64) Berlinari Desert

Wer mit offenen Augen im Berliner Raum unterwegs ist, wird feststellen, dass es hier furztrocken ist. War das früher auch so? 

Waren Rasenflächen bereits Anfang August braun? Verloren die Bäume da schon ihre Blätter? Versandet das hier zunehmend oder ist das alles nur Einbildung?

Schaut man sich ein paar Statistiken an, so liegen die Regenmengen hier seit Monaten weit unter dem Vieljährigen Mittel (1961-1990). Ob das Menschengemacht ist oder eine Laune der Natur, müssen die Profis ermitteln. Aber so oder so. Es ist zu trocken. Fakt. Und damit muss sich eine wachsende Großstadt beschäftigen. Im Gegensatz zu anderen Metropolen hat Berlin eigentlich den Vorteil, dass es viele Grünflächen in der Stadt gibt. Das kühlt die Temperaturen etwas herunter und ermöglicht die Flucht ins Grüne. Noch.

Denn das Trampel-Volk macht noch den letzten Berliner Grashalm platt:

  • Da gibts die ganz Digitalen, die zwar per App ihre Schritte zählen, aber via Navi den kürzesten Weg durch den Park ermitteln. Wenn nötig mitten durch die Sträucher. Wie Elefanten.
  • Viele Jogger laufen neben den Wegen. Könnte ich ja noch verstehen, wenn der Belag auf dem Weg so hart ist. Aber wenn der Weg aus Kies ist? Was soll das dann?
  • Selbst ernannte Personal Trainer coachen ihre Kunden in den frühen Morgenstunden und lassen deren Pfunde auf den Boden trommeln. Oder Gewichte fallen. Immer drauf aufs zarte Grün. Buff!
  • Die Oberfreiheitlichen und Querdenkenden laufen grundsätzlich quer feld ein. „Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wo ich entlang zu gehen habe“ und „Me first“.
  • Den Rest besorgen Grill-Parties, Lagerfeuer und nächtliche Feten. Die Clubs haben ja leider zu. Wegen Corona. Wie doof. Da müssen wir halt den halben Stadtpark verfeuern. Is‘ so.

So werden Wege zu wahren Schneisen. Gabelungen zu Plätzen. Von den kartografierten Grünflächen müsste man ehrlicherweise glatt ein Drittel abziehen.

Und das liebe Leute ist Menschengemacht, ohne Zweifel!

Macht nur weiter so, dann siehts hier bald aus wie in der Kalahari … ähm … Berlinari Desert.

17) Abwärts

Als Noah den Rasenmäher übers Gelände schob, dachte er wieder einmal über die Veränderungen nach, die er dort in letzter Zeit feststellte.

„Man, jetzt gibt’s hier auch schon so kahle Stellen, das war doch früher nicht so. Es war eher moosig und feucht, das Grundwasser stand sehr hoch. Das Gras verschwindet nun zunehmend, stattdessen wuchert Wein und der Bambus treibt in alle Richtungen.

Und die Wurzeln überall, die jetzt immer mehr aus dem Boden heraustreten, die waren doch vor ein paar Jahren auch noch nicht zu sehen. Hebt irgendetwas die Bäume an oder verschwindet einfach immer mehr Boden?

Auch die Senken, diese Vertiefungen hier und da. Die werden auch immer mehr. Wo ist nur all das Material hin? Was ist hier nur los?“

Mit jedem weiteren Schritt, mit jedem Quadratmeter gemähtem Rasen, versucht sich Noah einen Reim auf die Entwicklungen zu machen.

„Ist es die Globale Erwärmung, die zunehmende Versteppung, von der man so liest? Wird hier letztlich alles versanden, die Sahel-Zone bis an den Berliner Ring heranreichen?

Sind es Ameisen, Termiten, Schnecken oder Käfer, die uns den Boden wegfressen? Vielleicht ein gigantischer Super-Wurm. So wie in dem Film, wo Kevin Bacon und Fred Ward gegen Raketen-Würmer kämpfen?

