57) Postkarte aus Dänemark

Dänemark über den Jahreswechsel. Das klang im Oktober sehr weise. Erstens waren die Corona-Zahlen da sehr niedrig, zweitens war Dänemark Impfmeister und drittens ist das Infektionsgeschehen in den Dünen von Fünen wohl eher gering.

Eine Vernunftsentscheidung gegen Halli-Galli, mit wenig Risiko, wieder abgeblasen zu werden. Und nun zum Risiko. Vor Weihnachten wurde DK dann zum Hochrisikogebiet eingestuft, für unsere Einreise sollte das ganz kein Problem werden, möglicherweise könnte es bei Rückreise etwas Stress geben. Also diskutierten die Stimmen im Kopf. Dürfen wir fahren? Wollen wir fahren? Sollten wir fahren? Vielleicht jetzt erst Recht, um nicht wieder enttäuscht zu werden und vor der Kulisse einer kleinen Vorahnung, was uns wohl ab Mitte Januar erwarten wird?

Die Entscheidung ist für die Reise gefallen und bislang war es richtig so.

Hier ein paar Eindrücke:

Am ersten Tag war es noch arschkalt, dafür gab es aber auch etwas Sonne. Ideal zum Joggen. Die Corona-Regeln nahm ich dabei sehr genau, zu jedem menschlichen Wesen hielt ich locker 3 Kilometer Abstand.

Ab dem zweiten Tag wurde es zwar wärmer, dafür sah man aber nicht viel von der Umgebung. Ich nahm die selbe Jogging-Strecke, bin dann aber irgendwo falsch abgebogen. Nach einer gefühlten Ewigkeit stand ich vor der Japanischen Staatsgrenze, entschloss mich aber, besser wieder umzukehren, denn mein Japanisch beschränkt sich auf Miso, Teriyaki, Sushi, Sake und Udon. Da fühle ich mich im Dänischen Sprachraum wohler.

Am dritten und vierten Tag hielt es uns Großstädter nicht mehr auf der Couch. Wir besuchten Städte im Süden der Insel und entdeckten die eine oder andere Skurrilität, die ich euch nicht vorenthalten will, denn so ist diese >Kathegorie der Postkarten hier schließlich mal gestartet.

Manche Häuser wurden noch vor der Erfindung der Wasserwaage gebaut oder die Wikinger hatten sich selber zu viel ge-ølt.

E7FCE59D-9A3A-44F2-B301-24C6BBE2ACE1

Die hippen Backpacker können in diesem Hostel absteigen. Rucksäcke müssen draußen rechts von der Tür abgestellt werden, dafür ist drinnen kein Platz.

D53AFB0F-89BA-4777-A918-3DD94F81FAD3

Und sogar die Freimaurer haben sich hier mal eine schicke gelbe Loge gebaut und erfanden damit vermutlich die erste geschlossene Chatgruppe.

5E242E07-92FC-48F4-9DD3-A851E0B7C2FD

In einer anderen Stadt gerieten wir etwas vom Weg ab und fanden uns in der Gasse der Büchsenmacher wieder. Bloß schnell weg hier.

B5E77249-4175-4E53-BDE4-334841A10386

Die Corona-Regeln sind den unseren recht ähnlich, man trägt zwar das etwas lockere OP-Modell hier, aber die Instruktionen an den Türen klingen nicht so bedrohlich wie bei uns … eher hyggelig.

33003FFC-E5CC-432E-890E-A7EF32914A96

Bei der Benamsung der schaumigen Kalorienbomben sind die Dänen schon einen Schritt weiter. Weder sind es geküsste Afrikaner mit dunkler Haut, noch die Köpfe selbiger. Es sind auch keine dicken Männer (Frechheit eigentlich!) und schon gar keine dürren Frauen. Sie nennen sie einfach Flødeboller. Wie hyggelig. Das heißt übersetzt „Sahnebrötchen“. Na lecker, das hat bestimmt das dänische Gesundheitsministerium erfunden, denn das kauft doch nun kein Mensch mehr.

4CC89152-7974-44D6-B642-5261EDE0EF48

Und zum Schluß nun noch etwas adulte Kunst. Das passiert, wenn der Däne zu lange in Nebel und Dunkelheit sitzt. Dann wird er Kunstschmied und schmiedet ganz hyggelig vor sich hin.

