204) Corona-Lektionen 85

Ist da draußen eigentlich noch Mai oder schon Oktober. Schwer zu sagen. Aber alle sprechen über die Sommerferien, also muss demzufolge ja Mai sein.

Ein paar Gedanken der letzten Tage:

Öffnungen
Gestern krochen wir aus dem Höhlen-Office und trafen ein anderes Höhlen-Pärchen in einem hippen Stadtpark mit 49-er Inzidenz. Geblendet von Frühlingssonne und Multi-Kulti-Testosteron, waren unsere Schritte dort noch etwas ungelenk. Schnell trafen wir auf einen frisch wiedereröffneten Biergarten, dessen Eingang mit zig Verhaltensregeln beschriftet war. Registrierung per App, Corona-Test (max 24h alt), etc. Wie ein paar verpickelte Teenager standen wir also vor dem Tor und waren unsicher, ob wir denn „da schon rein dürften“. Völlig vergessene Gefühle des „Verbotenseins“ und des „Erwischtwerdens“ meldeten sich aus der Bauchgegend. Halbgeimpft und ungetestet, aber auch Freiheitsliebend und durstig, fassten wir aber Mut und schritten selbstbewusst auf die Schenke zu. Wenig später saßen wir mit Faßbier und Premium-Veggie-Pizza in der Kreuzberger Sonne und sprachen über die Zeit seit unserem letztem Treffen im Oktober. Nicht ganz korrekt, mag sein, aber richtig und wichtig! Liebe Grüße an der Stelle!

Reisen
Sonne, Urlaub in der Ferne … hätten alle mal gerne. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht irgendeinen Newsletter mir Reisebezug kriege. Die Staatslinie der Österreicher verspricht mir „Frizzante und einen g‘schmackigen Schwammerlgulasch“, eine „zünftige Brettljause“ oder gar einen „Apfelstrudel“ über den Wolken. Beim deutschen Meilensammler kann ich bis zu „40% sparen und ab 18.000 Prämienmeilen Hin-und Rückflüge buchen“. Im Reisezeitraum 2021 erhalte ich sogar „doppelt soviele Statusmeilen wie bisher“. Aber welches „bisher“ meinen die eigentlich? Das “bisher“ der letzten 15 Monate oder das „bisher“ vor Corona?

Indien
Während wir uns die Augen reiben, wie zügig die Zahlen nun runtergehen, sieht‘s anderswo auf der Kugel noch sehr schlimm aus. Ich bin täglich mit Kollegen aus Indien in Kontakt und pflege auch private Kontakte in den Subkontinent. Mangelnde Versorgung mit Krankenhausbetten und Sauerstoff, überforderte Verbrennungsstätten, hohe Neuinfektionen … und die hohe Dunkelziffer von der doch alle ausgehen. Übel. Nun könnte man meinen, ist doch egal, ist ja weit weg und solange der Indische Food-Fahrer mit dem lustigen Turban noch die warmen Pizza-Kartons vor die Tür stellt ist hier doch alles prima. Denkste! Es ist eine „Pan“demie, dass heißt sie muss auch „pan“bekämpft“. Wer denkt, „nach Indien und Afrika wollte ich eh nicht reisen“, der hat zu kurz gedacht und wir werden auch in Europa das Virus nicht so schnell los.

Ich muss Schluß machen, denn der Sohn ruft. 

„Papaaaaaaaa, du glaubst es nicht! Da sind Menschen im Stadioooooooooon“

Schöne Pfingsten … und übertreibt‘s nicht!
T.

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194) Corona-Lektionen 80

Der 80. Beitrag dieser Serie, … nun ja, … was gibt’s neues? Nüscht! Nur Höhlen-Office, ein paar Besorgungen und ein regelmäßiger Blick aufs Thermometer.

Der Frühling kommt nur in kleinen Dosen. Und zwar gut gekühlt. Wir sollten ihn besser zuteilen … priorisieren sozusagen.