Wird das Grundwasser von der Auto-Fabrik abgezweigt, die in der Nähe gebaut wird? Steckt eventuell der Nachbar dahinter, der schon immer scharf auf das Grundstück war? Oder ist es gar eine gigantische Verschwörung? Man hört ja so einiges.“

Aber er schüttelt den Kopf, winkt ab und findet einen ausreichenden Grund.

„Bestimmt ist es einfach der normale Lauf der Dinge. Landmassen bewegen sich, Erde wird verdichtet oder vom Wind abgetragen. Ja, das wird es vermutlich sein. War schon immer so. Kein Grund zur Panik.“

Mit dieser Erklärung macht sich Noah daran, sein Abendessen vorzubereiten. Spaghetti Bolognese. Ideal fürs Wochenendhäuschen. Er erhitzt eine Pfanne und verteilt Oliven-Öl im Kreis. Kurz darauf beobachtet er verdutzt, wie sich das Öl in einer Ecke der Pfanne sammelt.

„Was ist jetzt los? Mhm, vermutlich nur die Küchenmöbel, die nicht richtig austariert sind. Aber das war sonst nicht so.“

Er tut Nudeln mit viel Sauce auf einen tiefen Teller und setzt sich mit einem Glas Wein an den Tisch vor der Hütte. Kaum Platz genommen, rutschen die Nudeln samt Sauce auf die eine Seite des Tellers, so dass er den Teller-Boden sehen kann.

„Was zum Geier … ? Na ja, bestimmt steht der Tisch schief. Muss ja wohl. Was sonst.“

Er nimmt den Teller auf den Schoß, aber auch dadurch ändert sich nichts. Die Nudeln bleiben auf der einen Hälfte des Tellers.

„Wie geht das? Na dann … müssen eben die Steinplatten hier schief sein. Logisch.“

Er dreht den Teller um 180 Grad, um zu sehen was geschieht. Nudeln und Sauce rutschten auf die gegenüber liegende Seite des Tellers.

„Ok, genug Wein für heute, ich gehe ins Bett.“

Kaum hat er sich langgemacht, nimmt sein inneres Gleichgewicht ein Gefälle war.

„Hey, sag mal spinn ich? Ach, vermutlich ist wieder das Lattenrost von der Halterung gerutscht.“

Noah wirft einen Blick unter die Matratze, aber alles ist an seinem Platz. Er legt sich wieder hin und platziert sein Handy für die Nacht auf der Bettkannte. Wie immer.

Dreimal brummt das Telefon und rutscht dann von der Bettkante. Er hebt es von der Erde auf steigt in einen Chat mit Yumi ein.

Yumi: Na, was geht?
Noah: Es geht abwärts!

Yumi: Du Scherzkeks 😉
Noah: Ich scherze nicht!

Yumi: Sehen wir uns morgen?
Noah: Bin nich‘ sicher…

86) Corona-Lektionen 8

So wie es aussieht, müssen sich die Menschen nun weltweit mit der neuen Situation arrangieren. Großbritanniens Regierung zog nach und verhängte ähnliche Beschränkungen wie „Mainland Europe“. Noch krasser in Indien.

Ausgangsverbot für 1,4 Milliarden Menschen. Wie will man in Indien jemandem aus dem Weg gehen? Kollegen dort sagen, Straßen sind gesperrt mit Barrikaden und Polizei. Aber wie wollen sie das in den Slums durchsetzen? Noch ist März, aber es wird wärmer. Schlecht fürs Virus, aber auch schlecht für Quarantäne. Fragen über Fragen.

