38) Kannst du kniggen

Wir haben doch alle, mehr oder weniger, den Europäischen Benimm und Knigge vermittelt bekommen, oder? Entweder durch die Eltern, den Oppa oder die Gesellschaft drumherum. Ich finde das auch gut, auch wenn man den Eindruck hat, dass das immer weniger gelebt wird. Aber darum geht es heute hier nicht, mir geht es darum, wie schnell man in Widersprüche und blöde Situationen gerät.

Also ich habe es ungefähr so im Kopf:

  • Frauen die Tür öffnen und den Vortritt lassen, in Kneipen geht aber der Mann vor
  • Chefs haben Vortritt … aber ist das eigentlich noch angebracht?
  • Gäste haben immer Vortritt
  • Bestecke von außen nach innen
  • benutzte Serviette nicht auf den Tisch
  • Der ältere bietet dem jüngeren das „Du“ an
  • und so weiter

Und da geht das Dilemma schon los:

  • Angenommen ein Mann geht zu einem Bewerbungsgespräch. Der Interviewer ist eine Frau. Also versucht der Mann wohlerzogen zu wirken, will ständig vorgehen, hat aber überhaupt keine Ahnung, welche schweren Brandschutztüren er öffnen soll und wo der Fahrstuhl ist. Blöd.
  • Noch einmal dasselbe Bewerbungsgespräch. Sie hat Ortskenntnis, übernimmt auch klar den Lead, schreitet zielstrebig durch die Gänge. Der Bewerber will trotzdem Gentlemen spielen und überholt sie ständig, um ihr die Türen zu öffnen. Er wird ihr zwangsläufig auf ihre glänzenden Pumps treten. Dumm gelaufen. „Danke, wir melden uns bei ihnen.“
  • Nehmen wir nun noch einen Mitarbeiter mit 45 Jahren und einen Chef mit 30 Jahren. Beide kommen sehr gut miteinander aus, unterhalten sich auch privat und haben einen Draht zueinander. Wer bietet das Du an? Der deutlich jüngere Chef oder ältere Mitarbeiter. Tipp? Ich würde sagen… trinkt mal einen zusammen und wird sich das ergeben!

Noch schwieriger wird es im Ausland:

  • Abu Dhabi: Auf der Terrasse der Firma findet ein Buffet statt, in das ich per Zufall hineinstolpere. Ich sehe Europäer aber auch „locals“, also verschleierte Frauen und Männer mit weißem Gewand . Ich sehe zufällig eine Kollegin aus Deutschland, wir laufen aufeinander zu und fallen in eine kurze, dienstliche Umarmung. Und wir haben die volle Aufmerksamkeit auf der Terasse. Vielleicht hätte es ein Handschlag auch getan?
  • Mumbai: Ich sitze mit dem Team im Meeting und erkläre ein paar Dinge am Computer. Auf einmal geht die Tür auf, der HR-Chef kommt rein. Eine Eminenz kurz vor der Rente. Alle springen auf und begrüßen ihn respektvoll. „Go ahead“, sagte er dann. Ähhhm, wie jetzt… im Stehen, etwa? Geht schlecht, ich muss dabei etwas tippen. Ich setze mich langsam hin, aber alle anderen stehen immernoch wie eine Cricket-Mannschaft bei der National-Hymne. Das ist mir aber zu doof, darf ich die jetzt eigentlich bitten, Platz zu nehmen?
  • São Paulo: Die nächste Stunde gehört uns, wir wollen die Ergebnisse präsentieren und eine Reihe Manager erscheint nach und nach im Raum. Bei den Männern ist das Begrüßen einfach. Fester Händedruck, linke Hand schlägt auf die Schulter. „How are you? Alles gute, danke“. Bei den Damen wird es schwieriger. Die kommen mir so nahe, wie sonst nur sehr wenige Damen und erwarten Küsschen. Echte Küsschen etwa? Mit Spucke oder nur Luft? Links, rechts, links? Oder rechts, links rechts. Oder reicht auch einmal? Und wohin mit den Händen? Gar nicht mein Ding!

Das alles überfordert mein sachliches Wesen. Wäre ich auf ein Englisches Internat gegangen, würde ich mir diese Fragen vermutlich nicht stellen … aber dann gäbe es diesen Beitrag hier auch nicht.

Also, wenn sich jemand berufen fühlt, mir etwas Benimm beizubringen, dann nur zu 😉

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