26) Double-Deck

Ich manchen Kellern, Dachböden und Wochenend-Häusern stehen noch echte technologische Meisterstücke. Manche sind uralt und schon echt museumsreif, andere hingegen tun immernoch ihren treuen Dienst. Die sind auf keinen Fall „alt“ oder „aus einer anderen Zeit“, denn dann wären wir das ja auch.

Dazu gehört zum Beispiel das Double-Deck:

  • Es hat kein Display, man kann nicht auf ihm „wischen“ und beim Ruf nach „Alexa“ zuckt es nichtswissend die Schultern
  • Seit den 80-ern braucht es keine Updates, keine Schutzfolien, keine Backups und auch keine Ersatz-Akkus. Selbst bei aufziehenden Clouds, bleibt es gelassen und weitestgehend wartungsfrei
  • Es ist komplett offline und analog, statt Facebook-Account oder Fingerprint besitzt das Ding einen orangen Schalter, um es in Gang zu setzen
  • Hat man elektrischen Strom und etwas Äther zur Hand, entwickelt sich ein bombastischer Sound, bei der selbst der tragbare Speaker aus der Neuzeit etwas blass aussieht
  • Es bietet stolze 26 Schalter und Drehknöpfe, um das Hörvergnügen zu optimieren. Mono, Stereo, CrO2, LW, MW, Balance, Beat, Bass, Treble und so weiter machen das Ding anfassbar
  • Wem der Kasten zu grau ist, der kann ihn mit Aufklebern aus der Bravo bekleben oder mit einem Edding verzieren. Auch politische Statements machen sich immer gut darauf.
  • Die ausziehbare Antenne hat es schon vor Jahren dahingerafft, seither ermöglicht eine Gabel den Zugang zu Frühstücksradio, Hitparade und Halbzeitkonferenz.
  • Eine illegale Depeche Mode-Kassette von polnischer Herkunft und übelstem Klang im linken Deck, liess sich auf eine noch „leere Kassette“ im rechten Deck überspielen. Sogar in „High Speed“!

Im besten Falle auf eine Super Chrome II Audio 90 Minuten, Slim!!

Frühere Beiträge zum Rrrrrradio und Glotze:

38) Zahnarzt

Wenn es um Zahnarzt-Besuche geht, bin ich eine echte Pfeife. Ein Weichei, ein Schisser, eine Flachzange, ein Drückeberger… die deutsche Sprache ist da recht vielfältig. Allein die telefonische Termin-Vereinbarung kann sich etwas hinziehen. Es gibt immer genug Gründe, diesen einen Anruf noch etwas hinauszuschieben. Viel Arbeit und „andere wichtige Projekte“ zum Beispiel. Aufgrund einer anstehenden Asien-Reise, musste ich nun doch mal zum Hörer greifen, denn vor Ort wollte ich bestimmt nicht zum Zahnarzt gehen. Als die Hürde des Anrufs aber erst einmal gemeistert war, trat sofort Erleichterung ein. Mein innerer Schweinehund war zunächst überwunden. Aber damit begann die Qual ja eigentlich erst. Zunächst war der Termin noch wochenlang entfernt, es gab noch viele andere schöne Dinge bis dahin. Dann waren es nur noch ein paar Tage bis zum Zahnarzt-Besuch, dann auf einmal war der Termin … „heute“. Heute schon?

Schon beim Gedanken daran, werden meine Hände feucht und kalt. Ich gehe also auf die Praxis zu und erhoffe ein Schild mit der Aufschrift  „wegen Krankheit bis auf weiteres geschlossen“. Das Schild fehlt aber und alle Türen springend summend auf. In der Praxis bin ich der Einzige und werde freundlich begrüßt. Eine kurze Ruhe-Pause wird mir noch gegönnt, dann ruft man mich ins Zimmer 1. “Machen Sie es sich bequem“.

Nun geht alles Schlag auf Schlag. Eine Betäubungs-Spritze ins Zahnfleisch, dann zunächst der kleine „fiepende“ Bohrer und dann der große „rubbelnde“ Bohrkopf, der meine Schädeldecke zum Vibrieren bringt. Zum Finale folgt noch ein Bohrer mittlerer Größe, der ganz laaaaaangsaaaam und  ausführlich das neue gebohrte Loch durchwühlt, um wirklich aaaaaaaalles zu erwischen und ans Tageslicht zu befördern. Es ist ein furchtbares Geräusch. Es ist ein „Kratzen“, „Schleifen“, „Feilen“, „Schleifen“… und da ist die deutsche Sprache auf einmal sehr arm an Wörtern.

