22) Postkarte aus Amsterdam

Kürzlich waren wir seit Längerem mal wieder in Amsterdam. Hochglanz-Fotos gibt es im Netz schon zu Hauf, also will ich mich auf ein paar Kuriositäten und persönliche Eindrücke beschränken.

Der erste Tag bescherte uns zunächst Regen, also entschieden wir uns für eine Tram-Fahrt zum Rijks-Museum. Und schon beim Betreten der Tram wurden wir überrascht. Im mittleren Teil fanden wir einen Info-Tresen und eine mehrsprachige Dame, die als Ticket-Verkäuferin und rollendes Tourist-Office agierte. Was für eine coole Idee. Wenn man das Konzept auf die Berliner Tram-Linie M10 übertragen wollte, könnte man da noch Bier verkaufen.

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Im Rijks-Museum selber, liefen wir die großen Klassiker der Niederländischen Kunst ab. Van Gogh, Rembrandt und viele andere Künstler. Das folgende Bild fand ich am besten. Über was beklagt sich der Typ in der Mitte da eigentlich? War der Gockel nicht durchgebraten, bereits kalt oder was macht ihn da so unzufrieden? Die anderen um ihn herum singen oder tuscheln. Vermutlich oute ich mich hier jetzt als absoluter Kunst-Banause. Sei es drum.

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Im weiteren Verlauf der großen Bilderausstellung kam das Museum auch auf den übermäßigen Alkohol-Konsum im früheren Holland zu sprechen. Der war auf den alten Gemälden auch mehrfach abgebildet und musste zur Ehrenrettung mal kommentiert werden.

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Am nächsten Tag flossen die Getränke aber in noch größeren Mengen. Es war Canal Parade bzw. Pride-Demo in Amsterdam. Menschen aller Altersklassen, Herkünfte und sexueller Orientierung feierten ausgelassen, während die anderen tanzend auf geschmückten Boten durch die Grachten demonstrierten.

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In Amsterdam gibt es angeblich 3.000 Hausboote. Ausgediente Fischerbote, umgebaute Fähren oder Flöße. Wir hatten selber die Gelegenheit, in einem zu wohnen, das war mal etwas anderes und gar nicht so wackelig wie man vielleicht denkt. Vielleicht auch eine Idee für Deutsche Metropolen, der zunehmenden Wohnungsknappheit zu begegnen?

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In den Geschäften und auch auf den Märkten staunten wir über all den Käse dort. Jung, alt, sehr alt. Mild und würzig. Hunderte Sorten. Da mag man sagen, „ist doch logisch, ist halt Holland“. Ja stimmt. Aber so viel Käse, in solchen Größen und auch noch als „Partyklette“ zum mitbringen, hat mich schon überrascht

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Wie jede andere Metropole hat auch Amsterdam seine Herausforderungen. Die Amsterdamer  wirken dabei aber entspannter und sind an bestimmten Stellen auch konsequenter. In manchen Ecken gilt Alkohol-Verbot auf der Straße, Pi-Pi in der Öffentlichkeit wird saftig bestraft und obwohl Amsterdam ja „die“ Zweirad-Stadt ist, hat sich der E-Scooter-Wahn da noch nicht durchgesetzt. Gut so!

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Müsste ich für Amsterdam ein Wort finden wäre es vermutlich:

Entspannte-Menschen-Und-Sonst-Viele-Tulpen-Fahrräder-Museen-Grachten-Sowie-Hasch-Bier-Und-Rotlicht-Das-Alles-Zusammen-Sehr-Charmant.

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46) Späti

Sorry liebe Leser, ich muss mal wieder schimpfen. Ich versuche, es auch kurz zu machen. Seit ein paar Wochen fällt mir auf, dass unsere beliebten Berliner Spätverkaufsstellen (Späti’s) nun am Sonntag wieder geschlossen sind.

  •  Ja, ich weiß, dass das Ladenschluss-Gesetz auch in Berlin gilt.
  • Und ja, die Späti’s haben sich vermehrt wie die Guppies.
  • Und verdammt noch mal ja, die verkaufen mittlerweile weit mehr als Reisebedarf.

Na und?

Wen es stört, der muss ja nicht hingehen! Aber lasst doch dieser Stadt dieses „Kultur-Gut“. Warum versuchen irgendwelche lokalen Wichtigtuer, die Stadt wieder in die Wilmersdorfer Piefigkeit der frühen Achtziger Jahre zurückzukatapultieren?

Etwas sachlicher stellte man diese Frage kürzlich einem Befürworter des Ladenschlussgesetz im Radio-Interview. Und der sagte sinngemäß so etwas wie „ na weil es ein Gesetz ist, muss es eben auch eingehalten werden …“.