Ein paar Gedanken der letzte Tage:

Notbremse
Ein Bundesgesetz regelt nun diverse Dinge bei Erreichen bestimmter Inzidenzen. Für uns hat sich rein gar nichts geändert. Aber es ist eine großartige Errungenschaft, dass man nun bundeseinheitlich bis 00:00 Uhr joggen kann. Allein. Mich würde ja echt mal interessieren, welcher Kreis das nun wieder durchgedrückt hat. Jetzt mal Hand aufs Sportler-Herz. Wart ihr das? Geht Ihr echt um 23:00 Uhr allein joggen … 

Schule
Das große Kind darf wieder in die Schule gehen. Nach unglaublichen 18 (!) Monaten war ihre Klassenhälfte nun wirklich dran. Ich hatte ja schon Wetten angenommen, dass das vor den Sommer-Ferien nicht mehr klappt. Kurzzeitig überlegte ich, ob wir wohl ihre Schultüte noch irgendwo herumzuliegen hatten. Die hätten wir ihr mitgeben können. Aber diesen ironischen Spaß hätte man wohl missverstanden. Aber so ist das nun mal mit ironischen Statements inmitten angespannter Pandemie-Situation. Sollten man vorher drüber nachdenken. Seitenhieb … Video-Künstler … ihr wisst schon.

Indien
Der ein oder andere weiß, dass ich regelmäßig mit Indischen Kollegen zu tun habe. Natürlich sprechen wir schon ein ganzes Jahr über Corona. Lockdown, Einschränkungen, die Schule der Kinder und so weiter. Seit ein paar Tagen komme ich nun aber an die Grenzen meines Englisch- Wortschatzes. Und zwar wenn sie aus erster Hand berichten, was da aktuell los ist. Wenn Sie erzählen, dass Familienmitglieder in Krankenhäusern liegen (… wenn sie Glück haben …) oder schon „passed away“ sind. Dann sprechen sie weiter von „Oxygen-Shortage“, „lack of ICU“ und … cousin … nephew … mother in law … und so weiter. Dann kriege ich kaum ein Wort über die Lippen. Was soll ich da sagen?

Und dann fragen sie mich, was hier so läuft …

Frohes Nachdenken allerseits
T.   

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45) Postkarte aus Indien

Karfreitag. Schon 07:00 Uhr wach. Corona. Na großartig.
Was kann man anstellen an diesem pandemischen Feiertag?

Fenster putzen? Steuererklärung vorbereiten? Ablage machen? Schlitten und Eiskratzer verstauen? Smartphone upgraden? Bilder sortieren …

…und ein bisschen zurückdenken … oh ja!!!

Ein Jahr zurück? Nee, bloß nicht!
Zwei Jahre zurück? Schon viel besser.

Anfang April 2019 bildeten sich in der Wohnung diverse Stapel, die sich immer dann bilden, wenn es auf Reisen geht. Klamotten, Dokumente, Reiseführer, Technik, Sonnenschutz und so weiter. Denn es sollte nach Indien gehen. Mit Kind und Kegel.

Ich habe für euch ein paar Bilder aus Delhi, Agra und Goa ausgesucht, die mal aus anderer Perspektive aufs Land schauen.

 

Gandhi ist überall …

 

Verkehr gibt es reichlich …

 

An Kultur und Geschichte mangelt es auch nicht …

 

Und so lässt es sich aushalten 😉

Die anderen Postkarten dieser Reise:

174) Corona-Lektionen 69

Der Frühling hat sein erstes Gastspiel. Im Stadtpark um die Ecke fuhren letzte Woche noch fette SUVs vor und luden ihre Eigner samt Ski-Ausrüstung aus. Jetzt spielen die Hipster da oben ohne Volleyball. Ich komm da kaum noch mit.

Ein paar Gedanken aus den letzten Tagen:

Impfen:
Meine Güte. Zuerst war kein Stoff da, jetzt schicken die Briten ein paar Pullen rüber und jetzt passt es nun auch wieder nicht. Das Zeug schützt ja „nur“ zu 70% und danach gehts dir vielleicht zwei Tage nicht gut. Ey, jetzt hört doch mal auf zu flennen! Was ist das nur für ein Wohlstands-Genöle? Wer das nicht haben will, der soll mir das mit der Post schicken, ich haue mir das auch selber in den Arm. 

