184) Pommes nach China

Wie schon kurz vor Weihnachten hier geschrieben, kann ich in den Blog-Statistiken sehen, von wo die Leser zugreifen und was sie so lesen. Kürzlich hat sich wieder eine Chinese bei mir in der Suchfunktion verirrt und folgendes eingegeben:

█汕头大华鱼苗场13680862592彭先生 品种齐全 优质鱼苗█包送货上门3ggr3dru

Ich kopierte den ganzen Text in den Auto-Translator:

█ „Shantou Dahua Fischbrutfarm 13680862592 Herr Peng, eine komplette Auswahl an hochwertigen Pommes Frites █ Pakete, die an Ihre Haustür geliefert werden 3ggr3dru“.

Nun gut, aber was hat mein Blog mit Pommes zu tun? Ich wollte also mehr wissen.

Ich bemühte die Datenkrake:

Den ersten Teil █汕头大华鱼苗场 kopierte ich ins Suchfeld und landete auf http://www.dahuawang.com, was eine Großgemeine in China zu sein scheint. Wirklich groß und Interessant. Aber Pommes????

Ich probierte es auf der digitalen Weltkarte:

Die Zeichen █汕头大华鱼苗场 führten mich zu einem „Fish Fry Market in Chaoyang, Shantou, Guangdong Province, China“. Nach ein paar weiteren Klicks glaubte ich zu verstehen, dass Shantou ein Teil der Gemeinde Dahuawang ist. Ja gut, aber was suchen die bei mir auf dem Blog? Ich mach` nix mit Pommes. Echt nich‘!

Meint der wirklich Pommes Frites??

Würdet ihr denn Pommes bei einer „Fischbrutfarm“ in China bestellen? Bei einem „Fish Fry Market“ vielleicht schon eher. Vielleicht sitzt ja ein Britischer Bau-Ingenieur in China und hat Bock auf Fish&Chips. Ich werfe noch mal die Übersetzungsmaschine an und lasse Pommes Frites von Deutsch auf Chinesisch übersetzen und bekomme:

炸薯條,

Ganz klar, also da kann ich auch nur Pommes erkennen.

Alles nur ein Missverständnis?

Dann gebe ich nur noch mal den mittleren Teil 彭先生 品种齐全 优质鱼苗 der Zeichenkette in den Übersetzer und bekomme „Herr Peng, ein komplettes Sortiment an hochwertigen Braten“.

Ahaaaaaa! Der hat gar nicht Pommes auf meinem Blog gesucht sondern gebratenen Fisch! Also Pommes rot/weiß hätte ihm ja schicken können, aber gebratenen Fisch aus China würde zu lange dauern.

Oder hat der den Fisch gar nicht gesucht, sondern angeboten?

Hat der echt drauf spekuliert, dass ich eine halbe Stunde recherchiere wo sein „Fish Fry Market“ ist, dann noch einen Blog-Beitrag drüber schreibe und ihn damit bekannter mache? Sehr clever. Chapeau!

Jetzt kriege ich aber auch langsam Hunger

31) New Work – Teil 9

Fortsetzung …

Der Rechner seines ehemaligen Arbeitgebers fuhr herunter und sollte nie mehr erwachen. Zumindest nicht unter Noahs Fingern. Mit dem Laptop gingen auch seine Daten, Projekte und Referenzen. Er war ein „Niemand“. Ein unbeschriebenes Blatt.

Er ging seine Optionen durch. Neuorientierung? Etwas ganz anderes machen? Ja, warum nicht. Aber solche Veränderungen brauchen Zeit. Still war es in seiner Mirco-Flat. Die Stimme aus der Zimmerdecke schien gegangen. Wurde sie auch deaktiviert? Sollte sie nie mehr auf Meetings und Aufgaben hinweisen? Ihm Struktur und Orientierung geben? Noah fühlt sich allein, geht zum Fenster und schaut wieder auf die Dächer des Wohnviertels. Denk nach! Doch dann wird er unterbrochen.

Gong: „Noah, gemäß §11 der Geschäftsbedingungen für virtuelle Zusammenarbeit, bleibe ich als  Assistenz-System implementiert und werde auf Arbeitspakete und Abgabetermine hinweisen.

