122) Corona-Lektionen 33

Kaum waren die Kids mal wieder in der Schule, sind sie nun schon wieder zurück daheim. „Juhu, Ferien!“. Juhu. Ja. Juhu. Ich starte in die 16. Woche Homeoffice ohne Aussicht auf nur eine einzige Dienstreise. Wer hätte gedacht, dass mir das mal fehlen könnte.

Am Wochenende ist mir aufgefallen, dass ich nun schon seit 10. März keinem Menschen außerhalb des Inner Circle die Hand gegeben habe. Nicht mal in der Familie eigentlich, denn wir begrüßen uns ja schließen nicht per Handschlag. Zeit, heute mal etwas darüber nachzudenken, denn es gibt ja eigentlich verschiedene Anlässe in unserem Kulturkreis, bei denen man sich üblicherweise die Pranke reicht.

Begrüßung

In der westlichen Welt vollkommen normal und sogar schon seit dem römischen Reich eine etablierte Form, den Gegenüber zu begrüßen. Zumindest, wenn man ihn etwas längere Zeit nicht gesehen hat. Da gibt es den kräftigen warmen Händedruck, aber auch die labberige feuchte Variante. Auf Partys tat man sich auch schon vor Corona leichter. Man trat in den Raum sagte einfach … „Hallo ich bin der Jürgen und mach‘ mal so hier…“. Dabei ruderte man mit beiden Armen. Und das machte der Jürgen nicht, weil er Angst vor Viren hatte, sondern weil er sich die ganzen Namen eh nicht merken konnte. Oder wollte. In der Kneipe ging‘s auch ganz gut, da konnte man einfach auf den Tisch klopfen. Man sollte nur wissen, welche Tische im Lokal zum Freundeskreis des Einladenden gehörten.

Handshake

Im Sport und auf der Straße, hatten sich zusätzlich noch saloppe Handshakes entwickelt. Fußballer klatschten sich vor und nach dem Spiel ab, Volleyballer feierten so jeden erzielten Punkt. Und auch Schwimmer reichten dem Gegner die nassen Flosse über die rot-weiße Schwimmleine. In meiner Kindheit war es sogar sehr trendy, ein gewisses Handshake-Ritual zu zelebrieren. Mehrere Grifftechniken folgten synchron in festgelegter Reihenfolge und dann war man cool. Keine Ahnung wie man das heute machen soll, aber nur mit dem Arsch zu wackeln oder sich die Ellbogen zu reiben ist jedenfalls mega uncool.

Vereinbarung

Und der Handschlag ist immer auch noch ein etabliertes Zeichen einer erzielten Vereinbarung. Selbst wenn der „Deal“ nirgendwo heruntergeschrieben ist, ist uns ein Handschlag mehr wert als nur ein „Ja ja, mache ich schon, kannst dich drauf verlassen“. Wie kriegen wir diese Verbindlichkeit ohne Handschlag jemals zurück in unseren Alltag.  Sollen wir nun immer einen persönlichen Notar mit uns führen?

Fazit

Ich bin gespannt wie das weitergeht. Wird der Handschlag in unserer Kultur für immer verblassen? Und was kommt dann? Eine japanische Verbeugung oder selbst ein indisches Namaste!  mit gefalteten Händen scheinen hier doch undenkbar. Tragen wir künftig eine dritte Hand mit uns? Montiert auf einem Handshake-Stick? Oder unterm Mantel wie bei „Fantomas gegen Interpol“?Ziehen wir uns einen Gummi-Handschuh drüber, sollten wir mal das Bedürfnis haben, eine fremde Hand zu schütteln?

Aber ich glaube, ich habe mir die Frage schon selber beantwortet.
Wir entwickelten einfach eine App.
Die macht das dann.
Appgemacht

Grüße aus Berlin
T.

<— Corona-Lektionen 32

14) PPBS – Postpandemische Belastungsstörung

14. Juni 2021: Liebes Tagebuch, ich habe dir schon lange nichts mehr anvertraut, aber heute kann ich nicht mehr anders. Denn ich bin ein Wrack. Das Jahr nach Corona war einfach zu viel für mich.

Vor gut einem Jahr wurden immer mehr Corona-Maßnahmen gelockert und alles unterlag dem Ziel, die Deutsche Wirtschaft wiederzubeleben. Anfänglich wurde mit einem Wumms die Mehrwertsteuer gesenkt, aber das war ja alles noch harmlos und nur der Beginn viel weitreichender Konjunktur-Pakete.

