308) Digitales Lernen 4 – Konzepte

Nach dem ich den Beitrag >Digitales Lernen – Teil 3 zu Beginn des Jahres veröffentlicht hatte, begab ich mich auf Netz-Recherche. Ich wollte wissen, welche Maßnahmen dazu so in der „pipeline“ sind, zumindest mal hier in Berlin. Zeitgleich gab’s genügend nicht-Corona-bedingte Anlässe, mal wieder über digitales Lernen nachzudenken: 

Zum Beispiel die Freistellung der Schüler wegen Sturm, Gebäudesperrung wegen abstürzender Dachziegel, Schulräumung wegen Bombenfund, Unterrichtsausfall wegen Weiterbildung der Lehrer oder der Prüfungen der Abschlussklassen.

Irgendwann traf ich also auf diese Seite https://www.berlin.de/sen/bjf/service/presse/pressearchiv-2021/pressemitteilung.1114887.php und habe mir dann auch die 50 Seiten Digitalisierungskonzept des Berliner Senats reingezogen. Beruflich bedingt bin ich gewohnt, so etwas zu lesen. Der Bildungsbereich hat zwar so seine eigenen Begriffe, aber ich konnte eigentlich gut folgen.

Eröffnung:
Beim Vorwort der ehemaligen Senatorin war ich noch gut gelaunt, dann wurde es aber schnell sehr hölzern. Da wurden gekünstelte Formulierung gebracht, die sich dann im weiteren Verlauf permanent wiederholten. Da schrieb man zum Beispiel über das „Lehren und Lernen mit und über Medien“. Diese Worthülse kommt auf den 48 Seiten satte 21 mal vor. Die Formulierung „Schülerinnnen und Schüler“ immerhin 66 mal, „Erziehungsberechtigte sowie außerschulisches Personal“ fast genauso oft.

Hier mal nur ein Beispiel: „Das pädagogische Personal nutzt dienstliche Lösungen (z. B. E-Mail) für die ortsungebundene, schnelle und sichere Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Schulaufsichtsbehörde, den Schulbehörden (Schulträger), dem Kollegium, den Erziehungsberechtigten, den Schülerinnen und Schülern sowie mit außerschulischen Kooperationspartnern (z. B. Ausbildungsbetrieben bei Lernortkooperationen).“

Also auf deutsch: Endlich E-Mail für alle Lehrer!

Und dann ging es eigentlich so weiter: „Lehren und Lernen mit und über Medien integriert digitale Lösungen zur digital gestützten Gestaltung von lernprozessbegleitender Diagnose und Förderung sowie von kompetenz- orientierter Standardsicherung“.

Wieder auf deutsch: Keine Ahnung. Aber ich nehme es!

Und dann später: „Als virtuellen Raum für das Lehren und Lernen mit und über Medien in der zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung sowie in den Qualifizierungsmaßnahmen des Quereinstiegs nutzen die beteiligten Akteure orts-, zeit- und geräteunabhängig eine landesweite Lehr-/Lernumgebung.“

Nun mal auf Denglish: 24/7 from everywhere on any devices!

Konkretisierung:
Im weiteren Verlauf des Dokuments werden strategische Ziele in Steckbriefe und Prozesslandkarten, Arbeitspakete und Zuständigkeiten heruntergebrochen. Das ist alles sehr detailliert und es sind sogar Datumsangaben hinterlegt. Ab Seite 26 wird aber zunehmend das Datum „tt.mm.jjjj“ genannt. Hier zum Beispiel: „Bis zum tt.mm.jjjj sind sämtliche Schulstandorte der öffentlichen allgemeinbildenden Schulen mit W-LAN ausgestattet“.

Das Finale:
Auf Seite 43 endet das Dokument dann einfach so. Kein abschließender Satz, kein „Wir schaffen das“, keine „Gemeinsame Kraftanstrengung“ nichts dergleichen. So also wäre der/die Consultant:e auf ein anderes Projekt vermitteln worden. Nicht falsch verstehen, ich will nicht auf dem Dokument herumhacken, das hat inhaltlich sicher Hand und Fuß und da waren Profis beteiligt. Nur liest sich das Papier wie eine Last. Ein nicht enden wollender Aufgabenkatalog.

Teuer, Schwierig. Komplex. Stöhn.
Was ich vermisse ist Motivation und Vision!


Mal aus dem wirklichen Leben:
Laut Informationsblatt zur Abschlussprüfung, soll das Kind bitte den Vortrag als „…PowerPoint o.Ä. (Digitale Präsentationen) im PDF-Format auf einer beschrifteten (Name) CD-Rom oder einem beschrifteten USB-Stick zum dauerhaften Verbleib …“ und so weiter.

Kind fragt: „Papa, was ist eine CD-Rooom“

Das Kind trägt also einen Supi-Dupi-Powerpoint-Vortrag auf einem USB-Stick in die Schule, die schicken Animationen darin versagen aber, weil man vor Ort nur ein „freies“ No-Name-Billo-Office zur Verfügung hat. Aber wir sind ja auch selber Schuld. Im Informationsblatt steht schließlich geschrieben, dass digitale Präsentationen im PDF-Format mitzubringen sind.

Willkommen im Jahr 2022!

 

Die anderen Beiträge der Reihe

271) Digitales Lernen 3 – Ein paar Ideen

Mit >Beitrag 1 der Reihe habe ich die Situation zum Digitalen Lernen an unseren Schulen aufgenommen, in >Beitrag 2 dann überlegt, wo eigentlich das Problem liegt. Wer beide noch nicht gelesen hat, sollte erst einmal mit denen anfangen, sonst wird das hier vielleicht etwas viel.

Heute soll es also mit ein paar Ideen zum Digitalen Lernen weitergehen. Aber erst noch schnell großen Dank an euch für die ausführlichen Kommentare bisher!!