Also mit der gleichen Gründlichkeit, mit der auch alle anderen Gesetzesverstöße hier geahndet werden? Ich lach‘ mich schlapp. Haben Ordnungsamt, Polizei und Gewerbeaufsicht nichts Wichtigeres zu tun hier? So etwas Albernes. Wir hätten auch Drogenhandel, Menschenhandel, Kinderporno-Handel und viele andere Formen von üblem Handel hier im Portfolio, die etwas mehr Aufmerksamkeit bräuchten. Stattdessen geht man nun dem Sonntäglichen „Bier,-Kippen,-Butter,-Waschmittel,-Brötchen,-TK-Pizza und Mango-Handel“ an die Substanz.

Wer steckt dahinter?

  • Sind es die Investoren, die ihr Asset pflegen und gedeihen lassen wollen? Als es noch der Attraktivität der Stadt diente, hatte man die Zügel noch lockerer gelassen.
  • Sind es die Gewerkschaften, die sich ums Wohle der mehrheitlichen Türkischen Shop-Betreiber und deren Familien sorgen?
  • Steckt die Kirche dahinter, die ihr Haus am Sonntag nicht mehr voll bekommt, weil die Leute stattdessen im Späti ihren Halt finden?
  • Oder sind’s die großen Handelsketten, die den Umsatz lieber am Samstag oder Montag bei sich verbuchen wollen?

Zum Ende des Interviews drohte der Mensch im Radio dann auch noch den Tankstellen, demnächst viel strenger hinzusehen. Also bald gibt‘s da nur noch Sprit, Zündkerzen und Öl.

Ist das nicht piefig?

zur Klarstellung:
In Nord -und Ostdeutschland bedeutet „piefig“ so etwas wie altmodisch, verzopft, steif oder spießig.
Im Westen Deutschlands kennt man es wohl auch als missmutig, stänkernd, unfreundlich.

Je nach Perspektive passt aber beides, oder?

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30) Zuckfuß-Johnny in Singapur

Und wieder nehmen wir ein Taxi zum Office in Singapur. So wie gestern und vorgestern auch. Eigentlich gar nichts Besonderes und nicht der Rede wert, aber es sollte dann doch eine besondere Fahrt werden. Wir verlassen zügig die Hotel-Vorfahrt und reihen uns in den morgendlichen Verkehr ein. Sehr gut. Kurz nach Abfahrt wird mir auf einmal ganz flau im Magen. Was ist denn nur los? Habe ich etwas Falsches gegessen? Es ging mir doch bis eben noch sehr gut. Erst seit dem ich im Auto sitze, wird mir zunehmend übel. Und da fällt es mir auf. Der Taxifahrer wechselt permanent zwischen Gas und Bremse. Im Sekundentakt. Sein Körper zuckt immer mal wieder. Wir werden auf diese Weise erst nach hinten in den Sitz gedrückt, dann wieder nach vorn in den Gurt. Mir wird immer schwummeriger, ich setze mich aufrecht hin, muss mich von der Rückbank lösen. Ich will die Kräfte mit meiner Hüfte abfangen. Ich nehme mir vor, nur nach vorn zu schauen. Bloß nicht nach unten oder zur Seite, sonst kotze ich meinem Kollegen vor die Füße oder dem Fahrer in den Nacken. Ich bin ja sonst echt nicht empfindlich, aber mir geht es nicht gut. Ich rutsche mit dem Hintern weiter nach vorn und setze mich auf die Kante der Rückbank. Versuche ruhig zu atmen und denke drüber nach, wo man im Fall der Fälle auf der Schnell-Straße halten kann. Zur Ablenkung beginnen wir ein Gespräch. Ist der Mann vielleicht krank? Zuckt der deshalb so? Liegt‘s am Prius? Muss man den so fahren? Allerdings habe ich das in Deutschland noch nie erlebt. Die Energie-Anzeige des Prius pendelt im Sekunden-Takt von einem Ende zum andere Ende der Skala. Das kann doch auch für die Batterie nicht gut sein. Endlich erreichen wir das Büro-Gebäude. Ich brauche erst einmal frische Luft. Wir taufen den Fahrer auf „Zuckfuß-Johnny“ und schließen damit das Erlebnis ab. Die Arbeit wartet. Am Donnerstag jedoch fuhren wir anscheinend mit seinem kleinen Bruder. Auch er fuhr seinen Prius auf eigenartige Weise, wenn auch nicht ganz so extrem. Am Freitag, was soll ich sagen… wieder ein Prius…, der Fahrer fuhr zwar nicht so ruckhaft wie Zuckfuß-Johnny, gab dafür aber immer Vollgas, um dann wieder abzubremsen. Zusätzlich trat er mit dem linken Fuß permanent auf die nicht existierende Kupplung. Was haben die hier nur alle? Liegt es an der Formel 1, die hier kürzlich gastierte? Gefällt Ihnen die Energie-Anzeige so sehr, dass sie sie immer wieder zum Ausschlagen bringen wollen? Liegt es vielleicht daran, dass der Prius so leise ist und sie den Motor hören wollen? Ich muss da mal mit einem deutschen Taxi-Fahrer drüber sprechen, vielleicht steckt ja noch mehr dahinter.

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