137) Corona-Lektionen 45

Also warum eigentlich, wird an den Menschen, die das mit Corona etwas lockerer nehmen, immer so herumnörgelt?

  • Sie feiern doch extra in Parks und auf Plätzen, um das Infektionsrisiko klein zu halten und unser aller Gesundheitssystem zu schonen.
  • Dem Kleingewerbe helfen sie auch durch die Krise, in dem sie beim Späti fleißig Bier, Schnaps und Kippen kaufen.
  • Sollten sie nachweislich erkranken, laufen sie noch schnell in all die Clubs der Stadt, um ihre Freunde zu warnen.
  • Und wenn sie im Bus keine Maske tragen, dann doch eigentlich nur, weil sie den anderen Menschen welche übrig lassen wollen.
  • Sie kommen uns oft sehr nahe, um genau das zu tun, was doch immer gefordert wird. In schwierigen Zeit dichter zusammenrücken, dem anderen die Hand reichen und füreinander da sein

Also, das ist doch alles sehr selbstlos und sozial, oder 😉

<— Corona-Lektionen 44

59) Neujahrsvorsätze radikal

Zwischen dem fetten und süßen Essen der letzten Tage, hat bestimmt der Ein oder Andere über ein paar Vorsätze für 2020 nachgedacht, oder? Ich vermute mal, dass sich viele Menschen ähnliche Dinge vornehmen. Neulich kam mir so die Frage in den Kopf, wie solche Vorsätze wohl klingen würden, wenn man sie ins andere Extrem umkehrt, sie radikalisiert und mit Wut garniert.

Vermutlich stehen Sport und Bewegung wieder recht weit oben auf dem Zettel:
„Ich nehme mir vor, meine neuen Laufklamotten und Schuhe, direkt in die DRK-Kleidertonne zu werfen und fortan keinen Sport mehr zu machen. Horizontal bewege ich mich nur noch mit einem E-Scooter, vertikal nutze ich ausschließlich Fahrstühle und Rolltreppen. Sport ist Mord!“

Aber auch die Ernährung ist mit Sicherheit unter den Vorsätzen vertreten:
„In 2020 will ich deutlich mehr Fleisch essen. Vorzugsweise pupsendes Rind aus Argentinien. Dieses ganze Gemüse ist eher was für den Bio-Diesel und das angebumste Obst aus’m Bio-Laden ist zu mickerig, viel zu teuer und nur etwas für die Neo-Hippies aus dem Prenzlauer Berg. Fleisch ist das neue Gemüse!“

Bestimmt stehen auch Umwelt und Klima auf der Liste:
„Im neuen Jahr werde ich meinen liebgewonnenen Diesel jeden Tag ausfahren. Alles über 300 km Strecke werde ich mit dem Flugzeug fliegen. Dieses ganze Klima-Gerede der kleinen Schwedin geht mir am Auspuff vorbei. Unsere Kinder sollten Freitags wieder in die Schule gehen und was fürs Leben lernen. So wie wir damals. Oberprima statt Kinder-Klima!“

Achtsamkeit und Mitmenschlichkeit sind bestimmt auch dabei:
„Ab nächstem Jahr werde ich verstärkt auf mich achten. Die Spenden an die Hilfsorganisation stelle ich ein, der Typ an der Tür zur Spasskasse kriegt keinen Cent mehr. Der soll besser mal besser arbeiten gehen, statt mir nur seinen Papp-Becher für mein hart verdientes Kleingeld hinzuhalten. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“

Und der Umgang mit Social Media fehlt bestimmt auch nicht:
„Für’s neue Jahr nehme ich mir vor, mehr im Netz aktiv zu sein und da auch meine Meinung laut kundzutun. Ich werde klicken, liken und posten bis der Akku qualmt. Den Fernseher verkaufe ich, Bücher entsorge ich und dann tobe ich mich anonym im Internet aus, beschimpfe die anderen Idioten da draußen, „bashe“ und „hate“ wie es mir beliebt. Wird man ja wohl mal sagen dürfen!“

Na, wie liest sich das?

