146) Corona-Lektionen 51

Gerade erst die 50. Ausgabe der Corona-Lektionen veröffentlicht, war ich ich etwas unschlüssig, ob und wie ich das infektiöse Thema weiter behandeln will. Eigentlich habe ich genug davon, aber anscheinend wird uns dieses miese Virus ja nun noch eine Weile beschäftigen. Also mache ich erst einmal weiter.

Heute geht es mir mal um Kommunikation:

Maske:
Zunächst heiß begehrt und nicht zu kriegen, trägt dieses kleine Stück Stoff nun zu soviel Unfrieden bei. Aber warum eigentlich? Im Frühjahr hatte man relativ bald erkannt und auch kommuniziert, dass Masken nicht für den Selbstschutz taugen, wohl aber für den Fremdschutz. Und diese Erkenntnis und ehrliche Kundgabe dessen, war bereits die erste Sabotage dieser Maßnahme. Zumindest in unseren egoistischen Breiten. Was wäre eigentlich geschehen, wenn man glaubhaft kommuniziert hätte, die Maske diene vornehmlich dem Selbstschutz? Ich werfe mal die steile These ins Netz, dass es deutlich weniger Maskenmuffel gäbe, da Selbstschutz unserem Naturell viel näher ist, als der Schutz der anderen. 

Regeln:
Der Staat, die Landesregierung oder die Gemeinde. All sie erlassen Regeln (…meistens Verbote…) und machen dabei nicht immer die beste Figur. Schon klar. Aber vieles fokussiert dann nur noch auf diese Regeln und es entlädt sich viel Frust gegenüber dem Überbringer der schlechten Nachrichten. Die Menschen beschäftigen sich eher damit, wo noch etwas „erlaubt ist“ und was „noch so geht“. Manche sehen in jeder Regel ihre ganze Freiheit bedroht. Andere wiederum folgen den Regeln bis auf jeden Buchstaben und auch dort setzt der Verstand zeitweise aus. Denn wenn etwas aktuell nicht verboten ist, heißt es doch nicht automatisch, dass Vernunft und Selbstverantwortung abgemeldet sind, oder?
Muss man zum Junggesellenabschied nach Malle fliegen, nur weil es eben noch erlaubt ist? Muss man um 22:50 Uhr drei Saalrunden ordern, nur weil es bis 23:00 Uhr noch möglich ist? 
Auch hier scheint der eigene kurzzeitige Vorteil viel erstrebenswerter, als das Wohl Anderer.

Wortwahl:
Interessant ist auch, welche Begriffe sich so langsam im Alltag einschleichen und wie sie instrumentalisiert werden.

Nehmen wir den „Corona-Gegner“. Dieser Mensch trägt das Attribut, „gegen“ Corona zu sein, im Namen, protestiert aber gegen die Corona-Maßnahmen. Während ich, der die Maßnahmen mitträgt, nun dafür in die Schublade der „Corona-Befürworter“ gehöre. What? Ich „befürworte“ Corona? Das wäre ja ganz was neues.

In den Nachrichten sprach man gestern von „Corona-Beschränkungen“. Das klingt nach “Beschränkung“ des Virus, also irgendwie gut. Es meint aber die Beschränkungen im Alltag, die das Ziel haben, die Infektionen zu beschränken. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ich glaube, keiner würde gegen die „Beschränkung von Corona“ demonstrieren. Und auf einer „Corona-Demo“? Da demonstriert doch auch nicht Corona. Oder vielleicht erst recht da??

Nun mal sehen, was heute Mittag final beschlossen wird. Die ersten Veröffentlichungen klingen schon recht knackig. Behaltet die Nerven und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

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143) Corona-Lektionen 48

Vor dem Rathaus Berlin Schöneberg rief John F. Kennedy einst „Ich bin ein Berliner!“ und wurde von den Menschen bejubelt und gefeiert. Ab heute sagt man das besser nicht, denn dann kommen die anderen Länderchefs im Antlitz des berühmten Türstehers Hakan, zeigen mit dem Finger zwischen unsere Augen und sagen „Du kommst hier net rein“. Noch nicht einmal abgefahren, fühlt man sich schon als Flüchtling (… böse, sorry).

Waren vor ein paar Tagen nur einzelne Berliner Stadtbezirke mit roter Ampel geschmückt und damit von der Beherbung in anderen Destinationen ausgeschlossen, ist die Ampel nun für ganz Berlin rot. Na wunderbar.

Wer nächste Woche eigentlich noch einmal andere Tapeten in Deutschland sehen wollte, braucht nicht einmal anfangen, die Koffer zu packen. Die üblichen Fragen wie „Was nehmen wir mit?“ oder „Was ziehen wir an?“ sind heute bereits beantwortet: „Nüscht und Schlunzhose“. Auch die Frage „Wo fahren wir nun eigentlich hin“, die hat sich schon erledigt. Nach Hause. Mal wieder. Im Ideal-Fall geht‘s für ein, zwei Tagestrips ins Umland. Vielleicht aber besser mit einem Mietwagen. Wegen dem Kfz-Kennzeichen. Aber aufpassen, dass man auch nicht M- oder F- erwischt. Ganz praktisch dieser Tage wäre eher NVP oder OVP … aber da gibt‘s keine Mietwagen … aber ich schweife ab.

Bleibt mehr Zeit für Literatur also: H. hat neulich das Buch „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger empfohlen. Ich höre es derzeit als Hörbuch und gerade in diesen pandemischen Tagen, mit Blick auf die Adventszeit, kann ich es nur empfehlen. Eigentlich  schon in 2015 veröffentlicht, aber erst im März 2020 (…hört hört) ins Deutsche übersetzt, ist es aktueller denn je. Und macht Hoffnung.

Worum es geht? Sag‘ ich nich‘.

Selber lesen oder hören 😉

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127) Corona-Lektionen 36

In welcher Woche sind wir gerade? Schwer zu sagen. Habe die Orientierung verloren. Ich nehme einen Kalender und zähle mit dem Finger die Homeoffice-Wochen durch.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehen wir morgen … in die 20. Woche. Jawohl. In einer Woche soll in Berlin sogar die Schule wieder losgehen. Mit voller Last. Mir wird ganz schwindelig.

Denn das, was in den letzten Tagen hier abgeht, erfüllt mich mit großer Sorge:

  • Ja, ich bin auch kein begeisterter Masken-Träger.
  • Ja, ich könnte auch mal wieder ein Konzert besuchen.
  • Ja, ich würde auch mal gern wieder mit Freunden feiern.
  • Ja, ich wäre auch gern wie geplant in den Urlaub geflogen.
  • Ja, ich mache mir auch so meine Sorgen über unsere Freiheit.
  • Ja, ich bin auch verunsichert, wie das alles mal weiter gehen soll.

Aber, Nein, Nein, Nein, dass was ich so lese und höre, soll erst recht nicht sein:

  • 3.000 Leute feiern (nicht die erste) illegale Party in der Berliner Hasenheide.
  • 20.000 Menschen zogen gestern durch die Innenstadt und erklärten Corona für beendet.
  • Maske, Abstand = Fehlanzeige. Weil eh alles fake ist und der Staat sowieso doof und das Ganze von irgendwem initiiert ist. So einfach sind die Gründe dargelegt. Ruck Zuck erklärt. Der Gegner ausgemacht. Lautstärke. Gebrüll. Wut.

Mag man von der Regierung doch halten was man will. Aber vor 5 Wochen sah das doch alles ganz gut aus. Die Infektionszahlen gingen zurück, Einschränkungen wurden gelockert oder gar aufgehoben. Was sich jetzt da auf den Plätzen sammelt … tut mir Leid … ich kann es nur verallgemeinern … , scheint mir ein verwöhnter, asozialer, durchgeknallter Mix von gefrusteten Menschen und Krawall-Touristen zu sein. Wer dabei war und sich nun missverstanden oder in der falschen Schublade fühlt, sollte sich eine andere Demo suchen. Sorry.

Denn, ich habe mehrmals pro Woche mit Kollegen aus anderen Ländern (z.B. Indien, Brasilien, Israel, Spanien usw) zu tun und ich kann aus erster Hand wiedergeben, dass das, was wir hier in den letzten Wochen „erleiden“ mussten, der reine Kindergarten war, im Vergleich zu dem was dort abging. In manchen Ländern geht es noch so weiter, in manchen fängt man erst an oder hat noch nicht einmal kapiert, was eigentlich an der Tagesordnung ist.