Aber die fliegen auch mir durch den Kopf, große wie kleine, jeweils eine…

Künftige Herausforderungen: Vor „einiger Zeit“ war es noch die Digitalisierung, die uns beschäftig hat. Roboter nehmen uns die Jobs weg, sehr platt zusammengefasst und Stammtisch-mäßig verkürzt. Die Digitalisierung stand schon immer im Aufmerksamkeitskampf mit dem Klima-Wandel. Man kann trefflich spekulieren, was dramatischer ist. Wenn man die Luft nicht mehr atmen kann oder wir absaufen oder vertrocknen. Aber dann brauchen wir auch keine Roboter mehr, oder? Oder vielleicht erst recht? Und nun kommt noch eine Pandemie hinzu. Auch wenn die Pandemie für eine unmittelbare Verbesserung der Luftwerte sorgt, kann man sich ja fragen, ob man die im worst-case-scenario überhaupt noch braucht, wenn die Leute eh durch eine Maske atmen. Ist es wichtiger die Umwelt sauber zu halten oder gegen Viren zu kämpfen. Muss man über selbstfahrende Busse nachdenken, wenn kaum noch einer Bus fährt? Oder muss jetzt erst recht drüber nachdenken, damit Busfahrer nicht täglich Viren ausgesetzt werden. Dann sind sie zwar vor Viren geschützt, aber arbeitslos. Puhh. Blöde Vergleiche und sehr polarisierend, ich weiß. Sollen sie aber auch sein! Kann man mal drüber nachdenken.

Wortschatz: Es ist zwar erst März, aber die Liste der Wortvorschläge für das Wort des Jahres wächst bereits kräftig an. Kontakt-Verbote, Ausgangssperre, Schließ-Befehl, Corona-bedingte Einschränkung bei der S-Bahn, Corona-Party, Social Distancing, Systemrelevanz … usw. Habt ihr noch andere Vorschläge?

Grüße aus der Hauptstadt

T.

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70) Die Drei Jahreszeiten

02-02-2020 zeigt die Datumsanzeige heute. Welch magisches Datum, zeigt es doch von vorn wie von hinten, dass wir Anfang Februar haben. Also sind es draußen -10 bis -15°C, es liegt Schnee, wir haben Ostwind aus Sibirien und die Vögel sind weg. So war das mal.  

Ich war gerade Laufen:

  • Schon nach den ersten 2 Kilometern, musste ich bei 8,5° den Reißverschluss am Hals öffnen. Andere Läufer begegneten mir in kurzen Hosen.
  • An der Südseite des Parks konnte ich bereits die ersten Krokusse auf der Wiese stehen sehen.
  • Im Teich schwammen die Enten und der Reiher stand auch schon wieder (…oder immer noch?) auf seinem Stein.
  • In der Ferne, zog ein Vater seine Kids auf einem Schlitten. What? Als ich ihnen näher kam, konnte ich sehen, dass er Rollen unter die Kufen geschraubt hat.
  • Hätte Vivaldi das damals schon geahnt, hätte er sich bei seinen 4 Jahreszeiten kürzer fassen können. Die Pizza Quattro Stagioni wird wohl zur Pizza Tre Stagioni und auch die berühmte Hotel-Kette sollte sich schon mal eine neue Marke sichern. Hotel 3 Jahreszeiten

Ob das alles so gut ist? Nun bin ich ja echt kein großer Winter-Fan, aber das stimmt schon nachdenklich.

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Reisen 6.0 – Teil 3

Fortsetzung …

Yumi und Noah passieren den Check In und die Sicherheitskontrollen. Der Guide mit  dem Turban wartet bereits hinter den Kontrollen mit Tee und super-süßen Snacks auf sie.