  • Bereits im Spätsommer 2020 wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch alles kaufen sollte. Die monatlichen Zwangsumsätze, die deutsche Haushalte zu erreichen hatten, waren kaum zu schaffen. So viele Schuhe, Hemden und Hosen brauchte ich doch gar nicht. Oft habe ich dann irgendetwas gegriffen, zügig bezahlt und die Einkäufe dann aber dort stehen lassen.
  • Als das Wirtschaftsministerium dann die Haushaltsgeräte-Hersteller anwies, deutsche Fabrikate per Fernsteuerung außer Funktion zu setzen, begann der nächste Stress. Auf einmal mussten sich unzählige Haushalte neue Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kühlschränke anschaffen.  Endlich kam es zu den erhofften Lieferengpässen. Die alten Geräte waren aber nun mal kaputt. Das ebnete den Weg für die nächste Maßnahme.
  • Um die Gastronomie wieder anzukurbeln, sollten die Menschen verstärkt auswärts essen. Ich habe 20 Kilo zugenommen, kann keine Pizza und kein Schnitzel mehr sehen. Gehe ich am Asia-Bistro vorbei, kriege ich vom Glutamat-Aerosol rote Pickel im Gesicht. Der nagelneue Geschirrspüler hatte kaum noch etwas zu tun, der endlich gelieferte neue Kühlturm kühlte fortan nur noch mein Bier und die blauen Kühl-Packs für Sportverletzungen.
  • Auch mein alter Diesel versagte eines Morgens den Dienst. Bei 160.000 Kilometern. Dem Automobil-Club war untersagt, den Fahrzeughaltern zu helfen. Als ich die Karre eigenhändig zur Werkstatt schob, schüttelte man nur den Kopf. Reparatur-Verbot. Erlass vom Wirtschaftsministerium. Als ich dann mit einem Hybriden aus Japan liebäugelte, schickte man mir Agenten des Deutschen Automobilverbands auf den Hals.
  • Und dann ging es weiter. Um die am Boden liegende Hotellerie zu retten, wurde jeder volljährige Staatsbürger verpflichtet, einmal pro Woche in einem Hotel zu nächtigen. Kostenloses Pay-TV, freie Mini-Bar und Frühstück ans Bett machten diese Einzelhaft zwar annehmlich, ich wäre aber lieber zu Hause gewesen. 
  • Als dann nach den Sommerferien die Berliner Clubs wieder öffneten, mussten wir auch dort regelmäßig antanzen. Ich meine, Blitzlicht und Nebeleffekte sind ja schon anstrengend genug, aber dann noch tanzen? Mit Maske! Ich halte mich ja eigentlich für sportlich, aber das war dann doch zu viel.
  • Zum Herbst hin, wurden dann die Kinos geöffnet. Unmengen Filme wurden auf den Markt geworfen und die Kino-Industrie erwartete, dass man auch dort vorbeischaut. Der gute neue Stoff war schnell durchgesehen, dann folgten nur noch schlechte Remakes. Kinokarten gab es nur noch mit Snack-Paket zu kaufen und der Werbeblock war nun doppelt so lang.
  • Und dann noch die Luftfahrt. Der Staat war ja nun Miteigentümer einer Airline. Und die Flugzeuge sollten wieder fliegen. Du glaubst nicht wieviele Flüge ich absolvieren musste. Stundenlang saß ich im Flieger, manchmal drehten wir nur über der Stadt, damit die noch übrig gebliebenen Piloten ihre Pflichtstunden absolvieren konnten. Damit es nicht so langweilig wurde, haben sie dann Elemente aus dem Kunstflug eingebaut. Erstaunlich, zu was so ein Airbus fähig ist und wieviele Kotztüten ich gefüllt habe.

Und das war noch lange nicht alles, liebes Tagebuch. Während der Corona-Zeit dachte ich ja, dass all die Einschränkungen einen bleibenden Schaden in uns hinterlassen, aber es war eher die Zeit danach, als es all die Verluste wieder aufzuholen galt. Immer häufiger wünsche ich mich in die Corona-Zeit zurück. Alles war entschleunigt, das Meiste war geschlossen, man konnte mal was lesen und Podcasts hören. Wir waren schon froh, überhaupt mal vor die Tür zu kommen. Das waren noch Zeiten.

