66) Pizza-Automaten

Wenn es mal schnell gehen muss oder keiner Bock hat, sich lange an den Herd zu stellen, ist Pizza gern gesehen und im Nu verschlungen. Geht fix, macht wenig Dreck und wenn man den eigenen  Hunger überschätzt hat, kann man am nächsten Tag weitermachen.

Aber ihr wisst … Pizza ist nicht gleich Pizza.

  • Sie kann schweineteuer und ganz original sein und dann liegen in der Mitte zwei Muscheln und drei Shrimps. Vorher gibts Milchbrötchen, man weiß nicht ob es inclusive ist, aber man ist eigentlich schon satt.
  • Manche Pizzen … Pizzas … Pizzeten … Pizzata … sind künstlich mit anderen Gerichten aus aller Herren (…. und Damen natürlich…) Länder gekreutzt. Da gibt es Pizza Bolognese, Döner Pizza, Pizza Currywurst, Pizza Chicken Curry, Schoko-Nuss-Pizza, Heidelbeer-Pizza, Pommes Pizza, Spargel-Hollondaise-Pizza … und sogar … Rührei-Pizza. Also bitte, das ist doch … !
  • Aber nicht nur der Belag ist entscheidend, auch die Stabilität. Manche Exemplare sind so labberig, die muss man rollen, löffeln oder mit Stäbchen essen. Es gleicht eher einer Pizza-Suppe. Andere sind so braun, keksig, bröselig, man könnte mit ihnen Frisbee spielen.
  • Und der Käse. Der Käse, der Käse, der Käse … ich sage es euch. Der Käse gehört gefälligst unter den Belag und nicht drüber. Ein bisschen drüber ist ja von mir aus noch ok, aber nicht flächendeckend und schon gar nicht einen Zentimeter dick. Das ist ekelhaft! Wer viel Käse draufknallt, hat viel zu verstecken.
  • Dann zum Verzehr. Auch eine Wissenschaft für sich, oder? Mit der Hand oder mit Besteck? Gerollt, Ecke für Ecke, von links nach rechts, von außen nach innen? Und den Teller dabei drehen? Und was ist mit dem Rand, der so lecker ist, aber auch so satt macht. Jeder wird seine eigene Taktik entwickelt haben.
  • Aber eins geht gar nicht und da lasse ich mich auch nicht mit mir reden. In Frankreich, dem Land von Ratatouille, Bouillabaisse, Coq au vin, Boeuf bourguignon, Paul Bocuse und Michelin gibt es … am Rande von Ortschaften … auf größeren Parkplätzen … 

…PIZZA-AUTOMATEN !!!

Mal sehen, was die Blognachbarn aus Italien dazu sagen… 😉

206) Corona-Lektionen 86

Die Pfingstfeiertage sind vorüber, die „Inpfingstionszahlen“ sinken weiter und bevor wir morgen wieder ins Höhlen-Office krabbeln, schnell noch ein paar Gedanken der letzten Tage.

Kanülen statt Kanaren
Am Samstag nutzte ich meinen „Freigang“ mal wieder für eine Runde oben auf der Grünfläche des Velodroms bzw. Europasportparks. Die Anlage dient seit Anfang des Jahres als Impfzentrum. Regelmäßig fahren Taxen oder Busse vor und setzen die Impflinge direkt an der Kanüle ab. (Impflinge … was für ein blödes Wort, oder? Klingt nach Lemming oder Speisepilz.) Jeden Tag herrscht dort dasselbe Bild. Am Samstag war es aber anders. 15 Taxen standen draußen Schlange und konnten nicht reinfahren und saßen samt impfwilliger Fracht fest. Das erinnerte mich an den Flughafen Tegel, Taxi-Vorfahrt Terminal C. Aber was war los? Klemmt die Schranke? Hat die Terminvergabe-Plattform zu viele Termine vergeben? Ist der Kühlschrank leer? Oder kaut da wieder einer dem Arzt ein Ohr ab? Ach was waren das noch für Zeiten, als hier Rennräder im Kreis fuhren oder Rock-Größen ihre Konzerte gaben. 

ESC
Apropos Konzerte. Ganz passend stolperte ich am Samstagabend in den Eurovision Song Contest rein, der aus Rotterdam übertragen wurde. Ich konnte kaum meinen Augen trauen. Ist das eine Aufzeichnung?? Zig Leute sangen, feierten, tanzten, atmeten dort. Miteinander!! “Aber das geht doch nicht ...“, beginne ich instinktiv zu rufen. Doch anscheinend schon. Die wurden alle durchgetestet und in den nächsten Tagen will man auswerten, welche Auswirkungen das Event hatte. Na hoffentlich geht das gut, denn das wäre ja immerhin ein machbarer Weg für  Veranstaltungen.

Corona-Fashion
Umso wärmer es wird, umso weniger Klamotten hat man an. Logisch. Aber ich merke, dass ich mein Anti-Corona-Equipment nicht mehr unterbringe. Für den Sommer muss ich mir über funktionale Corona-Kleidung Gedanken machen. Am besten eine Feldhose von der Army. Die haben so viele praktische Taschen an der Seite. Fürs Handy, Power-Bank, diverse Masken, 4x Impfbücher, Family-Pack Feuchttücher, Desinfektionsmittel, vorausgefüllte Selbsterklärungen und ausreichend Selbsttests.

Dann sehe ich aus wie ein Corona-Warrior … und dann lerne ich dem Biest das Fürchten!!! 

Schöne Woche!
T.

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205) Von der Rolle – Teil 2

Heute früh, fiel mir eine Zeitungsbeilage eines Küchenherstellers in die Hand. Nach dem oberflächlichen Durchblättern kribbelte es in meinen Fingerspitzen und ich hatte große Lust, einen zweiten Teil zu „Von der Rolle“ zu schreiben.

Von der Rolle – Teil 1 entstand im September 2020 und kam ganz gut an.

Also los geht‘s:

Seite 1: Typ in Business-Hemd und Kaschmir-Pullover kippt grinsend Essig auf einen tiefen Teller. Die Backofen-Uhr zeigt 12:30 Uhr.
Soll das etwa ein Homeoffice-Lunch darstellen? Ich habe ja schon viele Co-Worker in ihren Office-Höhlen gesehen, aber keiner trug Hemd und Pullover und keiner grinste, wenn es Salat mit Öl gab.

Seite 2: Lady im lachsfarbenen Pulli blättert im Kochbuch, im Ofen liegt ein Brot. Neben der Kochinsel steht ein Beistelltisch, darauf steht ein Laptop. Ah schon wieder Homeoffice.
Nee. Auf dem Display erstrahlt Startseite eines Versandhandels. Is‘ ja wieder typisch. Während der Kerl die Firma durch die Krise steuert, hockt sie zu Hause und denkt nur ans Shoppen.

Seite 4: Typ mit Bart und Zopf lehnt an der Arbeitsplatte, hält einen Kaffee in der Hand und lächelt seinem Vierbeiner zu. Zu seinen Füßen ein Fahrrad-Rucksack mit Zeichnungen.
Das muss wohl so ein neuer Wohlstandsgrüner sein. Gibt sich ganz regional mit Hund und Fahrrad, aber auf dem Tresen auf dem Tresen statt ein Obstkorb voller Südfrüchte

Seite 5: Lady mit Hochwasser-Hosen und hohen Absätzen nimmt einen Schneebesen aus der Schublade und lächelt etwas unsichtbares in Bodennähe an.
Kann kein Tier sein, kann kein Kind ein, die Küche sieht aus wie dreimal täglich geputzt. Ihr Göttergatte ist vermutlich Staatssekretär im Gesundheitsministerium und rettet die Nation, während sie mit dem Saugrobotter flirtet.

Seite 6: Junge Mama mit Kleinkind auf dem Arm, schenkt sich ein Glas Wasser ein. Auf dem Küchentisch liegen Laptop, Handy und irgendwelche Skizzen.
Also, wenn das die gestresste Mama sein soll, die Kind und Job unter einen Hut bringen muss, scheint es ihr ja ganz gut zu gehen. Sie lächelt noch über beide Ohren und der Laptop steht verkehrt herum, so kann man gar nicht arbeiten. Aber die über die Lehne geworfene Strickjacke zeugt nun wirklich von Verwahrlosung und Kontrollverlust. Man sollte das Jugendamt rufen.

Seite 8 und 9: Nur Küchen ohne Menschen.
Die Leute sind bestimmt alle systemrelevant und sind daher zur Arbeit gefahren. Aber ganz bei der Sache scheinen sich nicht zu sein, den in allen Backöfen brennt noch Licht.

