46) Späti

Sorry liebe Leser, ich muss mal wieder schimpfen. Ich versuche, es auch kurz zu machen. Seit ein paar Wochen fällt mir auf, dass unsere beliebten Berliner Spätverkaufsstellen (Späti’s) nun am Sonntag wieder geschlossen sind.

  •  Ja, ich weiß, dass das Ladenschluss-Gesetz auch in Berlin gilt.
  • Und ja, die Späti’s haben sich vermehrt wie die Guppies.
  • Und verdammt noch mal ja, die verkaufen mittlerweile weit mehr als Reisebedarf.

Na und?

Wen es stört, der muss ja nicht hingehen! Aber lasst doch dieser Stadt dieses „Kultur-Gut“. Warum versuchen irgendwelche lokalen Wichtigtuer, die Stadt wieder in die Wilmersdorfer Piefigkeit der frühen Achtziger Jahre zurückzukatapultieren?

Etwas sachlicher stellte man diese Frage kürzlich einem Befürworter des Ladenschlussgesetz im Radio-Interview. Und der sagte sinngemäß so etwas wie „ na weil es ein Gesetz ist, muss es eben auch eingehalten werden …“.

Also mit der gleichen Gründlichkeit, mit der auch alle anderen Gesetzesverstöße hier geahndet werden? Ich lach‘ mich schlapp. Haben Ordnungsamt, Polizei und Gewerbeaufsicht nichts Wichtigeres zu tun hier? So etwas Albernes. Wir hätten auch Drogenhandel, Menschenhandel, Kinderporno-Handel und viele andere Formen von üblem Handel hier im Portfolio, die etwas mehr Aufmerksamkeit bräuchten. Stattdessen geht man nun dem Sonntäglichen „Bier,-Kippen,-Butter,-Waschmittel,-Brötchen,-TK-Pizza und Mango-Handel“ an die Substanz.

Wer steckt dahinter?

  • Sind es die Investoren, die ihr Asset pflegen und gedeihen lassen wollen? Als es noch der Attraktivität der Stadt diente, hatte man die Zügel noch lockerer gelassen.
  • Sind es die Gewerkschaften, die sich ums Wohle der mehrheitlichen Türkischen Shop-Betreiber und deren Familien sorgen?
  • Steckt die Kirche dahinter, die ihr Haus am Sonntag nicht mehr voll bekommt, weil die Leute stattdessen im Späti ihren Halt finden?
  • Oder sind’s die großen Handelsketten, die den Umsatz lieber am Samstag oder Montag bei sich verbuchen wollen?

Zum Ende des Interviews drohte der Mensch im Radio dann auch noch den Tankstellen, demnächst viel strenger hinzusehen. Also bald gibt‘s da nur noch Sprit, Zündkerzen und Öl.

Ist das nicht piefig?

zur Klarstellung:
In Nord -und Ostdeutschland bedeutet „piefig“ so etwas wie altmodisch, verzopft, steif oder spießig.
Im Westen Deutschlands kennt man es wohl auch als missmutig, stänkernd, unfreundlich.

Je nach Perspektive passt aber beides, oder?

Frühere Beiträge zu Shops und Einkauf:

42) Baugrube Berlin 10407

Eigentlich wollte ich ja hier nicht mehr so viel schimpfen. Aber ich kann heute nicht anders, ich muss es loswerden. Andere schimpfen auch, ich stimme in den Kanon ein. Wenn ihr es nicht mehr hören könnt, dann klickt den Beitrag einfach weg. Mir egal. Es werden wieder bessere Texte folgen. Das hoffe ich doch.

06.03.19 bis 15.04.19: Straßenbahn M4 gesperrt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen City-Ost und Prenzlauer Berg.

08.04.19 bis 20.05.19: S-Bahn 41 gesperrt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen über die Storkower Straße, 50 % der Auto-Spuren zu Bus-Spuren erklärt

15.04.19 bis 13.05.19: Straßenbahn M10 gesperrt, „die“ Tram schlechthin, die vom Wedding, über Prenzlauer Berg, Friedrichshain bis kurz vor Kreuzberg fährt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen.