118) Corona-Lektionen 32

In welcher Homeoffice-Woche sind wir denn jetzt eigentlich? In Nummer 12 oder schon 13? Habe den Überblick verloren. Ich zähle noch einmal nach. Wir gehen nun in die 14. Woche!

Zwei Gedankengänge der letzten Tage:

Normalität 1: Viel wird derzeit geschrieben und besprochen, was uns wohl in der „neuen Normalität“, dem „New Normal“, erwarten wird. Der Begriff klingt verheißungsvoll, irgendwie nach Reform, oder? Als würde demnächst ein weißhaariger Mann mit Bart auf einen Hügel klettern und uns den Weg weisen, wie wir alle ab Stichtag X leben werden. Und so als würde diese neue Normalität dann eine Weile anhalten, bis sie dann mal wieder überarbeitet wird, wenn ein Grund dazu besteht. Ein neuer Virus, die Polkappen-Schmelze oder der Umwelt-Kollaps vielleicht? Der Begriff „Normalität“ scheint uns Orientierung zu geben, uns zu beruhigen, irgendwie unser Leben zu ordnen. Ist aber eigentlich auch Augenwischerei. Denn Normalität ändert sich doch täglich! Etwas wirkt auf uns ein, oder wir wirken auf andere. Das alles verändert den Status Quo. Und weil das so ist, brauchen wir auch nicht auf das „New Normal“ warten.

Normalität 2: Gemäß der großen Suchmaschine ist Normalität „ … das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen …“! Na bitte. Da steht’s doch. Und wie kommt es dazu? Normalität wird diktiert (z.B. durch Politik, Organisationen oder Gesetze) und sie wird bestimmt durch unser aller Handeln. Letzteres können wir direkt beeinflussen und können was draus machen. Sollten wir auch. Sonst machen es nämlich andere! Wie wollen wir künftig konsumieren, wie wollen wir uns ernähren, wir wollen reisen, wie wollen wir arbeiten? Da haben wir durchaus Einfluss und sollten uns nicht unmündig vor die Karren anderer spannen lassen.

Frohes Nachdenken!

T.

<— Corona-Lektionen 31

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116) Stell dir vor, du wirst 100 – Teil 2

<— Teil 1

Stell dir vor, du wirst im Juni 1970 fünfzig Jahre alt
In Vietnam herrscht immer noch Krieg, ein Mann betrat den Mond, Studenten-Proteste im Westen, im Osten führte man die Mark der DDR ein. Deine Kinder sind nun erwachsen und gehen ihre eigenen Wege.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1975 fünfundfünfzig Jahre alt.
Die RAF sorgt für Terror, bei Olympia in München nehmen Palästinenser israelische Sportler als Geiseln, die Bundesrepublik wurde wieder Fußballweltmeister. Deine ersten Enkel wurden geboren und machen ihre eigenen Schritte.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1980 sechzig Jahre alt
Die RAF wütete weiter, Prominente wie Biermann und Krug verließen die DDR, Elvis für immer die Bühne. Weitere Enkel erblickten das Licht der Welt, du bist mittlerweile mehrfache Großmutter und hast immer Gummibärchen in der Tasche.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1985 fünfundsechzig Jahre alt
Widerstand gegen Atomkraft treibt Menschen auf die Straße, im Westen entstand eine grüne Partei, DDR-Bürger flüchten über Deutsche Botschaften. Deine Enkel kamen in die Schule und entwickeln nun ihre eigenen Köpfe.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1990 siebzig Jahre alt
Wer hätte das geglaubt. Die Mauer ist offen. Menschen fielen sich in die Arme. Der Ostblock liegt wirtschaftlich am Boden. In wenigen Tagen wird es eine neue Währung geben, Deutschland hat gute Chancen auf einen erneuten Fußball-Weltmeister-Titel und in ein paar Wochen folgt dann die Wiedervereinigung.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1995 fünfundsiebzig Jahre alt
Die Sowjetunion fiel in sich zusammen, die EG wurde zur EU, auf dem Balkan herrscht schon wieder Krieg und man sprach wieder von ethnischen Säuberungen. Deine Enkel entdeckten den Computer, dein Mann die Malerei und Schreiberei.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2000 achtzig Jahre alt
Es war gelungen, ein Schaaf zu klonen, Computer hielten überall Einzug und man befürchtete den Super-Gau, wenn das Datum zur Jahrtausendwende wieder auf 01.01.00 springt. Ein Ur-Enkel wurde geboren. Dein Mann war zunehmend verwirrt, wandelte nachts durch die Wohnung. Er lebt nun im Heim, keiner weiß wie lange noch.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2005 fünfundachtzig Jahre alt
Wieder musstest du dein Geld umtauschen. Der Euro löste die D-Mark ab, eine Flutwelle tötet Tausende an den Küsten Südost-Asiens. Dein Mann war kurz nach deinem 80. Geburtstag verstorben, du bleibst allein in der Wohnung, so lang es eben noch geht.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2010 neunzig Jahre alt
Ein Deutscher wurde Papst, ein Afro-Amerikaner US-Präsident, Deutschland erlebte ein Fußball-Sommermärchen. Weitere Ur-Enkel wurden geboren, die Familie wächst und du musst mit dem Gedanken umgehen, in ein Seniorenheim umzuziehen. Es geht nicht mehr allein.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2015 fünfundneunzig Jahre alt 
Viele Naturkatastrophen gab es in den letzten Jahren, Deutschland schaltete Atomkraftwerke ab und wurde wieder Fußball-Weltmeister. Deine Tochter, mittlerweile selber in Rente und Großmutter, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Keine Mutter sollte ihre Tochter überleben.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2020 einhundert Jahre alt
Die Erde zählt knapp 8 Milliarden Bewohner. Menschen flüchten übers Mittelmeer nach Europa, das Klima spielt zunehmend verrückt, Brände, Dürren, Hochwasser. Kriege und Konflikte in Nahost. Alles scheint zu beben. Du sitzt im Rollstuhl, dein Gehör hat stark nachgelassen und die Gelenke an den Fingern machen auch nicht mehr so richtig mit. „Ach weißt du, mit mir ist nichts mehr los“, sagst du immer. Dann schlägst du deine Zeitung auf, schaltest den Fernseher laut an und machst dir ein Bild von dieser Welt. Kopf und Augen ganz wach. Einhundert Jahre später.

