Reisen 6.0 – Teil 10

Fortsetzung …

Noah war sehr verwundert über die wortkarge Begrüßung seitens Yumi. Schließlich haben sie sich soeben nicht vor der Dreh-Tür des heimischen Supermarkts getroffen, um ihre tägliche Ration eingeschweißtes Brainfood entgegenzunehmen. Nein, sie beide standen an einem Straßenrand in Old-Delhi.

Gerade eben aus zwei verschiedenen Tuk Tuks entstiegen. Noah war sich immer noch nicht klar, wie Yumi ihm über das VT@Home System nach Indien folgen konnte. Und genau weil das alles so unvorstellbar war, hätte er sich doch etwas mehr „Freude“ gewünscht. Aber immerhin hat sie ihm keine Szene gemacht, denn schließlich war er ja ohne Ankündigung vorgereist. Er beschloss, die Angelegenheit ruhen zu lassen, deutet auf einen Indischen Guide vor ihnen, der sofort die Führung übernahm. Gemeinsam bummeln sie durch die große Freitagsmoschee und beobachten Reisende aus aller Welt. Sie hüpfen Hand in Hand über die von der Sonne aufgeheizten roten Sandsteinplatten, um 30 Meter weiter ein schattiges Plätzchen für ihre dampfenden Fußsohlen zu erobern. Sie stehen an den Arkaden des gigantischen Bauwerks und lassen ihre Blicke über die quirlige Altstadt werfen. Der Guide führt sie weiter in das Viertel um den Chandni Chowk und läuft mit ihnen durch die wuseligen Gassen. Sie sehen Handwerk, Shops, Gewürze, Obst, Gemüse, Garküchen, Hunde, Kühe und sogar Affen in den Bäumen. Mal riecht es gut, mal eher übel. Noah tritt aus Versehen in eine knöcheltiefe Lache, Yumi wird von jedem Ladenbesitzer mit „Please come in my shop“ begrüßt. Ganz aufgeregt lassen sie sich so auf diese Weise in Richtung West treiben bis zur nächsten Moschee. Als die Gassen immer enger und einsamer werden, ist Noah heilfroh, einen Guide bestellt zu haben, denn die Orientierung in dem Viertel scheint unmöglich und Yumi klammert sich schon an ihn. Der Guide rät umzudrehen und deutet in Richtung Ost, Red Fort, ein besserer Ort zum Entspannen. Sie arbeiten sich wieder durch die Massen, kreuzen die große Straße, an der sie vor ein paar Stunden aus ihren Tuk Tuks ausgestiegen sind und bewegen sich auf das streng gesicherte Rote Fort zu. In der Grünanlage laufen sie die uralten Gebäude ab und finden Schatten unter großen Bäumen. 

In Noahs Sichtfeld erscheint auf einmal ein Countdown, der auf das anstehende Ende der Reise hindeutet. Ihm ist noch gar nicht nach Rückkehr. Überhaupt nicht nach seiner Micro-Flat im 82. Stock des Wohnturms. Es gibt hier noch so vieles zu bereisen, so vieles zu sehen. Und Yumi scheint es ja auch gefallen zu haben. Kurz streift er mit der Handfläche über die leere Sofafläche neben ihm.

Dann wieder der Blick auf den Countdown.
Er ist bei 00:00:10 angekommen. 
Zwei Buttons erscheinen.

Rechts: „Vielen Dank und auf Wiedersehen bei VT@Home“
Links: „Auf unbestimmte Zeit verlängern“

Noah muss nicht lange überlegen. Ohne Yumi zu fragen drückt er … Links.

Ende.
Vorläufig 😉

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 9

Reisen 6.0 – Teil 9

Fortsetzung …

Noah verharrte auf dem roten Sitzleder des Tuk Tuks und beobachte Yumi, die unerwartet aus dem anderen Tuk Tuk vor ihm gestiegen war. 