13.05.19 bis 07.06.19: Kreuzung Landsberger Alle / Petersburger Straße. Das ist eine Mega-Kreuzung, essentiell für den Verkehr von Nord nach Süd und von den östlichen Außenbezirken in die City. Temporär nur noch einspurig (!) in alle Richtungen wegen Schienenbauarbeiten.

Herbst 2018 bis Frühling 2019: Unser Sportplatz soll nach 30 Jahren einen neuen Tartan-Belag bekommen. Mittlerweile ist bald Juni, viel Sand gibt es dort, Tartan aber nihc.

xx.04.19 bis xx.05.19, die Details habe ich vergessen: Monatelanger Bau einer Leichtbau-Schule ein paar Straßen weiter. Die ist anscheinend nicht „leicht“ zu bauen, sondern nur leicht an Material. Beginnende Kanalarbeiten in unserer Straße pünktlich zu Ferien-Ende. Gelbe Zebra-Streifen nehmen die Arbeit der Schülerlotsen ab. Die Grundschule ein paar Hausnummern weiter baut noch immer an ihrem Jahrhundertgarten. Wir vermuten, es entsteht ein zweites Taj Mahal. Und zu alldem noch der Wahnsinn, dass hier bei uns im Kiez viele Auto-Spuren zu Fahrrad-Spuren erklärt werden.

Selbst der unaufmerksame Leser hat kapiert, dass all das zur gleichen Zeit oder überlappend stattfindet. Nur derjenige, der hier wohnt, hat schon seit Wochen kapiert, dass all das auf einer Fläche von nicht einmal 3 Quadrat-Kilometern geschieht.

Die müssen spinnen, sorry. Aber anders kann ich mir das nicht erklären.

„Ja“, natürlich muss auch einmal gebaut werden. Verstanden. “Ja“, endlich werden die Baugelder locker gemacht. Auch gut. Und „Ja“, es gibt nie einen guten Moment für eine Baustelle. Alles schon gehört. Aber auf diese Weise?

Woran liegt das?

  • Ist eine Tram-Kreuzung oder eine S-Bahn-Weiche wirklich ein so komplexes Bauwerk?
  • Muss ein Schulhof bereits zum Unesco-Welterbe zählen, bevor er eröffnet ist?
  • Sind es die hohen Qualitätsstandard, die zu solchen Bauzeiten führen?
  • Liegt es an den knappen Budgets, dass keine Nacht- und Wochenendzuschläge gezahlt werden?
  • Sind es gar die Anwohner, die gegen den Baulärm vorgehen und alles in die Länge ziehen?

Bitte, erkläre es mir einer!

Denn es wenn es keine sachlichen Gründe gibt, dann muss es planerisches Unvermögen sein oder gar Kalkül. Bin mir gerade noch nicht sicher, was das Schlimmere ist.

Das sind die Momente, wo ich im Auto aufpassen muss, den Kids nicht mein komplettes Spektrum an Schimpfwörtern zu offenbaren. 

Man oh man…

Frühere Beiträge, aber nicht weniger aktuell:

41) Fallen über 40

Hat man das Alter 40 passiert, scheint man zwar „komplett“ zu sein, man ist aber nicht davor gefeit, heftig auf die Schnauze zu fallen. Und da stellen wir uns sehr dämlich an, es tut weh und sieht zudem auch blöd aus.

Vor einiger Zeit war ich zu Fuß im Kiez unterwegs. Ich eile also am Späti vorbei in Richtung Sparkasse, auf einmal macht es laut „Klatsch“ und meine 1,80m Mensch fallen wie eine frisch gefällte Eiche aufs Pflaster. Wie gefesselt liege ich auf dem Fußweg und komme zu mir. Kids laufen an mir vorbei und schauen abfällig auf mich hinunter, als wäre ich gerade besoffen aus dem Späti gefallen. Ich schaue an mir herab und sehe meine Füße gefangen in einem weißen Plastik-Band, womit man normalerweise Zeitungsstapel bündelt. Diese dämliche Schlinge hat mich also zu Fall gebracht? Kurz überlege ich, mich im Kiosk zu beschweren. Ein kurzer Body-Check ergab aufgeschlagene Knie, Prellungen am Brustkorb, verschrammte Hände. Mein Visage hat nichts abgekommen. Ab nach Hause.

