45) Eine gute Tat am Tag

Aktuell ist es in Berlin halbwegs erträglich. In den Ferien sind weniger Einwohner in der Stadt unterwegs, aber in ein paar Tagen ändert sich das wieder. Dann wird wieder gedrängelt, geschubst und genölt. Die Menschen werden wieder ruppiger, lauter und man tut alles dafür, Hauptsache seinen Arsch vorwärts zu bringen. Wen dieses „Gegeneinander“ auch so stört (…. und ich hoffe, da gibt es noch jemanden), der kann gern mal etwas ausprobieren.

Ein gute Tat am Tag. 

Och nö! Was soll‘n das jetzt hier du Weltverbesserer. Das kannst du gerne machen. Aber das wird nie etwas. Die Welt tickt nun mal anders du Träumer. Da kannst du dir gern einen abrackern. Es macht einfach keinen Sinn, einen Schritt zurückzutreten, wenn alle anderen weiterhin nur ihren Kopf durchsetzen wollen. Du gibst was, aber dir gibt nie jemand etwas zurück. Lass es doch einfach sein!

Mhm, nein. Es gibt da durchaus noch Hoffnung:

Situation 1) Letzten Freitag im Super-Markt, die Schlangen an der Kasse sind lang. Vor uns eine Frau mit vollem Wagen, wir haben unseren Wagen auch ordentlich beladen. Das Pärchen hinter uns hält drei Packen Bratwürste in der Hand. Wie romantisch. Ich schaue ihnen in die Hände, dann in die Augen und frage so etwas wie „Sagt mal, habt ihr nur die drei Würstchen da?“ Beide nicken artig. „Na dann kommt mal beide vor“, sage ich. Die Dame vor uns kommt entweder A) in Zugzwang oder B) hat auch noch eine gute Tat offen. Sie bietet das Gleiche an und schwupp die wupp, ist das Pärchen samt Würstchen durch die Kasse. Und? Ist das nun schlimm? Nein! Die beiden bedanken sich noch mal, winken und ziehen von Dannen. Habt einen schönen Abend!

Situation 2) Am Montag in der S-Bahn in Richtung Süd-Ost. Ich stehe an der Tür und höre Musik. Auf einmal höre ich eine Ansage durch meine Kopfhörer hindurch. Zunächst vermute ich das übliche Gelaber wegen Baustelle, Verzögerung oder Schienenersatz-Verkehr. Aber es kommt anders. Der Text wird länger als sonst und ich ziehe die Stöpsel aus den Ohren. Ich höre nur noch den Rest der Ansage. In etwa so: „… tja, nun werden sie sich fragen, was ich jetzt hier über die Lautsprecher von ihnen will … ich wollte mich einfach mal nur bedanken, dass sie heute so zügig ein-und ausgestiegen sind. Deshalb werden wir die Endhaltestelle auch pünktlich erreichen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag … ihr heutiger Lok-Führer“.

Manche Fahrgäste schüttelten den Kopf, andere wiederum schmunzelten in sich hinein. Die hatten es kapiert.

Wir erreichen so langsam die Endhaltestelle und mir kommt die Idee zu diesem Beitrag. Aber, um den wirklich rund zu machen, würde ich am liebsten nach vorn zum Lockführer gehen und … ihm irgendwie … etwas … sagen. Eine Endhaltestelle bietet sich für so etwas bestens an. Also los. Wenn nicht jetzt, dann niemals.

Ich laufe nach vorn zum ersten Wagen und klopfe ans Fenster des Lok-Führers.

„Tach’chen, sagen sie mal, ´ne Frage … haben sie uns gerade gefahren?
Stolz setzt ein kleiner Mann seine rote Dienst-Mütze auf und sagt grinsend … „Jawohl, das habe ich“. 

„Danke dafür, ich wollte Ihnen auch einen schönen Tag wünschen“, sage ich, setze die Kopfhörer wieder auf und laufe gut gelaunt zu meinem Ziel.

Geht doch! 