Und als hätte all das für ein Leben nicht schon gereicht, nun auch noch das
Ein Virus springt in China auf den Menschen über und hat sich wenig später bis in Deutsche Altersheime vorgearbeitet. Die Einwohner werden abgeschottet, keine Besuche erlaubt. Wochenlang.

Die ganze Familie will dich zum hundertsten Geburtstag besuchen. Darauf freust du dich schon seit Wochen. Das motiviert dich, gibt dir Kraft. Sie werden dann im Vorgarten stehen, dir winken, dir zuprosten. Du wirst drinnen im Speisesaal sitzen, zwischen euch die geschlossene Fensterfront.

Stell dir vor, du wirst 100.

115) Stell dir vor, du wirst 100 – Teil 1

Stell dir vor, du wirst im Juni 1920 geboren
Der 1. Weltkrieg ist vorbei, es gab eine Revolution, der Kaiser dankte ab und eine Republik wurde ausgerufen. Die Welt zählt circa 1,6 Milliarden Menschen. Herzlich Willkommen auf diesem Planeten kleines Mädchen!

Stell dir vor, du wirst im Juni 1925 fünf Jahre alt
Kriegsgeschädigte bestimmten das Bild der letzten Jahre, Hungersnot und Bettlerei. Epidemien zogen übers Land und die Währung wurde wertlos. Die Reichsmark wurde eingeführt und seit ein paar Monaten geht es wieder etwas bergauf.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1930 zehn Jahre alt
Die Wirtschaft brummt, Kultur, Kunst und Wissenschaft blühten. Man wird von den goldenen Zwanziger Jahren sprechen, auch wenn die leider nicht lange anhielten. Es krachte an der New Yorker Börse, die Weltwirtschaft rutschte in den Keller, die NSDAP gewann immer mehr an Zulauf. Braucht dich alles noch nicht zu kümmern, bist ja erst zehn Jahre alt.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1935 fünfzehn Jahre alt
Es gab eine Bankenkrise, der Reichstag wurde aufgelöst, Hitler zum Reichskanzler ernannt. Sie streben ein deutsches Reich an, schalteten Medien gleich und erließen Gesetze zur Judenverfolgung. Du bist eine junge Dame geworden, pass auch dich auf.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1940 zwanzig Jahre alt
Die Wehrmacht wurde gleichgeschaltet, Deutschland strebt in alle Richtungen. Einmarsch in Rheinland, Tschechoslowakei, Österreich und Polen. Ein junger Mann trat in dein Leben, stellte sich deinen Eltern vor und durfte mit dir tanzen gehen.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1945 fünfundzwanzig Jahre alt
Dein Liebster wurde `41 zu​r Marine eingezogen. Er sollte in den kalten Norden fahren und nur einmal pro Jahr nach Hause kommen. Ihr heiratet April `45, über euch die Flieger. Der Krieg ist erst seit ein paar Tagen beendet, das Land liegt in Schutt und Asche. Von deinem Mann gibt es keine Nachricht.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1950 dreißig Jahre alt
Dein Mann kam `46 nach Hause, er hat es überstanden. Zwei deutsche Staaten wurden gegründet, zwei neue Währungen eingeführt. Du hast gerade eine Tochter  geboren, es geht wieder aufwärts.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1955 fünfunddreißig Jahre alt