Während sie gemeinsam Tee trinken und die anderen Reisenden beobachten, erscheint eine Push-Nachricht auf Noahs Smart Phone. „Please proceed to 15th Floor“. Er zupft an Yumis Shirt und deutet auf einen Lift ein paar Meter weiter. Im Lift drücken sie die Taste 15. Das scheint plausibel, denn darunter steht „Asien“ geschrieben. Kaum im 15. Stock angekommen, folgt die nächste Nachricht. „Please proceed to Gate 15131, your trip is ready to start, we are closing the gate.“ Also folgen sie den Schildern den Gang entlang. Gate 15128 „Sri-Lanka“ (fast voll), 15129 “Malediven“ (überfüllt), 15130 „Bangladesh“ (fast leer). Sie gehen durch Gate 15131, nehmen die ihnen zugewiesen Plätze ein und lassen ihre Reise beginnen. Es wird zunehmend wärmer, die Luft feuchter. Ein Display im Vordersitz zeigt 29°C an. Es duftet fremd. Mal nach Gewürzen, mal nach Duftstäbchen, mal nach Früchten, mal nach Dreck. Sie bereisen alle Hot Spots Nord-Indiens, reiten sogar auf einem Elefanten einen Hügel hinauf und machen ein Selfie vor dem Taj Mahal. Nach vier Stunden ruft ein Gong zur Pause. Eine Stimme rät, die VR-Brillen abzunehmen. Die Türen des Raums öffnen sich und mehrere Inder laufen in weißen Schürzen durch die Reihen. Sie bringen duftende Curry-Gerichte, Reis und Naan an die Plätze. Weitere Servicekräfte bieten Softdrinks, Lassi und Kingfisher-Bier an. Das Essen war wirklich gut, nur die streunenden Hunde in den Sitzreihen empfanden Noah und Yumi als etwas „too much“. Zum Nachtisch gibt es Tee und mega-süße Bällchen, die an den Zähnen kleben. So viel Süßes ist echt ungesund, denkt Yumi, als ein kleiner verrotzter Straßenjunge an ihren Sitz herantritt, die offene Hand hinhält und „Bakshish, Bakshish“ wimmert. „Na, ob der denn wirklich ein echter Inder ist“, brabbelt Yumi in sich hinein. Egal jetzt. Der Gong ruft zur Fortsetzung der Reise und sie setzen wieder ihre VR-Brillen auf. Sie besichtigen Süd-Indien, schlendern über Märkte, besuchen eine Schule, fahren Boot, schauen beim Cricket zu und gehen an Goas Stränden baden. Nach weiteren 4 Stunden sind Yumi und Noah echt geschafft. Die Hitze, die Gerüche, die Eindrücke, all die tausenden Bilder, die sie von ihrer Indien-Reise bislang gesammelt haben, machen sie müde. Langsam neigen sich ihre 6D-Sessel nach hinten und beginnen mit einer sanften Massage. Die Sonne hängt blutrot über dem Meer … nach wenigen Minuten fallen Yumi und Noah in einen tiefen Schlaf. Irgendwann tippt ihnen jemand auf die Schulter. „Sirr? Madam? Good Morrning. Your Brreakfast.“ Sie erleben einen großartigen Sonnenaufgang und bekommen ihr Frühstück serviert. Der bettelnde Junge ist verschwunden. „Mhm, bestimmt hat der was auf den Malediven bekommen“, beruhigt sich Yumi. Eine Stimme ertönt. „Herzlich Willkommen zurück in Berlin. Bitte bleiben sie noch einen Moment angeschnallt sitzen, bis wir das Ende ihrer CO2-reduzierten Reise erreicht haben. Wir bedanken uns, dass sie mit VTS gereist sind und wünschen Ihnen eine angenehme Heimfahrt. Sollten Sie Transfer gebucht haben, wartet ihr Fahrer mit ihrem persönlichen Souvenir-Paket auf dem Vorplatz. Wir würden uns freuen, sie auf einer ihrer nächsten Reise wieder bei VTS begrüßen zu dürfen“.

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Reisen 6.0 – Teil 2

Fortsetzung …

Am nächsten Morgen steht Noah als erster auf. Er macht sich kurz frisch und schlüpft in kurze Hose, Shirt und Flip-Flops. Das fühlt sich im Januar zwar etwas eigenartig an, aber in Indien wird es ja warm sein. 

Er checkt noch einmal den Wetterbericht in der VTS-App. Es erwarten sie herrliche 29°C dort. Schön warm, nicht zu heiß und kein Regen. Gegen 08:00 Uhr klingelt es wie angekündigt an der Tür. Durch die Kamera kann Noah einen kleinen Mann Asiatischer Herkunft erkennen.