40) Vollschaden von Typ VZ2009 und WH38

Das Viertel in dem wir wohnen, war nach dem Krieg ziemlich kaputt und zu DDR-Zeiten mächtig heruntergekommen. Mittlerweile sind fast alle Häuser saniert, die Wohnungsbewerber reichen sich die Klinke in die Hand. Alt und Neu wechselt sich ab. Es ist „historisch gewachsen“, wie man so schön sagt. 

Gerade erst aus Indien zurück, joggte ich neulich durch die Straßen zum Park. Diesmal irgendwie „achtsamer“ als sonst. Der Kiez war so viel sauberer als Indien, kaum Dreck auf der Straße, viel grüner und alles viel frischer irgendwie.

Dafür fielen mir aber diesmal ganz besonders all die bescheuerten Straßen-Schilder auf, für die man in Indien gar kein Geld hat. Ganz besonders dann, wenn sie gar nicht auf eine explizite Situation hinweisen, sondern nur den miserablen Zustand der öffentlichen Verkehrswege in der ersten Welt dokumentieren. „Gehwegschäden“ und „Straßenschäden“ sind wohl die meist geprägten Schilder Berlins. Aber eben weil es ein Altbau-Viertel ist, habe ich gar nicht den Anspruch an „High-Tech-Flüster-Asphalt“ und „Nanopartikel-Beschichtete Gehwegplatten“.

Aber die Stadt muss diese Schilder vermutlich aus Versicherungsgründen an die Laternen nageln, damit niemand sie verklagt, wenn man sich beim Joggen die Knie aufschlägt oder ein nobler Kinderwagen der „Helicopter-Hypercare-The-Angel-Premium-Class“ das Vorderrad verliert. Also hängen an jeder Kreuzung unseres Tempo-30-Viertels solche Schilder. Die Rechnung ist ganz einfach: Eine klassische Kreuzung bietet vier Richtungen, multipliziert mal zwei Fußwege, macht also exakt … acht Schilder je Kreuzung! Nicht zu vergessen noch die Hinweise auf Straßenschäden in ähnlicher Anzahl.

Bemüht man die gängige Suchmaschine, findet man das Schild „Gehwegschäden“ mal unter der Typ-Bezeichnung VZ2009 oder auch WH38. Egal wie es nun heißt, kostet es je nach Reflexionsklasse und Befestigungsart ca. 30-40 EUR. Einzelpreis natürlich, ohne Montage und Mehrwertsteuer. Bei all den Schäden hier  kann die Stadt Berlin bestimmt gigantische Mengen-Rabatte verhandeln, trotzdem könnte man es doch einfacher und preiswerter haben.

  • Alle Berlin-Reiseführer erhalten ab sofort einen zusätzlichen roten Aufdruck „Caution: Walkway damage throughout the City“. Dieser Hinweis folgt dann gleich unter dem schon existierenden gelben Balken „New: The 10 Top sights to get drunk for low budget“
  • Am Flughafen TXL läuft direkt nach der „Alleinstehende-Koffer-Ansage“ eine zusätzliche Ansage. „Achtung, Achtung. Wir machen sie darauf aufmerksam, dass sie ab Verlassen des Flughafengeländes mit erheblichen „Gehweg-und Straßenschäden rechnen müssen. Dafür können wir ausnahmsweise mal nichts“
  • Die gelben Ortseingangsschilder an den Autobahnen und Landstraßen, bekommen einen zusätzlichen Text: „Mit passieren der Ortseingangsgrenze akzeptiert der Besucher hochwahrscheinliche Gehweg-und Straßenschäden und übernimmt daraus entstehende Folgekosten aus Beschädigung an Gesundheit und Eigentum zu seinen Lasten“.

Noch andere kreative  Ideen? Dann bitte einfach kommentieren !

 

Man o man, wäre ich doch nur Schilder-Fabrikant geworden…

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Frühere Beiträge zu ähnlichem Unsinn in Berlin:

36) Park-App

Bargeldlos, Papierlos und Stressfrei – so wirbt die Park-App selbstbewusst und eingänglich. Allein diese drei Wörter lassen nur Gutes verheißen. Seit dem die Kids ein Taschengeld bekommen, habe ich kein Kleingeld mehr. Auf Papier-Tickets und Zettelwirtschaft kann ich auch sehr gern verzichten. Und wenn jemand verspricht, er könne mir etwas Stress abnehmen, würde ich sofort nachfragen, wo ich denn unterschreiben solle. 