Bevor ich aber starte, vielleicht noch ein paar Sätze vorab:

  1. Es sollen Impulse sein, einzelne Ideen. Es ist kein fertiges Konzept, die Zeit habe ich hier nicht und würde auch das Ziel dieses Blogs sprengen.
  2. Ich schreibe die Ansätze mit Erfahrung aus vielen Jahren Teil-Home-Office und Voll-Home-Office, wissentlich dass vielleicht nicht alles auf den Bildungsbereich und (sehr) junge Menschen übertragbar ist.
  3. Zur Vereinfachung klammere ich die Diskussion um unser föderales Bildungssystem aus, denn das ist nicht zwingend Voraussetzung für Digitales Lernen.
  4. Ich werfe alle Alters-und Schulklassen in einen Topf, unterscheide auch nicht in Charakter, digitaler Affinität  oder mentaler Aufnahmefähigkeit von Kids.
  5. Um dem Ganzen etwas Struktur zu geben, hangele ich mich an den Problemfällen aus Beitrag 2 entlang, tausche aber das Wort „Problem“ mit „Herausforderung“ 😉

Ansätze, Ideen, Impulse

Herausforderungen in der Technik

Hardware/Software und deren Finanzierung
Die Kids brauchen natürlich entsprechende Geräte, keine Frage, und entweder sind die bereits zu Hause vorhanden oder sie müssen Ihnen zur Verfügung gestellt werden. Das kann über eine Leihe sein, was natürlich wieder Administrationsaufwand mit sich bringt oder man kann das vielleicht von staatlicher Weise einfacher angehen, indem man einen Digitalisierungszuschuss zum Kindergeld ab dem 5. Lebensjahr gibt. Ein Laptop i.H.v. 400 EUR und einer Laufzeit von 3 Jahren, kostet den Staat 11 pro Monat und Kind. Dann wäre die Schule aus diesem ganzen Organisationsaufwand raus und man erzeugt nicht noch zusätzlichen Overhead für Bedürftigkeitsprüfung und Abrechnung der Geräte.

Zeitgleich muss man mit Software-Firmen über lizenzfreie, vielleicht auch limitierte, Software sprechen, es gibt bereits komplett freie Office-Versionen im Netz, aber die sind in den oberen Klassen nicht ausreichend. Es muss auch im Interesse der Hersteller sein, sich hier zu beteiligen, denn das sind schließlich alles ihre Kunden von morgen. Auch dabei wäre auch nicht die Schule in der Administrationsrolle für die Updates etc, dies sollte unbedingt vermieden werden, denn die Schule hat schon mit den eigenen Geräten genug zu tun.

Netzausbau und Skalierbarkeit
In der Schule muss auch investiert werden und zwar nicht nur mit ein paar Hotspots auf dem Gang und einem Drucker im Lehrerzimmer. Lehrkräfte müssen in der Lage sein, ihren Unterricht live aus dem Klassenraum in die Kinderzimmer zu streamen. Egal ob 15 Schüler, 30 Schüler oder zeitgleich an mehrere Klassen. Die Schwächen in der Netzanbindung, so glaube ich, liegen gar nicht so sehr in den Wohnungen der Schüler, sondern eher in den Schulen.

Herausforderungen im Doing

Schwarz und Weiß
Als erstes, glaube ich, muss man dieser so polarisierenden „Distanz-ODER Präsensunterricht“-Frage entkommen. Und auch von diesem platten Statement, „Home Schooling kann niemals echten Unterricht ersetzen“. Das soll es ja auch nicht. Die Farbe muss grau, statt schwarz/weiß sein. Beides muss ineinanderfließen, nur wenn beides zeitgleich funktioniert, dann ist man flexibel und kann auch künftige Modelle andenken. Ähnlich wie in der Wirtschaft, denke ich hier ganz besonders an alternierende Modelle. Auf jeden Fall sollten die Kids in die Schule kommen, wenn es erforderlich ist und Sinn macht (z.B. bei Vorträgen, Teamwork, Klassenarbeiten, Kunst, Musik, Sport), dann aber auch selbstverständlich zu Hause bleiben können, wenn es Vorteile bietet (z.B. stille Ausarbeitung von Themen, Lesen von längeren Texten, Bearbeiten von Übungsblättern). Das bringt noch ganz andere Vorteile mit sich: Weniger Verkehr, weniger Lärm in der Klasse, mehr Konzentration, mehr Zeit.

Planung
Ich denke auch, wir werden nicht dahin kommen, dass nun jeder Schüler kommt und geht wie er lustig ist. Das macht keinen Sinn. Aber mit entsprechender Planung des zu vermittelnden Stoffs, dem Wissen um verfügbare Raumkapazitäten und Lehrkräfte, muss sowas eigentlich möglich sein. Man kann mit Zeitkontingenten arbeiten, mit Pflichtanteilen und gewisse Anwesenheiten werden indiskutabel sein. Wie schon in Beitrag 2 geschrieben, darf solche Organisation nicht analog betrieben werden, das würde jede Schul-Administration überfordern. Aber auch dafür gibt es Tools. Dann ist es möglich, dass man sich z.B. am Tag 1 für eine Art „Kick-off“ trifft und die Woche bespricht, alles erledigt was mit Kommunikation zu tun hat, sich dann für Tage 2 und 3 ins Home Schooling verabschiedet, am Tag 4 wieder zusammen kommt, um die Ergebnisse zu besprechen, Tests zu schreiben und vielleicht an Tag 5 mal zusammen auf dem Sportplatz ein paar Runden dreht oder einen Workshop macht. Und Schulklassen haben gegenüber erwachsenen Teams sogar einen vereinfachenden Vorteil. In der Regel tun Schüler die gleichen Dinge, im gleichen Takt, mit den selben Termin dahinter.

Aufgaben
Die Aufträge für die kommende Woche, zusätzlich Hausaufgaben, Projekte und Sonderthemen, nötige Materialkäufe, bis hin zur Mitbringliste für das Sommerfest, werden alle über eine App verteilt, terminiert, automatisch erinnert und auch wieder eingesammelt. Eltern haben selbstverständlich Zugriff und sehen, ob die Kids im Plan sind und können nachsteuern. Es muss Schluß sein, mit diesem e-Mail-Chaos, das ist nicht mehr zeitgemäß! Wenn all das toolbasiert läuft, erübrigen sich Papier-Stundenpläne, Anwesenheitslisten, Krankmeldungen und Entschuldigungszettel.

Hybridunterricht
Man wird vermutlich weiter über halbe Klassenstärken nachdenken, aber das macht nur Sinn, wenn die jeweils andere Hälfte von zu Hause den Unterricht mitverfolgt sonst haben die Lehrer doppelt Aufwand. Das ist sicherlich nicht einfach, die Hälfte der Klasse vor sich zu haben und die andere Hälfte in der Ferne. Das erfordert gute Moderation und Disziplin aber mit entsprechenden Spielregeln und Motivation für die Schüler, lässt sich da sicher etwas machen. Wie? Ja fragt doch auch mal die Kids!