Im Sommer joggte ich an der Algarve. Zunächst entlang der Strandpromenade hin und her, später dann durch eher wildes Gelände mit Trampelpfaden und kniehohen Büschen. Im „Runners-High“, denke ich kurzzeitig an Schlangen oder wilde Hunde. Den Stein vor mir registriere ich aber nicht. Ich stolpere, taumele und lande im Dreck. Irgendwie wollte sich mein Körper noch abrollen, dass berichtet die schmerzende Schulter ans Kleinhirn. Ansonsten sind die Knie wieder aufgeschrammt und die rechte Handfläche blutet. Verziert mit Sand, kleinen Steinchen und was die portugiesischen Brache sonst noch so zu bieten hatte. Was nun? Auf den Rücken legen und heulen? Interessiert hier aber auch keinen. Im Schongang zurück zur Unterkunft überlege ich, wann ich eigentlich meine letzte Tetanus-Impfung hatte.

Gestern stand wieder mein Laufprogramm auf dem Plan. Zunächst 1 Kilometer über Berliner Pflaster, dann hinein in den Park. Auf dieser Strecke kenne ich jede Wurzel, jeden Kiesel. Aber die Plattentektonik scheint auch in Berlin zu wirken. Am Arnswalder Platz hat sich der Gehweg angehoben. Der Rest verlief wie in Zeitlupe. Mein Kopf registriert, dass etwas nicht stimmt. Der Körper gerät in Schräglage, der Kopf scheint die Füße zu überholen. Also signalisiert er an die Beine, die Schritte größtmöglich zu verlängern, um das ganze System wieder zu stabilisieren. Oberkörper nach vorn und mit riesigen Schritten stolpere ich also ein paar Meter, um dann letztendlich doch zu fallen. Laufhose an den Knien kaputt, darunter Blut und  der linke Mittelfinger hat auch etwas abbekommen. Abbrechen? Nein. Finger in den Mund und mehrmals in die Höhe gestreckt, absolviere ich die Strecke. Sieht doof aus, aber funktioniert. 

Vermutlich werde ich den ganzen Tag keine E‘s tippen können, denke ich auf dem Heimweg. Was sollen die Kollegen nur denken? Vielleicht sage ich einfach, die Tastatur hat einen Schaden…

 

PS: Aber der aufmerksame Leser wird hier jede Menge E‘s gefunden haben, es geht also wieder, ich lebe noch 😉

 

Frühere Beiträge zum Thema Ü40 und Sport:

9) Salat alles

Heute konnte ich durch Zufall eine sehr gut funktionierende Deutsch-Türkische Integration beobachten. Oder war es eher eine Türkisch-Deutsche? Keine Ahnung. Lest selbst.

Kurz nach 18:00 Uhr stolpere ich bei unserem Döner-Mann des Vertrauens durch die Tür. Der Leser mag die saloppe Berufsbezeichnung „Döner-Mann“ entschuldigen. Es ist nicht diskriminierend gemeint, aber so nennen wir das Bistro nun mal bei uns in der Familie. Ähnlich wie der „Asia-Mann“ ein paar Türen weiter. Der „Döner-Mann“ ist eigentlich gar kein „Mann“ sondern ein türkisches Hochleistungs-Team, dass neben Döner auch Pizza, Lasagne, Salate und sogar Burger macht. Aber es sind wirklich nur „Männer“… das will ich mit Blick auf den nahenden Frauentag (früherer Beitrag) noch mal deutlich sagen. Ich taxiere kurz die Lage in dem Bistro. Gleich rechts hinter der Theke wird eifrig gearbeitet. Der Flachbild-Fernseher hinten hängt wie immer leicht schief an der Wand und es laufen Nachrichten ohne Ton. Die meisten Gäste scheinen zu warten, um ihr Essen mit nach Hause zu nehmen. Mit meiner Bestellung wird es also einen Moment dauern, ich lehne mich an den Getränke-Kühlschrank und beobachte einfach die Szenerie in dem Laden.