Seine Yumi stand dort tatenlos und wartend am Straßenrand. Sie wirkte wie in „stand by“, als würde sie auf irgendetwas warten. Was macht sie hier? Und wie ist sie hier nach Indien gekommen? Er widerstand der Versuchung, sofort zu ihr zu gehen und suchte zunächst einmal nach Erklärungen für diese Situation.

War Yumi dann doch noch in seiner Micro-Flat erschienen und ist ihm über die VT@Home-Box nach Delhi gefolgt? Um das herauszufinden, müsste er die Reise abbrechen, die Brille und die Elektronen abnehmen und auf die Sofafläche neben ihm schauen. Und er würde auf den Kosten für die Reise sitzen bleiben. Keine gute Idee. So eine Fernreise ist schließlich kein Schnäppchen.

Oder hatte Yumi mittlerweile in ihrer Wohnung auch eine solche Box stehen und ist über ihren eigenen Account nachgereist? Aber woher wusste sie dann, dass er nach Indien gereist war? Sind die beiden Boxes vielleicht ohne deren Wissen miteinander verbunden? Woher wusste VTS-Reisen von ihrer Beziehung? Vielleicht von ihrem ersten Trip über das Virtual Travel Center in 2023?

Oder ist es gar ein Feature von VTS, dass man mit seiner Freundin verreisen kann, ohne dass sie wirklich vor Ort ist. Wobei die Formulierung „vor Ort sein“ an sich ja schon sehr merkwürdig ist. Vielleicht ist sie nur hineinprojiziert, um ihn bei Laune zu halten. Vielleicht weiß sie gar nichts von ihrer „Anwesenheit“ hier in Indien. Oder hat er einen dieser grünen Schieberegler missverstanden, mit dem er die Reise individualisieren musste?

Möglicherweise steckt aber auch ein finsterer Typ dahinter, der einfach nur ihren Avatar nutzt, um ihm näher zu kommen und Informationen zu ergattern. Jemand aus seiner Firma, der seine Performance überwachen soll? Vielleicht ein Neider? Oder gar ein Gauner? Wer weiß das schon. All das ist möglich und auch schon passiert.

Aber wenn er sie einfach an diesem Straßenrand in Old Delhi stehen ließe, würde sie ausrasten, wenn sie ihm doch einfach nur gefolgt war, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Das konnte er nicht bringen.

Also stieg er aus dem Tuk Tuk, ging direkt auf sie zu und näherte sich ihr von der Seite.
„Hallo Yumi“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
„Ah. Noah, da bist du ja. Wollen wir?“

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 8

—> Reisen 6.0 – Teil 10

Reisen 6.0 – Teil 8

Fortsetzung….

Und wieder wurde Noah in New Delhi, am Connaught Place abgesetzt, wieder vor dem Khadi-Shop. So langsam gewann er Routine beim virtuellen Reisen. Wie auch bei den ersten beiden Testläufen taxiert er die Umgebung.