Dezentrales Arbeiten leben
Wichtig ist glaube ich, dass wir jetzt nicht nur digitalisieren für einen möglichen Ernstfall später und bis dahin die Lösung im Schubfach belassen. Nein, diese neuen Arbeitsweisen müssen ständig gelebt werden. In guten und in schlechten Zeiten. Dann bleiben die Prozesse in den Köpfen, dann bleibt die Technik up to date und vor allen Dingen der Content aktuell. Dann sind auch weitere Ideen möglich. Schüler müssen nicht nur von zu Hause arbeiten, Schüler könnten theoretisch an „Orten mit beaufsichtigtem Lernen“ arbeiten, aber dazu braucht es dann eben keine vollwertigen Lehrer. Schüler könnten in „Junior-co-working-spaces“ arbeiten, statt zu Hause vor der Playstation zu hängen, weil der Bruder gerade den Laptop braucht. Das geht aber alles nur, wenn der Content überall verfügbar ist.

Herausforderungen im Content

Initialisierung
Es würde ein Mega Projekt werden, wenn jetzt Lehrer anfangen müssen, sukzessive die Lernwolke mit Content zu füllen und sich doch bitte vorher noch eine gute Struktur überlegen. Vielleicht kann man da die Verlage mit einbeziehen, denn schließlich haben die all den Content bereits digital und schon in einer gewissen Struktur vorliegen. Warum können Verlage nicht verdonnert werden, Seite für Seite digital in der Plattform anzubieten. Dann würden Verlage zwar langfristig nicht mehr so viele Bücher drucken, aber sie kämen in die Rolle eines Content Curators oder Content Managers, also auch hier sind es völlig neue Aufgaben, die auf sie warten.

Print vs Online
Nun wird man schnell sagen, dass man am Computer so schlecht lesen kann. Und da stimme ich auch zu, zumindest wenn es um lange Fließtexte geht. Die können ja gerne in Form von Büchern bleiben, keiner soll Goethes Faust am Rechner lesen müssen. Aber es gibt eben auch genauso viele Dinge, die müssen nicht in Buchform sein müssen z.B. Schaubilder, Abläufe, Diagramme, Tabellen. Sie machen virtuell und animiert sogar mehr Sinn und dazu auch noch Spaß! Ältere Schüler könnten sogar vielleicht wählen, ob sie Pflichtliteratur lieber als Buch oder über den e-Reader lesen wollen.

Dokumentenaustausch
Arbeitsblätter und Rechenaufgaben sollten direkt in der Lernplattform ausgefüllt werden. Dann entfallen all die Uploads und Medienbrüche, die wir heute so beklagen und Lehrer haben sogar noch einen Vorteil, weil gewisse Ergebnisse automatisch gesichtet werden können. Nicht alles lässt sich in multiple choice abfragen, logisch. Aber mit entsprechenden Algorithmen könnte man schon etwas vorsortieren oder dem Lehrer bestimmte Markierungen geben, wo er mal genauer hinschauen sollte. Keine Panik es wird sicher weiter handschriftliche Aufgaben geben, aber es gibt auch Aufgaben die sind so klar strukturiert, da hilft dem Lehrer die Sauklaue der Schüler auch nicht gerade z.B.  Bruchrechnung, Addition, Subtraktion etc. Hier könnte Technik dem Lehrer sogar stupides Korrigieren abnehmen.

Herausforderungen im System

Rollen
Das ist sicher eine größere Baustelle. Es bedarf nicht nur Technik und Organisation, sondern neuer Rollen, neuer Zuständigkeiten, neuer Wege der Zusammenarbeit, auch von den Organisatoren und Betreibern solcher Lernplattformen.

Jobs werden sich ändern, Lehrer werden nicht mehr „nur“ vor der Klasse stehen, sie werden zusätzlich Content Provider, Coach, Moderator und Präsentator. Und auch Sozialarbeiter, weil sie aufpassen müssen, dass keiner der Schüler dabei unter die Räder kommt.

Die Einkaufsstrategie gegenüber Computer-Herstellen und Buchverlagen muss komplett überdacht werden, es muss mehr Druck aufgebaut werden, damit die Beteiligten selbst in die Lernprozesse eingebunden werden, statt nur „Lieferant“ für Blech und Papier zu sein.

Change
Und zu alldem kommt der nötige persönliche Wandel bei den Beteiligten dazu. Erwartungshaltungen müssen sich ändern, z.B. die Erwartung dass alles „geschult“ werden muss, bevor man mit Werkzeugen arbeitet. Und das Selbstverständnis, dass Software und Medien von heute auf morgen anders aussehen und man nicht großartig informiert wird. So wie im privaten Umfeld.

Verzicht und Agilität
Wir müssen wegkommen von dem Perfektionismus, von dem Anspruch, die 150 % Lösung zu bauen, denn die wird es nicht geben. Dazu bräuchte man Jahre und wenn die dann fertig ist, ist sie veraltet. Auch hier muss agil gedacht werden, in beherrschbaren effektiven Schritten anfangen und dann zügig skalieren und dazu gehört auch Weglassen. Sowohl bei liebgewonnenen Ritualen, als auch im Lernstoff selbst. Stichwort „Süßwasser-Polyp“ und „Das Leben und Schaffen von Brahms“ … sorry Johannes 😉

Neues Wissen
Vielleicht bräuchte man stattdessen ein neues Schulfach zur Selbstorganisation, zum Umgang mit solchen Arbeitsweisen, nicht nur für die Zeit des digitalen Lernens an der Schule, sondern auch im Vorgriff auf die Zeit wo die Kids mal in eine Uni oder Ausbildung gehen. Denn dort arbeitet man ja schon so.

Croudsourcing
Und das muss auch alles nicht nur von Lehrkräften geleistet werden. Schüler können eingebunden werden in Reviewprozesse, sie können sogar eigene Schaubilder in der Lernplattform anbieten, wenn die besonders gelungen sind, sie können auf inhaltliche Fehler hinweisen und Computer Freaks unter den Schülern können sogar Support machen. Auch Eltern können eingebunden werden, indem sie eigenes Spezialwissen vermitteln oder wenn sie selber Material brauchen, um ihren Kindern komplexe Dinge zu erklären, die sie selber nicht mehr auf der Pfanne haben.

Fazit für heute:

Also, da ist sicher viel zu tun, aber auch soooooo vieles möglich. Manches klingt vielleicht noch etwas abgedreht und nicht jedes Kind, Alter oder Fach ist dafür geeignet. Klar muss man Kids anders bei Laune halten als Homeoffice-Angestellte, klar muss man irgendwie lösen, dass die Kids nicht nebenbei zocken, aber das schafft man auch nicht mit schwarz/weiß-Kopien von Arbeitsblättern in einem überfüllten Klassenraum mit kaputten Fenstern. Wenn Kids in der Schule möglichst wenig trinken, bloß um da nicht aufs Klo gehen zu müssen, dann sehe ich in Digitalem Lernen ein vielversprechende Zukunft.

Vielleicht lässt sich so etwas sogar schneller auf die Beine stellen, als Investitions-und Bauanträge für Sanierungen für marode Schulen durchzukriegen. Wenn ich sehe, dass ein „Behelfs“-Bau für eine Berliner Schule Jahre braucht, bis er entworfen, finanziert und gebaut ist … dann halte ich das für gar nicht so unrealistisch.

Jetzt mach ich aber besser mal Schluss.

Ich freue mich auf eine angeregte Diskussion 😉

Die anderen beiden Beiträge der Reihe:

270) Digitales Lernen 2 – Wo liegt das Problem?

Aber warum tut man sich in Deutschland nach zwei Jahren immer noch so schwer?

So endete >Beitrag 1 dieser Reihe und damit mache ich heute hier weiter. Wer >Beitrag 1 noch nicht gelesen hat, besser erst einmal da beginnen.

Nach dem ich da meine Eindrücke in Form einer Bestandsaufnahme niedergeschrieben habe, will ich heute drüber nachdenken, was eigentlich die Probleme und Hindernisse sein könnten, wenn es darum geht, Schule zu digitalisieren. Bitte kommentiert und korrigiert gerne wieder, wenn ihr da andere Meinungen oder bessere Informationen habt 😉

Also wo liegt das Problem?

Probleme in der Technik:

Fehlt es an der nötigen Hardware?
Zumindest in der Schule kann ich mir das nur schwer vorstellen. Dort sollte es doch möglich sein, solche Dinge zu besorgen. Vermutlich einfacher, als das Klo reparieren zu lassen. In den Familien ist das nicht ganz so einfach. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in fast allen Familien Smartphones gibt, aber auf diesen Geräten kann man natürlich keine Schule machen. Trotzdem ist das doch eigentlich das geringste Problem, bedürftigen Familien entsprechende Laptops zu verschaffen. Mehr dazu in Beitrag 3.

Mangelt es am Netz?
Da könnte wohl etwas dran sein, obwohl ich auch glaube, dass die meisten Haushalte mittlerweile Anschluss ans Internet haben. Bei den Klassenräumen bin ich mir noch nicht ganz so sicher. Wenn ich dann aber neulich in einer Videokonferenz höre, dass die Kinder am besten Kamera und Ton abschalten sollen, um eine stabile Verbindung zu gewährleisten, dann gibt es zu wenig Bandbreite und Kinder tauchen ab und verstecken sich.

Fehlt es am Budget?
Sicher wird so ein Vorhaben ordentlich Geld kosten, keine Frage. Aber die konventionelle Durchführung des Unterrichts kostet auch Geld und wenn man mal die Risiken und Nachteile dazu nimmt, dann noch viel mehr, würde ich mal sagen. Und wenn ich sehe, welche Gelder für Corona-Maßnahmen und Wiederaufbau in den von Unwettern zerstörten Gebieten locker gemacht wurden, dann kann es nicht am Geld liegen.

Probleme im Doing:

Ist die Unterrichtsplanung das Problem?
Logistik wird häufig unterschätzt, in der Tat. Aber es ist nur dann ein Problem, wenn man Digitales Lernen auf analoge Weise mit Zettelwirtschaft, Klemmbrett und Telefon plant. Die Planung muss natürlich auch digitalisiert werden. Was ich mir durchaus herausfordernd vorstelle ist, wenn die Lehrkräfte ja teilweise selber im Home Office sitzen und dort auch wieder deren Kinder umherspringen und Aufmerksamkeit von ihren Eltern fordern.

Ist digitaler Unterricht vielleicht unhandlich?
Klar lassen sich Papier-Hausarbeiten vielleicht schneller korrigieren und mit anderen vergleichen. Man hat was zum Anfassen, kann die Papiere vor sich ausbreiten, man kann Hinweise an den Rand kritzeln, als das mit Fotografierten Arbeiten oder PDFs effizient möglich ist. Allerdings liegt es m.E. auch genau an all diesen Medienwechseln, die heute für Frust sorgen. Das Problem ist hausgemacht! Der Lehrer muss ein Dokument uploaden und klassifizieren, die Schüler müssen das Dokument finden, downloaden, ausdrucken, ausfüllen, abfotografieren und wieder uploaden. Der Lehrer muss dann wieder alle 30 Ergebnisse sichten, kontrollieren und auf einem anderen Kanal sein Feedback oder gar Noten geben. Ein Wahnsinn! Kein Wunder, dass Lehrer keine Zeit haben, Videokonferenzen abzuhalten.

Liegt es am fehlenden Know-How bei den Kindern?
Das glaube ich kaum. Wenn ich sehe wie die Kids mit den Geräten hantieren, wie sicher sie bei Netflix und anderen Portalen unterwegs sind, da kann sich manch Erwachsener ein Scheibchen von abschneiden. Und gerade Schüler mit Sprach-Barriere haben es da vielleicht sogar anfangs noch einfacher, als sich unter 700 Kindern einer Berliner Schule zu integrieren und zu behaupten.

Liegt es am fehlenden Know-How bei den Lehrkräften?
Hier sehe ich schon einen wichtigen Punkt. In der Wirtschaft standen bereits Anfang der Neunzigerjahre flächendeckend PCs auf den Schreibtischen. Wie die Situation heute in den Schulen ist, weiß ich nicht, aber ich glaube, dass die Schulen nicht gerade vorne sind wenn es um IT Infrastruktur, deren Administration und dem nötigen Know-How-Aufbau im Kollegium geht.

Probleme im Content:

Ist die reine Menge der Lehrmittel das Problem?
Ich sehe auf keinen Fall ein Problem mit der Datenmenge, schaut man sich mal Netflix, Amazon Prime und YouTubes an, ist das alles machbar. Was man vielleicht hinterfragen kann ist, ob man denn alle Schulbücher, Übungshefte und Arbeitsblätter digital benötigt. Ich glaube, das braucht es gar nicht. Seit Jahren tragen Schüler schwere Schulbücher täglich hin und her und manche Seiten wurden nie angesehen.

Mangelt es an Struktur?
Ganz kurz? Ja. Wenn ich mir die beiden Plattformen so anschaue, die ich gesehen habe, fehlt es da an Struktur und an einer Definition „Was“ eigentlich „Was“ ist. Der einzige gemeinsame Nenner scheint noch das „Unterrichtsfach“ zu sein. Also Mathe, Deutsch etc, ein paar Level darunter, macht jeder was er will. Also z.B. was ist ein „Thema“?, Was eine „Unterrichtseinheit“?, Was ist eine „Buchseite“?, Was ist ein „Arbeitsblatt“?, Was ist ein „Schaubild“? Wie sind solche Dokumente zu benennen? Woran erkennt man sie? Und und und ….

Fehlt es an Attraktivität?
Auch wichtig. Der Großteil des Stoffes ist Lesestoff, der ist aber allein zu Hause wahrlich schwer zu konsumieren. Schaut man sich bei Profis um, findet man Videos, Animationen und WBTs. Mittlerweile rennen die Kinder und deren Eltern schon zu YouTube-Lehrern, weil sie da komplexere Dinge besser verstehen.

Probleme im System:

Liegt es an der freien Wahl der Lehrmittel?
Lehrkräfte haben heute Freiheiten in der Gestaltung des Unterrichts, nicht unbedingt bei dem „was“ Kindern beigebracht wird, aber beim „Wie“. Damit liegt auch die Entscheidung ob Unterricht digital vermittelt oder analog bei Ihnen. Nicht mal innerhalb in einer Schule kann anscheinend Konsens hergestellt werden und da rede ich mal noch gar nicht von Städten oder gar Bundesländern. Aus meiner Sicht ist das ein Mega-Hindernis, denken wir auch mal an Vertretungsfälle wegen Krankheit, Mutterschutz und Elternzeit etc.

Wo ist der Content heute und wie tauglich ist er?
Durch oben besagte Freiheit in der Wahl der Lehrmittel, kann ich mir sehr gut vorstellen dass der Content heute in Leitz Ordnern, Klarsichthüllen und möglicherweise auf lokalen Festplatten schlummert. Wenn ich so manche Arbeitsblätter sehe, sind das bereits die x-fuchsten Kopien des Original-Papiers.

Oder ist unser föderales Bildungssystem das Haupthindernis?
Unser föderales Bildungssystem ist da sicherlich kein Beschleuniger, allerdings sehe ich das auch fürs Digitale Lernen nicht unbedingt als kriegsentscheidend. Beim Aufbau einer solchen digitalen Lernlandschaft kann ein Bundesland für sich alleine viel schneller agieren, auch wenn das aus gesamtdeutscher Sicht wirtschaftlich sehr fraglich ist. Aber der Lernstoff wird auch im Bundesland verantwortet, auch wenn das ebenso unverständlich ist. Das Problem des Bildungsföderalismus muss man angehen, ohne Frage. Aber wenn wir das noch vor der Digitalisierung machen wollen, glaube ich bei meinen Ur-Enkeln noch nicht an Digitales Lernen.

Oder blockiert da vielleicht irgendjemand ganz aktiv?
Möglicherweise in den Gewerkschaften der Lehrkräfte, weil sie ihre Mitglieder oder sich überfordert sehen? Oder bei den Lehrkräften selber, weil Wandel unbequem ist und am Ende ein völlig anderer Lehrerberuf rauskommen kann? Oder bei den Kultusministern, die an Macht und Einfluß verlieren? Oder bei den Schulbuchverlagen die Panik kriegen, nie wieder Schulbücher in diesen Mengen verkaufen zu können. Tja, da kann man nur mutmaßen, vielleicht tue ich auch Unrecht und da blockiert gar keiner. Aber bei dem Thema muss man eben auch „agieren“, statt nur „nicht blockieren“ und das sehe ich leider nicht.

Fazit für heute:

Vermutlich haben wir von all den Problemen etwas dabei und das macht erst recht deutlich, wie groß diese Aufgabe ist. Da ist es mit etwas WLAN an der Schule noch lange nicht gemacht.

Und darüber will ich in Beitrag 3 der Reihe etwas nachdenken, ihr könnt gern mitmachen.

PS: und wenn ich hier irgendetwas fachlich falsch dargestellt habe, dann bitte drauf hinweisen, denn hier bei dem Thema soll es sachlich zugehen 😉

Die anderen beiden Beiträge der Reihe:

269) Digitales Lernen 1 – Eine Bestandsaufnahme

Schon wieder sitzen wir im Distanzunterricht. Nein, nicht wegen Corona, sondern weil es in der Schule gebrannt hat und bis auf Weiteres dort nicht unterrichtet wird. So etwas kann man schlecht vorhersehen, genauso wie die Pandemie, heißt es da schnell. Das stimmt schon, aber man kann sich darauf vorbereiten, seine Hausaufgaben machen.

Aber schon wieder läuft der Distanz-„Unterricht“, extrem schleppend an. Wieder finden Videokonferenzen extrem selten oder gar nicht statt, wieder tröpfeln Aufgaben sehr unsortiert über die Lernplattform zu den Kindern, wieder sind Abgabetermine schwer zu erkennen, wieder führt man parallel Listen, um nicht den Überblick zu verlieren. Für Kinder und Eltern eine Zumutung.

Ich habe schon in >Corona-Lektion 17, >Corona-Lektion 77 und >Corona-Lektion 79 meinen Frust dazu abgelassen.

Diesmal will ich aber gar nicht so sehr schimpfen, sondern offen drüber nachdenken und diskutieren. Ich kann dabei nur aus der Erfahrung mit zwei Gymnasien und einer Grundschule in Berlin sprechen und habe auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich bin kein Bildungsexperte, arbeite aber seit Jahren in virtueller Umgebung, mit viel Distanz, sowohl räumlich, sprachlich und kulturell. Leser oder Leserinnen arbeiten vielleicht selber an einer Schule oder kennen sich in der Thematik besser aus. Fühlt euch frei, zu kommentieren oder zu korrigieren.

In dem heutigen Beitrag will ich etwas über die aktuelle Situation schreiben, wie ich sie so wahrnehme. In einem zweiten Beitrag dann über mögliche Ursachen und Hindernisse nachdenken, in vielleicht einem dritten Beitrag mögliche Ideen einbringen. Mal sehen, ich will mich da noch nicht festlegen.

Bestandsaufnahme:

Das Haupt-Problem scheint mir zu sein, dass man das Digitale Lernen von zu Hause überhaupt nicht haben, ja nicht mal denken, will. Schon beim Begriff Homeschooling schrillten die Alarmglocken, weil Homeschooling (also Hausunterricht) eine besondere, aber möglich Form von Unterricht durch Privat-Lehrer oder Eltern ist (siehe Wiki) weil es an einem Ort z.B. keine Schule mit deutschem Lehrplan gibt. Dann wurde hastig der Begriff Distanzunterricht entwickelt, aber nur, um die geltende Schulpflicht zu unterstreichen und die Lehrkräfte offiziell in Verantwortung zu haben, statt Eltern oder eben Privatlehrer in der Ferne. Dass Unterricht in häuslicher Umgebung kein Dauerzustand sein soll, ist glaube ich jedem klar, aber deshalb die Option komplett zu ignorieren oder zu verschleppen, ist aus meiner Sicht der falsche Weg.