Einer der Männer hinter der Theke ruft laut „Döner?“. Keiner reagiert. „Döner?“. „Hallo?“. „Döööööner!“. Ein deutscher Gast schreckt auf und reißt sich die Kopfhörer von den Ohren. „Ähh… ich?“. „Mein…Döner…?“ und zeigt mit dem Finger auf sich selbst. Der Mann hinter der Theke nickt und fragt „Sauce?, „Salat alles“? (…jedes Mal erstaunt mich diese aufs Wesentliche gekürzte Frage erneut). Der Gast beginnt zu stammeln. „Ähhhm … also ähh ja … Knoblauch und Scharf, aber bitte mehr Knoblauch als Scharf … also wirklich nur’n bisschen scharf ja … nicht so viel bitte ok … und ohne Zwiebeln, dafür mehr Rotkohl… also Kraut meine ich … und ohne Tomate bitte … dafür gern mehr Gurke …und so weiter. Ach so … und zum Mitnehmen, bitte“.

Ob das gut geht, frage ich mich. Hat der gebürtige Türke das wirklich verstanden? Ich werde es nie erfahren, der deutsche Gast bekommt eine Tüte über die Theke gereicht und verschwindet.

Wieder ruft ein Döner-Mann hinter der Theke in das Bistro hinein: „Döner, bitte!“ Ein anderer Deutscher steht schon bereit an der Salat-Vitrine und antwortet ungefragt. „Kräutersauce und Salat alles.

Na bitte. Geht doch.

36) Berliner Landschaften

 

„Landschaftsarchitektur“, nennt sich die Disziplin, die sich mit „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ von nicht bebautem Raum beschäftigt. So steht’s geschrieben im großen weltweiten Internet-Lexikon. Genauer gesagt, geht es um Parks, Freizeitanlagen, öffentliche Plätze und Gärten im ländlichen und urbanen Raum.

Früher hieß es wohl auch mal „Landesverschönerung“ oder „Landschaftsplanung“. Egal welchen Begriff man nimmt, es klingt kreativ, gut durchdacht, bestens geplant und nach preußischer Genauigkeit zügig umgesetzt. Meint man.

Nachstehend ein paar Beispiele, bei denen ich aber ernsthaft ins Zweifeln komme:

Am höchsten Punkt des nahegelegenen Saefkow-Parks befindet sich eine Grünfläche mit Kinderspielplatz. Am anderen Ende der Ebene hat man zwei grüne Volleyball-Netz-Pfosten in die Erde gerammt. Das Netz fehlt. Das muss man mitbringen. Und falls wirklich jemand mal ein Netz da hoch schleppt und dort jemals Volleyball gespielt würde, wäre das Spiel schnell wieder vorbei. Die Volley-Ball-Zone befindet sich direkt am Rand des Hügels an einem 1,20 Meter hohen Zaun. Man müsste schon sehr viele Bälle mit nach oben nehmen oder ständig einen Balljungen den Hügel herunter schicken.

Beim Joggen komme ich immer an einem Spielplatz an der Friedenstraße vorbei. Große Kletter-Anlagen aus Holz, beschäftigten die kleinen Entdecker dort jahrelang. Pünktlich zur Eröffnung der Spiel-Saison im Frühjahr wurde der Spielplatz mit einem Bauzaun gesperrt, dann hat man den ganzen Sommer und Herbst an dem Spielplatz gebaut und vor ein paar Tagen, um den ersten Advent herum, erfolgte nun endlich die Abnahme und Eröffnung der Anlage. Es sind nun frische 5°C im Park, na dann viel Spaß beim Spielen.

Auch der Piraten-Spielplatz um die Ecke war lange gesperrt. Das kreative Holz-Piratenschiff war wohl nicht mehr sicher genug, also hat man es abgerissen und mit Spielgeräten aus dem Katalog ausgetauscht. Kann ich ja verstehen, bei Holz ist halt irgendwann mal Ende. So weit so gut. Obwohl nun aber die neuen Geräte endlich aufgestellt waren, zog sich die endgültige Eröffnung noch bis in den Herbst hin. Warum? Ja, weil jemand auf die Idee gekommen ist, die Wege auf dem Spielplatz mit kleinen Berliner Steinen zu pflastern. Alles Handarbeit! Dauert ewig und ist zudem vermutlich das teuerste Stück „Landschaft“ auf dem ganzen Gelände. Und die Kids sind bestimmt sehr dankbar dafür. Solch einen Pflasterweg haben die sich schon immer gewünscht.