Menscheln:
Als Jemand, der gut und gerne mal allein sein kann, haben mir die Kontaktbeschränkungen im letztem Jahr eigentlich wenig ausgemacht. Vor ein paar Tagen jedoch, habe ich mich doch aber glatt beim „menscheln“ erwischt. Nee, nicht googeln, nicht daddeln, nicht nextflixen. Sondern menscheln! Ich war beim Zahnarzt (wo man mich eigentlich nur unter Androhung von Gewalt hinkriegt) und ich verbrachte dort eine wirklich nette Stunde. Ich habe seit langem nicht mehr soviel mit Menschen außerhalb Arbeit/Familie gequatscht. Wir machten gleich weitere Termine fürs Frühjahr aus. Ich freue mich schon und fühle mich wie John Dunbar im Fort Sedgwick 😉  

Fernreisen:
Wer dieser Tage einer Fernreise machen will, muss kreativ sein. Ich hab’s versucht.

  1. Zunächst war ich im Asia-Lebensmittelladen, bin durch die Gänge gestreift, habe gerochen und gefühlt. Als ich wieder draußen war, hatte ich die Zutaten fürs Dinner und zwei Flaschen Singha in der Hand. Kingfisher gab‘s leider nicht. 
  2. Zum Abend gab es Indischen Blumenkohl mit Papadams und Raita. Und das Bier aus Thailand natürlich. Nicht ganz passend, aber Annapurna wird es verzeihen. 
  3. Für die Unterhaltung folgte dann ein 2,5-stündiger Bollywood-Actionfilm mit Super Star Shah Rukh Khan. Natürlich auf dem Tablet und mit Kopfhörern im Liegesessel. So fühlte ich mich dann wie auf einem >> Langstreckenflug kurz hinter Dubai, über dem Arabischen Meer. Nur ohne Luftloch. Und warme Tücher wurden auch nicht gereicht, dafür musste ich aber beim Klo nicht anstehen. Und es gab keinen Nebenmann der furzte und schnarchte. Oder aber schallend über alte Mr. Bean-Folgen lachte 😉

Ein guten Start in die nächste Homeoffice/Homeschooling-Woche!

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Reisen 6.0 – Teil 10

Fortsetzung …

Noah war sehr verwundert über die wortkarge Begrüßung seitens Yumi. Schließlich haben sie sich soeben nicht vor der Dreh-Tür des heimischen Supermarkts getroffen, um ihre tägliche Ration eingeschweißtes Brainfood entgegenzunehmen. Nein, sie beide standen an einem Straßenrand in Old-Delhi.

Gerade eben aus zwei verschiedenen Tuk Tuks entstiegen. Noah war sich immer noch nicht klar, wie Yumi ihm über das VT@Home System nach Indien folgen konnte. Und genau weil das alles so unvorstellbar war, hätte er sich doch etwas mehr „Freude“ gewünscht. Aber immerhin hat sie ihm keine Szene gemacht, denn schließlich war er ja ohne Ankündigung vorgereist. Er beschloss, die Angelegenheit ruhen zu lassen, deutet auf einen Indischen Guide vor ihnen, der sofort die Führung übernahm. Gemeinsam bummeln sie durch die große Freitagsmoschee und beobachten Reisende aus aller Welt. Sie hüpfen Hand in Hand über die von der Sonne aufgeheizten roten Sandsteinplatten, um 30 Meter weiter ein schattiges Plätzchen für ihre dampfenden Fußsohlen zu erobern. Sie stehen an den Arkaden des gigantischen Bauwerks und lassen ihre Blicke über die quirlige Altstadt werfen. Der Guide führt sie weiter in das Viertel um den Chandni Chowk und läuft mit ihnen durch die wuseligen Gassen. Sie sehen Handwerk, Shops, Gewürze, Obst, Gemüse, Garküchen, Hunde, Kühe und sogar Affen in den Bäumen. Mal riecht es gut, mal eher übel. Noah tritt aus Versehen in eine knöcheltiefe Lache, Yumi wird von jedem Ladenbesitzer mit „Please come in my shop“ begrüßt. Ganz aufgeregt lassen sie sich so auf diese Weise in Richtung West treiben bis zur nächsten Moschee. Als die Gassen immer enger und einsamer werden, ist Noah heilfroh, einen Guide bestellt zu haben, denn die Orientierung in dem Viertel scheint unmöglich und Yumi klammert sich schon an ihn. Der Guide rät umzudrehen und deutet in Richtung Ost, Red Fort, ein besserer Ort zum Entspannen. Sie arbeiten sich wieder durch die Massen, kreuzen die große Straße, an der sie vor ein paar Stunden aus ihren Tuk Tuks ausgestiegen sind und bewegen sich auf das streng gesicherte Rote Fort zu. In der Grünanlage laufen sie die uralten Gebäude ab und finden Schatten unter großen Bäumen. 