Beide deutsche Staaten bauten eine Ordnung auf, jeder für sich orientiert am Werte-und Wirtschaftssystem der jeweiligen Siegermächte. In der DDR rollten Panzer, die Bundesrepublik wurde Fußball-Weltmeister. Du hast einen Sohn geboren, ihr seid nun zu viert.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1960 vierzig Jahre alt
Die BRD und DDR festigen ihre politischen Systeme und entfernen sich immer mehr voneinander. Elvis wackelte mit der Hüfte und rockte die Bühnen, Rock’nRoll schwappt übern Teich. Deine Kinder gehen zur Schule und erleben eine schöne Kindheit.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1965 fünfundvierzig Jahre alt
Deutschland ist nun durch eine Mauer getrennt, die Supermächte rasseln mit den atomaren Säbeln. Die Beatles sorgen für Unruhe. Dein Mann arbeitet viel, du kümmertest dich um Haushalt und die Kinder.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1970 fünfzig Jahre alt
—> Teil 2

114) Corona-Lektionen 31

Die zwölfte Woche geht dahin. Eigentlich hatte ich ja keine Lust mehr, so viel über Corona zu schreiben, daher habe ich mich in den letzten Tagen dazu auch etwas zurückgehalten. Heute juckt es mich mal wieder in den Fingern.

Da wir Deutschen ja schon alle einmal Papst waren und als Bundestrainer in letzter Zeit wenig zu tun hatten, konnten wir nun alle Hobby-Virologen werden. Herzlichen Glückwunsch! Das versetzt uns in die Lage, überall mitzureden und etablierte Experten auch gern mal für Deppen zu halten. Und auch ich fühle mich nun erkoren, einen Beitrag zur wissenschaftlichen Bewertung zu leisten

R-Wert: Müsste mittlerweile jeder kennen. Alter Hut. Die Reproduktionszahl. Drückt aus wieviele weitere Menschen ein infizierter Mensch ansteckt. Soweit so gut. Aber das ist bei Weitem nicht alles.

Faktor S: Das S steht dabei für die Sektflaschen, die während der Corona Lockdown-Zeit im Stadtpark abgestellt wurden. Neben den Pizza-Kartons. Ein sicheres Indiz dafür, dass sich zum Abend ein paar Freundinnen oder Pärchen im Park treffen, quatschen und eine Pulle Sekt platt machen. Infektionstechnisch alles kein Problem, denn beide stammen aus dem selben Haushalt oder aus maximal zwei oder drei. Wenn es um Sektflaschen geht, kann man davon ausgehen, dass es kein Saufgelage war.

B-Faktoren: B1 steht für die Bierflaschen, die in den letzten Tagen vermehrt im Park herumlagen. Es ist hochwahrscheinlich, dass die Biere nicht von verliebten Pärchen in trauter Zweisamkeit vernichtet worden, sondern von eher von testosterongeladenen Nachtschwärmern. In diesem Zusammenhang sollte auch Faktor B2 betrachtet werden. Die Abkürzung B2 steht hier für Barbecue und wird durch all die Hinterlassenschaften im Park sichtbar.

Multiplier G: Das G steht hier für Gummi-Boote. Für all die bunten Kunststoff-Schiffchen und deren Party-Kapitäne, die sich unlängst auf dem Berliner Landwehrkanal zur einer „Demo“ trafen. Laut Berliner Morgenpost waren es etwa 300-400 Boote, alles in allem 3000 Menschen. What? Abstand, Mundschutz Fehlanzeige. Aber die Musik, die war wohl gut. Love Parade auf dem Wasser.