In der benachbarten Schule ist man schon ewig damit beschäftigt, das tiefer liegende Erdreich unter dem Schulhof von Kriegstrümmern zu befreien. Anschließend soll der Schulhof wieder neu hergerichtet werden. Existierende Tischtennis-Platten und Fußball-Tore wurden daher abgebaut und an die Seite gestellt. Die Kids mussten sich halt für die Hofpause etwas anderes einfallen lassen oder den Bauarbeitern beim Arbeiten zuschauen. Heute lief ich mal wieder dort vorbei. Auf dem Hof tat sich etwas. Große Betonteile und NEUE (!) Tischtennis-Platten wurden geliefert, die bisherigen Platten standen immer noch am Rand. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf das große Bauschild, um mal zu sehen, wann die fertig sein wollen. Da steht allen Ernstes geschrieben: „Bauzeit 2017-2019“. Oh man, die armen Kids und Lehrer. Ich meine, wir reden hier von einem Schulhof, oder? Nich von einem Autobahn-Kreuz!

Zu guter Letzt die selbe Schule noch einmal. Sie wurde vor Jahren saniert, hatte damals neue Dämmung und eine weiße Fassade bekommen. Über die Zeit wuchsen Sträucher und kleinere Bäume immer dichter an das Gebäude heran. Alles war schön grün und hielt die Sprayer von der Fassade weg. Selbst wenn sie dort aktiv geworden wären, hätte es keiner sehen können. Und das wollen die Idioten mit den Dosen ja nun auch wieder nicht. Nun aber kam ein schlauer Mensch auf die Idee, all das Grünzeug rund um die Schule abzuholzen. Keine Ahnung warum. Von Heute auf Morgen stand das weiße Schulgebäude auf einmal ungeschützt am Straßenrand und strahlte einladend vor sich hin. Ein Geschenk aller Steuerzahler an die Farbdosen-Lobby. Gut gemacht Ihr Experten. Jetzt sieht die Grundschule aus wie eine Lagerhalle in der Bronx. Großartig. 

Ich wage vorauszusagen wie es weiter geht. „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ der Fassade …  mit Wettbewerb, Ausschreibung und einem neuem Bauschild von 2020 bis 2022? 

Frühere Beiträge zum Thema Stadtplanung und Verkehr:

34) Kids Drive in

Ab und zu ist es noch nötig, dass wir die Kids mit dem Auto in die Schule bringen. Das Schulgebäude liegt in einem Wohngebiet, direkt an einer Einbahnstraße. Wenn man aber nicht erst kurz vor Schulbeginn kommt, hat man eigentlich ganz gute Chancen, einen legalen Parkplatz zu ergattern. Manchmal ist dazu auch eine weitere Ehrenrunde nötig oder man findet halt eine Lücke um die Ecke. Dann läuft man halt mal 100 Meter. Alles klein Problem. Wenn die Zeit knapp ist, halte ich auch mal in der zweiten Reihe und lasse die Kids von dort aus dem Auto aussteigen. Bestimmt nicht ganz STVO-konform, aber wenn man ehrlich ist, ist es die schnellste und auch ökologischste Form. Der Vorgang dauert max 30 Sekunden und wirklich stören oder behindern tut man dort niemanden. Andere machen es sich aber noch einfacher. Sie halten direkt vor der Schuleinfahrt. „Was für ein Zufall, hier ist ja noch Platz“. Also schalten sie den Warnblinker ein, verabschieden in aller Ruhe die Gören und quatschen dann noch mit Bekannten aus der Nordic-Walking-Gruppe. Man hat ja Zeit. Deutlich weiter oben auf der Egoismus-Skala rangieren aber Eltern, die glauben, die Schulzufahrt gehört allein ihnen. Kurz vor 08:00 Uhr erreichen sie die Schule, kreuzen den Fußweg und fahren die Zufahrt hoch. Dann verlassen sie das Auto und bringen ihre Brut in das Schulgebäude. So selbstverständlich, als hätten sie dort ihren angemieteten Stellplatz. Als würde dort ein Schild mit ihrem KFZ-Kennzeichen drauf stehen. Am Nachmittag sieht man eine ähnliche Situation auf dem nahegelegenen Sportgelände. Dort führt eine kleine Sackgasse bis hinter zum Fußballplatz. Am Ende der schmalen Gasse befindet sich eine ausgewiesene Zufahrt und Rangierfläche für Feuerwehr und Rettungskräfte. Und natürlich der zweite Stellplatz für den Boliden von „Spieler-Mama“ (…oder auch „Spieler-Papa“). „Was soll man machen, war ja sonst kein Platz mehr zu kriegen“. Sollte es dort jemals ein Feuer geben oder ein Krankenwagen kommen müssen, wäre es besser, die kämen per Lösch-Flugzeug oder Helikopter, denn da ist jetzt für 90 Minuten kein Durchkommen mehr. Erst nach dem Training der Jungs lichtet sich das wieder. Also ehrlich Leute, nun seid doch mal nicht so faul und lauft halt mal ein paar Meter! Das wird den Kids auch gut tun. Oder wollt Ihr eure künftigen Weltmeister noch bis an die Mittellinie fahren, um sie dort an den Trainer zu übergeben?

