen. Der liegt dort unten. Groß. Dunkel. Leer. Still.

Und schon beginnt eine Stammtisch-Diskussion in meinem Kopf:

  • A: Mann ej, wenn dit Ding mal irjendwann fertich is‘, müss‘n wa alle hia runt‘a in den Süden jurken. Und ob dit‘ für dit Klima und für’n Verkehr so jut is‘? Na, ick‘ wees ja, nich‘!
    B: Ach hör doch auf, Mensch. Wenn die Flieger heute über das Stadtgebiet fliegen, ist das ja nun auch nicht gerade prickelnd für die Luft. Und schon gar nicht für die Sicherheit. Ich möchte nicht wissen, wieviel Grill-Schürzen und Büstenhalter schon von Nord-Berliner Dachgärten gefegt wurden und dann dekorativ am Bug-Rad hingen.
  • A: Ab‘a, all die langen Weje dann am neuen Flughaf’n. Da muss ick‘ nach Malle ja schon zwee Stunden eh’a da sein! Wie soll‘n dit‘ jehen.
    B: Na ja, mein Guter. In Tegel sind die Wege kurz, das stimmt schon. Dafür ist es da aber so überfüllt, dass man überall Schlange steht und dabei seine ablaufende Lebenszeit ticken hört. Ja, es gibt gute Tage, da schafft man es vom Flieger zum Taxi in 10 Minuten. Man kann aber auch eine Stunde benötigen.
  • A: Ab’a der neue Flughaf’n,  is‘ ja noch nich‘ mal richtig erreichba‘! Wie soll ick’n da hinkommen mit meine‘ Uschi?
    B: Ja, das wird interessant. Allerdings fühlt man sich in Tegel auch wie im Mittelalter. Keine Bahn führt da hin. Stattdessen fahren Busse! Ja, Linien-Busse. Im Jahr 2020. Der Flughafen der Hauptstadt ist heute nur über Bus, Taxi oder Auto erreichbar. Ein Albtraum.

Noch ehe die beiden zum Ende kommen, landen wir in Tegel. Bereits 19:40 Uhr, etwas vor unserer geplanten Zeit. Toll eigentlich. „Meine Damen und Herren, bitte haben sie noch etwas Geduld. Wir müssen noch auf Zubringer-Busse und die Treppen warten“. Na großartig.

Die Busse sind irgendwann da und fahren uns gigantische 90 Sekunden übers Feld. Also das hätte ich nun auch laufen können. Aber egal.

Um 20:07 Uhr stehe ich am Kofferband. Und warte. Und warte. Gegen 20:40 Uhr setze ich mich aufs Transportband und hinterlasse auf der Flughafen-Website eine Beschwerde. Irgendetwas muss ich ja tun. Die Gäste der Stadt schütteln nur die Köpfe. Peinlich.

Gegen 20:50 Uhr erscheinen die Koffer. Ich schnappe mir meinen Trolley und eile zum Taxi-Stand. Jetzt nur noch nach Hause und zwar im Turbo-Gang.

Da erwartet mich eine lange Menschen-Schlange am Taxi-Stand. Wie schon so oft.

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… das kann doch eigentlich nur besser werden.

  

 

40) Flug-Vieh am Terminal C

Die Sicherheitskontrolle am Flughafen Tegel (besonders am Terminal C, da wo die Billig-Flieger ablegen), gibt mir regelmäßig das Gefühl, nur für blödes Flug-Vieh gehalten zu werden. Dort geht es zu wie auf der Ponderosa-Ranch in  „Bonanza“. Das Flug-Vieh wird zunächst auf ein chromglänzendes Metall-Gatter zugetrieben, dass all die Massen ordnen und beruhigen soll. Ein Wunder eigentlich, dass man keine Cowboys sieht, die pfeifend ihr Lasso schwingen. Ist man in diesem „Ordnungssystem“ angekommen und hat sich ihm ergeben, folgt man dem Strom der Menge. Stumpf tippelt man ein paar Schritte in die eine Richtung, macht kehrt und geht dieselbe Zahl an Schritten wieder in die andere Richtung zurück. Hin und her geht das so weiter, immer am Chrom-Geländer entlang. Auf diese Weise begegnet man in kurzer Zeit, immer wieder den selben Menschen. Man hat keine Chance diesem Schauspiel zu entgehen, es sei denn man entscheidet sich kurzfristig für die Bahn oder einen Mietwagen. Außen lehnen zwei Cartwright-Brüder vom Sicherheitsdienst über der Chrom-Stange, beobachten uns blöden Rindviecher und machen so ihre Kommentare. Sollte ein Fluggast mal in Eile sein und die Brüder anflehen, das Zick Zack ausnahmsweise abkürzen zu dürfen, würden die ihm mit Berliner Oberlehrer-Charme folgendes erklären: „Na da hätt’n se halt eha hier sein müssen. Zwei Stunden eha jenau jenommen. Dit steht doch druff uf ihre Buchung, oder etwa nich?“ Irgendwann erreicht man dann endlich den Bordkarten-Scanner. Hat man diese elektronische Sicherheitsmaßnahme gemeistert, wartet weiteres Human-Kapital an den Metall-Detektoren auf den genervten Reisenden. Ich packe all mein Zeug in der für mich mehrfach erprobten Art und Weise auf das Band. Im besten Fall ist der Sicherheit-Mensch völlig emotionslos, maulfaul und kaut Kaugummi. Im schlimmsten Fall belehrt er mich und sortiert mein Klamotten und die Reihenfolge der Plastikwannen um, so dass ich völlig aus meinem Trott komme.

Egal wie es nun wieder laufen wird, ich kann aber mit Sicherheit damit rechnen, dass dort überall wieder lautstark über … 

  • die Erlebnisse vom Wochenende, 
  • die unfaire Pausenregelung,
  • und den blöden Schichtleiter 

debattiert wird. 

Auch wenn Teamleiter und Fluggast in Hörweite daneben stehen.

Liebe Airlines und Flughafenbetreiber, bitte gebt mehr Geld für die Sicherheitskontrolle aus und bezahlt die Leute da ordentlich! Dann kehrt vielleicht auch wieder etwas Flug-Kultur ins Terminal C ein. DANKE

Frühere Beiträge zu Schlange Stehen, Service und Low Cost-Wahn: