57) Ringbahn

Ich besitze einen Diesel. Pfui! Shame on you!
Deshalb fahre ich jetzt häufiger Bahn. Great! Praise him!
Ich will ja auch einen Beitrag leisten.

Und man bekommt ja für die 2,80 EUR AB-Tarif auch eine Menge Unterhaltung geboten:

  1. Ich erreiche den Bahnsteig, die Bahn soll in 4 Minuten kommen.
    Sehr gut. Läuft. Heute ist mein Tag.
  2. Die Bahn fährt ein, alle Wagen scheinen gut gefüllt zu sein.
    Na wenigstens hängt keiner an der Tür oder sitzt oben auf dem Dach.
  3. Ich habe ein Stück kalte Metall-Stange zum Festhalten erkämpft.
    Wer heute wohl schon diese Stange … ach … ich kann’s auch freihändig.
  4. Nächste Station: „Guten Tag ich bin der Olaf, ich lebe …“
    Ja, Kleingeld, ich weiß. Aber heute nicht.
  5. Typ neben mir, steckt bis zu den Ohren in einem Döner.
    Hab ich zwar auch gern, aber eben nicht nur den Zwiebel- und Knoblauchduft!!
  6. Nächste Station: „Kalinka, Kalinka …“ beginnen drei Russen zu singen.
    Jetzt kommt Stimmung in die Bude.
  7. Typin gegenüber hat keine Lust auf Blickkontakt, sondern nur auf ihr Handy.
    Fast alle tun das. Laaaaaaangweilig.
  8. Nächste Station: „Baila, Baila, Baila me“ … trällern drei Süd-Amerikaner
    Ähm … sind das nicht die gleichen, die eben noch „Kalinka…„? … täuscht vielleicht.
  9. Typ hinter mir verteilt seinen Fahrrad-Dreck an meiner Hose.
    Ich bin für Fahrrad-Schnellwege! Entweder man fährt Rad oder Bahn.
  10. Nächste Station: Drei Chinesen betreten den Zug.
    Och nee, jetzt nicht ihr auch noch. Aber sie haben keinen Kontrabass dabei ;.-)
  11. Typ neben mir telefoniert laut mit der Arbeit und hat ein Bier in der Hand.
    Um 14:00 Uhr … na ja. Dann mal Prost…
  12. Nächste Station: „Nächster Halt … Jungfernheide … Anschluss zur U7 und zum Bus 109 nach Flughafen Tegel„
    Ich muss hier raus! Fahrräder, Döner, Musikanten bitte aus dem Weg … ich habe zu tun.
  13. Im Bahnhof: „Na, vielleicht mal die FAZ probieren? Kein Abo! Wirklich“
    Also nun will ich dem Bahnhof Jungfernheide ja nicht zu nahe treten. Aber der Bahnhof ist nicht das, wonach er klingt und ich würde mal sagen, dass ein ganzer Stapel FAZ auch etwas übertrieben ist

Aber nun schnell zum Termin und dann geht das alles wieder rückwärts

58) In die Provinz

Sonntag 12:55 Uhr soll es von Hannover in die Provinz gehen. Mit der S-Bahn. Knapp zwei Stunden wird das Vergnügen wohl dauern. Ich sehe das erst einmal ganz positiv.

Am Sonntag wird nicht viel los sein und so stelle ich mir die Fahrt eigentlich recht chillig vor. Etwas lesen, vielleicht was schreiben oder einfach nur aus dem Fenster glotzen. Ein Kurzurlaub quasi.

Kaum im Bahnhofsgebäude angekommen, ist es dort aber gar nicht chillig. Unzählige Leute rennen von Gleis zu Gleis, wuchten ihr Gepäck die Treppen hinauf, weil die Rolltreppen außer Betrieb sind. Andere stehen vor Imbissbuden und stopfen sich irgendetwas in den Hals. Pizza-Ecke, Asia-Nudel-Box oder Fisch mit Fritten. Tauben fliegen über Köpfe und Döner hinweg, an den Seitenausgängen lungern verwahrloste Gestalten und suchen Wärme. Ich besorge noch schnell Wasser und Sandwich, dann quäle mich mit zwei Koffern durch die Drehkreuze des Sanifair-Wohlfühl-Centers. Nach diesem Boxenstopp schlurfe ich mit abnehmender Motivation zur S5. Auf dem Bahnsteig warten bereits viele Menschen und ich stelle mich darauf ein, in der Bahn stehen zu müssen. Aber meine Position ist günstig, die Türen öffnen vor meiner Nase und ich kann einen Sitzplatz ergattern.