Ei, Ei, Ei.

3627EF66-F187-43B2-B257-0E22035A2BB1

So, liebe Leser, ich glaube, ich verabschiede mich nun aus dem Bloggerjahr 2021. Es sei denn, morgen passiert noch was ganz hyggeliges, dann melde ich mich noch mal.

Guten Rutsch und Godt nytår!

266) Hinten raus – Vol. 2

Dass ich einen Fimmel für Sonnenauf-und Untergänge habe, erwähnte ich bereits. Und dass ich nostalgisch auf Berliner Hinterhöfe schaue, sicher auch. Da gibts in meinem Kopf viele schöne Erinnerungen. Da haben wir auf dem „Sachsenhof“ (… der vermutlich nie so hieß) einige Birnen von den Bäumen geklaut. Auf einem anderen Hof, der in unserer „Bande“ nach dem Nachnamen eines „Mitglieds“ benannt war, wurden wir von einem weinroten Dynamo-Trainingsanzug beim Kokeln erwischt und dieser Mann stellte sich dann noch als Vater einer Mitschülerin heraus, der wiederum einen guten Draht zur Schulleitung hatte. Ei, Ei, Ei. Noch einen Hof weiter, pafften wir kostbare Dunhills, die der Vater eines anderen Mitglieds in seinem Barschrank hütete wie einen Schatz. Bald ahnten wir, dass wir dieses Spiel nicht ewig treiben konnten, denn das würde dem Vater ja irgendwann auffallen. Und die nächste Erkenntnis war, dass wir weder die Mittel, noch Beziehungen hatten, echte Dunhills aufzutreiben, um diese Packung je wieder aufzufüllen.

Ach ja, alles Geschichte … und pädagogisch nicht sonderlich wertvoll. Ich höre mal besser auf jetzt. (Psst … aber cool war‘s schon) 😉

Hier ein paar weitere Impressionen von „hinten raus“:

Manchmal friedlich und ruhig, die Wolken ziehen langsam vorbei und runden den Tag ab.

Mal wild und dramatisch, die Gallier würden fürchten, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt.

Mal heiß und feurig, da überlegt man mal kurz, ob man nicht langsam mal die 112 rufen sollte.

Ähnliche Beiträge:

52) Postkarte aus LOS – 2

Anfang September habe ich mein Höhlen-Office mal für einen Tag gegen ein Green-Office getauscht. Dank 4G konnte ich ordentlich arbeiten und habe mit der halben Welt kommuniziert. Und über die Mittagszeit … tja … da war ich dann mal … weg 😉

Ganz allein. Herrlich.

Ein paar Impressionen:

Das nächste Bild habe ich nun so oft hin und her gedreht, dass ich gar nicht mehr weiß, welches nun das Original ist.

Die funktionieren doch alle irgendwie, oder? Alles eine Frage der Sicht auf die Dinge.

Schön war‘s, sollte ich wohl öfter mal machen.

Genießt die schönen Herbsttage, bald wird’s ekelig draußen.

Andere Postkarten zur Region:

51) Postkarte aus Berlin (… solche und solche)

Großstädte wie Berlin sind laut, verdreckt und hässlich. Sie sind überfüllt, mit Graffiti beschmiert, das wenige Grün ist plattgelatscht und Beton überwiegt überall. Da ist was dran. Im ersten Halbjahr 2021 war ich auf meinen Corona-Freigängen mehr im Kiez unterwegs und habe aus dem Fenster geschaut. Aber eher zeitversetzt, wenn noch nicht so viele Menschen unterwegs waren. Und wenn man da etwas wählerischer hinschaut, lassen sich da durchaus schöne Bilder einfangen. 

Wer hier öfter mal auf’m Blog vorbeischaut, hat vielleicht schon mitbekommen, dass ich eine Schwäche für Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge habe. Warum? Weiß nicht. Vielleicht weil sie jedes Mal anders sind. Mit ihnen beginnt und endet der Tag, wenn man Glück hat und auch hinschaut, auf of recht beeindruckende Weise.