„Yourr driverr, Sirr“, spricht der Mann in die Sprechanlage und rollt dabei das „r“ etwas mehr, als Noah es tun würde.

„Yumi, es geht los“, ruft Noah durch die kleine Micro-Flat. Sie greifen Tasche und Rucksack und fahren mit dem Lift die 82 Stockwerke hinunter auf die Straße

Unten vor der Haustür wartet der Mann und begrüßt sie mit gefalteten Händen. „Namaste!, My name is Arjun, I’m yourr drriver today“. Er deutet auf einen weißen Toyota-E-Van. Der trägt die Aufschrift „VTS Transfer“, darunter in kleinerer Schrift „Enjoy India“. Noah und Yumi springen auf die Rückbank des vorgeheizten Vans,  Arjun schließt die Türen, schaltet laute Indische Musik ein und fährt los. Kaum haben sie ihre verkehrsberuhigte Wohngegend verlassen, reiht Arjun den Toyota in den Verkehr ein und beginnt heftig zu hupen. Noah und Yumi schauen aus dem Fenster ihrer jeweiligen Seite und nehmen ersten Indischen Straßenverkehr war. Völlig überfüllte Kleinwagen, Motorroller, Busse, unzählige Tuk Tuks und viele geschmückte Trucks fahren kreuz und quer und hupen zurück was das Zeug hält. Arjun schaut in den Rückspiegel und fragt „Firrst time in India, Sirr?“, Noah antwortet knapp „Yes, first time“. Arjun grinst über beide Ohren und wackelt mit dem Kopf. „Heavy trraffic today, Sirr“, sagt Arjun. Sie kämpfen sich durch den Verkehr und nach circa 90 Minuten kommt der Wagen zum Stehen. „Here we arre“, sagt Arjun und schaltet den Motor ab. Im selben Moment stoppt die Musik und auch das Gehupe der anderen Autos endet wie auf Kommando. Die Fensterscheiben sind schwarz geworden. Arjun öffnet die hinteren Türen und hilft Noah und Yumi hinaus. Sie steigen aus und stehen vor dem VTC Tower. Das Virtual Travel Center ist das größte seiner Art. Sie laufen ein paar Meter über einen roten Teppich an deren Ende ein Mann mit rotem Turban steht. Auch er faltet die Hände, und sagt „Namaste!, Welcome to India. I am your guide“. Er hängt Yumi und Noah eine frische Blumenkette um den Hals und malt ihnen mit dem Zeigefinger einen roten Punkt auf die Stirn. Mit einer einladenden Geste deutet er auf den Eingang des VTC. „Enjoy India“.

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Reisen 6.0 – Teil 1

Die kühlen Tage im Dezember und Januar bescheren Noah zunehmend Fernweh. Ihm ist verstärkt nach Sonne, Wärme, nach neuen Impressionen und Bildern. Er greift zum Smart Phone und chattet Yumi an.

Noah: Hi
Yumi: Na, was los?
Noah: Ich muss mal raus, lass uns verreisen
Yumi: Ok, klar warum nicht, wohin?
Noah: Indien?
Yumi: Moment … muss kurz gucken … ob ich da …
Noah: ??
Yumi: Nee, da war ich noch nicht. Wann?
Noah: Morgen?
Yumi: Sollte klappen. Wieder über VTS?
Noah: Ja, klar. Wie sonst.

Noah öffnet die VTS-App auf seinem Gerät. Das VTS (Virtual Travel System) wurde 2022 allen deutschen Privat-Haushalten zugeteilt, die trotz Klima-Krise weiterhin in die Ferne reisen wollten. Im Menü tippt er auf „Reise buchen“, sofort erscheint ein virtueller Reiseberater, begrüßt ihn und fragt sofort ein paar Parameter ab.