39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

Frühere Beiträge zum Thema:

38) Nervensäge in der Luft

Es ist Sonntag 06:45 Uhr, ich besteige meinen Flieger und freue mich auf eine Stunde Ruhe. Der Wecker hat heute schon 04:15 Uhr geklingelt, das ist echt zu früh fürs Wochenende, also vielleicht kann ich über den Wolken noch etwas schlafen. Nach dem ich es mir auf meinem Platz halbwegs gemütlich gemacht habe, betritt eine Großfamilie den Flieger. Auf einmal herrscht viel Getöse, ich verstehe kein Wort von dem, obwohl der Vater so laut ruft, als befehlige er eine ganze Kompanie. Die Meute läuft hintereinander den Gang entlang und sucht die Sitzplätze. Um so weiter sie das Flugzeug erobern, um so lauter quäkt es aus einem schlechten Lautsprecher. Irgendwelche Kinder-und Monsterstimmen schreien sich an, scheinen sich zu jagen. Ich kann das noch gar nicht zuordnen.

Der Vater hält abrupt an der Reihe vor mir und stoppt den Zug. Och nöö, bitte nicht. Hinter mir ist doch auch noch viel Platz. Hinter dem breiten Vater wird der Rest der Sippe sichtbar. Alle genauso übergewichtig, ganz wie ihre bunten Koffer, die sie als „Handgepäck“ hinter sich her ziehen. Ein dicker Sohn um die 14 Jahre, eine dicke Tochter so um die 10 und dann noch ein kleiner Sohn, 5 Jahre alt würde ich mal sagen. Nicht dick. Noch nicht. Er hält Handy an sein Ohr, aus dem diese Stimmen schreien. Hat der Bengel denn keine Kopfhörer?

Sie verteilen ihre Roll-Schränke in den oberen Fächern, der größte von ihnen guckt noch 10 Zentimeter aus dem Fach heraus. Als eine Flugbegleiterin den Vater darauf hinweist, dass die Klappe so niemals zugeht, tut der so als kapiere er das nicht. Das Handy des kleinen Sohns schreit pausenlos, ringsherum schütteln Passagiere schon mit dem Kopf. Aber keiner schreitet ein. Ich auch nicht. Gilt man dann gleich als Kinder-Hasser, wenn man da mal etwas sagt? Wird der Fratz dann noch lauter und dreht erst recht durch, wenn er nichts mehr aus dem Sprechkasten hören darf? Als der Flieger auf den Runway einbiegt, schalten sie das Gerät zum Glück ab. Es wird plötzlich ruhig vor mir in der Reihe. Vielleicht ist er jetzt ja müde und schläft noch mal ein? Ich vielleicht auch?

Aber kaum ist der Flieger in der Luft und es gongt, will der kleine auf die andere Seite des Ganges zu seiner Mutter wechseln. Neben ihr ist noch ein Platz frei, den der Racker lautstark erklimmt. Das Flugzeug ist noch in Schräglage, die Anschnallzeichen leuchten, aber die Nervensäge hält Sitz und Rückenlehne für eine Hüpfburg mit Rutsche. Die Eltern unternehmen nichts. Als der Tyrann auf diese Weise keine Aufmerksamkeit erlangen kann, nimmt er sich seinen Vordersitz vor. Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Trommel-Wirbel mit den Schuhen gegen die Lehne vor ihm. Sein Vordermann bekommt kein Auge zu, würde er aber gern, so wie er aussieht. Nach 15 Minuten kommt endlich der Getränkewagen, das lenkt das nervende Balg etwas ab. Der Steward fragt die Familie nach ihren Getränke-Wünschen ab. Zwei Cola, zwei Fanta und eine Sprite für den kleinsten. An einem Sonntagmorgen um 07:15 Uhr. Na Großartig, dann kriegt der jetzt noch einmal einen Energie-Schub.