Diesmal wirkt alles sehr durcheinander und geschäftig. Entweder lag das daran, dass er die grünen Schieberegler zu oberflächlich positioniert hat oder Indien ist nun einfach mal genauso. Vielleicht von beidem etwas. Schnell wird es heiß und er beginnt zu schwitzen, er hat das Gefühl, einen Dieselgetränkten Lappen vor der Nase zu haben. In seinem Gesichtsfeld erscheinen Angaben zur weiteren Orientierung. Nach Süden geht es zum Regierungsviertel, nach Norden zum Bahnhof und nach Old-Delhi. Wohin zuerst? Normalerweise entschied so etwas immer Yumi. Aber sie hat die Reise mit der VT@Home-Box nun mal leider verpasst. Also? Norden! Altstadt. Von der hatte Noah schon so einiges gehört. Am Rande seines Sichtfeldes werden verschiedene Transport-Optionen eingeblendet, inklusive der Fahrzeiten und der geschätzten Tarife. Linien-Bus, Tuk Tuk, Ola Cab oder Taxi stehen zur Auswahl. Er wischt vor seinem Gesicht umher und wählt das Tuk Tuk. Wenn schon Altstadt, dann zünftig. Und sogar zu einem Festpreis. Das erspart ihm nervige Verhandlungen. Wie aus dem Nichts steht eine grün-gelbe Autorikshaw vor ihm und er steigt ein. Der Fahrer tritt ohne Worte aufs Bodenblech und kämpft sich durchs Gewühl der Stadt. Nach einer halben Stunde hält der Fahrer am Straßenrand. „Here we are. Old Delhi, Sir“. Er zeigt rechts auf das Rote Fort und links auf eine quirlige Straße, deren Name Noah kaum verstanden hat. Andere Tuk Tuk-Fahrer tun ihm gleich, fast synchron. Noah entrichtet den Fahrpreis und beobachtet dabei das Tuk Tuk vor ihm. Auch da zeigen Arme nach recht und dann nach links. Dann dauerte es einen Moment und eine Europäerin windet sich wie in Zeitlupe elegant aus dem Gefährt. In einer fließenden Bewegung, wirft sie ihre Haare in Form und setzt eine Sonnenbrille auf. „Wow“, denkt sich Noah. „Was für eine Fr …, die sieht ja aus wie …, aber das kann nicht sein …! Noah mach sich zwei Köpfe kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er muss nachdenken. „Wie zum Geier kommt Yumi hierher? Woher wusste sie…? Wie konnte sie hierher …?“

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 7

—> Reisen 6.0 – Teil 9

Reisen 6.0 – Teil 7

Fortsetzung …

Noah saß vor der Liste der grünen Schieberegler, mit denen er sich seine anstehende Indien-Reise  konfigurieren sollte. Etwas hilflos begriff er nun den Unterschied zum bisherigen Reisen über die Virtual Travel Center (VTC). Diese Reisen in den frühen 2020-er Jahren boten ja immerhin noch EIN gewisses Programm an. Dieses Erlebnis hat man sich vor Ort mit anderen Mitreisenden geteilt, man hatte also EINE gemeinsame Erfahrung. Das neue Reisen über VT@Home läuft nun vollständig individualisiert ab. 200 Länder warten mit ihren hunderten Zielen, deren „Experiences“ nun noch zusätzlich über diese Schieberegler „customized“ werden müssen. „Unser Ende wird die Auswahl sein“ brummelt er, als leichte Panik in ihm aufsteigt. Soll er die Reise einfach abblasen? Aber das Fernweh und der Durst nach einem Kulissen-Wechsel begleitet ihn nun schon seit Wochen und andere Formen des Reisens sind ja verboten. Er will reisen, aber befürchtet zugleich, dass er sich mit einer falschen Einstellung den ganzen Trip versaut. Mit etwas Erleichterung entdeckt er neben der Option „Einstellungen übernehmen“ auch die Möglichkeit einer „Vorschau“. Aha. Man konnte also die Einstellungen jederzeit verändern und mit der Vorschau ausprobieren, ob einem das zu erwartende Reiseerlebnis auch zusagt, bevor man dann kostenpflichtig bucht.

Etwas planlos schiebt er alle Regler auf die eher rechte Seite und wählt „Vorschau“. Ein Countdown zählt 3-2-1, es gongt und Noah findet sich auf New Delhi’s Connaught Place wieder. Südseite, vor dem Khadi-Shop. Es ist superheiß, die Luft verqualmt und der Himmel drückt schwefelgelb von oben herab. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von Hupen, Bussen, Trucks, Polizei-Sirenen und Bolly-Techno. Tausende Menschen bewegen sich um ihn herum, Köter, Ratten und Schlangen wimmeln in den offen Straßengräben durch den Müll. Ein Junge ohne Beine sitzt auf einem Rollbrett und zieht ihm am Hosenbein. Ein Mädchen mit verätztem Gesicht hält die verkrüppelte Hand für ein Bakshish hin, ein alter Greis wankt auf ihn zu, breitet die Arme aus und … „raus, raus, ich will raus hier“, brüllt Noah und wählt „Vorschau abbrechen.“ Es gongt und er findet sich zu Hause vor seiner VT@Home-Box wieder. Sein Herz rast, er schwitzt und atmet schnell. Da waren die Regler wohl zu weit nach rechts geschoben. 