VTS: Hallo Noah, schön, dass sie wieder mit VTS reisen.
VTS: Ihr Reise-Ziel?
Noah: Indien
VTS: Gewünschte Reise-Dauer? Wir haben S, M, L, XL
Noah: S reicht.
VTS: Art der Verpflegung? Wir hätten Frühstück, Halbpension oder All-Inclusive
Noah: All in
VTS: Kulinarische Vorlieben? Wir haben Traditional oder Continental
Noah: Traditional
VTS: Transfer?
Noah: Ja, bitte. Da fahre ich nicht selber
VTS: Typ der Unterkunft? Wir haben Shared oder Exclusive
Noah: Shared
VTS: Vielen Dank für Ihre Buchung. Der Fahrer holt sie morgen 08:00 Uhr ab. Wichtige Reise-Hinweise liegen zum Download bereit.

Zufrieden mit der Abwicklung und voller Vorfreude beginnt Noah mit dem Packen seiner Sachen. Für Indien braucht man in der Regel ja nicht viel. Es wird warm sein und notfalls kann man halt vor Ort ein paar Dinge kaufen. Seit dem er über VTS verreist, sind die Reisevorbereitungen viel einfacher geworden. Komplizierte VISA-Anträge und selbst Reise-Pässe wurden für VTS-Reisen abgeschafft. Für Impfungen hatte das Robert-Koch-Institut den Europäischen Standard als vollkommen Ausreichend erklärt. Mittlerweile konnte man auch vor Ort alles mit Euro zahlen. Als Yumi von der Arbeit nach Hause kommt, packt sie auch noch ein paar Klamotten in den Koffer und bestückt einen kleinen Rucksack. Den Rest des Abends verbringen sie auf der Couch. Sie schauen sich gemeinsam die Reisehinweise für Indien an. Klima, Verkehr, Trinkgeld, Armut, Bettler, Essen, Trinken und so weiter.

Gegen 22:00 Uhr gehen sie ins Bett. Am nächsten Morgen müssen sie ja früh raus.

„Wow, Indien.  Ich bin aufgeregt, Noah!“
„Das wird sicher eine tolle Reise, Schlaf gut Yumi.“

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63) Einweg, Mehrweg, Mann weg

Seitdem uns immer intensiver vermittelt wird, dass wir ein Klima haben, achtet die Familie mehr auf die Wahl der Flaschen für Brause, Saft und Wasser. Naiverweise dachte ich ja lange Zeit, Pfandflasche = Gut = Mehrweg. Falsch gedacht. Auch bei den Pfandflaschen gibt es feine Unterschiede. 

Und so wird das frühere „Ich gehe mal schnell Saft holen“ zum Tagesausflug mit Verpackungskunde:

  • Im Saft-Regal ganz unten steht die „Hausmarke“, 1 Liter für freundliche 0,79 EUR. Aber die Flasche ist aus Plastik und ohne Pfand. Also besser nicht.
  • Gleich nebenan steht „Region, Apfelsaft BB“, 0,75 Liter für saftige 2,29 EUR. Ist zwar eine Glasflasche, aber ohne Pfand und mir dann mit 3,05 EUR pro Liter doch zu „saftig“.
  • Eine Etage drüber sehe ich „Direktsaft, Natürtrüb“, 1 Liter für 1,99 EUR. Aber es ist ein Tetra-Pak. Ist ein Tetra-Pak nun besser oder schlechter als eine Plastik-Pfand-Flasche? Dazu müsste ich mal googlen, aber beim Krämer ist das Netz zu schwach.
  • Ein paar Meter weiter im selben Gang steht dann noch „Klarer Apfelsaft“ im Regal. Ganz oben. 1 Liter für 1,59 EUR, Glas, Mehrweg + 0,15 EUR Pfand. Gleich daneben die trübe Variante, gleicher Preis.
  • Im nächsten Gang finde ich „Apfelsaft Mild 100%“, 0,33 Liter für 0,49 EUR. Aber alles in Plastik und viel zu kleines Packmaß, da brauche ich ja fünf Hände. Dafür ist er aber „Vegan“ und hat 100% Fruchtgehalt.
  • Weiter hinten im Laden gibt‘s noch eine Bio-Ecke. Da steht „Apfelsaft Natürtrüb“, Glas, Mehrweg, 0,75 Liter für 1,15 EUR + Pfand 0,15 EUR. Macht 1,64 EUR pro Liter. 