Nachtrag, Mittwoch, 16. Januar, Dubai:

Mein Kollege und ich gehen zum Frühstück. Wir suchen uns einen ruhigen Platz am Fenster. Kaum sitzen wir, schreit und quietscht es schon wieder aus einem Lautsprecher. Ich zucke zusammen. Ist die Familie aus dem Flieger etwa auch hier abgestiegen? Aber nein. Am Nachbartisch sitzen 3 Erwachsene und ein Kind. Alle vier Frühstücken. Einer von ihnen spielt dabei lautstark auf dem Handy. Wer?

14) Tiefgarage

Mit der neuen Wohnung, sollte sich endlich die Möglichkeit ergeben, einen festen Parkplatz zu erhalten. Großartig. Nieder wieder Kreise im Kiez drehen auf der Suche nach weißen Rückfahrleuchten, die sich langsam auf die Straße schieben. Auf dem Bauplan für die Tiefgarage waren die Parkplätze im Wesentlichen so angeordnet, dass immer drei Parkplätze nebeneinander folgten und dann eine Säule. Mit viel Respekt vor den Säulen und der Angst vor Beulen im eigenen Blech, wählten wir den Mittelplatz von den drei Plätzen. Mir schien das sehr durchdacht. Also entschieden wir uns für diesen Platz und machten ihn zum Teil des Kaufvertrags. Leider war das ein Fehler, wie sich aber erst im Alltag herausstellte. Benennen wir hier unseren mittleren Platz zum besseren Verständnis als „Nummer zwei“. Den Platz rechts von uns nennen wir einfach „Nummer drei“. Diese „Nummer drei“ gehört einem Niederländer. Leider haben Niederländer, zumindest dieser eine, höllische Angst vor Beton-Säulen. Also hält er ordentlich Abstand von seiner rechten Säule und drückt dabei deutlich in Richtung Platz „Nummer zwei“. Also unserem. Den Platz links von uns nennen wir hier mal „Nummer eins“. Auf Platz „Nummer eins“ steht üblicherweise ein Passat Kombi. Dessen Eigentümer kann durchaus gut parken und kommt auch mit der Säule zu seiner linken ausreichend klar. Normalerweise würde der Besitzer vorwärts einparken damit er den Platz hinter der Säule als Schwenkbereich für seine Fahrertür nutzen kann. Blöderweise steht hinter der Säule immer ein Moped. Und das gehört dem Eigentümer des Platzes zu seiner Linken. Nennen wir ihn hier „Platz null“. Daraus lässt sich nun eine sehr einfache Gleichung für meinen täglichen Ärger aufstellen. Wenn das Moped von „Platz Null“ hinter der Säule steht, kommt der Besitzer von „Platz eins“ schlecht aus seinem Auto. Also parkt er rückwärts ein. Da er wegen seiner Kinder auch nicht mit der Beifahrerseite allzu dicht an den Pfosten will, rutscht er etwas in Richtung „Platz zwei“. Dass der A4 Kombi aus Holland grundsätzlich zu weit in Richtung „Platz zwei“ rückt, habe ich oben schon ausgeführt. Aus der Situation rechts und links von unserem Platz ergibt sich konsequenterweise, dass ich es mit meinem Auto durchaus noch auf meinem Platz passe, leider müsste ich aber im Auto übernachten oder komme am frühen Morgen kaum noch in mein Auto hinein. Dieses offensichtliche Missverhältnis muss auch den Fahrern von „Platz eins“ und „Platz drei“ bewusst sein. Das geht gar nicht anders. Das ist offensichtlich. Vermutlich denkt Besitzer von „Platz drei“, dass Besitzer von „Platz eins“ etwas für mich tun könnte. Der Besitzer von „Platz eins“ schiebt die Verantwortung dem Holländer auf „Platz drei“ in die Holz-Schuhe. Vielleicht denken auch alle an das blöde Moped von „Platz null“. Der ist ein großer Mitverursacher dieses Konflikts. An mich aber denkt keiner.