 

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33) Kiezladen

Den Bötzow-Kiez habe ich noch ganz anders in Erinnerung als er heute ist. Baufällige Häuser, Einschuss-Löcher in den Fassaden, Etagen-Klo und Kohlenheizung überall. Kopfsteinpflaster auf der Straße, ein Kohlenhandel auf der Ecke und ein Kinderzahnarzt im Vorderhaus (knarrende Treppe, zweite Etage links. Gruselig.) Heute ist das aber ganz anders. Fast alle Wohnungen sind mittlerweile saniert, oft findet man wunderschönen Stuck an den Wänden und nach Kohle riecht es schon lange nicht mehr. Und auch die Struktur der Läden hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Ein paar Geschäfte von damals halten sich noch immer wacker. Die tragen auch noch keine künstlichen Namen über dem Schaufenster, sondern nur ein Schild mit der Aufschrift „Frisör“, „Bäcker“ oder „Farben-Handel“. Auch die Kneipe gegenüber gibt es immer noch. Neu hinzu gekommen sind sehr exklusive Geschäfte, in denen man aber nur selten wirklich Kundschaft sieht. Ein Lampen-Geschäft bietet edle Designer-Lampen an, eine Holz-Manufaktur fertigt Möbel auf Maß und ein Wasser-Geschäft verkauft Wasserflaschen. Für mich alles etwas fragwürdig, aber gut. Immerhin kann man da noch etwas kaufen und es dient dem Stadtbild. Viel bedenkenswerter finde ich allerdings, dass die Ladenkultur dort immer mehr von „Services“ ersetzt wird, die einzig und allein dazu da sind, unseren körperlichen und seelischen Verfall zu bremsen. Oder auch unserem Nachwuchs, Business und Eheleben etwas auf die Beine zu helfen. 

Läuft man die Bötzow-Straße vom Kino her bergauf, findet man dicht an dicht die folgenden „Anbieter“: 

  • Nummer 10: Naturheilkunde, Ernährungsberatung, Akupunktur
  • Nummer 12: Physiotherapie
  • Nummer 14: Ingwer-Bar… es gibt dort auch „health“ und „wellbeing“
  • Nummer 24: Naturkosmetik, Körperarbeit, Massagen
  • Nummer 28: Kunststoffblenden für die nicht mehr ganz so hübschen Zähne 
  • Nummer 28: Vollkeramische Lösungen nach der Probefahrt mit den Kunststoffblenden auf den alten Zähnen
  • Nummer 28: Führungs- & Team Coaching, Eltern & Familiencoaching, Gründercoaching
  • Nummer 36: Logopädie & Ergotherapie
  • Nummer 41: Anti Aging, Lifting, Ultraschall, Wimpern und vieles mehr

Das kleine Nähgeschäft hat erst kürzlich dicht gemacht, das Kaffee mit der Spielecke schon etwas länger. 

Ich bin gespannt, welche neuen „Provider“ dort nun einziehen.