Seite 10: Typ mit Wuschelkopf, Bart und Holzfäller-Hemd lehnt an Highboard und beobachtet die Aufbackbrötchen im Ofen. Er freut sich riesig und beisst in eine verstrahlte Riesen-Erdbeere. Auf dem Tisch liegt ein Tablet, die Küchenuhr zeigt 10:12 Uhr
Tja, in jeder Krise gibts auch Gewinner. Guten Morgen, schon aufgestanden?

Und sonst so?
Lego-Steine, Socken oder Frühstückskrümel auf dem Boden sucht man vergebens. Es scheint auch nicht nach Fischstäbchen zu riechen, die Fronten sind nicht mit Schoko-Creme* beschmiert und halbleere Kaffee-Tassen stehen auch nirgends herum. Alle Menschen tragen Straßenschuhe in ihren Küchen, sind bestens gekleidet und noch besser gelaunt. Keine Stapel von Schulbüchern auf dem Küchentisch, keine zerknüllten Mathe-Arbeitsblätter und keine angekauten Tinten-Killer. Keiner bockt weil er den Dreisatz nicht kapiert, keiner heult weil es einen Vortrag über die SPD schreiben gilt. Apropos Schüler. Wo sind die eigentlich auf den Bildern? Ach die sind bestimmt in ihren voll-equipten Einzelzimmern, sitzen an ihren Workstations und lauschen konzentriert der digitalisierten Lehrerschaft.

Schöne neue Welt.
Noch einen Schluck Soma gefällig?

*) ohne Palmfett natürlich 😉

<— Von der Rolle – Teil 1

58) Zeitung

Ich mag den Geruch von Zeitung. Warum eigentlich? Ist es die Druckerschwärze? Sind es die Erinnerungen an die Zeit, in der ich für ein paar Mark das Berliner Abendblatt in hunderten Briefkästen verteilte? Egal. Soll ja auch nur eine Einleitung sein.

Am Wochenende gönne ich mir gern so ein Old School Raschel-Werk, oft komme ich aber erst am Sonntag dazu, einen Blick hineinzuwerfen, auch wenn die Nachrichten damit den Stand von Freitagnachmittag haben. Hübsch gefaltet liegt der Papierstapel nun vor mir. Jeder mag so seine eigene Lesestrategie haben. Manche blättern von vorn nach hinten, manche von hinten nach vorn, andere suchen erst einmal die Bianca in der Mitte und entscheiden dann, wie es weiter geht.

Ich demontiere meine Zeitung …

  • Als erstes entnehme ich den Immobilien-Teil. Den kriegen die Kinder sofort als Mal-Unterlage. Mir bringt der nichts, weil wir glücklicherweise ein Dach über dem Kopf haben, weil mich nicht interessiert ob in Spandau 50 Town-Houses hochgezogen werden, weil ich den grinsenden Immo-Makler mit Fiffi auf Arm und Kopf schon Millionen Male gesehen habe.
  • Die große Theater-und Bühnen-Beilage für die nächsten sechs Monate kriegen die Kids gleich noch mit dazu. Das Bunt-Papier von Teppichland, Küchenstudio und Polsterwelt fliegt sofort in die Altpapier-Kiste. Schade um‘s Papier und die Farbe. Wieviele dieser Beilagen werden nicht einmal „aufgefaltet“, sondern landen direkt wieder in der blauen Tonne? Muss das für den Designer nicht super-frustrierend sein?
  • Der Berlin-Teil scheint mir da ganz interessant, jedoch ist auch die Hälfte des Abschnitts mit dem Fernsehprogramm bedruckt, zusätzlich eingerahmt von gigantischen „#wirbleibenzuhause“ oder „#berlinengegencorona“-Initiativen der Bundes-und Landesregierung. Reflexartig forme ich mit den Armen ein Spitzdach über meinem Kopf. Mit dem Feuilleton konnte ich noch nie etwas anfangen. Vielleicht noch eine Mal-Unterlage für die Kids?
  • Der Service-Teil ist heute nicht so der Knaller. Reisen in Corona-Zeiten, Fremdsprachen in Corona-Zeiten, Homeoffice-Ausstattung in Corona-Zeiten, Autofahren in Corona-Zeiten, …. ich kann es nicht mehr hören. Dann noch eine Anzeige des Job-Centers. Die sind für mich da. Und gemeinsam schaffen wir das! Aber deren „Liegenschaften“ sind geschlossen, ich solle den eService nutzen. Verstanden. Zu guter Letzt der Börsenteil (Aktien sind doof) und  das Kreuzworträtsel (sollte ich jemals dafür Zeit haben). Nein, Danke. Mal-Unterlage!
  • Und weiter gehts mit Europa-Wetter (brauche ich nicht, is‘ ja von Freitag und Reisen darf ich eh nicht), Traueranzeigen (da kenne ich zum Glück keinen), Fußball in Corona-Zeiten (der Ball ruht … was sonst). Auch Mal-Unterlage. Drei Viertel der Zeitung habe ich nun bereits zur Mal-Unterlage erklärt. Können die Kinder überhaupt jemals so viel malen?

Aber es gibt Hoffnung: Kolumnen, Essays, Leserbriefe und das Magazin liegen noch vor mir. Das Beste zum Schluss. Eigenartig oder? Wie so‘n Blog. Riecht nur besser 😉

Beitrag 200 – Vom Prenzlauer Berg

Tusch … Töröö ... Ein Prosit, ein Prosit … Happy Birthday … Herzlichen … dreimal hoch … tschakka … kudos … thumps Up … well done … confetti… 200 Beiträge, 1.000 likes … Congrats!

Wie soll es auch anders sein? Mein 200. Beitrag kommt aus … na … richtig … aus Prenzlauer Berg. Nein, nicht Prenzl‘-Berg und auch nicht voPrenzlauer Berg und erst recht nicht aus Greater Area Pankow und schon gar nicht Stuttgart Ost. Sondern aus Prenzlauer Berg. Ganz einfach.

Der Berliner Stadtbezirk, der seit Gründung diverse Reikarnationen erlebt hat. Als Mietskasernen-Viertel in den 1910/1920er Jahren begonnen und schnell gewachsen, war er dem kleinen Mann, seiner Frau und deren vielen Piefkes bestimmt. Durch den zweiten Weltkrieg und in 40 Jahren DDR danach, war die Altbau-Substanz völlig heruntergekommen. Einschusslöcher, Ofenheizung, Etagen-Klo, feuchte Wände, dunkle Hinterhöfe und muffige Keller. Ein riesiger Spielplatz  für uns Kids, ein Treibhaus für intellektuelles und oppositionelles Leben Ende der 80-er Jahre.

Mit der politischen Wende wurde das Proletariat zunehmend verdrängt und das alternative Leben zog ein. Kunst, Kreativität und Anarchie. Party pur. Rammstein im Knaack-Club Mitte der Neunziger … werde ich nie vergessen. Die Epoche hielt nur kurz an und trocknete aus, als die zerschossenen Mietskasernen zu glänzenden Stuck-Altbauten verwandelt wurden.

Die Mieten stiegen an … Verdrängung … Gentrifizierung … ja und den Rest kennt man ja. Heute wohnt hier eher das höhere Einkommen, fährt USV und nippt am Latte Macchiato Glas während der kleine Ferdinand-Frederik beim Englisch-Unterricht weilt und die Luna-Marie-Cataleya dem Junior-Coaching-Kurs schnuppert.

Und so isset jetz’e hier in‘n Kiez:

,.. und das schöne ist … man hat immer was zu schreiben 😉

 

 

48) Kinder-Pizza im Prenzlauer Berg

Der Cheftrainer des Jugendfußballs hat eine nette Idee. Er schlägt vor, das Training am Mittwoch etwas eher zu beenden und Pizza für alle zu bestellen. Hitzefrei, Abendessen und Teambuilding sozusagen. Coole Idee, denken wir und sagen sofort zu. Zur Vereinfachung stellt der Trainer eine Pizza-Liste zur Auswahl ins Netz. Großartige Idee. Für uns nur ein Klick und der arme Kerl hat es etwas einfacher beim späteren Bestellen.

  1. Pizza Margarita (Tomatensauce, Mozzarella, Basilikum)
  2. Pizza Salami (Tomatensauce, Mozzarella, Salami)
  3. Pizza Funghi (Tomatensauce, Mozzarella, Champignons)
  4. Pizza Vegan (Gemüsemix auf Tomatensauce)

Die kleine charmante Auswahl zeigt bereits ganz oben die Top-Seller für Kinder. Aber auch an Vegetarische und Vegane Optionen hat er gedacht. Jetzt müssen die Eltern nur noch klicken und der Trainer (im Ehrenamt wohlgemerkt) kann die Liste 1:1 an die Pizza-App durchreichen.