Bei der Park-App musste ich hingegen gar nichts unterschreiben, sondern nur ein paar Buttons auf dem Bildschirm meines Telefons drücken. Ruckzuck war die App heruntergeladen, begrüßte mich umgehend und fragte ein paar Parameter ab. Das Land in dem ich zu parken gedenke, mein Einverständnis zu deren AGB und die Zustimmung zur Positionsbestimmung über mein Handy zum Beispiel. 

Währenddessen fragte ich mich, wovon die App eigentlich finanziert wird. Die Stadtkasse lebt bestimmt auch ganz gut von dem Geld, was zwar in die Automaten hineingeworfen, aber nicht „abgeparkt“ wurde. Ist eine Party also öde, sucht man schnell das Weite. Der Park-Automat zahlt aber nichts zurück. So, und da die Park-App ja angeblich sekundengenau abrechnet, kann es diese Überschüsse ja nun nicht mehr geben. Kurz darauf informierte aber die App, dass pro Parkvorgang 0,25 EUR berechnet würden. Aha. Damit war das nun auch beantwortet. Aber reicht das denn aus? Solch ein kleiner Betrag? Aber gut, warum eigentlich nicht. Die App is ja nun entwickelt, kostet nicht mehr viel Geld und die Umsätze werden irgendwie elektronisch an die städtischen Parkzonen-Bewirtschafter überwiesen. Viel Personal wird dafür vermutlich nicht benötigt. 

Erst kürzlich ergab sich uns die Gelegenheit, die App endlich einmal auszuprobieren. Wir waren zu einem Familiengeburtstag eingeladen und in der Gegend dort wimmelt es nur so von Mitarbeitern des Ordnungsamts. Also starteten wir vor dem Hauseingang die App, tippten auf „Parkvorgang starten“ und entschwanden in den Hausflur. Zwischen Kaffee, Kuchen und sprudelndem Getränk für die Erwachsenen, warf ich mehrmals einen Blick auf die Park-App. Sie war immer noch online und zählte Minuten und Sekunden vorwärts. Herrlich. Nie wieder dreckige Automaten anfassen, nie wieder hinuntergehen und Münzen nachwerfen, nie wieder zu viel Geld bezahlen. Das ist doch echt fair. 

Nach gut zwei Stunden verabschiedeten wir uns wieder. Die Party war zwar nicht öde, aber wir hatten noch andere Pläne. Später am Abend, auf der heimischen Couch, entsperrte ich mein Handy, um zu sehen, ob es irgendwelche Neuigkeiten aus der großen, weiten Welt gibt. Gab es nicht. Aber die Park-App … die lief noch und zählte eifrig vorwärts. Misst! 10,95 EUR waren bereits aufgelaufen. Für gut zwei Stunden Familiengeburtstag. In einem Wohngebiet. 

Na großartig. Nun weiß ich wenigstens, warum den Betreibern die 0,25 EUR pro Vorgang ausreichen.

Frühere Beiträge zu Parken, Apps und Kleingeld:

 

39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

Frühere Beiträge zum Thema:

8) Berliner Frauentag

Wer die Nachrichten in den letzten Tagen verfolgt hat, wird mitbekommen haben, dass Berlin einen neuen arbeitsfreien Feiertag bekommt. Den Frauentag am 8. März. Ab wann? Bereits dieses Jahr, also in sechs Wochen. Wenn es dazu eine breite Diskussion im Vorfeld gab, ist die irgendwie an mir vorbeigegangen. Liegt es vielleicht daran, dass ich kürzlich im Arabischen Raum (früherer Beitrag) unterwegs war? Dort war das keine Nachricht wert. Warum nur? In meiner Wahrnehmung kam der Entschluss des Berliner Innenausschuss erst letzten Montag aus dem Radio-Lautsprecher. Der finale Beschluss durch das Abgeordneten-Haus sei nur noch ein formaler Akt, hieß es. Aha. Und was sagt das Berliner Wahl-Vieh dazu? Hätte ich vielleicht die Wahlprogramme der Berliner Parteien gründlicher lesen sollen, so wie bereits beim Mobilitätskonzept (früherer Beitrag)? 

Aber nun ist er da, der Feiertag. Zunächst ist das natürlich im Bundesvergleich ganz nett. Gehört doch Berlin zu den Bundesländern mit den wenigsten Feiertagen. 

Trotzdem bleiben Fragen:

Kommen wir erst einmal zu Sinn und Zweck des Feiertages. In den Medien spricht man von dem „Frauentag“. Aber ist das nicht irreführend? Es geht doch gar nicht um die „Frau“ an sich, sondern um ihre Rechte, Stellung in der Gesellschaft, Nachteile in Karriere, Einkommen und Rente. Zumindest in Europa. Oder? Dann sollte der Tag aber noch ganz schnell umbenannt werden in „Tag der Frauenrechte“ oder so. Sonst erwarte ich die ersten Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht, dass auch „andere“ einen arbeitsfreien Feiertag erwarten. Wäre es nicht viel zeitgemäßer, stattdessen einen gemeinsamen „Feiertag gegen Benachteiligung aufgrund Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität, Gesundheitszustand“ usw. zu veranstalten? Natürlich muss weiterhin für die Frauenrechte gekämpft werden, ohne Frage. Da gibt es noch viel nachzuholen, nur ist Benachteiligung eben mittlerweile vielfältig und es gibt sie überall.

Nun zum Zeitpunkt. Ein gesetzlicher Feiertag soll doch zum Innehalten, zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Demonstrieren dienen. Deshalb ist er ja arbeitsfrei. Dazu ist der 8. März nun aber nicht gerade geeignet. Im besten Falle gibt es keinen Frost mehr, vermutlich regnet es den ganzen Tag. Ich bin gespannt, wie die Organisatoren diverser Veranstaltungen das Volk von Glotze, Netflix und Prime weg und an die frische Luft kriegen wollen. Ich glaube, es wird also eher ein Couch-Tag, wenn man mal ehrlich ist. Vielleicht fahren auch alle zum Shoppen nach Brandenburg. Oder es wird Wäsche gewaschen und gebügelt (im besten Falle von Männern). Aber ist das denn gerechtfertigt und dem Hintergrund des Feiertages angemessen?

Es ist aber nun mal beschlossene Sache, also haben wir ganz spontan Anfang März einen Tag frei. Praxen, Ämter, Schulen und andere Dienstleister werden geschlossen haben. Dumm für diejenigen, die einen Termin beim Zahnarzt, Standesamt oder Scheidungsanwalt haben. Die geraten nun in Hektik und müssen ein paar Telefonate führen. Ich werde heute Nachmittag auch alle Meetings für den Frauentag am 8. März absagen. Die Inder werden sich über den Hintergrund wundern, die Araber auch, aber die haben Freitags eh frei. Die merken das gar nicht. In 2020 liegt der Feiertag auf einem Sonntag, das ist also alles wieder beim Alten.

Bevor wir hier zum Ende kommen, eine Frage noch:

Erlaubt das Berliner Ladenschlussgesetz eigentlich das Öffnen von Blumen-Läden an Feiertagen? Oder gibt’s dann am 8. März lange Schlangen bei ARAL, TOTAL, SHELL und beim Späti um die Ecke?

Ich freue mich über Kommentare und eine angeregte Diskussion.

36) Berliner Landschaften

 

„Landschaftsarchitektur“, nennt sich die Disziplin, die sich mit „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ von nicht bebautem Raum beschäftigt. So steht’s geschrieben im großen weltweiten Internet-Lexikon. Genauer gesagt, geht es um Parks, Freizeitanlagen, öffentliche Plätze und Gärten im ländlichen und urbanen Raum.