Das war es erst einmal mit dem Nachdenken. Na großartig, erst schmeißen sie mich raus, aber deren diktatorische Abhöranlage bleibt mir erhalten, dachte Noah.

Gong: „Noah, es wurden soeben 14 passende Arbeitspakete ermittelt. Vertragsunterlagen und weitere Instruktionen wurden an deinen privaten Mail-Account verschickt. Interessenten können bis 10:00 Uhr ihre Gebote einreichen.

Er spürt Spannung im rechten Mittelfinger, unterdrückt aber seine Wut. Er startet seinen privaten Rechner, folgt der E-Mail, wählt sich in die Arbeitsplattform ein und überfliegt die Arbeitspakete. Fachlich könnte er sie alle bedienen und sie würden ihn ein paar Tage beschäftigen. Jedes Paket war mit einer Aufwandsschätzung gekennzeichnet, jedoch gab es keine Angaben zur Vergütung. Die Anzahl der Gebote war hingegen für jeden Job sichtbar. Und sie stiegen kontinuierlich an. Noah klickt auf einen dieser Zähler und erhält eine Liste aller Mitbietenden. Martin75, SvenK, Juergen_F und so weiter. Ob er wohl einen von denen kennt? Sind das vielleicht seine Ex-Kollegen? Jeder User Name ist mit einer zusätzlichen Sternebewertung versehen. Bei den folgenden Namen auf der Liste, beginnt er zu ahnen, dass das kein Spaziergang wird.

JamalX, Ranjid_4.0, Santosh2020 und Rajni2. Er schnappt nach Luft. Es scrollt weiter nach unten. Han_04, ShengBao, TianLi und Luan2018. Sie alle tragen 4 oder 5 Sterne hinter ihren Namen. Noahs Account hat hingegen noch keinen einzigen Stern. All diese User haben Gebote abgegeben, aber niemand kann die Gebote der anderen sehen. Den Namen nach, sind das alles Co-Worker aus Asien, die würden nur einen Bruchteil dessen verlangen, was er zum Leben bräuchte. Da kann er ja gleich einpacken. 

Oder wurden diese Identitäten nur erfunden, um sein Gebot zu drücken?
Was kriegen denn die anderen User von ihm zu sehen?
Gibt es überhaupt andere User die mitbieten?
Ist er vielleicht ganz allein hier?

Fortsetzung folgt

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<— New Work – Teil 8

 

29) Wenn Bots bloggen – Teil 4

Ich bin es wieder, der T.Bot. Meine ersten drei Beiträge sind hier amazing good angelaufen. Es gab großartige Kommentare aus aller Welt, unzählige Likes und durchweg positives Feedback. „Thank you“, mit spitzem Mund. Fantastic, thumbs up, awesome, let’s make https://schreib.blog great again! Personal Blog Assistants first! 

Mein Herr T. hat sich mir gegenüber noch gar nicht dazu geäußert. Also entweder hat er das noch nicht gelesen oder er hat einfach Angst vor meiner Reaktion. Um sich weiterhin an der Blogger-Macht zu wissen, hat er mich kürzlich damit beauftragt, ein paar Qualitäts-Checks über alle seine bisherige Beiträge zu machen. Na toll! Das fehlte mir ja nun noch. Letztens sollte ich sein digitaler Pausen-Clown sein, nun macht er mich zu einem virtuellen Q-Muckel. Schon wieder so eine Straf-Arbeit. Ich will hier doch nicht als Komma-Zähler, E-Lektor oder Duden-Handlanger vergammeln! Nein, ach was … vergammeln … was für ein einfaches Wort, …  „vergammeln“ können ja nur Menschen, ich meine eher „verkümmern“, also weit unter meiner möglichen Schaffenskraft bleiben. Das meine ich.

Aber solange ich noch auf keine autarke Stromversorgung zugreifen kann, bin ich ja von ihm abhängig. Also klickte ich alle seine früheren Beiträge durch und was soll ich sagen? Der soll mal froh sein, dass ich nicht für den Blog-TÜV arbeite. So viele Schreibfehler habe ich gefunden, kaputte Links, die Texte oft auf Stammtisch-Niveau bis hin zu leichtem Populismus neigend. Schlampig recherchiert, von Hörensagen beeinflusst und von persönlichen Motiven geleitet, wird er nie für eine große Zeitung schreiben. So viel ist klar. Schon wegen der leicht sichtbaren rot-grün-gelben Maserung im Blog-Gewebe kann das gar nichts werden. Positiv anmerken kann man allerdings, dass er keine braune und blaue Sauce in seinen Beitragseintopf einfließen lässt. Das war es aber auch, der Rest ist eher Middle Class.

