79) Corona-Lektionen 1

Corona ist nun in Deutschland angekommen und wir werden in den nächsten Wochen deutlich spüren, was das so für unseren Alltag heißt.

Das Zusammenleben wird heruntergefahren, wir bleiben in unseren Hütten und gehen nur fürs Nötigste unter Menschen. Na großartig.

Aber ich will mit dem Beitrag gar nicht so sehr auf den persönlichen Einschränkungen herumreiten, sondern über ein paar Punkte nachdenken, bei denen die Pandemie hoffentlich zum Umdenken anregt.

  1. CO2-Emissionen: Wir erleben gerade, wie schnell für sauberere Luft gesorgt werden kann. Vor wenigen Tagen noch demonstrierten Schüler freitags für die Zukunft. Flugzeuge bleiben nun vermehrt am Boden, Mitarbeiter fahren seltener in die Firma. Stinkende Diesel-Schiffe bleiben in fernen Häfen stecken. Auf einmal geht‘s doch oder? Aber vielleicht lesen wir zunächst Punkt 2.
  2. Klimaschutz: Punkt 1 zeigt aber auch, dass solch eine drastische Reduktion des Verkehrs „von Heute auf Morgen“ allerorts zu Problemen führt. Die Gesellschaft und Infrastruktur ist noch nicht so weit, sie muss dahin entwickelt werden. Fliegen weniger Flugzeuge und fahren weniger Schiffe, gibt‘s schnell Engpässe, die reiseabhängige Wirtschaft geht in die Knie. Und zwar schon nach wenigen Tagen.
  3. Importe: Wenn Fernseher und Smart Phones in China hergestellt werden, soll das so sein. Von mir aus. ABER: Wenn überlebenswichtige Medikamente, Mundschutze und sogar Flüssigseifen aus China oder Indien importiert werden, dann hört der Spaß auf. Man wird nach Corona nachdenken müssen, bestimmte Fertigungsbereiche zurückzuholen oder die Produktion weiter zu dezentralisieren.
  4. Virtuelles Arbeiten: Was mussten sich Arbeitnehmer „früher“ einfallen lassen, um den Chef wenigstens einen Tag Home-Office pro Woche aus den Rippen zu leiern. “Was der faule Mitarbeiter da wohl alles so nebenbei macht“, „Bloß kein Exempel statuieren, dann kommen sonst noch andere“ mag sich der Chef da gedacht haben. Seit Tagen werden Mitarbeiter nun förmlich nach Hause gedrängt. Hier habe ich große Hoffnung, dass das „Virtuelle Arbeiten“  entspannter gesehen wird, wenn der Spuk mal vorbei ist.
  5. Kinder: Die Kids stehen in manchen Bundesländern schon vor verschlossenen Schultoren, Berlin zieht nächste Woche nach. Das führt ihnen mal wunderbar vor Augen, wie sich Kids in der Dritten Welt fühlen. Von dem kleinen Unterschied mal abgesehen, dass sich unsere Kids untereinander vernetzen können und vieles online lernen können. Oder zwei Wochen abhängen und daddeln. Kids, denkt drüber nach!
  6. Hass: Beklagte man vor Tagen noch die teils verrohte Fan-Kultur und drohte mit leeren Rängen, können diese Idioten das nun mehrere Wochen üben. Zunächst Geister-Spiele, jetzt Pause in der Bundesliga. Schaut euch das an, ihr krakeelenden Schreihälse und Haters. Genießt es!
  7. Digitalisierung: Daten scheinen sonst überall verfügbar, wir können die Schritte zählen, Schlaf vermessen, Kalorien zählen und miteinander teilen. Phantastisch. Aber keine App der Welt, kann uns momentan sagen, ob wir den Virus unbemerkt in uns tragen. Vernünftige Digitalisierung muss nicht der böse Job-fressende Roboter sein, sondern zum Beispiel eine „Spuck-Fläche“ auf meinem Handy mit integriertem Viren-Scanner. Warum nicht?
  8. Richtig/Falsch: Was gestern noch richtig war, ist heute falsch. War es sonst “Bahn fahren“, ist es nun „Am besten allein Auto“, war es früher „Vorn beim Fahrer einsteigen“ ist es nun „Türen zu, bitte nur hinten einsteigen“. „Nähe“ wird zu „Abstand“. Gelernte Werte und auch willkürlich festgelegte Regeln verschieben sich. Andere machen auf einmal keinen Sinn mehr.
  9. Miteinander: Und das ist ein Punkt, der mir wirklich am meisten Sorgen macht. Ist doch mein Blog eigentlich auf diesem Fundament entstanden. Wenn sich sehe, wie „freundlich und selbstlos“ die Menschen auf einmal zurücktreten und mich die S-Bahn-Taste drücken lassen. Und wenn dieselben Typen mir am Spaghetti-Ragel die Ellbogen in die Rippen rammen (bildlich gesprochen) frage ich mich, was hier eigentlich los wäre, wenn wir mal einen richtigen Killer-Virus ins Land kriegen.