Früher hieß es wohl auch mal „Landesverschönerung“ oder „Landschaftsplanung“. Egal welchen Begriff man nimmt, es klingt kreativ, gut durchdacht, bestens geplant und nach preußischer Genauigkeit zügig umgesetzt. Meint man.

Nachstehend ein paar Beispiele, bei denen ich aber ernsthaft ins Zweifeln komme:

Am höchsten Punkt des nahegelegenen Saefkow-Parks befindet sich eine Grünfläche mit Kinderspielplatz. Am anderen Ende der Ebene hat man zwei grüne Volleyball-Netz-Pfosten in die Erde gerammt. Das Netz fehlt. Das muss man mitbringen. Und falls wirklich jemand mal ein Netz da hoch schleppt und dort jemals Volleyball gespielt würde, wäre das Spiel schnell wieder vorbei. Die Volley-Ball-Zone befindet sich direkt am Rand des Hügels an einem 1,20 Meter hohen Zaun. Man müsste schon sehr viele Bälle mit nach oben nehmen oder ständig einen Balljungen den Hügel herunter schicken.

Beim Joggen komme ich immer an einem Spielplatz an der Friedenstraße vorbei. Große Kletter-Anlagen aus Holz, beschäftigten die kleinen Entdecker dort jahrelang. Pünktlich zur Eröffnung der Spiel-Saison im Frühjahr wurde der Spielplatz mit einem Bauzaun gesperrt, dann hat man den ganzen Sommer und Herbst an dem Spielplatz gebaut und vor ein paar Tagen, um den ersten Advent herum, erfolgte nun endlich die Abnahme und Eröffnung der Anlage. Es sind nun frische 5°C im Park, na dann viel Spaß beim Spielen.

Auch der Piraten-Spielplatz um die Ecke war lange gesperrt. Das kreative Holz-Piratenschiff war wohl nicht mehr sicher genug, also hat man es abgerissen und mit Spielgeräten aus dem Katalog ausgetauscht. Kann ich ja verstehen, bei Holz ist halt irgendwann mal Ende. So weit so gut. Obwohl nun aber die neuen Geräte endlich aufgestellt waren, zog sich die endgültige Eröffnung noch bis in den Herbst hin. Warum? Ja, weil jemand auf die Idee gekommen ist, die Wege auf dem Spielplatz mit kleinen Berliner Steinen zu pflastern. Alles Handarbeit! Dauert ewig und ist zudem vermutlich das teuerste Stück „Landschaft“ auf dem ganzen Gelände. Und die Kids sind bestimmt sehr dankbar dafür. Solch einen Pflasterweg haben die sich schon immer gewünscht.

In der benachbarten Schule ist man schon ewig damit beschäftigt, das tiefer liegende Erdreich unter dem Schulhof von Kriegstrümmern zu befreien. Anschließend soll der Schulhof wieder neu hergerichtet werden. Existierende Tischtennis-Platten und Fußball-Tore wurden daher abgebaut und an die Seite gestellt. Die Kids mussten sich halt für die Hofpause etwas anderes einfallen lassen oder den Bauarbeitern beim Arbeiten zuschauen. Heute lief ich mal wieder dort vorbei. Auf dem Hof tat sich etwas. Große Betonteile und NEUE (!) Tischtennis-Platten wurden geliefert, die bisherigen Platten standen immer noch am Rand. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf das große Bauschild, um mal zu sehen, wann die fertig sein wollen. Da steht allen Ernstes geschrieben: „Bauzeit 2017-2019“. Oh man, die armen Kids und Lehrer. Ich meine, wir reden hier von einem Schulhof, oder? Nich von einem Autobahn-Kreuz!

Zu guter Letzt die selbe Schule noch einmal. Sie wurde vor Jahren saniert, hatte damals neue Dämmung und eine weiße Fassade bekommen. Über die Zeit wuchsen Sträucher und kleinere Bäume immer dichter an das Gebäude heran. Alles war schön grün und hielt die Sprayer von der Fassade weg. Selbst wenn sie dort aktiv geworden wären, hätte es keiner sehen können. Und das wollen die Idioten mit den Dosen ja nun auch wieder nicht. Nun aber kam ein schlauer Mensch auf die Idee, all das Grünzeug rund um die Schule abzuholzen. Keine Ahnung warum. Von Heute auf Morgen stand das weiße Schulgebäude auf einmal ungeschützt am Straßenrand und strahlte einladend vor sich hin. Ein Geschenk aller Steuerzahler an die Farbdosen-Lobby. Gut gemacht Ihr Experten. Jetzt sieht die Grundschule aus wie eine Lagerhalle in der Bronx. Großartig. 