Ich brabbele und schimpfe vor mich hin, warum das alles auf dem Rücken der Konsumenten abgeladen wird.

Mir kommt die Idee für eine App, die mir aus den Faktoren Verpackungsmaterial (Plastik, Glas, Tetra-Pak), Recycling (Einweg, Mehrweg, Nixweg) und den Sozial-und Klimapolitischen Konditionen (Bio, Region, Vegan und Fair) und meiner Geldbörse den optimalen Apfelsaft auswählt. Die App müsste zusätzlich noch …

Eine Chat-Nachricht quält sich durchs schwache Netz. „Wo bleibst du?“

52) Klimanotstand

Im Auto-Radio lernte ich heute ein neues englisches Wort kennen. Es nennt sich „Extinction“. Übersetzt wird es mit Ausrottung. Auslöschung. Vernichtung. Untergang.

Nee, Freunde. Hier geht‘s aber nicht um den Elefanten, den Tiger oder das Nashorn. Es geht um uns. Menschen.

Du. Ich. Abspann. Ende.

  • „Extinction Rebellion legt Großen Stern und Potsdamer Platz lahm“, so hieß es heute auf www.welt.de
  • „Extinction Rebellion: Umweltaktivisten errichten Klimacamp vor Kanzleramt“, schreibt www.zeit.de
  • „Extinction Rebellion: Rackete will „ökologischen Notstand“ ausrufen“, schreibt www.focus.de

Wikipedia erklärt den Klimanotstand wie folgt:

„….Die Erklärung des Klimanotstands (englisch „Climate Emergency“) ist ein Beschluss von Parlamenten ….  oder Verwaltungen … , mit dem sie erklären, dass es eine Klimakrise gibt und dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen, diese zu begrenzen.[1] Es geht somit um den Umgang mit der menschengemachten globalen Erwärmung..“

Und was sagt dazu Bundeskanzleramtschef Braun laut RBB-Radio-Welle dazu?

„ … Das Ausrufen des Klimanotstands sei in der Verfassung nicht vorgesehen …“

Ach so. Na dann. Weiter wie bisher.

 

PS: Sorry, für diesen kurzen, vielleicht auch wenig fundierten Beitrag, aber dieses Statement hat mir heute auf der Autobahn einen Riesenlacher beschert.

 

44) Krümel for Future

Ein sehr kurze Kurzgeschichte … dafür aber voll aus dem Leben … und noch warm wie frische Semmeln.

Ich war gerade beim Supermarkt um die Ecke. Etwas zum Mittag holen. Weiter vorn in der Schlage an der Kasse stehen zwei Girls an. Ganz offensichtlich aus der Schule gegenüber und voll in der Pubertät. Mit modernen Klamotten und unbeliebten Pickeln. In ihren offenen Händen haben sie Backwaren gestapelt. Mit Bagels, Croissants und Schweine-Ohren krümeln sie ungewollt Laufband und Scanner voll, während sie ihr Taschengeld zählen. 

  • Rentnerin vor mir: Mustert sie und schüttelt den Kopf. 
  • Kassiererin: „Ja, aber Mädels, könnt ihr das nicht in eine Tüte packen?“
  • Mädels: „Nein, wir wollten keine Tüte. Ähm … wegen der Umwelt!“
  • Kassiererin: „Ja, aber das so zu halten, ist doch auch blöd, oder?“
  • Mädels: „Mhmmm …. ja.“
  • Kassiererin: „Wenn ihr was für die Umwelt tun wollt, dann nehmt doch so ein Netz hier“
  • Mädels: „Vielleicht beim nächsten Mal, Tschüüüüüüss “

Läuft, Greta!

 

PS 1: Wie haben die Mädels eigentlich die Backwaren aus den Glas-Kästen bekommen?

PS2: Und wann werden endlich die Schweine-Ohren in etwas Veganes umbenannt? 😉

Foto: Melbourne, Bahnsteig an der Metro