Und die Natur versucht die Stadt zurückzuerobern. Da streifen Füchse über die Höfe, Blütenteppiche auf dem Gehweg lassen eine Indische Hochzeit in der Nachbarschaft vermuten und das knappe Budget für die Grünflächen-Pflege lässt Wildwiesen entstehen. Hat ja auch was.

Selbst im Winter war Berlin recht ansehnlich. Zumindest so lange Schnee lag oder man allein unterwegs war. Gelben Schnee sollte man trotzdem nicht essen und die Schnee-Engel-Figur macht man besser nicht gerade an der Häuserwand.

Aber wenn ihr jetzt denkt, „Ohhhh  … das ist es aber nett dort, da fahren wir doch glatt mal hin … “ lasst es besser sein. Bleibt zu Hause.

Kommt bloß nich‘ her 😉

49) Postkarte aus der Normandie

Zeit für eine weitere Postkarte aus dem Land der Weine, Stangenbrote und Kreisverkehre.

Auch in der zweiten Woche „Le savoir vivre“ gab es wieder einiges zu entdecken. Wie üblich bei meinen > Postkarten mit weniger Hochglanz, dafür mehr Skurrilitäten.

Und los geht‘s:

Les Plages
Die Gegend hier bietet riesige Strände, die dann noch an Größe zunehmen, wenn das Wasser zurückgeht. Da entsteht oft eine glatte Fläche ohne Schlick, Dreck und Steine. Häufig ist man da so einsam, dass man kein deutsches Handtuch hinlegen braucht, um sein Plätzchen zu reservieren. Und macht man es trotzdem, spült es der natürliche Pool-Boy mit Sicherheit wieder weg.

6. Juni 1944
An dem Datum kommt man hier nicht vorbei. Alliierte Truppen (Amerikaner, Kanadier, Engländer und andere) landeten hier von See und Luft an fünf Stränden, um sich dann bis August nach Paris durchzukämpfen, während die Sowjets von Osten immer näher an die Oder kamen. Könnt ihr alles im Wiki nachlesen. Allerdings muss man auch genau hinschauen, wie das Ereignis hier heute teilweise vermarktet wird. Auf Touren mit offenen Jeeps kann der Nachwuchs-Infanterist mal ein bisschen am MG zu spielen. In einem Military-Shop läuft Johnny Cash (damals 12 Jahre) vom Band, in einigen Läden, gibt es originale Kriegs-Devotionalien zu kaufen. Na, vielleicht auch einen hübschen Granat-Werfer für‘s heimische Wohnzimmer? Oder einen schicken Stahlhelm mit Loch für den Neffen?

Les ronds-points
Laut Wiki gibt es in Frankreich 20.000 Kreisverkehre. Man „fährt“ nicht durch Frankreich, man „kreiselt“. Allerdings halte ich die Zahl für deutlich untertrieben, denn die 20.000 habe ich allein schon in der Normandie durchkreiselt. Selbst eine galette complète ist angelegt wie ein Kreisverkehr. Über deren Sinnhaftigkeit der Kreisel scheiden sich die Geister, aber eines ist klar: Die Alliierten hätte es nie bis nach Paris geschafft, hätte es damals schon so viele Kreisverkehre gegeben. Sie hätten mehrmals die falsche Ausfahrt genommen, Kriegsende wäre vermutlich ein Jahr später gewesen.

Lieux de dépistage COVID-19
Corona begleitet uns natürlich auch in der Normandie. Für die Kids am Wochenende einen Corona-Antigen-Schnelltest zu bekommen, am besten auf der Fahrt von Normandie nach Paris so um die Mittagszeit, wird eine Herausforderung. Nach ca. 90 Minuten Online-Recherche bekommen wir die Termine bestätigt. Ich kann nur jedem Schüler raten: lernt zwei Jahre Französisch, Spanisch schadet auch nicht, völlig egal … aber glaubt mal nicht, dass euch Englisch oder Googlisch immer durch die Welt bringt …. nee … nee … is‘ nich‘ so.