Für einen weiteren Versuch, schiebt er alle Regler auf die linke Seite. Wieder wählt er die „Vorschau“, das System zählt von 3-2-1, gongt und setzt ihn wieder auf dem Connaught Place ab. Wieder vor dem Khadi-Shop. Es herrschen angenehme 24°C, die Luft ist klar, der Himmel blau. Der Verkehr ist mäßig, Autos summen geräuschreduziert vorbei, wenige Menschen sind auf der Straße und überqueren sie wohl geordnet an Ampelanlagen und Fußgängerüberwegen. Über den Platz klingen zarte Sitar-Töne, an jeder Ecke gibt es kostenloses Wasser und Früchte. Polizisten tragen keine Rohrstöcke, sondern Tablets, mit denen sie für die Bürger jederzeit ansprechbar sind. Kinder spielen auf der gigantischen Grünfläche in der Mitte des Platzes, Papageien sitzen in den großen Bäumen, Wasser sprudelt aus Springbrunnen und eine weiße heilige Kuh … „stop, stop, was soll denn der Blödsinn“, schimpft Noah und bricht die Vorschau wieder ab. Dieses Erlebnis war ihm zu albern, auch wenn er den Indern diesen Wandel ja wünschen würde.

Er will es aber noch einmal versuchen. Er ordnet die Regler eher in der Mitte an, belässt die Position der Knöpfe aber leicht unterschiedlich. Ein wenig Überraschung soll ja schließlich sein. Daher verzichtet er auch auf eine weitere Vorschau, wählt „Einstellungen übernehmen“ und dann „kostenpflichtig buchen“.

Oh shit … wo bleibt Yumi eigentlich?“, flüstert er.

Aber das System zählt unmittelbar von 3 auf 1 und es ertönt der Gong.

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 6

—> Reisen 6.0 – Teil 8

Reisen 6.0 – Teil 6

Fortsetzung…

Noah saß vor dem schwarzen Kunststoffkasten, den er vor wenigen Minuten ausgepackt und mit den ersten Einstellungen versorgt hatte. Hunderte Reiseziele warteten nun darauf, entdeckt zu werden. 

Er beschloss, nicht auf Yumi zu warten, sondern sich in dieser neuen Welt schon einmal etwas umzusehen. Er tippte auf „Entdecken“ und unmittelbar vor ihm entstand eine Weltkugel in seinem Zimmer. Mit einfachsten Gesten rollte er die blaue Kugel und überflog Länder, Inseln oder Gebirge. Er hielt kurz in Australien. Mit einem gut gelaunten „G`Day“ baut sich ein Australier vor ihm auf und beginnt, den Kontinent für eine Reise anzupreisen. Aber er rollte wieder zurück in Richtung Südostasien. Thailand … Sri Lanka … Indien. Ja warum nicht noch einmal Indien, war doch die letzte VTS-Reise mit Yumi in guter Erinnerung. Anstelle des Australiers erschien nun ein Inder, mit stolzem Bart und rotem Turban in seinem Zimmer. Auch er bewarb verschiedenste Trips und versprach höchste Individualität. Gleichzeitig nahmen Feuchtigkeit und Temperatur merklich zu. Gerüche von Gewürzen, Blüten und Sandelholz strömten aus dem Kasten. Noah gestikuliert ein OK, aber gleichzeitig zweifelt er, ob sich hinter der neuen VT@Home-Box nicht einfach die Heimvariante der bisherigen VTC verbarg. Aber nein, da schien mehr möglich zu sei. Die Konfiguration der VT@Home-Box ermöglichte neue „Experiences“, die so im Virtual Travel Center technisch unmöglich waren. Eine lange Liste von grünen Schiebereglern ließ die Reise nach Belieben „customizen“. Auf der linken Seite das europäisch vertraute, rechts dann das andere Extrem. 

Ein Auszug:

Reichtum—————Bittere Armut
Sauberkeit——-——Übelster Dreck
Sicherheit——-——Kriminalität
Rücksicht—————Egoismus
Null Bettler—-——Überall Bettler
Mücken———-——Kakerlaken,Schlangen

Warm——————Superheiß
Würzig———-——Mega-Scharf
Schön still————Immer laut
Fix-Preis—————Handeln

H&M——————Market
Aldi————-——-Market
DM———————Market

Noah flog über all die „Settings“. „Der Slogan Incredible India scheint durch Customizable India abgelöst worden zu sein“, brummelt er vor sich hin. Also, dass man sich seine Reise modular zusammenstellt, das gab’s ja auch schon früher bei den „alten“ Reisen, aber sich selbst das Land nach Belieben zu konfigurieren wie einen Frozen Yogurt oder Hamburger, das war nun neu.

Was soll er nun machen, fragt er sich. Alle Schieber auf links? Das wäre zu öde und dann könnte er auch gleich zum Asia-Imbiss um die Ecke gehen. All die Schieber nach rechts? Das wäre für Yumi zu viel und für VTS-Reisen wohl geschäftsschädigend. Sollte er überhaupt auch nur einen einzigen Parameter verändern? Dann hätte das kommende Reiseerlebnis ja gar nichts mehr mit der „Realität“ zu tun. Also entschied er sich für den „Standard“. Schließlich wolle er Indien so erleben, wie es wirklich ist. Aber es gab auf den ersten Blick auch keinen Button der „Standard“, „Default“ oder „Normal“ hieß. Nicht einmal „Varianten“ oder „Favoriten“ anderer User. 

<— Reisen 6.0 – Teil 1

<— Reisen 6.0 – Teil 5

—> Reisen 6.0 – Teil 7

38) Postkarte aus Berlinbestimmtnich

Es wird mal wieder Zeit für eine knackige Postkarte hier. Doch von wo soll ich denn eine Karte schreiben, wenn ich doch kaum reisen kann? Von Berlin etwa? Die Bilder vom Samstagabend waren weniger ansehnlich, eher erschreckend, verstörend, inakzeptabel!

In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung fand ich einen Artikel, der auf die 150-jährige Geschichte der Postkarte einging.
Zitat: „147 Millionen Postkarten beförderte die Deutsche Post 2019, 2007 waren es noch 210 Millionen.“
WhatsApp, Facebook und der Selfie-Sticks sind Schuld. Und nun kommt auch noch Corona dazu und lässt die Postkarten im Drehständer stehen und ausbleichen.

Aber ich habe auch gelernt, dass man sich elektronisch Postkarten schicken kann und man muss noch nicht einmal vor Ort gewesen sein. Wie „praktisch“. Die Umwelt wird’s gut finden. Die Reiseindustrie wohl weniger.

Aber jetzt mal angenommen, ich schicke Postkarten von Orten, an denen ich noch niemals war. Woher kriege ich dann die kitschigen Kühlschrankmagneten? Aber Ihr ahnt es schon, die Antwort liegt auf der Hand. Die gibt’s bei Herrn Bezos im Hochregal. Aus aller Herren Länder. Egal ob Zuckerhut, Taj Mahal oder Golden Gate Bridge. Ich will gar nicht drüber nachdenken, wo die hergestellt werden und welche Wege die zurücklegen.

Wenn ich mir ein paar meiner Magnete aus 2019 so anschaue, kriege ich schon Fernweh.