Frühere Beiträge zum Thema Wohnen:

13) Hausordnung

Weitere wunderbare Aufregbarkeiten ergeben sich aus Hausordnungen. Der Begriff klingt wie eine Legende aus dem letzten Jahrtausend. Vermutlich wurden Hausordnungen in Deutschland oder Österreich erfunden, die einzigen beiden Länder auf der Welt, deren Einwohner solche Regelwerke in den Eingangsbereich der Wohnhäuser nageln. Ich finde diese Werke eigentlich gar nicht so dumm, insbesondere dann, wenn sie mit Augenmaß formuliert sind. Kurz nach dem Einzug in unsere neue Wohnung, hatte ich auf einer Eigentümerversammlung die einzigartige Gelegenheit, an der Schaffung einer solchen Hausordnung mitzuwirken. Ein Wahnsinnsgefühl. So als würde man die Verfassung eines frisch gegründeten Staates erschaffen. Die Haus-Verwaltung moderierte diesen Prozess und erklärte zunächst Sinn und Zweck einer solchen Werkes und was im Normal-Fall darin geregelt wird. Ein durchaus nachvollziehbares Anliegen der Hausverwaltung, war der Verbot von sämtlichen Brandlasten in den Fluren und in der Garage. Gemeint waren Schuhe oder kleine Regale vor den Wohnungstüren und Chemikalien oder Reifen in der Garage. Ich fand das in Ordnung, man kann die Dinge sicherlich woanders unterbringen. Ein weiterer Paragraph zum Verschluss von Kellertüren und Garagenzugängen hätte für meinen Geschmack nicht sein müssen. Jeder ist eigentlich alt genug zu wissen, dass das eine Selbstverständlichkeit ist, wenn man nicht vor geknackter Keller.Tür stehen will und in die leeren italienischen Wein-Kartons blicken möchte. Anschließend fragte die Hausverwaltung, was der Eigentümergemeinschaft denn sonst noch wichtig wäre. Ich hatte noch ein sehr unbeliebtes Thema auf der Zunge, hielt es aber noch etwas zurück. Vielleicht gab es ja noch wichtigere Dinge der anderen Teilnehmer. Die erste Wortmeldung folgte: „das Grillen im Hof sollte doch erlaubt sein, natürlich nur in Maßen“. Na prima, das sind also die Themen, die unsere Nachbarn bewegen. Per Mehrheitsbeschluss wurde die Regelung in die Hausordnung Ordnung formuliert. Egal, auch das wird nicht jeden Tag sein. Nun war es Zeit mein Thema anzubringen. Mir war es durchaus wichtig, aber auch klar, dass ich damit nicht zum Held des Abends werde. Unweit neben mir saß eine junge Mutter, sie schien auch ein Anliegen zu haben aber sie brachte es nicht raus. Also nutzte ich die Gelegenheit. Ich fragte, wie ist denn um Ruhezeiten stünde. Sofort ging ein Raunen durch die Menge. Wir seien „ja nicht im Kindergarten“. Die junge Frau unweit von mir nickte aber eifrig und deutete ihre Unterstützung für meinen Vorschlag an. Na prima, das ist ja ein toller Einstand hier. Nach einigem Gerangel, ließen wir uns auf eine Mittagsruhe am Wochenende herunterhandeln. Bedingung war aber, dass die mit dem Einzug verbundenen Bauarbeiten in den Wohnungen noch nicht dieser Hausordnung unterliegen. Also konnten die Bosch-Bohrhammer noch viele weitere Löcher bohren. Das war für mich in Ordnung, denn auch ich hatte noch genügend Bohraufträge meiner Ehefrau vorliegen. Und wie ist es nun circa fünf Jahre nach Einzug? Bitte raten! In den Fluren stehen Schuhe, manchmal kleine Holzregale oder Skate Boards. In der Garage stehen Winterreifen, Öl-Flaschen und Schlitten. Die Tür zum Keller ist meistens unverschlossen, die Garagen-Tür eigentlich immer. Wenn es um die „hart erkämpfte“ Ruhezeit geht, drehen die Bosch-Bohrhammer ihre Runden.  Vorzugsweise nach dem IKEA Einkauf am Stamstag ab 13:00 Uhr oder kurz vor dem Tatort am Sonntagabend.