Und weil das Digitale Lernen scheinbar nicht gewollt ist, haben auch die Lehrkräfte einerseits wenig Rückendeckung, neue Lernmethoden zu probieren, aber auch wenig Motivation sich dieser Herausforderung zu stellen. Nicht falsch verstehen, es gibt Lehrkräfte die sind da super-engagiert, ich kenne aber auch genügend, die bei dem Thema gern den Kopf einziehen. Als ich Anfang November 2021 in einer Elternversammlung saß und dort die Frage von Eltern kam, wie man sich denn auf einen  möglichen weiteren Lockdown vorbereitet, kam nur Achselzucken und eine Antwort á la „Wir denken nicht über solche Eventualitäten nach, stattdessen konzentrieren wir uns lieber auf die Vermittlung von Stoff, so lange es geht“. Das klingt im ersten Schritt logisch, ist aber exakt die Haltung, die uns in die Corona-Misere geführt hat. Auch da wusste man vorher, dass es Pandemien geben wird. Ähnlich bei der jüngsten Wetter-Katastrophe mit vielen Toten und gigantischen Schäden im Westen Deutschlands. Auch da war erkennbar, dass solche Unglücke passieren werden, dass Häuser an gefährlichen Stellen stehen, weil Flüsse zu stark eingeengt wurden etc. Aber dann begräbt man die Toten und bebaut das Gebiet wieder, weil es ja ein „einmaliges Ereignis“ war. Aber ich schweife ab.

Wenn Unterricht vor Ort nicht funktioniert, kann das zum Beispiel wegen einer Pandemie, aber auch wegen eines Brandschaden oder Rohrbruchs sein. Es können aber auch gewöhnlichere Ereignisse sein. Lehrkräfte fallen mal aus oder müssen auf Weiterbildung, es gibt Bauarbeiten im Gebäude, der Nahverkehr streikt, es gibt Unwetter oder Hitzewellen. Und leider gibt es auch ganz schlimme Anlässe wie z.B. Terror-Anschläge und Amokläufe.

Aber schauen wir nicht nur auf die Einmal-Ereignisse, sondern auch auf alle anderen Gründe, warum Schulen nicht begehbar oder schwer erreichbar sind. Denken wir an den ländlichen Raum, wo zwischen Wohnsitz und Schule täglich viele Kilometer zu fahren sind, denken wir an gehbehinderte oder sonstig eingeschränkte Kinder, oder Kids die für Wochen ans Bett gefesselt sind, weil sie sich ein Bein gebrochen haben. Und denken wir bitte auch an die banale Erkältungswelle, wo es eigentlich vernünftig wäre, nur mal ein paar Tage Abstand zu halten. Und da haben wir noch gar nicht über Reduzierung von Verkehr und Schulbussen gesprochen oder von der Frage, warum Kinder eigentlich jeden Tag um 06:30 Uhr aufstehen müssen.

Warum reite ich so lange auf all diese Gründen herum? Eigentlich nur, um deutlich zu machen, dass es diverse gute Gründe gibt, sich dem Thema zu stellen. Wie auch an anderen Stellen, hat Corona die Mängel hier „endlich“ sichtbar gemacht, Corona ist aber nicht der Grund für Distanzunterricht und man soll bitte nicht so tun, als kämen wir schon irgendwie durch die Pandemie und dann ist alles wieder gut. Nichts ist gut.

Denn immer wenn ein solche Situation auftritt, und ich glaube künftig häufiger, dann entsteht eine planlose Hektik, weil durch dieses „unvorhersehbare“ Ereignis der Unterricht spontan „irgendwie“ ins Netz verlagert werden muss. Das erzeugt extreme Reibung, vertrödelt wertvolle Zeit und sorgt für zahlreiche Konflikte zu Hause, die eigentlich überhaupt nicht sein müssten, wenn man Schule komplett digitalisieren würde.

Ich meine explizit nicht die Abschaffung von Präsenzunterricht, ich meine eher, den Lernstoff komplett digital vorzuhalten und so aus der Schule oder aus der Distanz abrufbar zu haben. Dann wäre es völlig egal, warum das Schulgebäude nicht betreten werden kann und der Unterricht kann in wenigen Stunden woanders hinverlagert werden. Wir dürfen nicht analogen Unterricht planen und ihn dann kräftezehrend, zeitweise digitalisieren. Wir müssen grundsätzlich digitalen Unterricht planen, selbst wenn ein Großteil des Jahres Präsenzunterricht herrscht. Nur so kann es gehen. Nur so werden wir flexibel, agil und resilient. Nur so kann Inklusion von Benachteiligten funktionieren, nur so kann auch das Bildungswesen einen Beitrag zur Verkehrsreduzierung leisten.

Fazit für heute:

Warum tut man sich in Deutschland nach zwei Jahren immer noch so schwer?

Darüber will ich im nächsten Beitrag nachdenken.

Die anderen beiden Beiträge der Reihe:

74) Welcome back home

Ein Frohes Neues Jahr noch, liebe Leser. Da blieb nicht viel Zeit für einen ausgedehnten Hangover. Der Alltag ist zurück, und mit ihm all die nervenden Kleinigkeiten

Ein Auszug:
1. Noch im alten Jahr wurden wir informiert, dass irgendwelche Honks an der Schule gezündelt haben und daher der Unterricht „erst einmal online“ stattfinden muss. Gut, vielleicht sogar besser so. Dann können die Kids zu Hause etwas ausdünsten.
2. Die Rückfahrt von Dänemark dauerte dann zähe 9 Stunden. Vermutlich hatten sich die Familien eine spontane Verlängerung der Ferien erhofft und fuhren dann erst am Sonntag von der Nordsee zurück, so dass wir uns dann alle am Drive-In kurz nach Rendsburg trafen.
3. Etwas später trafen wir dann noch auf die Urlauber, die von der Ostsee kamen. So standen wir alle nett am Kreuz Wittstock/Dosse und glotzten auf die Rückleuchten des Vordermanns. What a pleasure! Aber immerhin ganz Corona-konform, jeder in seinem Auto und ich hatte gute Hörbücher + Podcasts dabei.
4. Endlich zu Hause angekommen, folgte dann das gemeinsame Auto ausräumen. Hier erspare ich mir weitere Ausführungen und verweise auf den Beitrag >Volle Packung.
5. Eine Hand voll Briefe wartete auf uns, unter anderem einer, der mich wie folgt begrüßte: „Hallo T., Du bist uns 0,06 Cent wert“ und weiter dann „Deine Adresse haben wir für 0 EUR und 6 Cent gekauft, um dich als Kund*in zu gewinnen“. Na vielen Dank ihr Nervbacken … ich will nicht eure Kund*in sein! Niemals! Rundablage!
6. Die Papiertonne ist immer noch überfüllt, das war sie vor Weihnachten schon. Nun kommt noch Spaßfaktor dazu, dass das Licht im Müllraum nicht mehr geht. Das macht große Freude, besonders wenn man keine Handy-Taschenlampe dabei hat.
7. Die Corona-Warn App schlägt mal wieder rot aus. Es gab da wohl eine Begegnung in Dänemark. Nur schwer erklärbar. Ich sammele die Meldungen jetzt und mach‘ mir zusammen mit den Impf-Barcodes irgendwann ein hübsches Album draus.
8. Die Dachdecker vom Haus gegenüber, hatten über über die Feiertage große Plastikplanen über dem Dachstuhl verspannt. Das macht nun einen Höllenlärm, wenn der Wind mit 20 km/h Wind die ganze Nacht da drauf geht. Selbst bei geschlossenem Fenster wurde sozusagen die ganze Nacht geböllert, aber die Straße sehen diesmal immerhin sauber aus.
9. Update von der Schule: Die Schäden nach der Brandstiftung müssen noch aufgenommen werden, man geht mal bis zu den Februar-Ferien von Home Schooling aus. Na großartig! So viel zu „erst einmal online“.
10. Und was soll ich sagen? Mal raten? Genau. Nichts vorbereitet, keine Aufgaben online. Nüscht! Ich verlange ja nicht, dass Lehrer extra ihren Urlaub abrechen, aber es zeigt doch wieder, wie weit wir von digitalem Lernen weg sind. Sei es im Falles eines Lockdowns, eine Klima-Katastrophe, oder wegen einer Brandstiftung.

Welcome back home, es hat sich nichts geändert 😉

195) Corona-Lektionen 81

Es fühlt sich zwar an wie März, ist aber Mai. Keine Sonne, wenig Wonne. Super Wetter gegen Virus- Spreader. … oh oh, das wird nun zu albern. Zurück zum Ernst.

Rückkehr in die Schule:
Das große Kind hatte nach 18 Wochen Abstinenz, die Schule dann doch wiedergefunden. Ab morgen heißt es für sie aber wieder „Schulisch angeleitetes Lernen von zu Hause“. Also im Wesentlichen „Selbststudium“

1. Der Präsenzanteil muss steigen! Nur so kann verhindert werden, das Kinder abgehängt werden und nur so können Eltern dann jemals wieder in ihrem eigentlichen Präsenz-Job nachgehen, sollte es mit weiterem Impffortschritt mehr Öffnungen geben.

2. Der Lehrplan muss hinterfragt werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Kinder keinen bleibenden Schaden davontragen, wenn sie in pandemischen Zeiten in Musik, Kunst, Textilarbeit und Sport etwas kürzer treten. Ich frage auch, ob es die richtige Zeit ist, die griechischen Götter oder Basketball-Regeln auswendig zu lernen. Jeder Personaler hätte doch Verständnis dafür, wenn es für zwei Jahre in diesen Fächern keine Noten auf dem Zeugnis gäbe. 

3. Und liebe Lehrkräfte, überlegt bitte, welches Unterrichtsformat in welcher Situation angebracht ist. Im Präsenzunterricht dann doch wieder Arbeitsblätter ausfüllen zu lassen, ist es ein Unding! Ach so … und noch etwas. Unsere Glasfaserleitung fühlt sich unterfordert. Sie hat noch freie Bandbreite, die könnt ihr gern noch mit Video-Unterricht auffüllen 😉

Rückblick
Manchmal rolle ich in meinen Corona-Lektionen zurück, nur um mal zu sehen, was ich denn da so vor einem Jahr gedacht habe.

In >Nummer 21 vom 02.05.202berichtete ich, wie ich das erste Mal mit Maske im Kaufland war und amüsierte mich prächtig über eine Kundin, die dort ständig „Bapu“ rief. Ist lustig 😉

In >Nummer 22 vom 05.05.2020 schrieb ich über erste zaghafte Schulöffnungen nach Lockdown 1 und wie sich das neue Gesichtstextil noch in die Familienroutinen integrieren muss.

In >Nummer 23 vom 07.05.2020 spürte ich eine erste Sättigung an Regeln und Vorschriften. Gleichzeitig fragte ich mich, wie es denn den Hamsterern so ergangen ist. Haben die 30 kg Ravioli gemundet? Ist die Rötung am Hinterteil wieder verschwunden?

Pandemie-Topping
Wem das aktuelle Pandemiegeschehen zu fad ist, wer noch etwas Sahne auf den trockenen Corona-Kuchen haben will, kann sich mal den Film „Contagion“ reinziehen. Den habe ich bei seinem Erscheinen vor zehn Jahren irgendwie verpasst, vielleicht fand ich den Inhalt damals auch irgendwie „unrealistisch“ und „an den Haaren herbeigezogen“. Es geht um eine Virus-Pandemie, die Suche nach einem Impfstoff, auftretende Mutationen, Verschwörungstheorien, Social Media, Angst und Panik. Damals hätte ich vermutlich gelassen in die Popcorn-Tüte gegriffen und den dort angesprochen R0-Wert sofort wieder vergessen.

Heute sind wir schlauer und erkennen, dass dieser Film doch sehr realistisch war.

Schönen Sonntag
T.

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190) Corona-Lektionen 79

Was für ein Sauwetter da draußen, wird es eigentlich gerade noch hell oder schon dunkel? Schwer auszumachen, ähnlich wie bei Corona.