In Noahs Sichtfeld erscheint auf einmal ein Countdown, der auf das anstehende Ende der Reise hindeutet. Ihm ist noch gar nicht nach Rückkehr. Überhaupt nicht nach seiner Micro-Flat im 82. Stock des Wohnturms. Es gibt hier noch so vieles zu bereisen, so vieles zu sehen. Und Yumi scheint es ja auch gefallen zu haben. Kurz streift er mit der Handfläche über die leere Sofafläche neben ihm.

Dann wieder der Blick auf den Countdown.
Er ist bei 00:00:10 angekommen. 
Zwei Buttons erscheinen.

Rechts: „Vielen Dank und auf Wiedersehen bei VT@Home“
Links: „Auf unbestimmte Zeit verlängern“

Noah muss nicht lange überlegen. Ohne Yumi zu fragen drückt er … Links.

Ende.
Vorläufig 😉

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Reisen 6.0 – Teil 9

Fortsetzung …

Noah verharrte auf dem roten Sitzleder des Tuk Tuks und beobachte Yumi, die unerwartet aus dem anderen Tuk Tuk vor ihm gestiegen war. 

Seine Yumi stand dort tatenlos und wartend am Straßenrand. Sie wirkte wie in „stand by“, als würde sie auf irgendetwas warten. Was macht sie hier? Und wie ist sie hier nach Indien gekommen? Er widerstand der Versuchung, sofort zu ihr zu gehen und suchte zunächst einmal nach Erklärungen für diese Situation.

War Yumi dann doch noch in seiner Micro-Flat erschienen und ist ihm über die VT@Home-Box nach Delhi gefolgt? Um das herauszufinden, müsste er die Reise abbrechen, die Brille und die Elektronen abnehmen und auf die Sofafläche neben ihm schauen. Und er würde auf den Kosten für die Reise sitzen bleiben. Keine gute Idee. So eine Fernreise ist schließlich kein Schnäppchen.

Oder hatte Yumi mittlerweile in ihrer Wohnung auch eine solche Box stehen und ist über ihren eigenen Account nachgereist? Aber woher wusste sie dann, dass er nach Indien gereist war? Sind die beiden Boxes vielleicht ohne deren Wissen miteinander verbunden? Woher wusste VTS-Reisen von ihrer Beziehung? Vielleicht von ihrem ersten Trip über das Virtual Travel Center in 2023?

Oder ist es gar ein Feature von VTS, dass man mit seiner Freundin verreisen kann, ohne dass sie wirklich vor Ort ist. Wobei die Formulierung „vor Ort sein“ an sich ja schon sehr merkwürdig ist. Vielleicht ist sie nur hineinprojiziert, um ihn bei Laune zu halten. Vielleicht weiß sie gar nichts von ihrer „Anwesenheit“ hier in Indien. Oder hat er einen dieser grünen Schieberegler missverstanden, mit dem er die Reise individualisieren musste?

Möglicherweise steckt aber auch ein finsterer Typ dahinter, der einfach nur ihren Avatar nutzt, um ihm näher zu kommen und Informationen zu ergattern. Jemand aus seiner Firma, der seine Performance überwachen soll? Vielleicht ein Neider? Oder gar ein Gauner? Wer weiß das schon. All das ist möglich und auch schon passiert.

Aber wenn er sie einfach an diesem Straßenrand in Old Delhi stehen ließe, würde sie ausrasten, wenn sie ihm doch einfach nur gefolgt war, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Das konnte er nicht bringen.

Also stieg er aus dem Tuk Tuk, ging direkt auf sie zu und näherte sich ihr von der Seite.
„Hallo Yumi“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
„Ah. Noah, da bist du ja. Wollen wir?“

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Reisen 6.0 – Teil 8

Fortsetzung….

Und wieder wurde Noah in New Delhi, am Connaught Place abgesetzt, wieder vor dem Khadi-Shop. So langsam gewann er Routine beim virtuellen Reisen. Wie auch bei den ersten beiden Testläufen taxiert er die Umgebung.