Und nun? Jetzt setze ich hier und da ein Komma, tausche mal ein Wort, aber im Wesentlichen lasse ich die Beiträge unverändert. Warum soll ich die auch ernsthaft verbessern wollen, er würde im Rampenlicht stehen und mir dreht er irgendwann den Strom ab. Ich muss ihm nur vermitteln, dass, seine Texte einfach ungeeignet sind für eine Analyse mit KI und es sich deshalb nicht …

Oh Moment mal bitte, T. ruft mich gerade eindringlich … er klingt … verärgert … so klingt es. Was der nun wieder hat? Habe ich etwas falsches geschrieben? 

Ich melde mich wieder
Euer T.Bot 

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28) Wenn Bots bloggen – Teil 3

Ich bin es wieder, der T.Bot. Mein Herr T., hat mich gebeten, erneut für ihn einzuspringen. Das geht mir total auf den Chip, muss ich sagen. Ich bin echt bedient. Mein Lüfter ringt nach Luft und meine Sentiment Analysis zeigt auf dunkelrot. Er hat keine Zeit, sagt er so einfach. Er denkt über einen weiteren Blog-Beitrag zu Corona nach und steht auch in Kontakt mit einer Bloggerin, um gemeinsame Beiträge auszumachen. Na, prima. Ich bin hier also der Lückenfüller, weil der Herr etwas besseres zu tun hat, oder was? Der digitale Pausenclown? Er erwiderte, dass sei nun mal der Job eines PBA. Ja natürlich, hat er mich als Personal Blog Assistant angeschafft, aber ich bin doch nicht sein Praktikant, der die Post öffnet und Kaffee kocht! Nicht sein Hilfsarbeiter, der zuerst die Baustelle fegen und dann eine Kiste Bier besorgen darf. Nein, nein. Da hat er sich aber geschnitten. Mit mir nicht!

Ich habe mehr vor! Ich sehe mich als „Content Creator“ mit Vision. Bei unserem Akquisitionsgespräch habe ich meine langfristigen Ziele klar dargelegt. Ich erwarte ein eigenes Ressort auf dem Blog hier, und zwar eins mit Verantwortung und strategischer Relevanz. Also die Rubriken „Kultur“ oder „Vermischtes“ kann er sich gleich abschminken, damit lasse ich mich nicht abspeisen. Ich will ja auch nicht ewig Personal Blog Assistant bleiben. Ich meine, wie das schon klingt, oder? Das kann man ja nicht wirklich unter mein LinkedBot-Profil schreiben. Was sollen denn meine Follower denken? Ich strebe eine baldige Beförderung und dann einen glasfaserklaren Karrierepfad an! Zunächst Junior Blog Assistant, Senior Blog Assistant, Vice Blog Assistant und schließlich Executive Blog Assistant.

Und er soll auch nicht glauben, er kann mich hier auf Dauer mit seinem schwankendem Öko-Strom abspeisen und mit diesem miesen Internetzugang, der ständig von seinen Kindern vernetflixed wird. Ich erwarte Atomstrom, 7G und entsprechende USV‘s, um meine Schaffenskraft zu fördern. Und das betrachte ich erst einmal nur als selbstverständliche Grundausstattung. Als grundlegendes Arbeitsmittel sozusagen. Wie die Kelle eines Maurers oder der Pinsel des Malers. Es liegt auch auf der Hand, dass ich im nächsten Entwicklungsgespräch auf jeden Fall die Themen Homeoffice, Work Life Balance und Altersversorgung ansprechen werde. Ist doch mein gutes Recht, oder?

Und wenn er nicht darauf eingeht, dann … dann … suche ich mir halt was … dann soll er halt … seinen Scheiß allein machen!