Ein paar Gedanken aus den letzten Tagen:

Schule:
Der Sohn geht morgen mal wieder in die Schule, die Tochter noch nicht. Denn sie ist „A“. Pech gehabt, denn nächste Woche darf nur „B“ kommen. Und wenn sich das C weiter so verbreitet und die Inzidenz nach oben treibt, wird „B“ vermutlich nicht mehr so schnell in die Schule gehen. Die Mittelstufe hockt nun schon seit 14. Dezember zu Hause, das sind 18 (!) Wochen. Während mir langsam die Kopfhörer an den Ohren festwachsen, hatte das große Kind letzte Woche ganze 2 (!) Video-Calls. Digitales Lernen? Distanzunterricht? Hah! Deutsche Astronauten machten die „Sendung mit der Maus“ schon von der ISS aus, aber unser Bildungsapparat kriegt es seit 13 Monaten nicht auf die Reihe, regelmäßigen Video-Unterricht anzubieten. Auf der Webseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sagt Frau Karliczek „Wir brauchen Mut zur Veränderung“. Was soll ich dazu sagen? Mehr als „bmbf“ kommt mir da nicht über die Lippen. Auf der Homepage unserer Ober-Digitalistin Dorothee Bär berichtet man von einem „Digitalgipfel am 30. November 2020“ auf dem man die „Digitale Schule von morgen“ diskutiert. Übernehmt euch bitte nicht. Macht doch bitte erst einmal digitale Schule von gestern! Von letzter Woche. Von letztem Monat! Vom letzten Jahr!

Lockdown:
Machen wir nun alles dicht? Besser noch nicht, wir warten mal noch ein klitze-kleines Bisschen. Und erfinden mal lieber noch ein paar Regeln. Die „Übersicht“ der aktuellen Regeln war am Wochenende in der Morgenpost abgedruckt. Diese Übersicht nahm eine halbe (!) Seite ein. Kein Wunder, dass viele Leute keinen Bock mehr haben. Nicht falsch verstehen, es muss Regeln geben, aber es ist zu viel und manches liest sich doch absurd. Zwischen 21:00 und 05:00 Uhr des Folgetags sind Zusammenkünfte mit haushaltsfremden Personen verboten. Alkohol kann man dagegen noch bis 23:00 Uhr kaufen, bevor es dann bis 06:00 Uhr am nächsten Morgen keinen Tropfen mehr gibt. Oh, das ist schon hart, oder? Also ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber zwischen 22:30 und 05:30 Uhr liege ich normalweise im Bett. Vermutlich tut das die Mehrheit hier. Es gibt aber auch Idioten, die nachts im Park immer noch dicke Partys feiern. Sollen die Ordnungshüter doch mal bitte dort vorbeischauen. Jedem eine Ordnungsstrafe von 1.000 EUR, Intensivbettennutzungsverbot für die nächsten drei Jahre und den Park saubermachen. Mit der Hand!

Ich stelle fest, der Beitrag kippt ins Aggressive. Am besten ich mach jetzt mal Schluss für heute.

Und jetzt kommt auch die Sonne raus 😉

Schönen Sonntag noch

T.

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162) Corona-Lektionen 61

Gestern Abend gab’s die erste Pressekonferenz der Kanzlerin und der Länder im neuen Jahr. Mittlerweile dürften die Ergebnisse auch in den Ländern und Städten kommuniziert sein. 

Willkommen im Lockdown V2.3!

V2.3?? Da ich im IT-Umfeld arbeite, werde ich die von nun an für mich einfach mit Versionsnummern nummerieren. 

Rückblick auf bisherige Versionen:
Die Version 1 wurde im Frühjahr „gelaunched“.
Die Version 2 startete im Spätherbst und ist über die Zwischenversionen 2.1 „Soft“, 2.2 „X-Mas/New Year“ nun bei 2.3 „Kater“ angekommen. Zwei neue Features dieser Version nennen sich „15-er Regelung“ und „Family+1“. Diese Features sollten alle ausprobieren, denn das könnte durchaus positive Effekte haben.

Distanzunterricht:
Die Schüler hocken wieder zu Hause und müssen sich den Stoff selbst beibringen. Von Distanzunterricht kann bei uns noch keine Rede sein. Die Aufgaben werden zwar nun mehr über Plattformen verteilt und weniger über E-Mail, das ist aber auch die einzige Veränderung. Einzelne Lehrer_Innen hängen sich voll rein und versuchen mehr über Video-Konferenz zu machen. Macht weiter so! Genauso gut gibt es Lehrer, die seit der Vorweihnachtszeit, die Deutsch-Hefter bei sich zu Hause zur Korrektur liegen haben und sich jetzt wundern, wie die Kids da nun rankommen sollen. Soviel dazu. Bei digitalem „Unterricht“ sind wir noch lange nicht. Da kann man schon mal fragen, was eigentlich seit März 2020 erreicht wurde. Siehe hier >Corona-Lektion 3 vom 17. März 2020.

Realitäten:
Wie schon in >Corona-Lektion 6 und >Corona-Lektion 34 angesprochen, wundere ich mich so über verschiedene Realitäten.

Wenn ich mal wieder durch die TV-Sender zappe, habe ich den Eindruck, dass Corona da überhaupt nicht angekommen ist. Mal abgesehen von Nachrichten und Politik-Talk, in denen man nervöse Politiker und gut gelaunte Rodler am Winterberg sieht, scheint Corona bewusst negiert zu werden. Stattdessen laufen Filme aus der Konserve, da wird Trödel verhökert oder Kuchen gebacken. Es sind zwar mehr Glasscheiben verbaut und die Menschen stehen weit auseinander, aber trotzdem will man anscheinend den Virus partout nichts in Programm lassen. Will man die Leute damit beruhigen? Ihnen eine Corona-freie Unterhaltungsblase geben? Vielleicht kommt so manch lockeres Verhalten auch daher, dass in vielen Sendungen eben nur die Welt „vor Corona“ vorgegaukelt wird, so dass der Eindruckt entsteht, das ist alles halb so wild?

Sollen sie doch mal zeigen, wie es auf der Intensiv so abgeht,
wie Menschen an Schläuchen hängen, 
wie sie regelmäßig gedreht werden,
wie sie sauber gehalten werden,
wie sie auf eine Maschine angewiesen sind.
wie künstliche Ernährung so schmeckt,
wie die wochenlang im Bett liegen,
und um ihr Leben kämpfen.

Zeigt das doch mal! Ich meine so richtig echt. Kamera an und filmen. Ganz nah ans Gesicht ranzoomen. Voll drauf! Ohne Verpixelung der Augen bitte. Eine ganze Nacht durch, auf allen Kanälen. Alles live! Ohne Werbung. Auch bei Netflix, Amazon und YouTube. Chips und Bier sind ausdrücklich erlaubt. Lasst‘s euch schmecken!

PS: Sorry, für die drastischen Bilder hier, aber vielleicht muss das mal sein, damit‘s auch der letzte kapiert.

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