Ich wage vorauszusagen wie es weiter geht. „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ der Fassade …  mit Wettbewerb, Ausschreibung und einem neuem Bauschild von 2020 bis 2022? 

Frühere Beiträge zum Thema Stadtplanung und Verkehr:

34) Kids Drive in

Ab und zu ist es noch nötig, dass wir die Kids mit dem Auto in die Schule bringen. Das Schulgebäude liegt in einem Wohngebiet, direkt an einer Einbahnstraße. Wenn man aber nicht erst kurz vor Schulbeginn kommt, hat man eigentlich ganz gute Chancen, einen legalen Parkplatz zu ergattern. Manchmal ist dazu auch eine weitere Ehrenrunde nötig oder man findet halt eine Lücke um die Ecke. Dann läuft man halt mal 100 Meter. Alles klein Problem. Wenn die Zeit knapp ist, halte ich auch mal in der zweiten Reihe und lasse die Kids von dort aus dem Auto aussteigen. Bestimmt nicht ganz STVO-konform, aber wenn man ehrlich ist, ist es die schnellste und auch ökologischste Form. Der Vorgang dauert max 30 Sekunden und wirklich stören oder behindern tut man dort niemanden. Andere machen es sich aber noch einfacher. Sie halten direkt vor der Schuleinfahrt. „Was für ein Zufall, hier ist ja noch Platz“. Also schalten sie den Warnblinker ein, verabschieden in aller Ruhe die Gören und quatschen dann noch mit Bekannten aus der Nordic-Walking-Gruppe. Man hat ja Zeit. Deutlich weiter oben auf der Egoismus-Skala rangieren aber Eltern, die glauben, die Schulzufahrt gehört allein ihnen. Kurz vor 08:00 Uhr erreichen sie die Schule, kreuzen den Fußweg und fahren die Zufahrt hoch. Dann verlassen sie das Auto und bringen ihre Brut in das Schulgebäude. So selbstverständlich, als hätten sie dort ihren angemieteten Stellplatz. Als würde dort ein Schild mit ihrem KFZ-Kennzeichen drauf stehen. Am Nachmittag sieht man eine ähnliche Situation auf dem nahegelegenen Sportgelände. Dort führt eine kleine Sackgasse bis hinter zum Fußballplatz. Am Ende der schmalen Gasse befindet sich eine ausgewiesene Zufahrt und Rangierfläche für Feuerwehr und Rettungskräfte. Und natürlich der zweite Stellplatz für den Boliden von „Spieler-Mama“ (…oder auch „Spieler-Papa“). „Was soll man machen, war ja sonst kein Platz mehr zu kriegen“. Sollte es dort jemals ein Feuer geben oder ein Krankenwagen kommen müssen, wäre es besser, die kämen per Lösch-Flugzeug oder Helikopter, denn da ist jetzt für 90 Minuten kein Durchkommen mehr. Erst nach dem Training der Jungs lichtet sich das wieder. Also ehrlich Leute, nun seid doch mal nicht so faul und lauft halt mal ein paar Meter! Das wird den Kids auch gut tun. Oder wollt Ihr eure künftigen Weltmeister noch bis an die Mittellinie fahren, um sie dort an den Trainer zu übergeben?