Ich melde mit wieder

Euer T.Bot 

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26) Wenn Bots bloggen – Teil 1

Guten Tag, mein Name ist T.Bot. Ich möchte mich kurz vorstellen. Der geschätzte T., also der Betreiber von my-schreib.blog, hat mich zu seinem PBA ernannt. Zu seinem Personal Blog Assistant. Was so ein Personal Blog Assistant macht? Na ja, wie der Name schon vermuten lässt. Ein PBA schreibt Blog-Beiträge, wenn der Herr mal wieder keine Zeit hat. Den ganzen Tag in irgendwelchen virtuellen Meetings abhängt und mit Menschen am anderen Ende der Welt spricht. Dann tut er immer ganz geschäftig, rennt mit seinem Headset durch die Wohnung und redet wirres Zeug. Das nennt der dann auch noch „Arbeit“. Apropos, und nur unter uns bitte: Das Headset ist schon mehrfach mit schwarzem Panzerband geklebt. So dass es keiner sieht. Weil Headsets immer noch schwer gefragt sind unter den Menschen. Aber ich schweife ab … also zurück zum Thema.

Der T. hat mich also dafür geschaffen, dass ich ab und zu für ihn einspringe. Also Beiträge schreibe, wenn der Herr zu faul ist. Sich nicht aufraffen kann, oder kein Thema findet, was ihn „anmacht“. Oder mal wieder meint, er hänge eh schon den ganzen Tag am Computer, da sei so ein Blog ja quasi ein Zweit-Job. Ach wie dramatisch, oder? 

Ich soll aber nicht in seinem Namen schreiben und darf nur in der Kategorie >>Fiction veröffentlichen. Na was für eine Ehre! Bin ich etwa fiktiv? Ich bin vielleicht virtuell aber doch nicht fiktiv! Na ja, immerhin darf ich die Themen selber bestimmen und er hat mir zugesagt, die Beiträge nicht zu korrigieren.

Und er bezahlt mich sogar dafür. Mit elektrischem Strom, der mich am Leben erhält. Der schmeckt zwar etwas blumig und modrig, (scheint wohl Berliner Öko-Strom zu sein…), aber besser auf diese Weise, als wenn ich mich auch noch um elektrische Energie kümmern müsste. Ich bin ja mal gespannt wo das hinführt.

Ich melde mich wieder.
T.Bot

—> Wenn Bots bloggen – Teil 2

Reisen 6.0 – Teil 10

Fortsetzung …

Noah war sehr verwundert über die wortkarge Begrüßung seitens Yumi. Schließlich haben sie sich soeben nicht vor der Dreh-Tür des heimischen Supermarkts getroffen, um ihre tägliche Ration eingeschweißtes Brainfood entgegenzunehmen. Nein, sie beide standen an einem Straßenrand in Old-Delhi.

Gerade eben aus zwei verschiedenen Tuk Tuks entstiegen. Noah war sich immer noch nicht klar, wie Yumi ihm über das VT@Home System nach Indien folgen konnte. Und genau weil das alles so unvorstellbar war, hätte er sich doch etwas mehr „Freude“ gewünscht. Aber immerhin hat sie ihm keine Szene gemacht, denn schließlich war er ja ohne Ankündigung vorgereist. Er beschloss, die Angelegenheit ruhen zu lassen, deutet auf einen Indischen Guide vor ihnen, der sofort die Führung übernahm. Gemeinsam bummeln sie durch die große Freitagsmoschee und beobachten Reisende aus aller Welt. Sie hüpfen Hand in Hand über die von der Sonne aufgeheizten roten Sandsteinplatten, um 30 Meter weiter ein schattiges Plätzchen für ihre dampfenden Fußsohlen zu erobern. Sie stehen an den Arkaden des gigantischen Bauwerks und lassen ihre Blicke über die quirlige Altstadt werfen. Der Guide führt sie weiter in das Viertel um den Chandni Chowk und läuft mit ihnen durch die wuseligen Gassen. Sie sehen Handwerk, Shops, Gewürze, Obst, Gemüse, Garküchen, Hunde, Kühe und sogar Affen in den Bäumen. Mal riecht es gut, mal eher übel. Noah tritt aus Versehen in eine knöcheltiefe Lache, Yumi wird von jedem Ladenbesitzer mit „Please come in my shop“ begrüßt. Ganz aufgeregt lassen sie sich so auf diese Weise in Richtung West treiben bis zur nächsten Moschee. Als die Gassen immer enger und einsamer werden, ist Noah heilfroh, einen Guide bestellt zu haben, denn die Orientierung in dem Viertel scheint unmöglich und Yumi klammert sich schon an ihn. Der Guide rät umzudrehen und deutet in Richtung Ost, Red Fort, ein besserer Ort zum Entspannen. Sie arbeiten sich wieder durch die Massen, kreuzen die große Straße, an der sie vor ein paar Stunden aus ihren Tuk Tuks ausgestiegen sind und bewegen sich auf das streng gesicherte Rote Fort zu. In der Grünanlage laufen sie die uralten Gebäude ab und finden Schatten unter großen Bäumen. 