1645F03E-E4C1-40AF-9101-1460F6C5DDAF

Epsilon
Bereits die Dimensionen des Parkplatzes am Mont-St-Michel lies auf erhöhtes Touri-Aufkommen schließen. Da war dann auch so, halb Europa wühlte sich durch die engen Gassen des kleinen Ortes am Hang. Masken waren zwar Pflicht … aber na ja … ihr wisst ja wie das läuft. Um so unverständlicher: Die Restaurants im Ort waren alle proppe-voll, dicht an dicht saßen sie da. Drinnen wohlgemerkt. Oh oh … wenn sich da mal nicht eine neue Variante zusammenbraucht. Es wird nicht „E“ wie Epsilon, sondern „E“ wie Euro …

84E095FB-B024-4445-A6DA-E00B67315468

48) Postkarte aus der Bretagne

Endlich kann ich mal wieder ein Postkarte verschicken. Aus dem Auuuuuuuuslaaaaaaand. Jawoll! Und hier ist sie schon. Wie immer bei meinen > Postkarten weniger Hochglanz, sondern eher auf der Suche nach Skurrilitäten links und rechts des Weges.

Los geht‘s

In Brest folgten wir kurzzeitig diesem … tja … Küchenbauer? Die hochhackige Abbildung an der Hecktür lud zu Spekulationen ein, was denn wohl der USP dieser Firma ist. „Envie“ kann „Verlangen“ heißen … ei ei ei. Der Auto-Übersetzer macht „Küchen, die Lust machen“ draus. Und selbst da ist noch alles offen.

76758E9A-B3AB-49CC-A0F0-6EBDC3F58B7E

Die Franzosen haben schon vor 500 Jahren auf Corona-gerechte Unterkünftige hingearbeitet. Für ausreichend Abstand war gesorgt und die Nachbarn gingen einem nicht so auf die Nerven. Sehr sympathisch eigentlich. Blöd nur, wenn einem Zucker, Mehl oder so etwas ausgegangen ist.

4E003F44-CCEE-4F8A-9D7A-39CB2908A6D8

Bei den Temperaturen Anfang der Woche, kann man aber ernsthaft anzweifeln, dass Asterix und Obelix hier wirklich kurzärmlich unterwegs waren. Das kann ich nicht mehr glauben. Oder denen wurde noch etwas anderes in den Zaubertrank gemischt.

Wir sind keinem einzigen Römer begegnet, nur wenigen Teutonen, ein paar Holländern und einer Hand voll insularen Rechtslenkern der Gattung Teefax. Wildschweine habe ich nicht gesehen und es gab auch weniger Wald als in meiner Vorstellung, aber zum Ende der Woche haben wir im Forêt de Brocéliande noch echten gallischen Wald gefunden.

Corona-Mäßig sind die Franzosen hier ähnlich ambivalent drauf wie wir. Es dürfen sich zwar 96 Personen in eine geschlossen Fähre setzen, aber du kriegst kein Eis ohne Schnutenpulli. C’est la vie. C’est bonnet blanc et blanc bonnet. L’argent n’a pas d’odeur. La nuit tous les chats sont gris.

A33DD047-DE98-4637-9FC1-4FA6FDB6E84C

Alles in Allem, wenig Mensch, viel Gegend.
Schön.

47) Postkarte aus Ostprigniz

Ostprigniz? Wo ist das denn? Ich werde es nicht näher ausführen, sonst wird’s hier voll und das würde dem Flecken den Zauber nehmen.

Ich möchte heute gar nicht so viel schreiben, sondern eher die Bilder sprechen lassen.

Fazit: Wunderbar, wenn man mal etwas Corona-Kur benötigt. Viel Gegend, wenig Mensch. Zwischen Nord-Berlin und Süd-Südschweden scheinen gerade einmal zwei Stunden Fahrt zu liegen 😉

Viele Grüße aus dem Green-Office

44) Postkarte von Morgenröten

Die Leser, die hier schon eine Weile dabei sind, haben vielleicht schon festgestellt, dass ich einen kleinen Fimmel für Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge habe.

Während meiner morgendlichen Freigänge im aktuellen Lockdown konnte ich ein paar tolle Exemplare mit der Kamera einfangen. 

Aber was macht Sonnenaufgänge für mich so interessant? 