 

Frühere Beiträge zum Thema Stadtleben:

33) Kiezladen

Den Bötzow-Kiez habe ich noch ganz anders in Erinnerung als er heute ist. Baufällige Häuser, Einschuss-Löcher in den Fassaden, Etagen-Klo und Kohlenheizung überall. Kopfsteinpflaster auf der Straße, ein Kohlenhandel auf der Ecke und ein Kinderzahnarzt im Vorderhaus (knarrende Treppe, zweite Etage links. Gruselig.) Heute ist das aber ganz anders. Fast alle Wohnungen sind mittlerweile saniert, oft findet man wunderschönen Stuck an den Wänden und nach Kohle riecht es schon lange nicht mehr. Und auch die Struktur der Läden hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Ein paar Geschäfte von damals halten sich noch immer wacker. Die tragen auch noch keine künstlichen Namen über dem Schaufenster, sondern nur ein Schild mit der Aufschrift „Frisör“, „Bäcker“ oder „Farben-Handel“. Auch die Kneipe gegenüber gibt es immer noch. Neu hinzu gekommen sind sehr exklusive Geschäfte, in denen man aber nur selten wirklich Kundschaft sieht. Ein Lampen-Geschäft bietet edle Designer-Lampen an, eine Holz-Manufaktur fertigt Möbel auf Maß und ein Wasser-Geschäft verkauft Wasserflaschen. Für mich alles etwas fragwürdig, aber gut. Immerhin kann man da noch etwas kaufen und es dient dem Stadtbild. Viel bedenkenswerter finde ich allerdings, dass die Ladenkultur dort immer mehr von „Services“ ersetzt wird, die einzig und allein dazu da sind, unseren körperlichen und seelischen Verfall zu bremsen. Oder auch unserem Nachwuchs, Business und Eheleben etwas auf die Beine zu helfen. 

Läuft man die Bötzow-Straße vom Kino her bergauf, findet man dicht an dicht die folgenden „Anbieter“: 

  • Nummer 10: Naturheilkunde, Ernährungsberatung, Akupunktur
  • Nummer 12: Physiotherapie
  • Nummer 14: Ingwer-Bar… es gibt dort auch „health“ und „wellbeing“
  • Nummer 24: Naturkosmetik, Körperarbeit, Massagen
  • Nummer 28: Kunststoffblenden für die nicht mehr ganz so hübschen Zähne 
  • Nummer 28: Vollkeramische Lösungen nach der Probefahrt mit den Kunststoffblenden auf den alten Zähnen
  • Nummer 28: Führungs- & Team Coaching, Eltern & Familiencoaching, Gründercoaching
  • Nummer 36: Logopädie & Ergotherapie
  • Nummer 41: Anti Aging, Lifting, Ultraschall, Wimpern und vieles mehr

Das kleine Nähgeschäft hat erst kürzlich dicht gemacht, das Kaffee mit der Spielecke schon etwas länger. 

Ich bin gespannt, welche neuen „Provider“ dort nun einziehen.

  • Vielleicht eine Vermittlung freier Seniorenheim-Plätze am Goldstrand
  • Eventuell regelmäßige Performance-Gespräche für Erst-Klässler?
  • Möglicherweise doch noch eine Konfliktberatung für Haushaltsroboter und deren Eigentümer?

Ich werde berichten und wage vorherzusagen, dass es hier in zwei Jahren die ersten Wochenend-Gutscheine für den Bötzow-Kiez zu kaufen gibt. 

„Lassen Sie ich ein Wochenende lang verwöhnen oder mal etwas restaurieren! Für nur 1.999 EUR genießen Sie Messer, Nadel, Botox und eine inspirierende Tasse Tee mit dem Coach ihrer Wahl. Kinder unter 10 Jahren zahlen die Hälfte. Bei Nichtgefallen gibt’s Geld zurück.“

Frühere Beiträge zum Thema Stadtleben:

 

24) Jogger und Hund

Versucht man, mit Joggen den eigenen Körper halbwegs in Form zu halten oder den weiteren Verfall des Human-Materials hinauszuzögern, wird man im Stadtpark irgendwann auf freilaufende Hunde treffen. Und das verläuft dann fast jedes Mal ungefähr so: Hat mein Jogger-Herz endlich seine 150 Schläge pro Minute erreicht, bleibt es auf einmal stehen. Ein Boxer rennt in hohem Tempo auf mich zu, das Maul weit aufgerissen und die Zunge flattert im Find. Ich stoppe sofort meinen Lauf, schließe die Augen und lasse mein Leben noch einmal in Bildern vorbei ziehen. Schön war’s. Dann tut es aber gar nicht so weh wie erwartet. Also öffne ich meine Augen wieder und stelle beruhigt fest, dass der Sprint des Boxers seinem Gummi-Ball hinter mir galt.

