5) Blätterregen

Vor ein paar Tagen konnten wir ein zunächst eher unscheinbares, später dann aber durchaus unterhaltsames Schauspiel erleben. Wir folgten der B196 auf Rügen, fuhren in Richtung Ost und erreichten einen Kreisverkehr. Bevor wir in den Kreis einfuhren, liess ich noch einen orangen Pritschenwagen passieren. Das war so ein typisches Auto von den Stadtwerken, von der Stadtreinigung oder vom Grünflächenamt. Die Heckladefläche war üppig mit Laub beladen und das Laub wiederum von einem Netz bedeckt. Direkt nach ihm fuhr ich in den Kreisverkehr und folgte ihm gleich wieder in die nächste Ausfahrt. Was macht man eigentlich hier mit soviel Laub auf einem Pritschenwagen, fragte ich mich?

  • Fahren die das Laub in den nächstgelegenen Wald?
  • Gibt es vielleicht Abnehmer, die mit nassem Laub etwas anfangen können?
  • Oder muss das laut §123 Deutsches Grünabfallgesetz fachgerecht entsorgt werden?

Um so mehr der Wagen vor uns beschleunigte, um so interessanter wurde der Anblick für uns. Die Maschen des Netzes waren wohl zu grob. Die Blätter schlüpften durch die Maschen und wirbelten, glücklich über ihre wiedergewonnene Freiheit, auf der Straße vor uns umher. Das hätte ich als Blatt vermutlich auch so gemacht, wenn ich nicht wüsste, wo es mit mir hingeht. Der orange Pritschenwagen fuhr also mit 80 KM/h zielstrebig vor uns her und verlor dabei durchgehend Laub. Das Netz hing bald nur noch schlaff hinten über die Ladekante hinaus.

 

Beim nächsten Kreisel mussten wir uns verabschieden und fuhren einen anderen Weg. Wir wissen nicht woher der Ford wirklich kam und wo er noch hin wollte, aber Blätter würde der wohl nicht mehr abliefern. Denn die hat er bereits auf den 8 Kilometern zwischen den beiden Kreiseln verteilt. Großartig.

  • Hat der Fahrer nun seine Tagesquote an Blättern verpasst und muss noch einmal zurückfahren, um eine neue Fuhre zu holen?
  • Oder war es am Ende sogar einkalkuliert, provoziert oder eiskalt geplant, um eher ins Wochenende zu kommen?

Und warum überhaupt zum Henker, werden Blätter (Bio) mit einem Pritschenwagen (CO2 und Nox) quer durch die Landschaft gekarrt?

 

27) Müll-Spende

Wir alle kennen sicherlich Begriffe wie „Sach-Spende“, „Geld-Spende“ oder „Blut-Spende“. Spenden heisst für mich, man gibt etwas von Wert ab und hilft damit einem anderen Wesen. Auf jeden Fall entbehrt man etwas, was man auch ganz gut selber nutzen könnte. In Berlin hat sich aber in den letzten Jahren etwas entwickelt, was auf den ersten Blick vielleicht selbstlos erscheint, sich aber beim näheren Hinsehen, als das genaue Gegenteil entpuppt. Über Nacht bewegen sich dort Drehstühle, Betten, Schränke oder Matratzen wie von Zauberhand auf die Straße, stellen sich an die Hauswand und hängen sich Zettel um. Auf den Papieren statt dann so etwas wie „Zu verschenken“ oder „Funktioniert noch“ geschrieben. Das ist doch eigentlich nett, oder? Nein, ist es nicht! Der Schein trügt. Vielleicht gibt es wenige gutmütige Menschen, die damit ernsthaft jemandem helfen wollen, statt nur nur ein lästiges Problem zu lösen. Aber ich bin überzeugt, dass der Großteil nur einfach seinen wertlosen Krempel auf der Straße entsorgt. Warum glaube ich das? Was macht mich da so sicher?

Nun, ich versuche mir folgende Fragen zu beantworten:

  1. Warum werden die Dinge nicht über e-Bay verkauft oder verschenkt, wenn sie doch noch einen Wert haben? Da gibt es doch für alles einen Abnehmer.
  2. Warum wird das Zeug immer nachts auf die Straße gestellt? Der Spender könnte es doch am helllichten Tage tun, wenn es sich um eine wertvolle Spende handelt. Dann kann jeder sehen, welch guter Mensch er doch ist.
  3. Warum geschieht das immer heimlich und anonym? Der Spender könnte Name und Adresse auf den Zettel schreiben, dann kann sich der Finder bei ihm bedanken.
  4. Warum haben diese Trümmer meistens Abmäße, die man nicht mehr in der Hausmüll-Tonne unterbringen kann? Oder hat schon mal jemand Fön oder Waffeleisen an der Hauswand stehen sehen? Vermutlich nicht, denn die sind schon längst in der Tonne verschwunden.
  5. Warum legt der „Spender“ nicht noch 10 EUR dazu, wenn er doch wirklich einem Obdachlosen oder Asylsuchenden helfen will. Dann könnten die vielleicht damit auch gleich den Transport des guten Stücks in die Unterkunft finanzieren.
  6. Warum muss das Zeug zwei Tage im Regen stehen und noch mehr an Restwert verlieren? Dann ist das Ding doch endgültig dahin.

Und weil ich für die Fragen keine plausiblen Antworten einfallen, steckt hinter dem edlem Spender vermutlich doch nur ein Egoist.