Der Arzt ruft der Schwester ständig irgendwelche Abkürzungen und Nummern zu? Ist das etwa das Material, was er als nächstes benötigt oder sind das bereits die Nummern der Zähne, die in den nächsten Wochen noch dran sind. Ich kann nicht fragen, ich habe ein Pfund Watte-Stäbchen im Mund und einen Schlauch, der literweise „Sabber“ absaugt. Wo fließt die eigentlich hin, versuche ich mich abzulenken. Gibt’s im Keller etwa einen großen „Sabber“-Behälter, der einmal im Monat abgeholt wird und zu Frischwasser aufbereitet wird? 

Mein Kopf brummt und meine Ohren klingen, aber das Schlimmste scheint überstanden. Noch etwas Schmiere in das Loch, dann die Füllung rein, Heizlampe drüber und nur wenige Momente warten. Schon erstaunlich, was die Werkstoffe heute so ermöglichen. Nun noch mehrmals zubeißen und etwas nachschleifen, bis die Zähne oben und unten wieder aufeinander liegen und klappern können. Geschafft. Nach gut einer Stunde darf ich wieder aufstehen. Noch etwas wackelig auf den Beinen, verspreche ich Arzt und Schwester, mich bald wieder zu melden. Ernsthaft. Diesmal wirklich. Versprochen…

Ich torkele auf die Straße, laufe zur Tram und denke nach:

  • Wann gibt es endlich die ersten Nano-Roboter? Ich wüßte sofort einen Anwendungsfall.
  • Was kann man nur gegen diese Geräusche machen? Vielleicht Ohrschützer von der Baustelle besorgen?
  • Und warum muss im Praxis-Radio „103.6 LTR, Achim und das Morgen-Team“ laufen? Die ganze Bohren ist doch nun schon echt anstrengend genug, oder?

Bin ich hier der einzige Schisser?

 

 

2) Radio aus Fernost

Wir wollten uns ein neues Küchenradio zulegen. Irgendetwas kompaktes, was aber trotzdem einen guten Klang hat. Es sollte weiß sein, eine klassische Antenne haben und von guter Qualität sein. Auch einen integrierten Akku sollte es haben, da wir an seinem künftigen Stellplatz keine Steckdose haben. Das waren die wenigen Parameter mit der wir auf die Suche gingen. Ziemlich langweilig, wenn man mal ehrlich ist. Überhaupt nicht „smart“. Aber das muss es auch nicht sein. Es soll uns morgens nur mit etwas Musik, Nachrichten und dem Wetterbericht versorgen. Es braucht also kein WLAN, keinen Touch-Screen und es muss auch nicht mit uns sprechen können. Es muss ausschließlich Radio abspielen. Und zwar nur unseren Stamm-Sender. Ganz analog. Mehr nicht. Wir haben uns dann für ein japanisches Marken-Produkt entschieden. Es bietet zwar laut Beschreibung immer noch mehr Funktionen als wir eigentlich brauchen, aber immerhin stören sie nicht. Originalverpackt steht das Radio nun auf dem Küchentisch und wir beginnen mit dem Auspacken. „Unveiling“ heisst das Erlebnis heutzutage. Das Radio lässt sich samt weißen Verpackungsschaum schnell aus der Pappe ziehen. Die wichtigsten Tasten erkenne ich sofort. „Power“, „Tune“, „Memory“ und „Volume“. Das reicht mir eigentlich schon. Damit könnte ich es schon in Betrieb nehmen. Trotzdem fällt noch ein Haufen Papier aus dem Karton. Ein „European Guarantee Information Document“ liegt exakt gefaltet bei. Es bestätigt in 22 Sprachen, dass das Produkt der Europäische Garantie-Regelung des japanischen Unternehmens unterliegt. Zusätzlich finde ich auf der Rückseite ungefähr 30 Service-Adressen, an die ich mich in ganz Europa wenden kann. Das schafft Vertrauen. Ein paar leere Formularfelder rufen zu Stempel, Unterschrift und Kaufdatum auf. Leider hat die aber keiner ausgefüllt. Wozu sind die dann gut? Dann folgt noch ein sehr kleiner Zettel in 22 Sprachen. Darin erklärt der Hersteller, dass das Radio der europäischen Richtlinie 2014/53/EU für Funkanlagen entspricht. Gut so. Zudem schmückt ein fettes CE-Logo den Kopf das Papiers. Dann finden wir noch ein weiteres Faltblatt, wieder in 24 Sprachen. Es enthält Sicherheitshinweise in Schriftgröße 6 pt und die Klarstellung, das Akkus und Batterien innerhalb der Europäischen Union nur an ausgewiesenen Sammelstellen entsorgt werden dürfen. Zum Schluss kommen noch einmal sechs Hefte ans Tageslicht. Alle sehen gleich aus, sind in China gedruckt und geben Hinweise zu den ersten Schritten bei der Inbetriebnahme. Wieder in zig Sprachen. Ich werfe den ganzen Papierkram in die Küchenwaage und wiege es mal. Nur so aus Interesse. Die Waage ermittelt stolze 120 g Gewicht. Nur fürs Papier! Dann stelle ich auch noch das Radio in die Waage und notiere 740 g. Ohne Ladegerät allerdings. Tja und nun braucht es etwas Mathematik und einen Taschenrechner. Das macht ungefähr 14% Papieranteil am Gesamtgewicht! Nun das ist…wie soll man sagen…verrückt? Für ein Küchen-Radio? Da mag der Europäische Verbraucher-Schutz-Minister zwar sehr fleißig gewesen sein, sein Kollege vom Ressort Umwelt kann doch eigentlich nur mit dem Kopf schütteln und heulen. All die Papiere wurden von hiesigen Juristen geschrieben, irgendwo übersetzt, von indischen Layoutern in druckbare Form gebracht, von Chinesen gedruckt und dann per Container-Schiff zurück in die EU gebracht. Man stelle sich vor, dass Schiffe, LKWs und Zusteller-Fahrzeuge mal eben eben 14% weniger Gewicht transportieren müssten. Wäre das nicht immerhin mal ein Anfang? Dann könnte ich vielleicht unseren Familien-Diesel noch ein paar Monate länger fahren.