Zusätzlich schmeißt unsere Regierung mit Geld um sich, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern. Dass das nicht jeden erreicht und nicht immer genug ist, mag sich ungerecht anfühlen, ohne Frage. Aber immerhin fließen solche Gelder hier und wir haben (…oder hatten?) genug Krankenhausbetten frei.

Mal sehen wie lange noch.

Darüber sollten wir mal nachdenken.

Schönen Sonntag!

T.

Nachtrag Montag 03.08.2020 08:00 Uhr:
In den sozialen Medien kursieren unzählige Diskussionen, ob‘s nun 17.000 bzw. 20.000 Teilnehmer, oder gar 800.000 oder 1,3 oder 1,8 Millionen waren. Man drischt wieder auf die Presse ein und so weiter.

Eine Millionen Menschen können wir getrost vergessen. Ich habe selber mehrere Love Parades in Folge an der Strecke Dienst geschoben. Glaubt mir, ich weiß wie es sich anfühlt, sich in einer Menschenmasse von 1 Millionen Menschen zu bewegen.

Und wir können uns noch mal über die Mathematik nähern. Die Party-Meile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist ca. 2.000 Meter lang. Und nur die Hälfte war m.W. davon freigegeben.
Die Straße des 17. Juni hat 6 Fahr-Spuren + 1 Mittelstreifen + 2 Park-Spuren + 2 Fußwege. Macht ca. 40 Meter Breite. Abzüglich Grünzeug, Bäume, Hindernisse … sagen wir 35 Meter. Multipliziert mit 1000 Meter Länge …  macht das eine Fläche von ca. 35.000 Quadrat-Meter. Und wie sollen da jetzt 1 Millionen Menschen reinpassen?

Und selbst wenn es mehr als 17.000 waren oder 20.000, macht’s das besser? 

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126) Corona-Lektionen 35

Jedes Kleinkind hat‘s mittlerweile kapiert und kann es textsicher aufsagen: Maske auf und 1,5 m Abstand. Ich bin ja bekanntermaßen kein Virologe, aber ich bin überzeugt, dass wir mit diesen beiden einfachen Maßnahmen eine Weile überbrücken könnten, bis endlich der Impfstoff da ist. Könnten wohlgemerkt.

Ein Teil der Mitmenschen ist dazu aber schlichtweg zu blöd. Und mit Habgier, Faulheit und Egoismus infiziert. Tut mir Leid, dass so sagen zu müssen, aber anders kann ich es mir nicht erklären.

Drei ausgewählte Situationen aus den letzten Tagen:

Ich stehe an der Ausgabe eines Imbisses und bezahle meine „Bocki“. Vor meiner Nase trennt mich eine halbe Glasscheibe von der Bedienung in der Hütte. Unter der Glasscheibe wurden noch ca. 40 cm Luft gelassen, um eben Speisen und Geld zu tauschen. Ich verstaue mein Geld und will mir meine Bocki auf‘m Pappteller greifen. Da kommt ein Typ von der Seite, sagt „Tschuljung“, steckt seinen Specknacken unter der Glasscheibe in den Imbiss und fragt „Kann ick noch mal zweimal Besteck haben“.

Warum du Blödmann ist da wohl ein Glasscheibe und warum aerosolst du das Wort Besteck so feucht auf meine Bocki?

Ich warte noch einmal in der Schlange vor dem Eisladen gleich neben dem Imbiss, lasse vor mir die circa 1,5 m Abstand zum Vordermann. Oder mehr, ist aber auch egal. Die Geschwindigkeit des Vorankommens wird schließlich durch den Ferien-Jobber an der Eis-Vitrine bestimmt, nicht durch die kompakte Aufstellung der Menschenschlange. Es geht weiter, aber ich träume etwas vor mich hin und schließe nicht sofort auf. Vor mir entsteht ein Abstand von 2 Metern. Dieser wird kurzerhand zur Transfer-Fläche erklärt. Ein Familien-Vater kreuzt die Schlange und trägt ein Tablet voller Speisen direkt vor mir auf Brusthöhe durch die Lücke.

Warum du fauler Sack, kannst du nicht einfach diesen aufgemalten Weg gehen? Stattdessen trägst du das Fritten-Zeug direkt vor meinem Corona-Auspuff vorbei. Soll ich mal kräftig in deine Armbeuge niesen?

Ich beobachte das Boarding eines Dampfers. Man ruft zum Einstieg für die Zwei-Stundenfahrt auf. Was bis eben noch wie eine halbwegs gestrechte Corona-Schlange aussah, entwickelt sich in kürzester Zeit zu einem gestauchten Touristen-Engerling. Der Durchschnitts-Teutone kann es auf den Tod nicht leiden, wenn vor dem Vordermann eine Lücke entsteht und wenn‘s „da vorn“ nicht weiter geht. Dann hält er panisch die Tickets in die Luft und rückt Anderen so dicht auf die Pelle, dass er bei der Gelegenheit gleich noch einen Abstrich von dessen Rachenraum machen könnte.

Warum ihr gierigen, von Neid und Torschluss-Panik durchtränkten Landsleute, könnt ihr nicht einfach mal die Füße stillhalten?

 

Also Leute, Corona ist gar nicht so hinterhältig, so unberechenbar oder so komplex. Corona ist einfach nur schlau und hat verstanden, wie es Zugang in die Körper der Deutschen bekommt.

Nicht Mund und Nase sind das Einfallstor, sondern Habgier, Faulheit und Egoismus.

Schönen Sonntag noch!

T.

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79) Corona-Lektionen 1

Corona ist nun in Deutschland angekommen und wir werden in den nächsten Wochen deutlich spüren, was das so für unseren Alltag heißt.

Das Zusammenleben wird heruntergefahren, wir bleiben in unseren Hütten und gehen nur fürs Nötigste unter Menschen. Na großartig.

Aber ich will mit dem Beitrag gar nicht so sehr auf den persönlichen Einschränkungen herumreiten, sondern über ein paar Punkte nachdenken, bei denen die Pandemie hoffentlich zum Umdenken anregt.

  1. CO2-Emissionen: Wir erleben gerade, wie schnell für sauberere Luft gesorgt werden kann. Vor wenigen Tagen noch demonstrierten Schüler freitags für die Zukunft. Flugzeuge bleiben nun vermehrt am Boden, Mitarbeiter fahren seltener in die Firma. Stinkende Diesel-Schiffe bleiben in fernen Häfen stecken. Auf einmal geht‘s doch oder? Aber vielleicht lesen wir zunächst Punkt 2.
  2. Klimaschutz: Punkt 1 zeigt aber auch, dass solch eine drastische Reduktion des Verkehrs „von Heute auf Morgen“ allerorts zu Problemen führt. Die Gesellschaft und Infrastruktur ist noch nicht so weit, sie muss dahin entwickelt werden. Fliegen weniger Flugzeuge und fahren weniger Schiffe, gibt‘s schnell Engpässe, die reiseabhängige Wirtschaft geht in die Knie. Und zwar schon nach wenigen Tagen.
  3. Importe: Wenn Fernseher und Smart Phones in China hergestellt werden, soll das so sein. Von mir aus. ABER: Wenn überlebenswichtige Medikamente, Mundschutze und sogar Flüssigseifen aus China oder Indien importiert werden, dann hört der Spaß auf. Man wird nach Corona nachdenken müssen, bestimmte Fertigungsbereiche zurückzuholen oder die Produktion weiter zu dezentralisieren.
  4. Virtuelles Arbeiten: Was mussten sich Arbeitnehmer „früher“ einfallen lassen, um den Chef wenigstens einen Tag Home-Office pro Woche aus den Rippen zu leiern. “Was der faule Mitarbeiter da wohl alles so nebenbei macht“, „Bloß kein Exempel statuieren, dann kommen sonst noch andere“ mag sich der Chef da gedacht haben. Seit Tagen werden Mitarbeiter nun förmlich nach Hause gedrängt. Hier habe ich große Hoffnung, dass das „Virtuelle Arbeiten“  entspannter gesehen wird, wenn der Spuk mal vorbei ist.
  5. Kinder: Die Kids stehen in manchen Bundesländern schon vor verschlossenen Schultoren, Berlin zieht nächste Woche nach. Das führt ihnen mal wunderbar vor Augen, wie sich Kids in der Dritten Welt fühlen. Von dem kleinen Unterschied mal abgesehen, dass sich unsere Kids untereinander vernetzen können und vieles online lernen können. Oder zwei Wochen abhängen und daddeln. Kids, denkt drüber nach!
  6. Hass: Beklagte man vor Tagen noch die teils verrohte Fan-Kultur und drohte mit leeren Rängen, können diese Idioten das nun mehrere Wochen üben. Zunächst Geister-Spiele, jetzt Pause in der Bundesliga. Schaut euch das an, ihr krakeelenden Schreihälse und Haters. Genießt es!
  7. Digitalisierung: Daten scheinen sonst überall verfügbar, wir können die Schritte zählen, Schlaf vermessen, Kalorien zählen und miteinander teilen. Phantastisch. Aber keine App der Welt, kann uns momentan sagen, ob wir den Virus unbemerkt in uns tragen. Vernünftige Digitalisierung muss nicht der böse Job-fressende Roboter sein, sondern zum Beispiel eine „Spuck-Fläche“ auf meinem Handy mit integriertem Viren-Scanner. Warum nicht?
  8. Richtig/Falsch: Was gestern noch richtig war, ist heute falsch. War es sonst “Bahn fahren“, ist es nun „Am besten allein Auto“, war es früher „Vorn beim Fahrer einsteigen“ ist es nun „Türen zu, bitte nur hinten einsteigen“. „Nähe“ wird zu „Abstand“. Gelernte Werte und auch willkürlich festgelegte Regeln verschieben sich. Andere machen auf einmal keinen Sinn mehr.
  9. Miteinander: Und das ist ein Punkt, der mir wirklich am meisten Sorgen macht. Ist doch mein Blog eigentlich auf diesem Fundament entstanden. Wenn sich sehe, wie „freundlich und selbstlos“ die Menschen auf einmal zurücktreten und mich die S-Bahn-Taste drücken lassen. Und wenn dieselben Typen mir am Spaghetti-Ragel die Ellbogen in die Rippen rammen (bildlich gesprochen) frage ich mich, was hier eigentlich los wäre, wenn wir mal einen richtigen Killer-Virus ins Land kriegen.

Der Beitrag trägt den Zusatz 1, könnte mir gut vorstellen, dass es noch einen zweiten Teil gibt. Passt auf euch auf und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

—> Corona-Lektionen 2

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77) Mangel und Bammel

Ich war heute früh einkaufen. Die Regale waren wieder gut gefüllt, aber Es waren kaum Menschen in den Gängen unterwegs. Kein Wunder, die heimischen Keller und Vorratsräume der Deutschen sind so prall gefüllt, da kann man Corona und einen atomaren Winter überstehen.

Trotzdem, Einkaufen fühlt sich dieser Tage anders an. Setzt jemand zum Niesen an oder hüstelt auf die Frische-Theke denkt man sich so seinen Teil.

Und es lassen sich kontrastreiche Eindrucke sammeln. Bier mit „Extra“ Corona will keiner kaufen, Desinfektionsmittel für die Handtasche ist ratzeputze leer gekauft.

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Ich will hier nicht zu weiterer Panik anzustacheln. Aber vielleicht finden wir etwas Ablenkung bei der Suche nach ein paar kreativen Bild-Unterschriften?

  • „Von Mangel und Bammel“
  • “Gefragt und ungefragt“
  • “Haben oder nicht haben“
  • “Vom Suchen und Bekommen“

Grüße aus der Hauptstadt

 

 

75) Hamsterkäufe

Fussel, der kleine Feld-Hamster, erwachte am späten Berliner Donnerstagabend aus dem Winter-Schlaf. Den ganzen Freitag blieb er noch in seinem Bau, orientierte sich und ordnete seine Dinge. Nebenbei hörte er Hamster-Radio und er surfte mal kurz im Hamster-Netz. Dort sprach man von Hamsterkäufen. „Wieso soll ich mir einen Hamster kaufen“, grummelte er. Am Samstag bekam er Appetit, die Vorräte in seiner Speisekammer sahen aber gar nicht mehr so lecker aus. Er hatte eher Lust auf etwas Frisches, also steckte er seinen Kopf aus dem Bau und machte sich auf den Weg in den nächsten Hamster-Markt. Und da traute er seinen Augen nicht.

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So ungefähr erging es mir, als ich heute nach ein paar Tagen im Ausland den Wochenendeinkauf anging.

Wo bin ich? In einer HO-Kaufhalle im Ost-Berlin der Achtziger Jahre? Oder in Kuba, Venezuela? Was zum Henker ist hier nur los? Bin ich vielleicht zu spät dran? Ist morgen Weihnachten? Oder Ostern?

Nein, es ist Samstag, der 29. Februar 2020. Die Uhr zeigt 09:30 Uhr.

Was treibt die Menschen an, die Regale leer zu kaufen?

  • Treibt sie der menschliche Überlebensdrang? Steht es wirklich schon so schlimm um uns? Wird Corona uns alle dahin raffen?
  • Ist es Egoismus oder Futter-Neid? Besser selber 30 Gläser Bohnen zu haben, als sie irgendjemand anderem zu überlassen?
  • Oder steckt Spekulation dahinter? Kauft irgendwer das ganze Zeug und will sich auf dem Schwarzmarkt eine goldene Nase verdienen?

Leute, jetzt reißt euch mal zusammen! Ja, es ist gut, das Geschehen zu verfolgen. Und ja, ein kleiner Vorrat hat noch nie geschadet. Das weiß jeder Hobby-Koch. Das ist das normalste von der Welt.

Aber hört auf mit dieser Panik-Mache!

<— Mehr aus unserer verrückten Welt

 

53) Warteschlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer sind Alleinunterhalter, die mit Tricks und Musik versuchen, die Schlange nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Beim letzten Indienbesuch habe ich zwar keine mehr angetroffen, dafür komme ich mir hier in Deutschland bald selber vor wie solch ein Alleinunterhalter, der mit Schlangen kämpft.

Die Situation in 10 Schritten:

  1. Mit großen Schritten laufe ich auf eine Service-Situation (z.B. Ticket-Schalter, Check in oder Security…) zu
  2. Aus der Ferne sehe ich schon einige Menschen dort in der Schlange stehen. Sie warten alle vorwärts mit Blick auf den Counter, sie brauchen es so. Das Ziel immer vor den Augen
  3. Vor mir erreichen aber noch andere Menschen ihr Ziel und stellen sich hinten an, alle mit Blick nach vorn. Wie sonst
  4. Sehr bald droht das Ende der Schlange, andere Verkehrswege zu stören. Da wollen Reisende zu anderen Gates, Rollstuhlfahrer müssen durchkommen, Service-Kräfte sollen ihren Job machen
  5. Komme ich zu diesem Zeitpunkt bei der Warteschlange an, will ich mich nicht mehr hinten anstellen, da ich damit den kompletten Flur-Verkehr stören würde
  6. Also stelle ich mich zwar ans Ende der Schlange, ABER in einem 90 Grad Winkel, an. Ich versuche also die Schlange „abzuknicken“, zu beschwören
  7. Und schon kommt der nächste Service-Gast, nennen wir ihn einfach mal Heinz. Er stellt sich an die bisherige Schlange an und mustert mich, warum ich denn da so „abgeknickt“ stehe
  8. Ich bin überzeugt von meinem edlen Anliegen und verharre in meiner Position. Es ist richtig. Vorausschauend. Nachhaltig
  9. Es kommen weitere Gäste und stellen sich hinter Heinz an. Denn aus ihrer Sicht, bildet Heinz das Ende der Schlange. Nicht ich. Ich stehe da ja nur so „abgeknickt“ herum
  10. Trotzdem bleibe ich dort wo ich bin, denn ich war ich ja nun wirklich vor Heinz dort. Hinter Heinz entsteht zunehmend das totale Chaos. Keiner kommt mehr durch. War zu erwarten

Und was passiert dann?

Irgendwann bewegt sich etwas, es geht weiter. Die Menschen tippeln stur wie die Lemminge auf den Counter zu. Und all die Menschen, die hinter Heinz stehen, verachten mich mit bösen Blicken, die förmlich sagen … „Können Sie sich nicht hinten anstellen?“

 

Oh man, ihr habt alle einen Schaden. Muss man euch erst immer in Gatter und Metall-Stangen zwängen!?