Ich nehme mein Lauf-Programm wieder auf und erfreue mich am Leben. Ich sprühe vor Energie, fliege förmlich und erreiche „runners high“. 30 Meter vor mir kommt mir ein kleiner „Schoßhund“ entgegen. Die Nase auf der Erde sucht er nach irgendwas. Ich verlagere meine Bahn nach rechts, er darauf hin nach links. Gut, du Fiffi, dann gehe ich halt nach links. Er zieht nach rechts. Das Spiel geht noch ein wenig so weiter. Kurz bevor wir aufeinandertreffen, scheint aber jeder seine Seite gefunden zu haben. Im letzten Augenblick zieht Fiffi aber hinüber auf meine Seite und läuft mir kopfgesenkt in meine Beine. Nur mit einem Dreisprung von olympischem Format kann ich ihn davon bewahren, von mir plattgetrampelt zu werden. 

Zum Ende meiner üblichen Runde, treffe ich mitten auf dem Weg auf eine spontane Hundeversammlung. Hunde verschiedener Rassen beschnüffeln sich vorne, hinten, oben und unten. Herrchen und Frauchen bilden einen Kreis und quatschen. Alles wirkt friedlich und ich will am Rand vorbei laufen. Auf einmal beginnt ein Gekläffe und Gejaule. Die Hunde können sich auf einmal gar nicht mehr riechen und gehen aufeinander los. Das klingt gar nicht gut. Die Fetzen fliegen und ich bin auf einmal mittendrin. Bloß schnell weg hier.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder Schwimmen gehen??

 

Frühere Beiträge zum Thema Stadtpark:

32) Gelb macht aggressiv

Gelbe Linien im Straßenverkehr heben temporär die normalen weißen Linien auf. Das ist allgemein bekannt und in bestimmten Situationen macht das auch Sinn. Begründet ist das im §39 der StVO, der sich aber nicht zur Menge des zu verwendenden Materials äußert und auch nicht zu Art und Weise, wie das gelbe Zeugs zu verwenden ist. Das Straßenbau-Amt in Berlin scheint selber Großaktionär bei der Firma zu sein, die diese gelben Rollen herstellt. In Berlin da wird nicht gekleckert, da wird richtig geklotzt…ähhh…geklebt. Sogar einzelne kurze weiße Streifen werden sorgfältig mit einem preußisch akkuraten Kreuz überklebt. Auch Pfeile, Sonderzeichen und Haltelinien werden hübsch mit gelb verziert.

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Und da die Stadt Berlin in ihrem Fahrrad-Wahn derzeit massenhaft Radwege auf die Straßen malt (siehe hier), werden nun auch diese Rad-Spuren temporär mit gelber Farbe in neue Bahnen gelenkt.

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Meine Tochter sagte heute dazu: „Auf Korfu, da wo wir im Urlaub waren, da haben die noch nicht mal weiße Streifen auf der Straße“. Dem braucht man eigentlich nichts hinzufügen.

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Außer vielleicht doch noch ein paar Recherche-Ergebnisse, die ich über die gewöhnliche Suchmaschine gefunden habe.

  • 100 m Fahrbahnmarkierungsfolie, 120 mm breit = 265,90 EUR
  • 1 Folienandruckrolle für kurze Strecken = 98 EUR
  • 1 Folienverlegesystem für längere Wege = 1.720 EUR

Natürlich alles ohne Projektierung, Ausschreibung, Arbeitsleistung, Abnahme, späterer Entfernung und fachgerechter Entsorgung.

Die haben doch einen Knall!

Tippe ich in die selbe Suchmaschine  „gelb macht…“ ein, bekomme ich die ersten zwei wie folgt:

  • Gelb macht glücklich
  • Gelb macht aggressiv

In dem Sinne…