Und nun? Ganz einfach. Man nimmt den R-Wert und multipliziert wahlweise mit Faktor S oder (B1+B2) und dann noch einmal mit Multiplier G, dann kann man die Infektionen der nächsten 10 Tage prognostizieren.

Und wenn ich damit völlig falsch liege? Na ist mir doch egal! Dann schiebe es ich es einfach jemandem anders in die Schuhe und suche mir ein anderes Hobby.

PS: bloß gut, dass die Preise für Bier, Sekt und Gummi-Boote ab Juli gesenkt werden

Schönes Wochenende

T.

<— Corona-Lektionen 30

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113) Dienstreisen BC – Teil 3

<— hier geht’s zu Teil 2

Tja … und irgendwann war man dann halt eingeschlafen. Im Hotelbett. Ganz allein. Damals, vor Corona, als wir noch reisen durften, unser müdes Haupt auf zu dünne oder dicke Kissen legten und der Fernseher die halbe Nacht durch lief.

Und weiter geht‘s:

06:15 Uhr: Entweder klingelt der Wecker im Handy, Koffer poltern über den Flur oder die Sonne scheint durch den zu knappen Vorhang. Man wird wach. Aufstehen, wieder über diese doofe Dusche schimpfen, einen Fön suchen und sich fragen, wie man den Dreck des Vortags von den Schuhen bekommt

06:45 Uhr: Hinunter zum Frühstück, Zimmer-Nummer ansagen, Platz suchen, Kaffee besorgen, Rührei, Brötchen organisieren und Joghurt mit Obst fürs reine Gewissen. Ein Fremder will sich gegenüber setzen und eine Chinesische Reisegruppe stürmt das Buffet (… beides undenkbar heute oder?)

07:15 Uhr: Wieder rauf aufs Zimmer, fertig machen, Klamotten packen, Koffer und Tasche schnappen und dann zum Checkout. Anstehen, zum 100-sten Mal die Rechnungsadresse diktieren, fremde Kugelschreiber anfassen (… pfuiiii!) und dann Abmarsch zur Bahn.

07:30 Uhr: Irgendeine U-Bahn-Linie ist ausgefallen. Gedränge am Bahnsteig, dicht an dicht (… widerlich). Endlich kommt eine Bahn, alle rein da. Egal wie. Muss irgendwie gehen. Gegebenenfalls schieben, aufrücken, pressen und dichter zusammenrücken. „Hatschi!“. Gesundheit!  (…ekelig!)

08:15 Uhr: Ankunft im Office, Meeting vorbereiten, Teilnehmer begrüßen und dann die Agenda durchziehen wie geplant. Auf jeden Fall immer auf die Uhr trommeln, denn spätestens 16:20 Uhr muss ich den Hof verlassen, um meinen Flieger zu erreichen.

16:20 Uhr: So Leute, Tschüss, muss los! Hände schütteln, Schulter klopfen (… spread, spread, schmier, schmier …). Jetzt aber flott. Die Ernüchterung folgt am Ostbahnhof. Ein Vorfall auf der Strecke. Soll ich der alternativen Streckenempfehlung folgen, ein Taxi mit vier anderen teilen (… no way!) oder einfach abwarten? Jedes Mal eine kleine Lotterie. Egal was man macht, man hätte es auch anders machen können.

Im besten Falle erreicht man seinen Flieger und ist erst einmal happy. Bei Ankunft warten die nächsten Überraschungen.  Aber lest selbst.

Zu Erinnerung hier ein paar passende Beiträge aus alten Zeiten:

 

Ende der Serie

112) Dienstreisen BC – Teil 2

<— Hier geht’s zu Teil 1

Tja und dann liebe Kinder … dann war man halt irgendwann da. Ganz einfach. Der Zug fuhr am Zielbahnhof ein oder man krachte auf eine Landebahn und wurde in die Gurte gepresst. So war das damals. Damals vor Corona. Als wir noch auf Dienstreisen waren, um Kollegen zu treffen. So richtig treffen. Ja stellt euch das mal vor.

Und weiter geht‘s:

08:00 Uhr: Jacke schnappen, Tasche greifen, Koffer holen, warten, warten, Ausgang suchen, manchmal Passkontrolle, vielleicht noch Geld wechseln, Bahn suchen, Taxi suchen und irgendwie durchschlagen. (All die Haltestangen und Knöpfe die man da gedrückt hat … Ihhhhh Pfui!)