PS: Aktuell läuft ein Plakat-Kampagne „30 Jahre – Typisch Deutsch“ … das gehört auch dazu

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45) Eine gute Tat am Tag

Aktuell ist es in Berlin halbwegs erträglich. In den Ferien sind weniger Einwohner in der Stadt unterwegs, aber in ein paar Tagen ändert sich das wieder. Dann wird wieder gedrängelt, geschubst und genölt. Die Menschen werden wieder ruppiger, lauter und man tut alles dafür, Hauptsache seinen Arsch vorwärts zu bringen. Wen dieses „Gegeneinander“ auch so stört (…. und ich hoffe, da gibt es noch jemanden), der kann gern mal etwas ausprobieren.

Ein gute Tat am Tag. 

Och nö! Was soll‘n das jetzt hier du Weltverbesserer. Das kannst du gerne machen. Aber das wird nie etwas. Die Welt tickt nun mal anders du Träumer. Da kannst du dir gern einen abrackern. Es macht einfach keinen Sinn, einen Schritt zurückzutreten, wenn alle anderen weiterhin nur ihren Kopf durchsetzen wollen. Du gibst was, aber dir gibt nie jemand etwas zurück. Lass es doch einfach sein!

Mhm, nein. Es gibt da durchaus noch Hoffnung:

Situation 1) Letzten Freitag im Super-Markt, die Schlangen an der Kasse sind lang. Vor uns eine Frau mit vollem Wagen, wir haben unseren Wagen auch ordentlich beladen. Das Pärchen hinter uns hält drei Packen Bratwürste in der Hand. Wie romantisch. Ich schaue ihnen in die Hände, dann in die Augen und frage so etwas wie „Sagt mal, habt ihr nur die drei Würstchen da?“ Beide nicken artig. „Na dann kommt mal beide vor“, sage ich. Die Dame vor uns kommt entweder A) in Zugzwang oder B) hat auch noch eine gute Tat offen. Sie bietet das Gleiche an und schwupp die wupp, ist das Pärchen samt Würstchen durch die Kasse. Und? Ist das nun schlimm? Nein! Die beiden bedanken sich noch mal, winken und ziehen von Dannen. Habt einen schönen Abend!

Situation 2) Am Montag in der S-Bahn in Richtung Süd-Ost. Ich stehe an der Tür und höre Musik. Auf einmal höre ich eine Ansage durch meine Kopfhörer hindurch. Zunächst vermute ich das übliche Gelaber wegen Baustelle, Verzögerung oder Schienenersatz-Verkehr. Aber es kommt anders. Der Text wird länger als sonst und ich ziehe die Stöpsel aus den Ohren. Ich höre nur noch den Rest der Ansage. In etwa so: „… tja, nun werden sie sich fragen, was ich jetzt hier über die Lautsprecher von ihnen will … ich wollte mich einfach mal nur bedanken, dass sie heute so zügig ein-und ausgestiegen sind. Deshalb werden wir die Endhaltestelle auch pünktlich erreichen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag … ihr heutiger Lok-Führer“.

Manche Fahrgäste schüttelten den Kopf, andere wiederum schmunzelten in sich hinein. Die hatten es kapiert.

Wir erreichen so langsam die Endhaltestelle und mir kommt die Idee zu diesem Beitrag. Aber, um den wirklich rund zu machen, würde ich am liebsten nach vorn zum Lockführer gehen und … ihm irgendwie … etwas … sagen. Eine Endhaltestelle bietet sich für so etwas bestens an. Also los. Wenn nicht jetzt, dann niemals.

Ich laufe nach vorn zum ersten Wagen und klopfe ans Fenster des Lok-Führers.

„Tach’chen, sagen sie mal, ´ne Frage … haben sie uns gerade gefahren?
Stolz setzt ein kleiner Mann seine rote Dienst-Mütze auf und sagt grinsend … „Jawohl, das habe ich“. 

„Danke dafür, ich wollte Ihnen auch einen schönen Tag wünschen“, sage ich, setze die Kopfhörer wieder auf und laufe gut gelaunt zu meinem Ziel.

Geht doch! 

39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

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