Tja, der Stadtpark ist noch leer, alles wirkt frisch und es beginnt etwas Neues, wo man noch nicht genau weiß wie es ausgeht. Vielleicht macht man sich Gedanken über den Tag, hat ihn vielleicht super durchgeplant, aber kaum wählt man sich dann ins Netz ein, warten die Überraschungen. Und man ist so zwischen den Zeiten irgendwie. Die Kollegen in Asien gehen schon wieder in Richtung Lunch, die in Amerika haben gerade erst einmal in Schlummerland eingecheckt und wollen da noch ein paar Stunden bleiben.

Aber seht selbst, ist sicher keine Profi-Fotografie,  „but not too bad“ würde ich mal sagen.

Ähnliche Bilder gibts hier >> Postkarte vom Auf und Ab der Sonne und wer aktuell eher etwas mehr Ausland als Stadtpark mag, kann ja mal bei meinen anderen Postkarten vorbeischauen >> Postkarten / Post Cards oder mit mir in die Luft fliegen >> Postkarte aus‘m Himmel

154) Weite

Dass ich an Stille mittlerweile durchaus Gefallen finden kann, habe ich ja schon einmal in > Stille geschrieben. Aber Stille kann eben auch Enge bedeuten und da kommen wir schon zum nächsten Zustand, der mich zunehmend begeistert. Und zwar die Weite. Die weite Sicht. Der unverstellte Blick. 

Woran liegt’s?

  • Ist es das Leben in der Großstadt, bei dem der Blick ständig an einer Häuserwand, Werbetafel oder Menschengruppe endet?
  • Ist es das 9-monatige Dauer-Homeoffice, bei dem die Wege nur zwischen Arbeitsplatz, Kaffee-Maschine und Klo stattfinden?
  • Ist es die immer gleiche Tapete (… dabei haben wir gar keine Tapete … ;-), eher der Alltag, die Wiederholung, der Trott? Das Murmeltier, was täglich grüßt?

Vermutlich von allem etwas 

Besonders in diesen Tagen kann ich nur jedem raten: Nehmt euch das Auto oder setzt euch in einen Zug und fahrt raus, raus vor die Tore der Stadt. Lasst die Blicke über Wiesen, Felder und Wasser streifen. Und nehmt die Dinge wahr, die da sind. Und auch die, die nicht da sind. Herrlich.

Es war ein schöner Ausflug an die Müritz heute. Und er hat gezeigt, dass man dem engsten Kreis mit Vernunft und Abstand auch nah sein kann.

Einen schönen Sonntag.
T.

<— 37) Stille

140) Hinten raus

„Hinten raus“, das klingt irgendwie oll, oder? Fast so wie „Hintern“. Oder „Hinterteil“.

Aber „Hinterhaus“ und „Hinterhof“ auch. Schmuddelig, düster, eng. Auf jeden Fall einfach. Um so weiter hinten, umso mehr. Und „Seitenflügel“ dagegen, klingt zwar leicht und edel, macht’s aber nicht besser. Heute sagt man „Gartenhaus“.

Da wo ich groß geworden bin, gab es viele solcher Höfe und ich denke gern an sie zurück. In den zwei, drei Höfen hintereinander, konnte man viele Abenteuer erleben. Die Höfe waren frei zugänglich, es gab keine Wechselsprechanlangen oder Video-Kameras, die den Zugang versperrten. Im Sommer waren die Einfahrten und Durchgänge angenehm kühl. Im Winter dann duster und arschkalt, es roch nach Ofenheizung, Eintopf und Bohnerwachs. So konnten wir ewig über die Höfe tingeln, auch die Türen der muffigen Kellersysteme in den Altbauten standen meist offen. Großartige Verstecke gab es dort unter der Erde. Bis der Suchtrupp keine Lust mehr hatte, zu suchen. Oder der Gesuchte keine Lust mehr, noch länger zu warten. Wir kletterten über Ziegel-Mauern, erklommen Garagen-Dächer und experimentieren mit Streichholz, Klebstoff und Zündplättchen von der Rolle.

„Macht, dass ihr weg kommt da, sonst bin ick glei‘ unten!“ rief es oft von oben.

Und wenn 18:00 Uhr die Kirche läutete, war es Zeit zu gehen.
Nach Hause. Zum Abendessen. 
Und, wie war‘s heute?“ 
„Jut, war nüscht besonderes.“

Der morbide Charme ist vergangen, die Schornsteine qualmen nicht mehr …