Aber da machte er einen kleinen, aber entscheidenen Fehler … er schreibt: „Wenn jemand keine Pizza mag, dann kann ich auch etwas anderes bestellen“

  • Wortmeldung 1: „Pizza ohne Tomaten mit Käse, smiley“
  • Wortmeldung 2: „Ich habe für Emanon die Vegan angekreuzt, aber sie soll eigentlich kein Gluten essen. Falls es etwas glutenfreies und Veganes gibt, wäre es super, ansonsten machen wir eine Ausnahme“
  • Wortmeldung 3: „Vielleicht gibt es auch Pizza Hawai?“

Muss man das kommentieren? Nein muss man glaube ich nicht.

Zwischenstand am Dienstag-Abend: 31 Margarita, 1 Salami, 1 Vegan und keiner will Fungi.

PS: Sollte ich vielleicht mal fragen, ob er mir eine Fungi bestellt? Dann hätte ich schon mal etwas zum Abendessen.

Frühere Beiträge zum Thema:

42) Auswärtsspiel

Samstag 07:00 Uhr, der Wecker klingelt. Verrückt geworden? Nee, eigentlich nicht. Wir müssen zum Auswärtsspiel. Anpfiff ist 09:30 Uhr, aber bereits 08:30 Uhr soll sich die E-Jugend dort treffen. Nach einem Express-Frühstück steige ich mit unserem angehenden Ronaldo ins Auto und düse in Richtung Berliner Norden. Pünktlich wie die Maurer sind wir dort. Unser Ronaldo entschwindet in die Umkleide und ich habe nun eine Stunde zeit. Herrlich.

Ich beschließe, mir die Beine zu vertreten und laufe ein wenig durch die Nachbarschaft des Sportplatzes. Neue Eigenheime stehen neben älteren Häusern. Eigentlich ganz nett hier. Schön grün und natürlich gewachsen das Viertel. Kurzzeitig freunde ich mich mit Gedanken an, dort zu wohnen. 

Doch dann treffe ich auf erste Zettel, die an Laternen kleben. Es sind wiederholt als „Bouletten getarnte Gift-Köder“ gefunden worden. Man solle bitte auf die lieben Hunde und Katzen achten. Von Kindern war nicht die Rede. Auf einem anderen Zettel mobilisiert die Anwohnerschaft gegen ein geplantes Neubau-Siedlungsgebiet. „Naturwiesen statt Beton-Riesen“. 

Gegen 09:00 Uhr bin ich zurück am Platz und genehmige mir im Sportler-Imbiss einen Kaffee. Ich kriege den abgestandenen Rest aus der Glas-Kanne. Für einen Euro. Die verbliebenen 20 Minuten bis zum Anpfiff tingele ich auf dem Gelände herum und schaue mich etwas um. Der hiesige Sportverein hat ein Faible für Regeln und Schilder. „Fahrräder am Zaun abstellen verboten“. „Sportplatznutzung außer zum Training und Punktspiel verboten“. „Leise verabschieden, Auto-Türen rücksichtsvoll schließen und nicht hupen“.

Ich beschließe, nicht dorthin zu ziehen.

Das Fußball-Spiel:

  • 09:30 Uhr: Anpfiff erfolgt, heute sogar mit Schiri und Linienrichterin. Schiri mit Notizblock, Linienrichterin mit Fahne. Na die fahren aber mächtig auf heute, mein lieber Mann. Gibt’s auch eine Video-Schalte nach Köln…?“, lästere ich mit einem anderen Papa.
  • 09:32 Uhr: Die Linienrichterin entpuppt sich schnell als parteiisch für die Gastgeber und schreit pausenlos „Klasse Toni!“, „Toll Kevin!“, „Schade Tim!“
  • 09:38 Uhr: 1:0 für die Gastgeber. Misst.
  • 09:39 Uhr: „Super Pete, weiter so!“, „Klasse Kevin!“. Och nö! Soll das jetzt das ganze Spiel so weitergehen? Anscheinend ja. Sie schreit weiter.
  • 09:41 Uhr: „Klasse Pete … nee … Toni meine ich!“, schreit sie
  • 09:42 Uhr: Ausgleich zum 1:1, meine Stimmung steigt wieder
  • 09:43 Uhr: „Klasse Jannik, toll gemacht!“
  • 09:44 Uhr: „Schön Pe … ähm Kevin“
  • 09:45 Uhr: „Toll Toni!“, „Super Louis!“. Aber halt, wer ist denn auf einmal Louis? Ach so, kürzlich eingewechselt. Habe ich nicht mitbekommen.
  • 09:50 Uhr: Der Gastgeber geht mit 2:1 in Führung, „Toll, superklasse Jungs“ schreit es von der Seitenlinie
  • 09:51 Uhr: Wir holen zum 2:2 auf, ich mache mir Hoffnung
  • 09:53 Uhr: Die Linienrichterin legt die Fahne gänzlich weg und focussiert sich nur noch darauf, Jungs-Namen über den Platz zu brüllen.
  • 09:56 Uhr: Halbzeit
  • 10:08 Uhr: „Toll Leon, ganz geiler Pass“. Die Spieler-Mama nebenan schaut zu mir rüber. Wir beiden runzeln die Stirn. Weiter schallen Namen über den Rasen, ich komme beim Schreiben gar nicht mehr mit.
  • 10:16 Uhr: Mit 3:2 gehen unsere Jungs in Führung, die Linien-Richterin stellt das Schreien ein
  • 10:32 Uhr: Abpfiff. Gewonnen! Gut gemacht! 

Los komm Kevi… ähm Ronaldo, wir hauen ab. 

Aber leise bitte…

 

Andere Beiträge zu Fußball und Kids:

 

 

37) Senf am Morgen

Wieder so ein Moment, bei dem ich am liebsten laut „Schei…“ schreien möchte. Es ist Freitagmorgen um 06:45 Uhr. Die Familie sitzt am Frühstückstisch. Wir schieben Cornflakes und Toasts in unsere Futterluken und nippen an Kakao und Kaffee. Ein paar Wörter lösen sich aus unseren Kehlen, aber für tiefergehende Gespräche fehlt es an Zeit und Energie. Also mache ich den Anfang und beginne schon einmal, den Tisch abzuräumen. Geschirr und Besteck kommen in den Spüler, Wurst und Käse gehören in den Kühlschrank. Alles reine Routine, ich könnte es mit verbundenen Augen. Also reiße ich die Kühlschrank-Tür auf und … sehe einen Senfbecher in der untersten Ablage der Kühlschranktür? Aber das geht nun wirklich nicht. Ich brumme mein Unverständnis in den Raum. Der Platz unten in der Tür ist für große Tetra-Packs und Flaschen reserviert, aber bestimmt nicht für kleine Senf-Becher. Da bin ich etwas eigen und kann schnell zickig werden. Also greife ich den Senf-Becher am Schlafittchen, um ihn in die oberste Etage zu befördern. Meine Feinmotorik liegt aber noch im Bett und schläft. Der Becher fällt zu Boden und zerplatzt. „Klatsch“ macht es. Ein großer Haufen gelber Senf liegt auf den Bodenfliesen vor dem Kühlschrank. Oaaahh, nö!!! Bitte nicht das jetzt! Das brauche ich jetzt echt nicht. Es riecht hier wie am Schwenkgrill auf dem Weihnachtsmarkt. Wie kriege ich das nun wieder weg? 

Mit ein paar Blättern Küchen-Papier von der Rolle? Nein, das ist irgendwie zu trocken. Vielleicht mit feuchtem Lappen oder Schwamm? Auch nicht, dann verschmiere ich das alles bloß noch. Also begebe ich mich auf die Knie und baue den Senf-Berg mit Torten-Heber und Crêpe-Besteck ab.

Um so mehr ich mich dort unten auf den Fliesen so umsehe, um so deutlicher sehe ich, dass sich der Senf noch weiter verteilt hat. Senf-Spritzer an den Tür-Fronten, weitere Kleckse an den Blenden und so weiter. Großartig.

Ach man, das ist doch eine riesige „Schei…“ fluche ich. 

Zum Glück ist heute Freitag und nicht Montag.