4) Wer sind diese Egoisten

Ja, wer sind denn aber diese Egoisten, diese Ignoranten, die Menschen, die sich einmischen, uns beeinflussen oder bevormunden? Das ist eine gute Frage. Grundsätzlich, würde ich sagen, es sind immer die anderen. Ganz klar. Ich bin es natürlich nicht. Aber der Reihe nach. Das Feld von Einmischung und Bevormundung und häufig von der öffentlichen Hand, deren Institutionen und unseren Volksvertretern besetzt. Das reicht von deplatzierten Statements in der Presse bis hin zu völlig sinnfreien Regelungen. Aber auch die Privatwirtschaft nimmt Einfluss auf uns. Jeden Tag. Sei es in der Art wie wir konsumieren sollen oder was wir an Geld auszugeben haben. Der Natur-Egoismus und die Ignoranz sind sehr häufig unter uns Privatmenschen anzutreffen. Insbesondere wenn man eine Familie hat, wird man schnell Zeuge von diesem sehr groben Miteinander. Vielleicht sind die Familien auch besonders empfindlich. Zum einen versuchen Sie ihren Kindern Werte beizubringen, zum anderen erfahren sie aber mit voller Härte, was andere Mitmenschen davon halten. Nichts. Familien sind aber nicht nur Opfer sondern auch Keimstätte für kräftige Ellbogen. Auch Familien haben ihren Anteil daran an dem Miteinander. Insbesondere dann, wenn sie zum verlängerten Ellbogen der Eltern werden. Und nun? Nun, ich denke es wird langsam Zeit für ein paar Geschichten aus dem Großstadt-Alltag. Dabei werde ich häufiger den Scheinwerfer auf Alltagssituation richten, bei denen es um unsere kleinen Zweibeiner geht. Für uns Erwachsene ist es vermutlich eh schon zu spät, der nächsten Generation können wir hoffentlich noch ein besseres Beispiel sein und etwas Anderes vorleben. Das ein oder andere Mal werde ich auch im persönlichen Familienarchiv wühlen und ein paar Geschichten preisgeben.

3) Aufgregbarkeiten

Im zweiten Teil des Titels macht sich das Wort „Aufregbarkeiten“ breit. Ein Wort, dass es eigentlich gar nicht gibt. Selbst die allzu schlaue Suchmaschine bestätigt es. „Es wurde keine mit deiner Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden“. Für den ähnlichen Wortstamm „erregen“ zum Beispiel, gibt es durchaus Wortgebilde wie „erregbar“ und „Erregbarkeit“. Das sind also Gelegenheiten, die jemanden eben erregen lassen. Hier geht es aber nun um Gelegenheiten oder Situationen aus der Hauptstadt die mich „aufregen“ lassen. Wie gesagt, ich will nicht mahnen, klagen, aufwiegeln oder rächen. Ich möchte nur mit meinen Bildern und Worten aufzeigen. Und wenn der ein oder andere Leser ähnliches erlebt hat und es ihn stört, habe ich wieder Hoffnung. Ertappt sich dabei ein Leser selbst oder fühlt sich mit meinen Worten gemeint, genieße ich das in Stille und hoffe auf Besinnung oder Erleuchtung.