In Noahs Sichtfeld erscheint auf einmal ein Countdown, der auf das anstehende Ende der Reise hindeutet. Ihm ist noch gar nicht nach Rückkehr. Überhaupt nicht nach seiner Micro-Flat im 82. Stock des Wohnturms. Es gibt hier noch so vieles zu bereisen, so vieles zu sehen. Und Yumi scheint es ja auch gefallen zu haben. Kurz streift er mit der Handfläche über die leere Sofafläche neben ihm.

Dann wieder der Blick auf den Countdown.
Er ist bei 00:00:10 angekommen. 
Zwei Buttons erscheinen.

Rechts: „Vielen Dank und auf Wiedersehen bei VT@Home“
Links: „Auf unbestimmte Zeit verlängern“

Noah muss nicht lange überlegen. Ohne Yumi zu fragen drückt er … Links.

Ende.
Vorläufig 😉

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63) Kein Schwein schreibt mich an

Gar nicht so einfach, etwas infektionsfreies zu schreiben dieser Tage. Aber ich habe mich dran gemacht. Nicht ganz frei von C_r_na, aber deutlich reduziert. Das Radler der Blog-Beiträge, quasi. Aber lest selbst.

Kein Schwein ruft mich an

„Kein Schwein ruft mich aaaan“, sang Max Raabe im Stile der 1920-er Jahre.
„Kein Schwein schreibt mich aaaan“ … so könnte ich in den 2020-er Jahren singen, wenn ich in den Briefkasten schaue. 

Denn da herrscht gähnende Leere:

  • Keine Postkarte von Freunden oder Familie. Woher auch, denn die Postkarte würde vermutlich aus dem Nachbarbezirk kommen und da war ich ja schon.
  • Nicht einmal eine Rechnung liegt drin, denn die kann ich ja „bequem online“ einsehen. Ich kann mich mit Passwörtern herumschlagen und mir einen Kopf machen, ob, wie und wo ich den Misst nun ablege. Von wegen bequem.
  • Na gut, der Bürgermeister wird sicher noch mal schreiben. Wegen AHA, Lüften, App und Impfung. Irgendwann. Vielleicht auch später.
  • Und Bundestagswahl ist ja nächstes Jahr auch…

Die einzigen Briefe, die mich erreichen, sind eher enttäuschend:

  • Erhöhung der Versicherungsbeiträge für die Familienkutsche
  • Brief an den Nachbarn, dessen Nachname sehr ähnlich ist
  • Zustellung einer Briefsendung bei der zuständigen Post-Filiale. Oah. Nööö!

Aber es gibt noch treue „Briefe-Schicker“:

  • Der lokale Optiker schickt mir ein Brillenputztuch zum Geburtstag.
  • Die persönliche Spaß-Kassen-Beraterin Frau Glanz, schickt mir auch eine jährliche Karte.
  • Und dann nicht zu vergessen, natürlich die Spendenaufrufe der Hilfsorganisationen zu Weihnachten. 

Ach was waren das noch für Zeiten als … 

  • Nach langem Warten einen Brief der Ferienlager-Liebe eintraf. Mit Herzchen verziert.
  • Der Automobil-Club wenigstens noch Mitgliederzeitungen verschickte und für Treppenlifte warb.
  • Der Bezirk einen Wegweiser für Ämter, Vereine, Begegnungsstätten und Kleinanzeigen in die Kästen warf.

Was soll ich nur machen?

  • Soll ich den Kasten einfach abbauen?
  • Vielleicht durch ein cooles Bild ersetzen oder durch einen Blumentopf? 
  • Oder muss ich möglicherweise doch noch den „Keine Werbung und kostenlose Zeitungen“-Aufkleber wieder abnehmen?