Frühere Beiträge zu Haushalt und Co:

35) Eislaufen über 40

Um endgültig bewiesen zu bekommen, dass man ab Anfang vierzig so langsam älter wird, muss man keinen Stadtmarathon laufen oder die Zug-Spitze auf einem Bein hinaufhüpfen. Das kann man einfacher haben. Geht einfach mal Eislaufen! Also ich meine nicht nur an die Glühwein-Hütte nebendran, sondern richtig rauf auf das Eis, mit Schlittschuhen. Nur eine Stunde lang, das reicht schon. Bevor wir also losgehen, erinnern wir die Kids, dass sie sich bitte warm anziehen sollen. Solch eine Eishalle ist schließlich kalt. War sie früher auch schon. Auf dem Weg zur Halle erzähle ich von meinen früheren Eiskunstlauf-Probe-Trainings für den Turn-und-Sport-Club in unserem Kiez. Der Club hatte damals in den benachbarten Kindergärten die künftigen Leistungssportler getestet, mich dann aber bald wieder an eine andere Sportart „empfohlen“. In meiner Teenie-Zeit war ich dann auch ein paar Mal in der Eishalle, aber da ging’s weniger ums Eislaufen, eher um die Mädels dort. Das scheint den Kids schon Kompetenz genug zu sein und sie erwarten natürlich ein paar spektakuläre Sprünge und Landungen vor mir. Die Latte hängt also hoch. Wir gehen zur Kasse und zahlen Eintritt und Leihgebühr für die Eislaufschuhe. Das war einfach. Dann tauschen wir unser Schuhwerk gegen blaue „Knobel-Becher-Eislaufschuhe“. Es dauert etwas, für uns vier die beste Größe und Einstellung herauszufinden. Gegen 17:00 Uhr betreten wir die Eisfläche. Auf den ersten Metern komme ich überhaupt nicht klar. Das war früher viel einfacher. Da muss ich erst einmal meckern. Das Eis ist Mist! Die Schuhe sind doof! Die Kufen sind nicht ordentlich geschliffen! Warum sonst eiere ich hier so auf dem völlig verschneiten Eis? So kann doch keiner fahren! 

Aus der Musik-Anlage tönen Vanilla Ice mit „Ice Ice Baby“ und Snap! mit „Rhythm is a Dancer“. Krass, das läuft noch? Bald bin ich schneller unterwegs und gewinne zusehends an Stabilität … geht doch wieder. 

Links an mir zieht ein 14-jähriger Bubi vorbei. Er nimmt sich dabei selbst mit seinem Handy auf. Er fährt wie ein Olympionike, hüpft, dreht sich, springt und hält seinen Selfie-Stick wie der Musketier einen Degen. Respekt! Aber zum Glück empfindet meine Tochter noch nichts für solche Poser. 

Prompt überholt mich rechts ein Mädel in Kapuzen-Shirt und Karottenhose. Warum hat die sonst nichts an? Es ist doch kalt in einer Eis-Halle. Und warum sehen unsere Kids aus, als wären sie zum Nordpol unterwegs? Na immerhin die Klamotten der Girls scheinen noch dieselben zu sein wie bei uns in den 80-er Jahren

Vor mir schiebt ein vierjähriger mit Bommel-Mütze einen Pinguin auf Kufen vor sich her um sich an ihm festzuhalten. Gleich hinten dran folgt sein Vater auf wackeligen Beinen, der sich an seinem Sohn festhält. Am liebsten hätte der Vater vermutlich den Pinguin selber gehabt, aber das fand er wohl uncool.

Anstelle von dramatischen Sprüngen, atemberaubenden Hebefiguren und Pirouetten, entscheide ich mich lieber dafür, ein paar Schlangenlinien und Zwiebeln zu fahren. Mehr geht heute auf diesem Eis echt nicht. Tür mir Leid. Aber ich erhöhe die Geschwindigkeit, um ein absolutes „Muss“ in einer Eis-Disco unter Beweis zu stellen. Nämlich mit Affen-Speed auf die Bande zufahren, ganz kurz vorher abbremsen, dann um die eigene Achse drehen und mit coolem Blick rückwärts an der Bande lehnen…

Frühere Beiträge aus dem Familienleben:

34) Mega-Slide und Super-Maus

Schön, wenn die Kinder größer werden. Insbesondere deshalb, weil sie dann die Dinge zunehmend allein machen dürfen, die ihnen zwar einen Riesen-Spaß bereiten, mir aber ein absolutes „Unbehagen“ verschaffen. Vorsichtig ausgedrückt. Leider müssen sie aber bei bestimmten Anlässen immer noch von einem Erwachsenen begleitet werden.