Zwei Mädels mit viel Gepäck setzen sich mir gegenüber und verteilen ihr Zeug um meine Füße herum. Der Zug fährt ab und bereits 5 Minuten später frage ich mich, wie ich nur so lange aufrecht sitzen soll. Die Beine angewinkelt, kribbeln schon bald meine Fußsolen. Irgendwann wird der Zug geteilt, ein sicheres Zeichen dafür, dass Städte nun Orte werden. Einem nach dem anderen klappern wir ab, während wie durchs neblige Niedersachsen rollen. Viele von ihnen habe ich noch nie gehört. Entlang der Hot Spots Emmerthal, Bad Pyrmont, Lügde, Schieder und Steinheim verlassen immer mehr Menschen die Bahn. Die Distanzen zwischen den Stopps werden länger, die Phasen ohne Mobil-Funk auch. Bei Altenbeken sehe ich ersten Raureif auf den Bäumen. Etwas später erwachen die Fahrgäste um mich herum, checken ihre Telefone und ziehen sich ihre warmen Jacken an.

Sehr geehrte Fahrgäste. Dieser Zug endet hier. Bitte alle aussteigen.

 

18) Postkarte aus Mittelfranken

Wer mal das Bedürfnis verspürt, die heimische Tapete gegen frische Luft und Grünzeug zu tauschen, dem kann ich ein paar Tage in Mittelfranken empfehlen.

Man muss dazu auch kein CO2 in die Luft pusten, man kann bequem mit der Deutschen Bahn anreisen. Das klingt irgendwie unspektakulär und nach Bratwurst mit Sauerkraut, Mittelfranken hat aber durchaus ein paar schöne Flecken zu bieten. Und auch die ein oder andere Kuriosität konnten wir erleben.

Tag 1: Wanderung durch die Schwarzachklamm und entlang dem Ludwig-Donau-Main-Kanal (23 km), weitestgehend flach, etwas überlaufen da Feiertag

img_5483

img_5486

Tag 2: Wanderung durch den Sebalder Reichswald (19 km), flach mit leichten Steigungen, schön ruhig, wenig Trubel, selbst Albrecht Dürer saß hier schon und malte

img_5521

Tag 3: Höhlenrundweg rund um Hirschbach (16 km), etwas kürzer, dafür aber rauf und runter, Paradies für Kletterer und Höhlen-Freaks

img_5541

img_5534

Und nun zu den Kuriositäten:

Für die Hinfahrt hält die deutsche Bahn ein Überraschungspaket für mich bereit. Statt 13:37 Uhr fuhr die Bahn bereits um 13:00 Uhr ab. Ohne mich. Im Reisezentrum belehrte man mich, dass doch Bauarbeiten stattfinden und man das im Internet nachlesen könne. Aha. Auf meine Frage, warum die DB-Navigator-App meinen Zug immer noch als „pünktlich“ darstelle, antwortete die Dame am Schalter, dass man das wohl noch nicht aktualisiert hatte. Korrekt. Ich nehme mir vor, das Bahnfahren noch etwas mehr zu üben.

img_5473

Der Chinese nahe dem Hotel empfängt uns mit 100 Prozent Chinesischen Genen und  herzhaft fränkischem Dialekt. Als 10 Minuten später eine Chinesische Reisegruppe an der Tafel neben uns platziert wird, entschuldigt er sich schon einmal vorab. Es wird laut werden, aber nur ein halbe Stunde dauern. Und so soll es dann auch sein. Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Tafel war mit einer großen Einweg-Tischdecke geschmückt, die in Windeseile zusammengerollt und entsorgt wurde. „Nu‘ herrscht wieder Ruh“, sagt der Chinese

img_5500

Zum Ende der Höllentour … ähm Höhlentour… laufen wir etwas durch den Ort Hirschbach zurück zum Parkplatz. Dass die Franken gerne deftig essen und auch gern ein Schnäpchsen trinken, ist ja allseits bekannt. Dass sie damit jedoch so offen und ehrlich umgehen, überraschte mich dann trotzdem.

img_5543

Also liebe Leser, viele Grüße aus Franken, die nächste Postkarte folgt in Kürze…

Frühere Postkarten mit mehr CO2 gibt es hier: Postkarten-Sammlung