10:00 Uhr: Beim Meeting ankommen, Hände schütteln (stellt auch das mal vor!), Kaffee trinken, in fremde Kekspackungen greifen (ja echt!) und dann den ganzen Tag in einem Raum zusammenhocken. Wenn es ganz dicke kommt, dann ohne Fenster (Ekelhaft!).

12:00 Uhr: Lunch in einer Kantine. Brechendvoll. Warteschlangen an der Ausgabe und noch einmal an der Kasse. Tabletts, Teller, Besteck wechseln von Hand zu Hand. Wollen Sie mal probieren? Bitte greifen sie doch zu! (What? …. unglaublich!)

13:00 Uhr: Fortsetzung des Meetings bis die ersten müde wirken oder irgendwer den Tag für beendet erklärt

18:00 Uhr: Abmarsch Richtung Hotel, wieder durch die halbe Stadt, einchecken, Meldeschein zum tausendsten Mal ausfüllen, Zimmer finden, Klamotten notdürftig auspacken, Jeans anziehen und dann weiter ab zum Dinner. Oft im Team. Ja im Team. In einer Kneipe. Drinnen! (Würg…)

22:30: Seit 04:00 Uhr auf den Beinen, hundemüde zurück im Hotel, vielleicht noch ein paar Nachrichten, etwas abhängen und die Überraschungen auf dem Hotelzimmer genießen. Lichtschalter die keiner kapiert, Zig Kissen die niemand braucht und Bettdecken, die im Nu völlig verwurschtelt sind.

Aber lest selbst …

Zu Erinnerung hier ein paar passende Beiträge aus alten Zeiten:

—> Hier geht’s zu Teil 3

111) Dienstreisen BC – Teil 1

Mensch, was waren das noch für Zeiten, oder? Dienstlich verreisen. Damals vor Corona. „BC“, quasi. Bevor wir es vollkommen vergessen, hier ein paar Erinnerungen aus der Mottenkiste.

04:15 Uhr: Weckerklingeln, Aufstehen, Dusche und Bad, drei Espresso, eine Scheibe Toast, Koffer-Finale, Hemd, Anzug, Gürtel, Schuhe, Laptop, Telefone, Kopfhörer und dann runter zum Taxi.

05:00 Uhr: Fahrt nach Tegel, draußen ist es duster, es laufen immer noch Party-Gänger durch die Stadt, ich gebe mich wortkarg, der Taxi-Fahrer stimmt zu einem Gespräch an, ich bleibe sparsam an Worten.

05:25 Uhr: Ankunft Airport Tegel, Bezahlen, Koffer und Jacke schnappen, Anstehen, Sicherheitskontrolle, Duty Free, Wasser kaufen, hinsetzen, warten, nachdenken, gucken, nachdenken.

05:50 Uhr: Aufruf zum Boarding, aufstehen, hinsetzen da noch nicht dran, wieder aufstehen, der Herde folgen, Handy über Scanner halten, durch die Brücke zum Flugzeug gehen … ODER … die blöde Variante … Bus-Zubringer.

06:00 Uhr: Koffer oben rein, Jacke oben drauf, Hinsetzen, „Darf ich mal“, Aufstehen, Hinsetzen, Aufstehen, Hinsetzen, Kopfhörer, Podcast oder Musik, Flug-Modus ein.

06:20 Uhr: Türen zu, Sicherheitsunterweisung, Rollen, Stopp, Warten, Rollen, Stopp, Warten, Lärm, Ruckeln, Schütteln, Abheben, Räder rein. Bing. „Bitte noch sitzen bleiben, bis die Anschnallzeichen …“. Bing

So ungefähr ging es für mich die letzten 20 Jahre alle zwei, drei Wochen irgendwo hin. Meistens im Inland, manchmal auch ins Ausland. Nicht dass ich da mit Blick auf die CO2-Bilanz besonders stolz drauf wäre, auf die Work Life Balance schon gar nicht. Ich stehe auch nicht gern kurz nach 04:00 Uhr auf und verspüre auch kein gesteigertes Bedürfnis, eingequetscht auf einem Mittelplatz zu sitzen.