2) Egoismus-Lexikon

Wenn ich das Wort Egoismus so vor mich hin und her drehe, kann ich darin mehrere Arten sehen. Mag sein, dass die Wissenschaft zu ganz anderen Definitionen kommt, aber ich will ja hier auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Ganz oben sehe ich die Kategorie des „Natur-Egoismus“. Darunter fallen Menschen, die ernsthaft davon ausgehen, dass sie ganz allein auf dieser Welt leben. Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen, denn der jeweils andere, der egoistisch behandelt wird, existiert quasi nicht. Dieser Kategorie kann ich schon fast ein paar Sympathien abgewinnen, denn dieser Egoist ist mit sich absolut im Reinen. Er fühlt sich nicht schlecht dabei und kann sich gar nichts zum Vorwurf machen. Schlimmer ist eigentlich die zweite Kategorie. Die „Ignoranz“. Die Ignoranten wissen durchaus, dass es noch andere Artgenossen auf der Welt gibt und sie sehen sogar, wie sie anderen Menschen in der Situation eigentlich schaden. Aber es ist ihnen total egal. Es wird trotzdem entsprechend gehandelt. Hauptsache er oder sie oder auch seine Kinder setzen sich in der Hackordnung durch. Die dritte und vierte Kategorie, muss man ganz dicht beieinander eröffnen, denn sie agieren auf ähnliche Weise subtil. Beide könnten fast Zwillingsschwestern sein. Da sehe ich zum einen die „Einmischung“ und aber auch die „Bevormundung“. Beide Typen tanzen etwas aus der Reihe, da sie nicht so offensichtlich wie „Natur-Egoisten“ und „Ignoranten“ daherkommen. Aber für mich gehören sie mit dazu. Denn wenn wir in manchen Situationen quasi überhaupt nicht existieren oder auch mit voller Absicht ignoriert werden, frage ich mich in anderen Situationen, ob wir nicht selbständig genug sind, um nach eigenen Kriterien abzuwägen und unsere Entscheidungen zu fällen. Stattdessen grätschen aber in diesem Moment Personen oder auch Institution in unser anwesendes Leben und lassen die beiden Zwillinge darin toben. Mit schlauen Ratschlägen und vermeintlicher Expertise tauchen sie wie aus dem Nichts auf und geben ihren Senf zu unserem Alltag dazu. Auch wenn wir unser Leben lieber ohne Senf mögen.

1) Metropolen-Egoismus (Intro)

Metropolen-Egoismus? Was für ein eigenartiger Name für die Rubrik? Da möchte ich auch gar nicht widersprechen. Ich habe lange überlegt, wie ich das hier nennen könnte und es ist leider nichts vor meinem Inneren Auge erschienen, was vielleicht etwas cooler klingen würde. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Titel noch gar nicht so sehr festlegen will, er will noch etwas mehr Spielraum lassen und vielleicht mehrere Felder bedienen. Wir werden sehen, was sich so ergibt. Und was kann der Leser nun hier erwarten? Einen erhobenen Zeigefinger, dass wir doch alle etwas rücksichtsvoller miteinander umgehen sollen? Nein, diesen Anspruch haben die Texte nicht, obwohl das sicher mal dringend nötig wäre. Was wird es dann? Ein Klagelied auf die Ellbogengesellschaft? Nein, ich will auch nicht klagen. Klagen bringt nicht viel, besonders dann, wenn alles beim Alten bleibt und man nichts verändert. Ich will eher einladen zu einer kleinen geführten Sightseeing-Tour durch das häufig doch sehr raue Berlin. Besonders an den hässlichen Sehenswürdigkeiten des täglichen Miteinanders möchte ich gern etwas verweilen, ich will das Licht anschalten und die Kamera drauf richten. Das Übel ans Tageslicht zerren und öffentlich zur Schau stellen. Tja, was könnte dann sonst noch enthalten sein? Ein Appell an die Moral, Sitte und Anstand? Ja vielleicht ein wenig davon, denn es hört heute ja meist bereits dann schon auf, nachdem man einer alten klapperigen Frau in der Straßenbahn den eigenen Sitzplatz anbietet oder im Weg eines blinden Mannes etwas korrigierend eingreift. Und selbst diese Selbstverständlichkeiten scheinen vergessen worden zu sein.