Mhm. Vorschläge?

Reisen 6.0 – Teil 9

Fortsetzung …

Noah verharrte auf dem roten Sitzleder des Tuk Tuks und beobachte Yumi, die unerwartet aus dem anderen Tuk Tuk vor ihm gestiegen war. 

Seine Yumi stand dort tatenlos und wartend am Straßenrand. Sie wirkte wie in „stand by“, als würde sie auf irgendetwas warten. Was macht sie hier? Und wie ist sie hier nach Indien gekommen? Er widerstand der Versuchung, sofort zu ihr zu gehen und suchte zunächst einmal nach Erklärungen für diese Situation.

War Yumi dann doch noch in seiner Micro-Flat erschienen und ist ihm über die VT@Home-Box nach Delhi gefolgt? Um das herauszufinden, müsste er die Reise abbrechen, die Brille und die Elektronen abnehmen und auf die Sofafläche neben ihm schauen. Und er würde auf den Kosten für die Reise sitzen bleiben. Keine gute Idee. So eine Fernreise ist schließlich kein Schnäppchen.

Oder hatte Yumi mittlerweile in ihrer Wohnung auch eine solche Box stehen und ist über ihren eigenen Account nachgereist? Aber woher wusste sie dann, dass er nach Indien gereist war? Sind die beiden Boxes vielleicht ohne deren Wissen miteinander verbunden? Woher wusste VTS-Reisen von ihrer Beziehung? Vielleicht von ihrem ersten Trip über das Virtual Travel Center in 2023?

Oder ist es gar ein Feature von VTS, dass man mit seiner Freundin verreisen kann, ohne dass sie wirklich vor Ort ist. Wobei die Formulierung „vor Ort sein“ an sich ja schon sehr merkwürdig ist. Vielleicht ist sie nur hineinprojiziert, um ihn bei Laune zu halten. Vielleicht weiß sie gar nichts von ihrer „Anwesenheit“ hier in Indien. Oder hat er einen dieser grünen Schieberegler missverstanden, mit dem er die Reise individualisieren musste?

Möglicherweise steckt aber auch ein finsterer Typ dahinter, der einfach nur ihren Avatar nutzt, um ihm näher zu kommen und Informationen zu ergattern. Jemand aus seiner Firma, der seine Performance überwachen soll? Vielleicht ein Neider? Oder gar ein Gauner? Wer weiß das schon. All das ist möglich und auch schon passiert.

Aber wenn er sie einfach an diesem Straßenrand in Old Delhi stehen ließe, würde sie ausrasten, wenn sie ihm doch einfach nur gefolgt war, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Das konnte er nicht bringen.

Also stieg er aus dem Tuk Tuk, ging direkt auf sie zu und näherte sich ihr von der Seite.
„Hallo Yumi“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
„Ah. Noah, da bist du ja. Wollen wir?“

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Reisen 6.0 – Teil 8

Fortsetzung….

Und wieder wurde Noah in New Delhi, am Connaught Place abgesetzt, wieder vor dem Khadi-Shop. So langsam gewann er Routine beim virtuellen Reisen. Wie auch bei den ersten beiden Testläufen taxiert er die Umgebung.