Frühere Beiträge zum Thema Stadtleben:

21) Waste of my son

Eigentlich gehört die folgende Geschichte gar nicht hierher. Vielleicht lohnt sich künftig eine eigene Kategorie für solche Erlebnisse und Menschen hier auf diesem Blog. Mal sehen. Zunächst parke ich die Geschichte hier im Bereich des Reise-Egoismus, nur halt von der gegensätzlichen Seite erlebt. Sozusagen der Anti-Egoismus oder das Selbst-Denunziantentum. Gibt es das? Weiß ich gar nicht, aber so etwas habe ich kürzlich erlebt. Unsere EasyJet-Maschine landet fast pünktlich in Lissabon. Die Türen werden vorn und hinten geöffnet, wir entscheiden uns für die hintere Tür, da uns das näher ist. Eine andere deutsche Familie entscheidet genauso. Kurz vor Verlassen der Maschine spricht der Familienvater an der Tür einen Steward an und zeigt dabei zurück in Richtung Kabine. „Bitte schauen Sie noch mal im Sitz meines Sohnes nach, da liegt noch Müll von ihm“. Also, das habe ich trotz meiner Viel-Fliegerei noch nie erlebt. Jemand der freiwillig auf die eigenen Hinterlassenschaften in der Sitztasche vor ihm verweist? Auch der nur englisch-sprechende Steward guckt ihn fragend an. Entweder weil er überhaupt nichts verstanden hat oder weil er mit einer solch unpräzisen und erstmaligen Selbst-Anzeige eines dicken Teutonen vollkommen überfordert ist. Der Vater bemerkt schnell, dass er sein Anliegen nicht treffend platzieren konnte, also versuchte er es noch einmal auf Englisch. Er zeigt wieder mit dem Finger in die Kabine und sagt… „da is noch waste in the seat of my son“. Der Steward nickt pflichtbewusst und hat noch keine Ahnung, ob er beim Aufräumen eher den „Abfall der Sonne“ oder die „Hüfte des Sohnes“ in diesem Sitz findet.

Frühere Beiträge zum Thema Reisen:

11) Volkspark Mumbai

Wenn ich mich nun auf die nächste Aufregbarkeit stürze, bin ich damit sicher nicht allein. Ich hoffe es zumindest. Wohnt man in Berlin an der Grenze von Prenzlauer Berg und Friedrichshain kennt man den gleichnamigen Volkspark. Eine Oase mitten in der hektischen Innenstadt. Ein paar Fotos: Kornelius nutzt die vielen Wege im Park, um sich auf seinen Halbmarathon vorzubereiten. Julia und Thorben knutschen frisch verliebt auf dem Rasen und können sich kaum noch zurückhalten. Vater Peter und Mutter Marie bringen Sohn Julian das Radfahren bei. Weiter hinten, unterhalb der großen Eiche, meditiert Conny zu fernöstlichen Klängen. Max der Personal Trainer legt gerade diverse Sportgeräte auf dem Rasen aus und hofft auf Kundschaft. Eine Kindergartengruppe nutzt den Tag für ihren Wandertag und erkundet die reichhaltige Berliner Flora und Fauna. Was für ein friedlicher Anblick. Diese Harmonie hält so lange an, bis aus der Straßenbahn M10 die ersten Grill-Nomaden aussteigen und mit Bierkiste auf einem Fahrrad-Hänger in den Park einmarschieren. Insbesondere am Wochenende fliegen die Brutzler ein wie die Heuschrecken. Mal abgesehen davon, dass nach kurzer Zeit der Rauch in den Baumwipfeln hängt und der Park oben aussieht wie nach einem Agent-Orange-Angriff, gleicht der Boden kurzerhand eher einer Müllhalde in Mumbai. Flaschen, Verpackung und Pappteller liegen überall herum. „Ach wie schön ist es doch im Grünen zu grillen. Da hat man gleich mehr Appetit“. Die Müllbehälter stehen zwar in Sichtweite, doch wer will schon wegen jedem Stück Alufolie die 100m zurück liegen. „Man kann ja erst einmal sammeln und den Müll später zu den Behältern bringen“. Versteht sich von selbst. Für mich. Für uns. Aber nicht für den Großteil der Grillen dort. Irgendwann lässt die Glut in dem Grill nach und die Bäuche sind voll. Es wird Zeit, noch etwas durch die nahen Clubs zu ziehen und das fettige Stück Fleisch abzutanzen. Da wären Grill und Kühltasche etwas hinderlich. Da das Grill-Equipment für wenige Euro überall und jederzeit zu haben ist, lassen sie einfach dort einfach stehen. Und da der Müllbehälter leider überhaupt nicht auf dem direkten Weg zur Straßenbahn liegt, bleibt auch der Müll an Ort und Stelle liegen. „Sollen sich doch die 1-Euro-Jobber am Montag darum kümmern“. „Um die Flaschen werden sich bestimmt ein paar arme Schweine kümmern. Da tut man ja indirekt ja noch was Gutes“. „Außerdem machen es alle anderen auf der Wiese ja genauso. Wer nun am nächsten Tag zum Joggen, Radfahren, Knutschen oder Meditieren in den Park kommt trifft auf diese Hinterlassenschaften. Reste vom Schweinekamm oder wahlweise auch Fisch, Scherben, Kronkorken und Verpackungen. Aufgrund der exzellenten Kost, haben sich die Ratten wahrscheinlich über Nacht verdoppelt. Was für ignorante Vollidioten sind das nur? Grillen im Grünen? Ich lach mich tot! Was hat man denen zu Hause beigebracht? Würden sie in Muttis Garten genauso wüten? Vermutlich nicht. Aber Mutti ist ja zum Grillfest auch nicht eingeladen. Das ist ja auch etwas ganz anderes.