46) Feiertag

Der Feiertag beginnt grau und nass. Die eigentlich geplante Rad-Tour muss wohl ins Wasser fallen, sonst fällt das Wasser auf uns und auf die Räder.

Was nun tun mit diesem Feiertag? 

Im Radio verfolge ich eine Sondersendung zur Stadt Berlin, den aktuellen Themen und Veränderungen. Ein Statistiker berichtet, dass die meisten Ur-Berliner in Reinickendorf wohnen, also am Rande der Stadt. Die Hinzugezogenen haben sich eher in der Innenstadt niedergelassen. Angeblich wohnen im Prenzlauer Berg die wenigsten gebürtigen Berliner.
Das glaube ich gern!

Ich schaue auf meine ToDo-Liste und nehme mir für heute die Dunstabzugshaube in der Küche vor. Dafür liegt seit Wochen ein Kohlefilter bereit, hatte bislang aber keine Zeit dazu. Ich brauche ein knappe Stunde, bis ich diesen blöden Plastikrahmen des Filters mit Taschen-Messer und Cutter so bearbeitet habe, dass er endlich in die Fassung passt.
Großartig, dem Normwesen sei Dank!

Ich öffne einen Brief vom Finanzamt. „Sehr geehrte Steuerzahlerin, sehr geehrte Steuerzahler, … das Finanzamt hat ihnen ….“ steht da geschrieben. Also das geht ja nun gar nicht! Das ist ja überhaupt nicht gender-neutral. Selbst bei der Verkehrswacht sprechen sie schon von „Zu Fuß gehenden“ statt von „Fußgängern“,  „Lehrer“ sind neuerdings „Lehrende“ und „Radfahrer“ heißen „Radfahrende“. Klaro? Also möchte ich vom Finanzamt bitte als … ja, wie nun … ähm … vielleicht … ach keine Ahnung.
Sollen die mich doch mit meinem Namen ansprechen!

Wir beschließen, ins Kino zu gehen. Karten kaufen wir online. Vor Ort ein Wasser, kleines Pop-Corn, kleine Gummi-Tiere und einmal Nachos mit Käse-Sauce. „19,20 EUR bitte.“ Oh ha. Heute lassen wir es krachen. Aber immerhin bediente uns da noch ein Mensch am Tresen. Unten in der Eingangshalle stehen schon Ticket-Maschinen, oben plopped Pop-Corn-Automaten. Dauert nicht mehr lange, dann gibt es Drehkreuze wie am Flughafen. Dann brauchen wir auch den Karten-Kontrolleur bzw. die Karten-Kontrolleurin … ach nein … „die Karten-Kontrollierenden“ nicht mehr. Ich setze mich in den Leder-Sessel und mache es mir bequem.
Geht‘s endlich los?

Die Werbung beginnt. Ein deutscher Bahn-Konzern bringt den ersten Spot und berichtet von seinem positiven Beitrag für die Umwelt. Als nächstes verpasst sich ein Schwedisches Energie-Unternehmen einen Öko-Anstrich. Zu guter Letzt verspricht uns ein Amerikanischer Hersteller von Eiscreme eine bessere Welt. „Unser Eis gibt‘s auch hier im Kino“. Na wer hatte das gedacht. Es wird dunkel, der Film beginnt. Die Lehne lässt sich nach hinten verstellen. Ich greife links und rechts nach den Gurten und will mich anschnallen …
Mann, es ist Feiertag!

34) Schäm dich!

Ja, ich fliege regelmäßig mit dem Flugzeug. Auch im Inland, weil die Bahn noch zu langsam ist. Manchmal fliege ich auch ins Ausland, für den Job oder just for Fun. Vor ein paar Wochen habe ich den Begriff „Flug-Scham“ kennengelernt und schäme mich nun fortan für meine Flug-Vergehen. Ist ja nicht so, als wäre es das erste, für was ich mich schämen müsste.

Man kann sich heutzutage rund um die Uhr schämen:

  • Wir besitzen einen Diesel. Der steht zwar meistens ungenutzt herum, aber allein das Besitzen nagt schon am Gewissen. Ich trinke ab und zu Kaffee aus Papp-Bechern. Neulich habe ich Duschgel in einer schwarzen Plastik-Flasche gekauft, aber erst danach gelesen, dass das total falsch war. Auch kauften wir jahrelang Pfand-Flaschen, im guten Glauben, dass die damit automatisch im Mehrweg-System landen. Auch falsch. Selten vergesse ich, den Fernseher komplett auszuschalten. Dann ist der die ganze Nacht im Stand-By.
    —> Ja, ich versuche mich zu bessern und mehr für den Umweltschutz zu tun
  • Kürzlich habe ich einen Döner gegessen, ohne Pommes ohne Brot. Wegen der Figur. Eigentlich müsste ich das Fleisch künftig auch weglassen, wegen des Klimas. Den Salat besser auch weglassen, wegen spanischer Gewächshäuser. Wir sollen auch weniger Wurst essen. Was dann? Fisch? Oder Käse? Ist der besser, da diese Rinder beim Käse-Machen weniger pupsen? Ich lese nicht immer den Stempel auf dem Ei und kaufe auch mal Industriebrötchen im Super-Markt, statt den weiteren Weg zum Prenzlauer-Berg-Koscher-Fair-Okö-Vegan-Teuer-Becker zu gehen. Auch nicht gut, ich weiß.
    —> Wenn die Kids jetzt schon zur Klima-Demo gehen, werde ich mich auch hier ändern
  • Letzte Woche habe ich habe ich viele Obstfliegen erschlagen, weil die mir die Decke im Wohnzimmer vollkackten. Ich habe eine Gesichts-Creme gekauft, ohne den Händler zu fragen, ob die nicht vorher an Tieren getestet wurde. Auch war ich nicht wirklich traurig drüber, als man feststellte, dass es immer weniger Wespen in der Stadt gibt. Ich habe dabei nur an mich und mein Wespenfreies Nackensteak gedacht, das war nicht korrekt.
    —> Schande über mein Haupt, auch beim Tierschutz werde ich mein Handeln überdenken und künftig auch ertrinkende Wespen aus der Limonade retten
  • Treffe ich auf eine attraktive Frau, schaue ich nicht immer auf den Boden. Nein, ich schaue die Dame auch mal an. Manchmal auch ihren Hintern. Unglaublich, oder?  Ich vergesse auch, gender-neutral zu schreiben. Ich schreibe z.B. „Mitarbeiter“, „User“ und „Manager“. Hätte natürlich „Mitarbeitende“, „Usende“ und „Managende“ heißen müssen. Auch wenn es bekloppt klingt. Zusätzlich „linge“ ich immernoch, ich habe „Flüchtling“ gesagt. Es muss natürlich „Flüchtende“ heißen. Genauso heißt es natürlich auch nicht mehr Lehrling oder Häftling. Für Riesling, Zwilling und Recycling fällt mir aber nichts besseres ein, gibt es da eine Alternative?
    —> Ok, auch am Respekt gegenüber dem anderen Geschlecht werde ich arbeiten, gleichzeitig versuche ich aber auch, die Geschlechter gar nicht mehr zu unterscheiden
  • Letzte Woche regte ich mich tierisch auf, als eine Chinesische Reisegruppe die Sicherheitskontrolle vor mir blockierte. Später betrat ein muslimisch anmutender Mann mit dunklen Augenringen den Flieger, der war mir sehr suspekt. Später musste der aufs Klo und hat sich doch glatt das Bord-Klo vorn beim Piloten ausgesucht. Sehr verdächtig. Und ich habe neulich ( … aber wirklich nur ganz kurz … ) über einen Witz gelacht. Der begann ungefähr so: „Treffen sich ein Christ, ein Moslem und ein Jude …“
    —> Auh Backe, das geht natürlich gar nicht. Ich gelobe auch hier Besserung. Ich werde alle meine Schubladen im Kopf durchwühlen und die Menschen daraus befreien.
  • Ab und zu drücke ich unserem Sohn ein iPad in die Hand, um mal meine Ruhe zu haben. Das ist egoistisch und für seine Zukunft bestimmt nicht gut. Ich selber checke morgens beim ersten Espresso schon, wieviele Besucher am Vortag meinen Blog besuchten. Das macht mich vermutlich süchtig und ist ein schlechtes Beispiel für die Kinder. Ich müsste es eigentlich besser wissen. Ach so, der Espresso kommt natürlich aus einer Alu-Kapsel ….
    —> Oh Gott oh Gott, jetzt reicht’s aber. Schluss jetzt, das kann ja keiner mehr lesen, das wird ja immer schlimmer

Wenn der Leser denkt, dass das schon alles war, dann muss ich enttäuschen. Die Liste meiner Vergehen ist unendlich lang. Ich bin anscheinend ein Gesellschafts-Versager. Ein Ignorant. Asozial. Wenn ich jemals zur Beichte gehe, sollte sich der Pfarrer was zu essen und zu trinken einpacken. Es könnte länger dauern. Danach komme ich trotzdem in die Hölle und darf sie auch als erster betreten. „Priority Boarding to Hell“, quasi.

Anmerkung: Bitte, nicht falsch verstehen, ich will Klima-Schutz, Tierschutz, LGBTQ, Toleranz, Diversity, Minderheitenschutz, me2, Anti-Rassismus, Religionsfreiheit und so weiter nicht durch den Kakao ziehen. Aber es kann doch auch nicht sein, dass sich ein gebildeter, durchaus achtsam lebender und sozialer denkender Mensch permanent schuldig fühlt und in die Ecke stellen könnte. Habe nur ich das Gefühl, dass die Verantwortung für den Wandel komplett bei uns abgeladen wird? 

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