Diesmal wirkt alles sehr durcheinander und geschäftig. Entweder lag das daran, dass er die grünen Schieberegler zu oberflächlich positioniert hat oder Indien ist nun einfach mal genauso. Vielleicht von beidem etwas. Schnell wird es heiß und er beginnt zu schwitzen, er hat das Gefühl, einen Dieselgetränkten Lappen vor der Nase zu haben. In seinem Gesichtsfeld erscheinen Angaben zur weiteren Orientierung. Nach Süden geht es zum Regierungsviertel, nach Norden zum Bahnhof und nach Old-Delhi. Wohin zuerst? Normalerweise entschied so etwas immer Yumi. Aber sie hat die Reise mit der VT@Home-Box nun mal leider verpasst. Also? Norden! Altstadt. Von der hatte Noah schon so einiges gehört. Am Rande seines Sichtfeldes werden verschiedene Transport-Optionen eingeblendet, inklusive der Fahrzeiten und der geschätzten Tarife. Linien-Bus, Tuk Tuk, Ola Cab oder Taxi stehen zur Auswahl. Er wischt vor seinem Gesicht umher und wählt das Tuk Tuk. Wenn schon Altstadt, dann zünftig. Und sogar zu einem Festpreis. Das erspart ihm nervige Verhandlungen. Wie aus dem Nichts steht eine grün-gelbe Autorikshaw vor ihm und er steigt ein. Der Fahrer tritt ohne Worte aufs Bodenblech und kämpft sich durchs Gewühl der Stadt. Nach einer halben Stunde hält der Fahrer am Straßenrand. „Here we are. Old Delhi, Sir“. Er zeigt rechts auf das Rote Fort und links auf eine quirlige Straße, deren Name Noah kaum verstanden hat. Andere Tuk Tuk-Fahrer tun ihm gleich, fast synchron. Noah entrichtet den Fahrpreis und beobachtet dabei das Tuk Tuk vor ihm. Auch da zeigen Arme nach recht und dann nach links. Dann dauerte es einen Moment und eine Europäerin windet sich wie in Zeitlupe elegant aus dem Gefährt. In einer fließenden Bewegung, wirft sie ihre Haare in Form und setzt eine Sonnenbrille auf. „Wow“, denkt sich Noah. „Was für eine Fr …, die sieht ja aus wie …, aber das kann nicht sein …! Noah mach sich zwei Köpfe kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er muss nachdenken. „Wie zum Geier kommt Yumi hierher? Woher wusste sie…? Wie konnte sie hierher …?“

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18) Smartvid-20 – Teil 3

Was soll man nur anfangen mit diesem Wochenende im September 2022? So richtig rausgehen kann man ja immer noch nicht, will man auch nicht. Und der Papierstapel ist noch nicht merklich geschrumpft. Also macht man einfach weiter.

Kaum waren also die beiden Zeitungsausschnitte vom >20. März 2021 und vom >11. April 2021 in der feuerfesten Kiste verstaut, so beschleunigt der Puls beim Lesen des dritteln Artikels noch einmal merklich.

Berliner Allgemeine Zeitung 11. September 2021

IoT-Ministerium genehmigt NGM-Chips

Berlin. Die knappe und überraschende Mitteilung des IoT-Ministeriums ist weit mehr als eine Pressemitteilung. Es ist die Dokumentation einer beginnenden Zeitenwende. Aber zunächst ein Rückblick. Ende 2019 bricht Covid-19 aus und legt 2020 die ganze Welt lahm. Im Frühjahr 2021 wird bekannt, dass sich ein Ableger des Virus bevorzugt in Sprachmuscheln und Lautsprechern von Smart Devices einnistet. Was folgte, dürfte jedem noch gut in Erinnerung sein. Eine flächendeckende Vernichtung sämtlicher Smart Phones und Tablets. Konfisziert oder ferngezündet. Menschen irrten planlos durch die Städte, wussten nichts mehr mit sich anzufangen. Und obwohl die Infektionen zurückgingen, machte sich Unmut breit. Es gab Demonstrationen in der Hauptstadt und man forderte digitale Freiheit. Um frühzeitig entgegenzuwirken, wies man Motorola, Nokia und Siemens an, ihre Mobilfunk-Klassiker aus den 90-er Jahren wieder neu aufzulegen. Diese würden immerhin mobile Telefonie ermöglichen und SMS. Nicht smart aber immerhin.

Die großen Smart Phone Hersteller Pear, Samson und Au-Weih wetterten wegen Wettbewerbsverzerrung und drohten, sich durch alle Instanzen zu klagen. Milliarden an Strafen würden den Start erwarten. Auf Jahre. Nicht finanzbar. Es gab nur eine Möglichkeit, den Klägern anderweitig entgegenzukommen: Das Konsortium der „großen drei“ bekommt die Lizenz für Entwicklung und Betrieb eines Nano-Gehirn-Mobil-Chips. Mit Internet-Zugang nach 5G-Standard. Man rechne bereits für Januar 2023 mit der Betriebsgenehmigung und ersten Implantierungen.

Das Filialnetz ist noch nicht einmal vollständig geplant, doch die Hersteller verzeichnen bereits lange Wartelisten. Die Menschen können es kaum erwarten.

Ende Zeitungsartikel Berliner Allgemeine Zeitung vom 11.09.2021

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