Der Beitrag trägt den Zusatz 1, könnte mir gut vorstellen, dass es noch einen zweiten Teil gibt. Passt auf euch auf und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

—> Corona-Lektionen 2

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77) Mangel und Bammel

Ich war heute früh einkaufen. Die Regale waren wieder gut gefüllt, aber Es waren kaum Menschen in den Gängen unterwegs. Kein Wunder, die heimischen Keller und Vorratsräume der Deutschen sind so prall gefüllt, da kann man Corona und einen atomaren Winter überstehen.

Trotzdem, Einkaufen fühlt sich dieser Tage anders an. Setzt jemand zum Niesen an oder hüstelt auf die Frische-Theke denkt man sich so seinen Teil.

Und es lassen sich kontrastreiche Eindrucke sammeln. Bier mit „Extra“ Corona will keiner kaufen, Desinfektionsmittel für die Handtasche ist ratzeputze leer gekauft.

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Ich will hier nicht zu weiterer Panik anzustacheln. Aber vielleicht finden wir etwas Ablenkung bei der Suche nach ein paar kreativen Bild-Unterschriften?

  • „Von Mangel und Bammel“
  • “Gefragt und ungefragt“
  • “Haben oder nicht haben“
  • “Vom Suchen und Bekommen“

Grüße aus der Hauptstadt

 

 

75) Hamsterkäufe

Fussel, der kleine Feld-Hamster, erwachte am späten Berliner Donnerstagabend aus dem Winter-Schlaf. Den ganzen Freitag blieb er noch in seinem Bau, orientierte sich und ordnete seine Dinge. Nebenbei hörte er Hamster-Radio und er surfte mal kurz im Hamster-Netz. Dort sprach man von Hamsterkäufen. „Wieso soll ich mir einen Hamster kaufen“, grummelte er. Am Samstag bekam er Appetit, die Vorräte in seiner Speisekammer sahen aber gar nicht mehr so lecker aus. Er hatte eher Lust auf etwas Frisches, also steckte er seinen Kopf aus dem Bau und machte sich auf den Weg in den nächsten Hamster-Markt. Und da traute er seinen Augen nicht.

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So ungefähr erging es mir, als ich heute nach ein paar Tagen im Ausland den Wochenendeinkauf anging.

Wo bin ich? In einer HO-Kaufhalle im Ost-Berlin der Achtziger Jahre? Oder in Kuba, Venezuela? Was zum Henker ist hier nur los? Bin ich vielleicht zu spät dran? Ist morgen Weihnachten? Oder Ostern?

Nein, es ist Samstag, der 29. Februar 2020. Die Uhr zeigt 09:30 Uhr.

Was treibt die Menschen an, die Regale leer zu kaufen?

  • Treibt sie der menschliche Überlebensdrang? Steht es wirklich schon so schlimm um uns? Wird Corona uns alle dahin raffen?
  • Ist es Egoismus oder Futter-Neid? Besser selber 30 Gläser Bohnen zu haben, als sie irgendjemand anderem zu überlassen?
  • Oder steckt Spekulation dahinter? Kauft irgendwer das ganze Zeug und will sich auf dem Schwarzmarkt eine goldene Nase verdienen?

Leute, jetzt reißt euch mal zusammen! Ja, es ist gut, das Geschehen zu verfolgen. Und ja, ein kleiner Vorrat hat noch nie geschadet. Das weiß jeder Hobby-Koch. Das ist das normalste von der Welt.

Aber hört auf mit dieser Panik-Mache!

<— Mehr aus unserer verrückten Welt

 

53) Warteschlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer sind Alleinunterhalter, die mit Tricks und Musik versuchen, die Schlange nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Beim letzten Indienbesuch habe ich zwar keine mehr angetroffen, dafür komme ich mir hier in Deutschland bald selber vor wie solch ein Alleinunterhalter, der mit Schlangen kämpft.

Die Situation in 10 Schritten:

  1. Mit großen Schritten laufe ich auf eine Service-Situation (z.B. Ticket-Schalter, Check in oder Security…) zu
  2. Aus der Ferne sehe ich schon einige Menschen dort in der Schlange stehen. Sie warten alle vorwärts mit Blick auf den Counter, sie brauchen es so. Das Ziel immer vor den Augen
  3. Vor mir erreichen aber noch andere Menschen ihr Ziel und stellen sich hinten an, alle mit Blick nach vorn. Wie sonst
  4. Sehr bald droht das Ende der Schlange, andere Verkehrswege zu stören. Da wollen Reisende zu anderen Gates, Rollstuhlfahrer müssen durchkommen, Service-Kräfte sollen ihren Job machen
  5. Komme ich zu diesem Zeitpunkt bei der Warteschlange an, will ich mich nicht mehr hinten anstellen, da ich damit den kompletten Flur-Verkehr stören würde
  6. Also stelle ich mich zwar ans Ende der Schlange, ABER in einem 90 Grad Winkel, an. Ich versuche also die Schlange „abzuknicken“, zu beschwören
  7. Und schon kommt der nächste Service-Gast, nennen wir ihn einfach mal Heinz. Er stellt sich an die bisherige Schlange an und mustert mich, warum ich denn da so „abgeknickt“ stehe
  8. Ich bin überzeugt von meinem edlen Anliegen und verharre in meiner Position. Es ist richtig. Vorausschauend. Nachhaltig
  9. Es kommen weitere Gäste und stellen sich hinter Heinz an. Denn aus ihrer Sicht, bildet Heinz das Ende der Schlange. Nicht ich. Ich stehe da ja nur so „abgeknickt“ herum
  10. Trotzdem bleibe ich dort wo ich bin, denn ich war ich ja nun wirklich vor Heinz dort. Hinter Heinz entsteht zunehmend das totale Chaos. Keiner kommt mehr durch. War zu erwarten

Und was passiert dann?

Irgendwann bewegt sich etwas, es geht weiter. Die Menschen tippeln stur wie die Lemminge auf den Counter zu. Und all die Menschen, die hinter Heinz stehen, verachten mich mit bösen Blicken, die förmlich sagen … „Können Sie sich nicht hinten anstellen?“

 

Oh man, ihr habt alle einen Schaden. Muss man euch erst immer in Gatter und Metall-Stangen zwängen!?

PS: Aktuell läuft ein Plakat-Kampagne „30 Jahre – Typisch Deutsch“ … das gehört auch dazu

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45) Eine gute Tat am Tag

Aktuell ist es in Berlin halbwegs erträglich. In den Ferien sind weniger Einwohner in der Stadt unterwegs, aber in ein paar Tagen ändert sich das wieder. Dann wird wieder gedrängelt, geschubst und genölt. Die Menschen werden wieder ruppiger, lauter und man tut alles dafür, Hauptsache seinen Arsch vorwärts zu bringen. Wen dieses „Gegeneinander“ auch so stört (…. und ich hoffe, da gibt es noch jemanden), der kann gern mal etwas ausprobieren.

Ein gute Tat am Tag. 

Och nö! Was soll‘n das jetzt hier du Weltverbesserer. Das kannst du gerne machen. Aber das wird nie etwas. Die Welt tickt nun mal anders du Träumer. Da kannst du dir gern einen abrackern. Es macht einfach keinen Sinn, einen Schritt zurückzutreten, wenn alle anderen weiterhin nur ihren Kopf durchsetzen wollen. Du gibst was, aber dir gibt nie jemand etwas zurück. Lass es doch einfach sein!

Mhm, nein. Es gibt da durchaus noch Hoffnung:

Situation 1) Letzten Freitag im Super-Markt, die Schlangen an der Kasse sind lang. Vor uns eine Frau mit vollem Wagen, wir haben unseren Wagen auch ordentlich beladen. Das Pärchen hinter uns hält drei Packen Bratwürste in der Hand. Wie romantisch. Ich schaue ihnen in die Hände, dann in die Augen und frage so etwas wie „Sagt mal, habt ihr nur die drei Würstchen da?“ Beide nicken artig. „Na dann kommt mal beide vor“, sage ich. Die Dame vor uns kommt entweder A) in Zugzwang oder B) hat auch noch eine gute Tat offen. Sie bietet das Gleiche an und schwupp die wupp, ist das Pärchen samt Würstchen durch die Kasse. Und? Ist das nun schlimm? Nein! Die beiden bedanken sich noch mal, winken und ziehen von Dannen. Habt einen schönen Abend!

Situation 2) Am Montag in der S-Bahn in Richtung Süd-Ost. Ich stehe an der Tür und höre Musik. Auf einmal höre ich eine Ansage durch meine Kopfhörer hindurch. Zunächst vermute ich das übliche Gelaber wegen Baustelle, Verzögerung oder Schienenersatz-Verkehr. Aber es kommt anders. Der Text wird länger als sonst und ich ziehe die Stöpsel aus den Ohren. Ich höre nur noch den Rest der Ansage. In etwa so: „… tja, nun werden sie sich fragen, was ich jetzt hier über die Lautsprecher von ihnen will … ich wollte mich einfach mal nur bedanken, dass sie heute so zügig ein-und ausgestiegen sind. Deshalb werden wir die Endhaltestelle auch pünktlich erreichen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag … ihr heutiger Lok-Führer“.

Manche Fahrgäste schüttelten den Kopf, andere wiederum schmunzelten in sich hinein. Die hatten es kapiert.

Wir erreichen so langsam die Endhaltestelle und mir kommt die Idee zu diesem Beitrag. Aber, um den wirklich rund zu machen, würde ich am liebsten nach vorn zum Lockführer gehen und … ihm irgendwie … etwas … sagen. Eine Endhaltestelle bietet sich für so etwas bestens an. Also los. Wenn nicht jetzt, dann niemals.

Ich laufe nach vorn zum ersten Wagen und klopfe ans Fenster des Lok-Führers.

„Tach’chen, sagen sie mal, ´ne Frage … haben sie uns gerade gefahren?
Stolz setzt ein kleiner Mann seine rote Dienst-Mütze auf und sagt grinsend … „Jawohl, das habe ich“. 

„Danke dafür, ich wollte Ihnen auch einen schönen Tag wünschen“, sage ich, setze die Kopfhörer wieder auf und laufe gut gelaunt zu meinem Ziel.

Geht doch! 

39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

Frühere Beiträge zum Thema:

37) Virenschleuder und Kniescheiben-Spalter

Bislang drehte es sich hier in dieser Kategorie im Wesentlichen um egoistisch handelnde Menschen oder Organisationen, die allein auf den eigenen Vorteil aus sind. Dabei glauben sie allen Ernstes, sie leben ganz allein auf dieser Welt. Aber neben diesen „Egoisten“, gibt es eben auch noch die „Ignoranten“ (siehe dazu bitte auch noch einmal das Exoismus-Lexikon), die durchaus wissen, dass da noch andere Säugetiere auf der blauen Kugel unterwegs sind. Trotzdem sind ihnen die scheißegal. Auch wenn Gesundheit oder Wohlbefinden der anderen Erdbewohner drunter leiden. Dazu wieder zwei Beispiele aus der Fliegerei:

Kniescheiben-Spalter:

Ich habe meinem Sitz in den hintersten Reihen erreicht, verstaue mein Gepäck und setze mich auf meinen Platz. Dann sortiere ich meine Extremitäten und wenn dann noch etwas Zeit ist, nehme ich mein Tablet auf den Schoß und schreibe noch ein paar Zeilen. Das geht solange gut, bis ein 90 Kilo-Kerl den Platz vor mir erspäht hat. Der Grobmotoriker verstaut seine Sachen und tut sonst noch so, was er für wichtig hält. Zu guter Letzt setzt er sich hin… beziehungsweise… er fällt. Er ist anscheinend nicht fähig seine Arsch-und Oberschenkelmuskeln zu einem „sanftem Landen“ zu befehlen. Also krachen seine 90 Kilo in den Sitz vor mir. Seine Sitz-Lehne schnellt nach hinten, zertrümmert fast mein Tablet und prellt meine Kniescheiben. Ob ich jemals wieder laufen kann? Das werde ich erst nach der Landung in circa einer Stunde wissen. Immerhin kann ich noch tippen.

Virenschleuder:

Auf dem Mittelplatz neben mir, nimmt ein anderer Mann seinen Platz ein. Dem gelingt das Hinsetzen mehr koordiniert und sanfter. Allerdings vollendet er die Einnahme der Sitzplatzes damit, seinen Naseninhalt lautstark nach oben zu ziehen. Anschließend hustet er mit viel Wucht über die nächsten Sitz-Reihen direkt vor ihm. Noch vor dem Start wiederholt er das mehrfach. Auch während des Fluges schnieft und hustet er vor sich hin. Der Mann scheint krank zu sein. Tut mir Leid. Das kann jedem von uns passieren, aber wir haben doch hoffentlich alle gelernt, wie man die Mitmenschen um sich herum nicht auch noch mit der Seuche überzieht. Hand oder Ellenbogen vor den Mund und Taschentücher benutzen, oder? Ich überlege, für die nächsten 60 Minuten das Atmen einzustellen, breche das aber aus gesundheitlichen Gründen ab. Stattdessen ziehe ich mir meinen dünnen schwarzen Schal über Mund und Nase bis hoch zu den Augenlidern und hoffe, dass die Viren nicht durch die Maschen passen. Ich sehe aus wie ein Flugzeugentführer. Hoffentlich geht das gut und ich überstehe die Zeit bis Weihnachten ohne Erkältung. 

35) Low Cost Service

Egal wo man hinschaut, man trifft auf immer mehr Low Cost Anbieter, die Waren und Dienstleistungen zu irrsinnig geringen Preisen anbieten. Und da geht es mir heute gar nicht so sehr um die bekannten Filialen, die einem Produkte für wenige Euro (oft sogar darunter) hinterherwerfen. Nein, es geht mir eher um die Dienstleistungsbranche, die uns mit ihren Low Budget Konzepten umwirbt und unsere Geiz-Muskeln massiert. Zum Beispiel finden wir so etwas in der Fliegerei, in der Hotellerie oder auch im Fitnesbereich. Ein Flug nach Palma zum Beispiel für 33 EUR, ein Hotelzimmer für 29 EUR oder eine Mitgliedschaft im Fitness-Center für 20 EUR im Monat. Das ist geil. 

Aber was war da eigentlich zuerst da? War es in dem Fall das Angebot oder die Nachfrage? Wer war zuerst auf dem Ego-Trip. War es etwa der Kunde? Weil er schon immer mal für 33 EUR nach Palma fliegen wollte und deshalb die Anbieter so lange genervt hat, bis endlich Low Cost erfunden war? Das glaube ich nicht. Oder vielleicht waren es doch eher die neuen Anbieter, die mit ihren disruptiven Konzepten die Branchen aufrüttelten, um letztlich auch nur Marktanteile zu gewinnen? Ganz aus Nächstenliebe tun die das sicher auch nicht. 

Nun sind die Low Cost Anbieter nun mal da und müssen aufpassen, dass sie sich nicht selbst ruinieren. Die Käufer nehmen die Angebote gern an und machen sich allein durch das vorhandene Angebot frei von jeglicher Verantwortung. Wenn der Flug für 33 EUR angeboten wird, dann muss man das ja schon fast in Anspruch nehmen. Da kann man ja dann nichts für. Man müsste eigentlich 3 mal im Jahr nach Palma fliegen, damit es sich lohnt. Da wäre man ja schön blöd, wenn man es nicht täte.

Aber so einfach ist es nicht und wir sollten auch nachdenken, wie die Preise solcher Anbieter eigentlich zu Stande kommen:

  • Konsequentes Weglassen bestimmter Details
  • Zunehmende Eigenleistung der Kunden
  • Deutlich weniger Personal
  • Fragliche Vergütung, dubiose Arbeitsverträge

Das Weglassen von Einzelheiten, die nicht unbedingt zum Kern der Leistung gehören, gefällt mir eigentlich ganz gut. Könnte fasst von mir sein. Beim Aspekt Eigenleistung muss man aber schon echt aufpassen, dass man nicht irgendwann den Service selbst erbringt und dann trotzdem dafür zahlt. Beim Thema Personal, Vergütung und Absicherung stehen die Gewerkschaften schon auf die Bühne. Aber wir Konsumenten sollten da auch unsere Rolle wahrnehmen. Wir haben es in der Hand, diesen Trend zu beschleunigen oder abzubremsen. Also nur zu!

Bis dahin werde ich beobachten, wie die Anbieter weiter ihren Service reduzieren, ihren Preis bis zur Selbstzerstörung drücken und das dann noch kreativ in Werbebotschaften verpacken.

Ein paar Ideen für das Flugwesen:

  • „No seat but meet“: Stehplätze mit Halteschlaufe, ganz wie in der S-Bahn
  • „Camp is champ“: Klapp-Stühle zum Ausleihen
  • „It’s your safety“: Schwimmwesten bitte selber mitbringen 
  • „Unchained pleasure“: keine Gurte mehr am Sitz
  • „Two4One“: Kollege sitzt auf dem Schoß 
  • „Fly smart“: keine Piloten mehr, man wird von einer App geflogen
  • „Joy ride“: Außenplatz wie bei der Indischen Eisenbahn
  • Habt ihr noch andere Ideen? Dann bitte einfach unten kommentieren!!!

Frühere Beiträge zum Thema Angebot, Nachfrage und Konsum:

34) Kids Drive in

Ab und zu ist es noch nötig, dass wir die Kids mit dem Auto in die Schule bringen. Das Schulgebäude liegt in einem Wohngebiet, direkt an einer Einbahnstraße. Wenn man aber nicht erst kurz vor Schulbeginn kommt, hat man eigentlich ganz gute Chancen, einen legalen Parkplatz zu ergattern. Manchmal ist dazu auch eine weitere Ehrenrunde nötig oder man findet halt eine Lücke um die Ecke. Dann läuft man halt mal 100 Meter. Alles klein Problem. Wenn die Zeit knapp ist, halte ich auch mal in der zweiten Reihe und lasse die Kids von dort aus dem Auto aussteigen. Bestimmt nicht ganz STVO-konform, aber wenn man ehrlich ist, ist es die schnellste und auch ökologischste Form. Der Vorgang dauert max 30 Sekunden und wirklich stören oder behindern tut man dort niemanden. Andere machen es sich aber noch einfacher. Sie halten direkt vor der Schuleinfahrt. „Was für ein Zufall, hier ist ja noch Platz“. Also schalten sie den Warnblinker ein, verabschieden in aller Ruhe die Gören und quatschen dann noch mit Bekannten aus der Nordic-Walking-Gruppe. Man hat ja Zeit. Deutlich weiter oben auf der Egoismus-Skala rangieren aber Eltern, die glauben, die Schulzufahrt gehört allein ihnen. Kurz vor 08:00 Uhr erreichen sie die Schule, kreuzen den Fußweg und fahren die Zufahrt hoch. Dann verlassen sie das Auto und bringen ihre Brut in das Schulgebäude. So selbstverständlich, als hätten sie dort ihren angemieteten Stellplatz. Als würde dort ein Schild, mit ihrem KFZ-Kennzeichen drauf, stehen. Am Nachmittag sieht man eine ähnliche Situation auf dem nahegelegenen Sportgelände. Dort führt eine kleine Sackgasse bis hinter zum Fußballplatz. Am Ende der schmalen Gasse befindet sich eine ausgewiesene Zufahrt und Rangierfläche für Feuerwehr und Rettungskräfte. Und natürlich der zweite Stellplatz für den Boliden von „Spieler-Mama“ (…oder auch „Spieler-Papa“). „Was soll man machen, war ja sonst kein Platz mehr zu kriegen“. Sollte es dort jemals ein Feuer geben oder ein Krankenwagen kommen müssen, wäre es besser, die kämen per Lösch-Flugzeug oder Helikopter, denn da ist jetzt für 90 Minuten kein Durchkommen mehr. Erst nach dem Training der Jungs lichtet sich das wieder. Also ehrlich Leute, nun seid doch mal nicht so faul und lauft halt mal ein paar Meter! Das wird den Kids auch gut tun. Oder wollt Ihr eure künftigen Weltmeister noch bis an die Mittellinie fahren, um sie dort an den Trainer zu übergeben?

 

Frühere Beiträge zum Thema Stadtleben:

31) SUV im Prenzlauer Berg

Es ist schon erstaunlich, wie viele SUVs man so bei uns im Viertel sehen kann. Für die überzeugten Fußgänger und Radfahrer unter den Lesern sei erklärt, dass ein SUV so ein riesiges Auto in Glanzlack ist, dessen Kühlergrill sich auf Höhe des eigenen Brustkorbs befindet. Oder auf Höhe eines Kinder-Kopfes. Je nach dem. Für die Karosserie verbraucht man anscheinend schon so viel Material, dass für das Typen-Schild nur wenig übrig bleibt. Deshalb tragen sie meistens sehr kurze Namen, oft nur einen Buchstaben gefolgt von einer Zahl. Ein Vertreter dieser Gattung zum Beispiel, ist mit einer 3.0 TDI-Maschine schon ab 60.000 EUR zu haben. Geht doch, oder? In Zeiten von chronischem Parkplatzmangel und Abgas-Diskussion frage ich mich, ob es den Zweitwagen für die Gattin nicht auch eine Nummer kleiner gab. Aber vielleicht ist die vermehrte Ansammlung solcher Off-Roader auch die logische Konsequenz daraus, dass manche Einwohner aus den Wäldern Süddeutschlands stammen und im Volkspark Friedrichshain mittlerweile schon am Tage die Füchse zu sehen sind. Da kommt der Forst-und Jagd-Instinkt schnell wieder hoch. Außerdem stört das Kopfsteinpflaster aus den 20-er Jahren beim Fahren und der Straßen-Verkehr in der Tempo-30-Zone lässt sich mit normalem PKW kaum noch überblicken. Da braucht man schon etwas „Größeres“ mit etwas mehr Überblick und Geländetauglichkeit. Diese Metallic-Panzer sehe ich dann oft vor dem „Bio-Markt“ stehen, vor dem „Coaching-Laden“, genauso wie vor dem „Koscher-Vegan-Öko-Fair-und-was-sonst-noch-Bäcker“. Oder auch gern in der Zufahrt zu Schule und Kita … aber das ist ein eigenen Beitrag wert.

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