Diesmal wirkt alles sehr durcheinander und geschäftig. Entweder lag das daran, dass er die grünen Schieberegler zu oberflächlich positioniert hat oder Indien ist nun einfach mal genauso. Vielleicht von beidem etwas. Schnell wird es heiß und er beginnt zu schwitzen, er hat das Gefühl, einen Dieselgetränkten Lappen vor der Nase zu haben. In seinem Gesichtsfeld erscheinen Angaben zur weiteren Orientierung. Nach Süden geht es zum Regierungsviertel, nach Norden zum Bahnhof und nach Old-Delhi. Wohin zuerst? Normalerweise entschied so etwas immer Yumi. Aber sie hat die Reise mit der VT@Home-Box nun mal leider verpasst. Also? Norden! Altstadt. Von der hatte Noah schon so einiges gehört. Am Rande seines Sichtfeldes werden verschiedene Transport-Optionen eingeblendet, inklusive der Fahrzeiten und der geschätzten Tarife. Linien-Bus, Tuk Tuk, Ola Cab oder Taxi stehen zur Auswahl. Er wischt vor seinem Gesicht umher und wählt das Tuk Tuk. Wenn schon Altstadt, dann zünftig. Und sogar zu einem Festpreis. Das erspart ihm nervige Verhandlungen. Wie aus dem Nichts steht eine grün-gelbe Autorikshaw vor ihm und er steigt ein. Der Fahrer tritt ohne Worte aufs Bodenblech und kämpft sich durchs Gewühl der Stadt. Nach einer halben Stunde hält der Fahrer am Straßenrand. „Here we are. Old Delhi, Sir“. Er zeigt rechts auf das Rote Fort und links auf eine quirlige Straße, deren Name Noah kaum verstanden hat. Andere Tuk Tuk-Fahrer tun ihm gleich, fast synchron. Noah entrichtet den Fahrpreis und beobachtet dabei das Tuk Tuk vor ihm. Auch da zeigen Arme nach recht und dann nach links. Dann dauerte es einen Moment und eine Europäerin windet sich wie in Zeitlupe elegant aus dem Gefährt. In einer fließenden Bewegung, wirft sie ihre Haare in Form und setzt eine Sonnenbrille auf. „Wow“, denkt sich Noah. „Was für eine Fr …, die sieht ja aus wie …, aber das kann nicht sein …! Noah mach sich zwei Köpfe kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er muss nachdenken. „Wie zum Geier kommt Yumi hierher? Woher wusste sie…? Wie konnte sie hierher …?“

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Reisen 6.0 – Teil 7

Fortsetzung …

Noah saß vor der Liste der grünen Schieberegler, mit denen er sich seine anstehende Indien-Reise  konfigurieren sollte. Etwas hilflos begriff er nun den Unterschied zum bisherigen Reisen über die Virtual Travel Center (VTC). Diese Reisen in den frühen 2020-er Jahren boten ja immerhin noch EIN gewisses Programm an. Dieses Erlebnis hat man sich vor Ort mit anderen Mitreisenden geteilt, man hatte also EINE gemeinsame Erfahrung. Das neue Reisen über VT@Home läuft nun vollständig individualisiert ab. 200 Länder warten mit ihren hunderten Zielen, deren „Experiences“ nun noch zusätzlich über diese Schieberegler „customized“ werden müssen. „Unser Ende wird die Auswahl sein“ brummelt er, als leichte Panik in ihm aufsteigt. Soll er die Reise einfach abblasen? Aber das Fernweh und der Durst nach einem Kulissen-Wechsel begleitet ihn nun schon seit Wochen und andere Formen des Reisens sind ja verboten. Er will reisen, aber befürchtet zugleich, dass er sich mit einer falschen Einstellung den ganzen Trip versaut. Mit etwas Erleichterung entdeckt er neben der Option „Einstellungen übernehmen“ auch die Möglichkeit einer „Vorschau“. Aha. Man konnte also die Einstellungen jederzeit verändern und mit der Vorschau ausprobieren, ob einem das zu erwartende Reiseerlebnis auch zusagt, bevor man dann kostenpflichtig bucht.