Frühere Beiträge zu Radio, Smartphone und natürlich Diesel:

19) Radiowerbung

Bad und Auto gehören zu den wenigen Orten, an denen ich Radio hören kann. Das Bad kann ich von innen verschließen und im Auto habe ich noch die Hoheitsrechte über das Armaturenbrett. Meistens. Also kann ich für einen Moment einer Radio-Sendung lauschen. Leider sind aber auch die wenigen guten Programm-Radios schon von Werbung zersetzt. Selbst meine kurzen Gelegenheiten reichen da schon aus, um von einer Welle von Radio-Werbung überrollt zu werden. Dabei ist es eigentlich egal wann man Radio hört. Nur die Art der Werbung variiert je nach Tageszeit. Am Morgen labern die von PENNY etwas von einem „Framstag“, ein Mädel schreit mich an, ich solle „doch zu NETTO gehen“ und ein Einstein-Imitator sagt, dass ihm die Relativitätstheorie „relativ“ egal sei, denn er müsse erst einmal zu ALDI fahren. Später versucht mir AMAZON den Echo-Dot zu verkaufen, über den wahlweise die digitale ALEXA oder meine analoge Mutter beruhigend auf mein Baby (12 Jahre) einreden könnten, während wir Eltern mal ins Kino gehen. Mehmet Scholl behauptet, es gäbe „gar kein besseres Statussymbol als gar kein Statussymbol“ zu haben und will mir damit einen DACIA schmackhaft machen. Wenn ich dann tagsüber zwischen zwei Conference Calls mal aufs Klo muss, tönt MEDIAMARKT laut „Hauptsache ich hätte Spaß“ ins Bad und die Krankenkasse IKK BB fragt dreist, ob „es denn noch etwas mehr sein dürfe“. So geht das die ganze Woche durch. Besser wird es erst gegen Ende der Woche. Die KROMBACHER-Leute bringen ab Freitag Mittag ihre „Perle der Natur“ und machen durstig. Auf der Fahrt ins Wochenende fordert BAUHAUS, dass es „gut werden muss“ und HORNBACH erinnert mich daran, das „es immer ´was zu tun gibt“. Das sind ja großartige Aussichten. Es gibt aber eine Werbung, die das alles noch übertreffen kann und mich an den Rand der Verzweiflung bringt…

„Kennen Sie Dinkel? Das Urgetreide aus unserer Heimat? Seitenbacher hat ein leckeres Müsli daraus gemacht. Gesund und so lecker … natürlich von Saiiite’bacher“. „Nur unser Müsli von Sssaaiiiiite‘bacher…, … Probieren Sie selber unser Sssssssaiiiiiitte‘bacher Müsli“.

Das macht mich echt fertig. Dann schalte ich am Gerät von „Radio“ auf „Media“ um und biete es den Kids zur weiteren Verwendung an. Egal was kommt, so schlimm kann es gar nicht werden.