Zwei Anlässe: 

Im Sommer lassen wir uns überreden, einen Wasserrutschenpark an der Algarve zu besuchen. Die Tickets kann man schon vorher online bestellen. Das ist praktisch. Zum Event selber, muss man aber noch persönlich erscheinen. Das ist eher unpraktisch. Für mich. Nachdem wir uns durch die Drehkreuze gedreht haben, geht es zur zentralen Umkleide. Von dort aus bewegen wir uns nur noch in Badekleidung. Das muss man mögen. Ich hasse es. Tasche, T-Shirt oder Latschen mitzunehmen macht keinen Sinn, wenn wir zu viert rutschen wollen … ähhm … müssen. Dann suchen wir uns die erstbeste Schlange und stellen uns an. Mit all den anderen halbnackten Menschen stehen wir also dicht an dicht in praller Sonne und warten. Überall riecht es nach Sonnen-Creme. Das ganze Wasser muss doch schimmern wie eine Benzin-Pfütze unterm Auto, denk ich mir so. Bewegt sich die Warte-Schlange etwas nach vorn, drängen uns sofort nackte Leiber von hinten, die entstandene Lücke vor uns zu schließen. Passt man nicht auf, rutscht man der korpulenten Rutsch-Genossin vor uns auf. Nach circa 30 bis 45 Minuten kommen wir näher an das Geschehen heran und können schon mal sehen, wie sich andere Erwachsene so anstellen, wenn sie in den Rutschkanal verschwinden und unten wieder kopfüber herausfallen. Sieht turbulent aus, aber immerhin sind ihre Bikinis und Badehosen meistens noch da, wo sie hingehören. Manchmal aber auch nicht. Unsere Kinder hüpfen vor Freude wie Gummi-Bälle vor uns auf und ab, wir Erwachsenen werden immer stiller und schließen mit dem Leben ab. Was machen wir hier eigentlich? Könnten wir nicht gemütlich mit einer Flasche Vino Verde auf der Terrasse sitzen? Vielleicht etwas lesen oder was Lustiges schreiben? Aber nein, wir müssen hier die Mega-Slide rutschen, bei der wir im Reifen eine Steilwand hinauf katapultiert werden und zum Ende in einer Art überdimensionalen Ausguss verschwinden. 

Aber auch der Winter in Berlin bietet ähnliche Challenges für uns Eltern. Auf dem Weihnachtsmarkt beim IKEA an der Landsberger Allee wartet die Super-Maus auf die Kinder. Und auf uns. Die Schlangen sind deutlich kürzer als im Rutschenpark in Portugals Süden. Die Menschen dort haben wenigstens Klamotten an und es gibt Glühwein so viel man will. Kein Vino Verde, aber immerhin. Um uns herum stehen lauter Teenies und gackern vor sich hin. Ein Girl aus der Gruppe telefoniert mit ihrem Handy und brüllt „Nee, isch bin nich Alex, isch bin IKEA, Alder“ in das Mikro. Ich sehe meine staatliche Rente im Schlamm des Weihnachtsmarkts versickern. Aber darum geht es ja hier nicht. Das wäre schon einen eigenen Beitrag wert. Zu viert besteigen wir also den Wagen der Achterbahn und lassen uns die stählerne Rampe hinauf ziehen. Noch einmal drücke ich den Metall-Bügel über unseren Hüften nach unten. Nur um sicher zu gehen, dass keiner herausfliegt. Zuviel. Ich kriege kaum noch Luft. Misst. Wir erreichen den Gipfel der Bahn, verharren für einen Moment und dann donnern wir hinunter. Kurve für Kurve. Über Berg und Tal. Es gibt zwar keine Loopings, trotzdem reicht es mir bald. Die Gondel beginnt nun auch noch, sich zu drehen. Ich habe die ganze Zeit meine Augen geschlossen, spüre meine Knie an die Wagen-Kante prellen und mein Halswirbel aus der Verankerung springen. Kaum ist es überstanden schallt es im Chor „Noch maaaal!!“. Also wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, würde ich mich mit einem Papp-Schild vor die Achterbahn stellen. Darauf stünde dann so etwas wie „Kinderbegleitung: 5 EUR“.

Bei der Gelegenheit wünsche Ich allen Lesern einen guten Rutsch!!!

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