Etwas planlos schiebt er alle Regler auf die eher rechte Seite und wählt „Vorschau“. Ein Countdown zählt 3-2-1, es gongt und Noah findet sich auf New Delhi’s Connaught Place wieder. Südseite, vor dem Khadi-Shop. Es ist superheiß, die Luft verqualmt und der Himmel drückt schwefelgelb von oben herab. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von Hupen, Bussen, Trucks, Polizei-Sirenen und Bolly-Techno. Tausende Menschen bewegen sich um ihn herum, Köter, Ratten und Schlangen wimmeln in den offen Straßengräben durch den Müll. Ein Junge ohne Beine sitzt auf einem Rollbrett und zieht ihm am Hosenbein. Ein Mädchen mit verätztem Gesicht hält die verkrüppelte Hand für ein Bakshish hin, ein alter Greis wankt auf ihn zu, breitet die Arme aus und … „raus, raus, ich will raus hier“, brüllt Noah und wählt „Vorschau abbrechen.“ Es gongt und er findet sich zu Hause vor seiner VT@Home-Box wieder. Sein Herz rast, er schwitzt und atmet schnell. Da waren die Regler wohl zu weit nach rechts geschoben. 

Für einen weiteren Versuch, schiebt er alle Regler auf die linke Seite. Wieder wählt er die „Vorschau“, das System zählt von 3-2-1, gongt und setzt ihn wieder auf dem Connaught Place ab. Wieder vor dem Khadi-Shop. Es herrschen angenehme 24°C, die Luft ist klar, der Himmel blau. Der Verkehr ist mäßig, Autos summen geräuschreduziert vorbei, wenige Menschen sind auf der Straße und überqueren sie wohl geordnet an Ampelanlagen und Fußgängerüberwegen. Über den Platz klingen zarte Sitar-Töne, an jeder Ecke gibt es kostenloses Wasser und Früchte. Polizisten tragen keine Rohrstöcke, sondern Tablets, mit denen sie für die Bürger jederzeit ansprechbar sind. Kinder spielen auf der gigantischen Grünfläche in der Mitte des Platzes, Papageien sitzen in den großen Bäumen, Wasser sprudelt aus Springbrunnen und eine weiße heilige Kuh … „stop, stop, was soll denn der Blödsinn“, schimpft Noah und bricht die Vorschau wieder ab. Dieses Erlebnis war ihm zu albern, auch wenn er den Indern diesen Wandel ja wünschen würde.

Er will es aber noch einmal versuchen. Er ordnet die Regler eher in der Mitte an, belässt die Position der Knöpfe aber leicht unterschiedlich. Ein wenig Überraschung soll ja schließlich sein. Daher verzichtet er auch auf eine weitere Vorschau, wählt „Einstellungen übernehmen“ und dann „kostenpflichtig buchen“.

Oh shit … wo bleibt Yumi eigentlich?“, flüstert er.

Aber das System zählt unmittelbar von 3 auf 1 und es ertönt der Gong.

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Reisen 6.0 – Teil 6

Fortsetzung…

Noah saß vor dem schwarzen Kunststoffkasten, den er vor wenigen Minuten ausgepackt und mit den ersten Einstellungen versorgt hatte. Hunderte Reiseziele warteten nun darauf, entdeckt zu werden. 

Er beschloss, nicht auf Yumi zu warten, sondern sich in dieser neuen Welt schon einmal etwas umzusehen. Er tippte auf „Entdecken“ und unmittelbar vor ihm entstand eine Weltkugel in seinem Zimmer. Mit einfachsten Gesten rollte er die blaue Kugel und überflog Länder, Inseln oder Gebirge. Er hielt kurz in Australien. Mit einem gut gelaunten „G`Day“ baut sich ein Australier vor ihm auf und beginnt, den Kontinent für eine Reise anzupreisen. Aber er rollte wieder zurück in Richtung Südostasien. Thailand … Sri Lanka … Indien. Ja warum nicht noch einmal Indien, war doch die letzte VTS-Reise mit Yumi in guter Erinnerung. Anstelle des Australiers erschien nun ein Inder, mit stolzem Bart und rotem Turban in seinem Zimmer. Auch er bewarb verschiedenste Trips und versprach höchste Individualität. Gleichzeitig nahmen Feuchtigkeit und Temperatur merklich zu. Gerüche von Gewürzen, Blüten und Sandelholz strömten aus dem Kasten. Noah gestikuliert ein OK, aber gleichzeitig zweifelt er, ob sich hinter der neuen VT@Home-Box nicht einfach die Heimvariante der bisherigen VTC verbarg. Aber nein, da schien mehr möglich zu sei. Die Konfiguration der VT@Home-Box ermöglichte neue „Experiences“, die so im Virtual Travel Center technisch unmöglich waren. Eine lange Liste von grünen Schiebereglern ließ die Reise nach Belieben „customizen“. Auf der linken Seite das europäisch vertraute, rechts dann das andere Extrem. 