„Na, sei doch froh. Jetzt, mit Corona hat sich das doch erledigt …“, mag der Leser da sagen. Ja, schon irgendwie. Seit 11 Wochen habe ich keinen Flieger und keinen Zug betreten. Keinen schlechten Kaffee getrunken, mir nicht die Beine in den Bauch gestanden und keine Belege gesammelt, um die Kohle später wiederzubekommen. Das klingt schon befreiend, ja.

Aber irgendwie … ehrlich gesagt … vermiss … , … ja ich vermisse es.

Ich würde echt gern mal wieder um 04:00 Uhr aufstehen und irgendwo hinreisen.

Zu Erinnerung hier ein paar passende Beiträge aus alten Zeiten:

—> Hier geht’s zu Teil 2

 

 

110) Corona-Lektionen 30

Wir gehen auf die 11. Woche im Family-Homeoffice zu. Vielleicht sollten wir Kerben in den Türrahmen ritzen? Das glaubt sonst später keiner. Vielleicht wird unsere Bude ja in 30 Jahren zum Museum erklärt und ich führe Schulklassen durch die Gemächer.

Und wieder ein paar Gedankengänge der letzten Tage:

Fußball: Das gestrige Fußall-Derby des Hertha BSC gegen Union Berlin fand als Geisterspiel statt. Im Berliner Olympia-Stadion. In dem Monumental-Bau der sonst 75.000 (!) Menschen einen Sitzplatz bietet. Laut Berliner Zeitung waren dort gestern 300 Menschen unterwegs. Spieler, Funktionäre, Presse und Sicherheit. Nicht nur das Spielergebnis war übel, auch die komplette Situation. Ein paar Stimmen brüllten Anweisungen über den Platz, es klang wie in einer Schwimmhalle. „Nich‘ vom Beckenrand springen!“, „Nich‘ rennen, is’ glatt hia!“. „Finger zusammen, hab‘ ick jesacht!“ Ich verstehe nicht, warum dort keine Zuschauer hineindürfen. Soll man halt nur jeden fünften Platz besetzen, dann müsste sich doch das Ansteckungsrisiko in Grenzen halten, oder? Und vielleicht diese Plätze nicht an die Meistbietenden verticken, sondern eher an Menschen, die sich so etwas sonst nicht leisten können oder es in den letzten Wochen besonders schwer hatten. Das muss doch gehen!

Besuch: Sie darf wieder besucht werden. Aber nur von einer Person aus der Familie. Und die Sicherheitsmaßnahmen sind streng. Terminvereinbarung, Warten am Tor, Gesundheitsabfrage, Protokoll, Unterschrift, Temperatur messen, Mundschutz um, Kittel an, Handschuhe an und im Besuchsraum an einem 1×2 Meter langen Tisch Platz nehmen. An der schmalen Seite. Warten. Sie wird hereingebracht und am anderen Ende des Tisches abgestellt. Körperkontakt ist verboten. Ein Betreuer bleibt in Sichtweite und rückt ihre Maske zurecht, sollte sie verrutschen. Eine Kommunikation mit ihr, ist auf zwei Meter Distanz kaum möglich. Sie hört sehr schlecht, er hat ein Textil vor dem Mund. Seine Mundbewegungen kann sie nicht sehen. Er nutzt Arme und Hände, um sich verständlich zu machen. Ja, wo waren die denn da? In der JVA Tegel etwa? Nee. Ein Sohn besuchte seine knapp hundertjährige Mutter im Altersheim und brachte ihr die bunten Zeitungen der letzten 10 Wochen. Ein Foto verlässt das Haus. Der Stoff bedeckt Mund und Nase, aber ihre Augen … die glänzen … die sind so wach … so froh über seinen Besuch und die vielen bunten Zeitungen.

Vermischtes:
„Wenn morgen Maskenball wäre, wüsste ich was die Leute dazu tragen.“
„Angebot das Tages: Spaghetti Corona. 7,90 EUR. Nur zum Mitnehmen“
„Du Schatz, sag mal, haben wir eigentlich noch Alu-Folie?“
„Ich kauf mir lieber einen Alu-Hut, der steht mir so gut, der steht mir so gut…“
“Darf‘s noch etwas Corona sein? Nein danke, ich bin satt.“

 

Und zum Schluss noch ein Zitat aus „Warten auf’n Bus“:
„Alta, ick schäm ma so dass Leute denken, dass ick irre bin, so dass ick davon schon wieder irre werde.“

 

Schönen Sonntag!
T.

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