  • Vielleicht eine Vermittlung freier Seniorenheim-Plätze am Goldstrand
  • Eventuell regelmäßige Performance-Gespräche für Erst-Klässler?
  • Möglicherweise doch noch eine Konfliktberatung für Haushaltsroboter und deren Eigentümer?

Ich werde berichten und wage vorherzusagen, dass es hier in zwei Jahren die ersten Wochenend-Gutscheine für den Bötzow-Kiez zu kaufen gibt. 

„Lassen Sie ich ein Wochenende lang verwöhnen oder mal etwas restaurieren! Für nur 1.999 EUR genießen Sie Messer, Nadel, Botox und eine inspirierende Tasse Tee mit dem Coach ihrer Wahl. Kinder unter 10 Jahren zahlen die Hälfte. Bei Nichtgefallen gibt’s Geld zurück.“

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24) Jogger und Hund

Versucht man, mit Joggen den eigenen Körper halbwegs in Form zu halten oder den weiteren Verfall des Human-Materials hinauszuzögern, wird man im Stadtpark irgendwann auf freilaufende Hunde treffen. Und das verläuft dann fast jedes Mal ungefähr so: Hat mein Jogger-Herz endlich seine 150 Schläge pro Minute erreicht, bleibt es auf einmal stehen. Ein Boxer rennt in hohem Tempo auf mich zu, das Maul weit aufgerissen und die Zunge flattert im Find. Ich stoppe sofort meinen Lauf, schließe die Augen und lasse mein Leben noch einmal in Bildern vorbei ziehen. Schön war’s. Dann tut es aber gar nicht so weh wie erwartet. Also öffne ich meine Augen wieder und stelle beruhigt fest, dass der Sprint des Boxers seinem Gummi-Ball hinter mir galt.

Ich nehme mein Lauf-Programm wieder auf und erfreue mich am Leben. Ich sprühe vor Energie, fliege förmlich und erreiche „runners high“. 30 Meter vor mir kommt mir ein kleiner „Schoßhund“ entgegen. Die Nase auf der Erde sucht er nach irgendwas. Ich verlagere meine Bahn nach rechts, er darauf hin nach links. Gut, du Fiffi, dann gehe ich halt nach links. Er zieht nach rechts. Das Spiel geht noch ein wenig so weiter. Kurz bevor wir aufeinandertreffen, scheint aber jeder seine Seite gefunden zu haben. Im letzten Augenblick zieht Fiffi aber hinüber auf meine Seite und läuft mir kopfgesenkt in meine Beine. Nur mit einem Dreisprung von olympischem Format kann ich ihn davon bewahren, von mir plattgetrampelt zu werden. 

Zum Ende meiner üblichen Runde, treffe ich mitten auf dem Weg auf eine spontane Hundeversammlung. Hunde verschiedener Rassen beschnüffeln sich vorne, hinten, oben und unten. Herrchen und Frauchen bilden einen Kreis und quatschen. Alles wirkt friedlich und ich will am Rand vorbei laufen. Auf einmal beginnt ein Gekläffe und Gejaule. Die Hunde können sich auf einmal gar nicht mehr riechen und gehen aufeinander los. Das klingt gar nicht gut. Die Fetzen fliegen und ich bin auf einmal mittendrin. Bloß schnell weg hier.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder Schwimmen gehen??

 