Ein Auszug:

Reichtum—————Bittere Armut
Sauberkeit——-——Übelster Dreck
Sicherheit——-——Kriminalität
Rücksicht—————Egoismus
Null Bettler—-——Überall Bettler
Mücken———-——Kakerlaken,Schlangen

Warm——————Superheiß
Würzig———-——Mega-Scharf
Schön still————Immer laut
Fix-Preis—————Handeln

H&M——————Market
Aldi————-——-Market
DM———————Market

Noah flog über all die „Settings“. „Der Slogan Incredible India scheint durch Customizable India abgelöst worden zu sein“, brummelt er vor sich hin. Also, dass man sich seine Reise modular zusammenstellt, das gab’s ja auch schon früher bei den „alten“ Reisen, aber sich selbst das Land nach Belieben zu konfigurieren wie einen Frozen Yogurt oder Hamburger, das war nun neu.

Was soll er nun machen, fragt er sich. Alle Schieber auf links? Das wäre zu öde und dann könnte er auch gleich zum Asia-Imbiss um die Ecke gehen. All die Schieber nach rechts? Das wäre für Yumi zu viel und für VTS-Reisen wohl geschäftsschädigend. Sollte er überhaupt auch nur einen einzigen Parameter verändern? Dann hätte das kommende Reiseerlebnis ja gar nichts mehr mit der „Realität“ zu tun. Also entschied er sich für den „Standard“. Schließlich wolle er Indien so erleben, wie es wirklich ist. Aber es gab auf den ersten Blick auch keinen Button der „Standard“, „Default“ oder „Normal“ hieß. Nicht einmal „Varianten“ oder „Favoriten“ anderer User. 

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 5

—> Reisen 6.0 – Teil 7

40) Postkarte aus Weitwegeigentlich

Irgendwo habe ich gelesen, dass „Can you see my screen“ oder „Könnt ihr mich noch hören“ wohl zu den meistgesagten Sätzen im Deutschen Berufsleben des Jahres 2020 gehören werden. Glaube ich gern. Im Privatleben war es mit Sicherheit eher „Eigentlich wären wir jetzt in … gewesen“. 

Wir waren in London, Lissabon und auf Korsika. Eigentlich. Aus Korsika wurde dann Santorin, aber wieder nur eigentlich. Aber in Bukarest, da war ich wirklich. Und an der Ostsee. Aber geht es um die Ferne, bleibt wohl nichts anderes übrig, als in Erinnerungen zu schwelgen.

Aber wenn ich so durch meine Bilder von Goa, São Paulo und Melbourne blättere, frage ich mich auch, ob ich da jetzt wirklich hinreisen wollte. Will ich aktuell in Indien sein? Ist São Paulo dieser Tage wirklich „The place to be“. Will ich jetzt über 24h in einer Metall-Röhre sitzen und nach Down Under fliegen?? Mhm … ich glaube nicht. 

Also wischt man sich so durch seine Fotos und schmiedet den ein oder anderen Reiseplan für 2021.

Lust auf ein paar Eindrücke aus Goa? Vielleicht etwas coole Street Art aus São Paulo? Oder eine Portion von Multi-Kulti in Melbourne?

Bitte schön!

  1. Postkarte aus Goa 1 2019
  2. Postkarte aus Goa 2 2019
  3. Postkarte aus Goa 3 2019
  4. Postkarte aus São Paulo 2019
  5. Postkarte aus Melbourne 1 2019
  6. Postkarte aus Melbourne 2 2019
  7. Postkarten aus Delhi, Singapore, Mexico?

<— Weitere Postkarten gibt‘s hier