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31) SUV im Prenzlauer Berg

Es ist schon erstaunlich, wie viele SUVs man so bei uns im Viertel sehen kann. Für die überzeugten Fußgänger und Radfahrer unter den Lesern sei erklärt, dass ein SUV so ein riesiges Auto in Glanzlack ist, dessen Kühlergrill sich auf Höhe des eigenen Brustkorbs befindet. Oder auf Höhe eines Kinder-Kopfes. Je nach dem. Für die Karosserie verbraucht man anscheinend schon so viel Material, dass für das Typen-Schild nur wenig übrig bleibt. Deshalb tragen sie meistens sehr kurze Namen, oft nur einen Buchstaben gefolgt von einer Zahl. Ein Vertreter dieser Gattung zum Beispiel, ist mit einer 3.0 TDI-Maschine schon ab 60.000 EUR zu haben. Geht doch, oder? In Zeiten von chronischem Parkplatzmangel und Abgas-Diskussion frage ich mich, ob es den Zweitwagen für die Gattin nicht auch eine Nummer kleiner gab. Aber vielleicht ist die vermehrte Ansammlung solcher Off-Roader auch die logische Konsequenz daraus, dass manche Einwohner aus den Wäldern Süddeutschlands stammen und im Volkspark Friedrichshain mittlerweile schon am Tage die Füchse zu sehen sind. Da kommt der Forst-und Jagd-Instinkt schnell wieder hoch. Außerdem stört das Kopfsteinpflaster aus den 20-er Jahren beim Fahren und der Straßen-Verkehr in der Tempo-30-Zone lässt sich mit normalem PKW kaum noch überblicken. Da braucht man schon etwas „Größeres“ mit etwas mehr Überblick und Geländetauglichkeit. Diese Metallic-Panzer sehe ich dann oft vor dem „Bio-Markt“ stehen, vor dem „Coaching-Laden“, genauso wie vor dem „Koscher-Vegan-Öko-Fair-und-was-sonst-noch-Bäcker“. Oder auch gern in der Zufahrt zu Schule und Kita … aber das ist ein eigenen Beitrag wert.

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30) Graffiti-Teddy

Das Berliner Schmuddel-Graffiti breitet sich aus wie eine Seuche. Das Geschmiere ist nicht lesbar, beschädigt fremdes Eigentum und hat nichts mit Kunst oder Street Art zu tun. Und da zu ebener Erde kaum noch eine freie Fläche zu finden ist, wechseln die Idioten nun in die Höhe. Von den Häuserdächern aus bemalen sie die Wände jetzt von oben. Das sieht noch beschissener aus, weil es anscheinend kopfüber oder mit einer Farbrolle am Stiel getan werden muss. Noch schlimmer trifft es aber den „Teddy“. Je nach dem wo man aufgewachsen ist, weiß man, dass nicht nur Theodore Roosevelt so genannt wurde, sondern auch Ernst Thälmann. Dieser Teddy wiederum war Widerstandskämpfer gegen die Nazis, zeitweise KPD-Chef und hat seine Überzeugung mit dem Leben bezahlt. August 1944 im KZ-Buchenwald erschossen. So haben wir das gelernt. Heute diskutiert man die Person Thälmann kontroverser. Man führt ihn auch als  Paramilitär und Stalinisten. Keine Ahnung, wo da nun die Wahrheit liegt. Aber darum gehts mir hier nicht. Bei uns im Kiez steht dieser Teddy immer noch fest auf einem Sockel. Eine schwere Bronze-Statue zeigt sein Profil, er ballt noch immer die Faust und hinter ihm weht symbolisch die Arbeiterfahne. Da doch fast alle dieser Denkmäler nach der Wende in Berlin abgerissen wurden, hat man ihn entweder vergessen oder weiß nicht, wie man ihn abtransportieren soll. Vielleicht will man sich auch nicht positionieren und überlässt die Entscheidung einer künftigen Generation. Soll die doch über seine Verdienste diskutieren und richten. Was der Teddy aber, meiner Meinung nach, nun echt nicht verdient hat, ist, dass er das ganze Jahr über mit Farbe beschmiert wird. Einmal jährlich im April wird Teddy dann aber wieder geputzt, denn am 16. April hat er Geburtstag. Die Putz-Maßnahme wird terminlich ganz dicht an den 16. April gelegt, damit niemand kurz vorher noch seine Dose entleert. Vermutlich wird sogar ein Wachschutz für die letzte Nacht organisiert. Am Geburtstag selbst, finden sich dann ein paar weißhaarige Menschen mit roten Fahnen vor dem Denkmal ein. Jemand spricht ein paar Worte, die Menschen legen Blumenkränze ab und dann löst sich die Menge schon wieder auf. Tschüß, bis zum nächsten Jahr und Rot Front! Schon am Tag darauf sieht Teddy wieder aus wie vorher. Lackiert bis unter die Kinnlade. Jeder Mensch, der sich für eine bestimmte Sache engagiert und hofft, man würde ihm später mal ein Denkmal setzen, sollte sich zumindest das mit dem Denkmal noch mal überlegen…

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