Hier noch mal zum Nachlesen

  1. Postkarte aus Dubai 2019
  2. Postkarte aus Mexico-City 2019
  3. Postkarte vom Taj Mahal 2019
  4. Postkarte aus Delhi 2019

 

Und wer es voll virtuell mag, der kann gern mit mir über die Zukunft des Reisens nachdenken. > Travel 6.0 

Reisen 6.0 – Teil 4

Fortsetzung …

Noah spielt seit ein paar Tagen den Gedanken, Yumi mit einer Reise zu überraschen. Die letzten Wochen waren für sie beide anstrengend, etwas Auslands-Urlaub wäre genau das richtige.

Da Fernreisen seit 2022 nur noch über VTS-Reisen möglich sind, erspart man sich langes Suchen im Internet oder den Weg ins Reisebüro. Die gemeinsame  >Indien-Reise im Januar war ein voller Erfolg. Das Klima, die Sehenswürdigkeiten, das Essen. Großartig. Sie denken oft daran zurück. Also öffnet Noah die VTS-App, tippt im Menü auf „Reise buchen“ und erwartet jeden Moment den virtuellen Reiseberater. Wie beim letzten Mal. Aber Fehlanzeige, stattdessen erscheint eine Information des CEO von VTS. Noah beginnt zu lesen.

Liebe VTS-Reisende,

Ursprünglich als Konsequenz aus der Klima-Krise entwickelt, hat sich VTS zum Marktführer entwickelt. Wir danken Ihnen für ihr Vertrauen und ihre zahlreichen Buchungen. Aber die Corona-Pandemie geht auch an VTS nicht spurlos vorbei. Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretung haben beschlossen, dass Geschäftskonzept an die aktuelle Lage anzupassen. Wie sie wissen, sind die Virtual Travel Center in den deutschen Städten ein wesentlicher Bestandteil der VTS-Reisen. Diese lassen sich aber aufgrund der gebotenen Hygiene-Regeln nicht mehr nutzen. Neue Ideen müssen her. Wir freuen uns, ihnen heute unser neues Programm VT@Home vorstellen zu können. Informieren Sie sich, nutzen Sie die Eröffnungsangebote, wir würden uns freuen, Sie an Board von VTS-Reisen begrüßen zu dürfen!

Herzlichst, Ihr
Hans-Jürgen Oberheiner
CEO VTS Reisen

Noah ist etwas verwundert. Soll ihm diese Nachricht nun echt einen Strich durch seine Pläne machen? Er hatte sich doch so gefreut. Unterhalb der Nachricht des CEO folgt eine Anzeige von VTS-Reisen. Er liest weiter.

Join VT@Home

Bestellen Sie Ihre VT@Home-Box noch heute und genießen sie die Vorzüge des neues Reisens! Wir bringen ihr Traumland nach Hause zu ihnen aufs Sofa.

  • Nie wieder Visum, Impfung, Jetlag und Magenverstimmung!
  • Ganz ohne Pass-Kontrolle und Wartezeit am Kofferband!
  • Nahezu frei von Masken und mit sehr geringem CO2-Verbrauch!

Freuen Sie sich auf individuelles Reisen, bummeln sie über Bangkoks Märkte, wandern sie entlang des Grand Canyon, besuchen Sie Machu Picchu oder erleben sie Delhi oder Peking bei bester Luftqualität!

Durch unsere Tarife „VTS Now“, „VTS Weekend“ und „VTS Flat“ ist für jedes Reiseverhalten und Budget etwas dabei.

Wählen Sie aus einer Vielzahl von Zusatz-Angeboten, die von lokalen Anbietern in den eigenen vier Wänden erbracht werden.

Auszug:

  • Thai-Massage, Nagelpflege
  • Meditation, Yoga, Tai Chi
  • Ü18-Angebote je nach geltender Corona-Regelung
  • Kochabend mit beurlaubtem Kreuzfahrt-Koch
  • 1:1 mit ehemaligen 747-Piloten (im Sonderangebot)
  • Auswahl an Souvenirs (abhängig Verfügbarkeit)

Natürlich reichen wir die Mehrwertsteuerreduzierung an sie weiter!

Unter der Anzeige findet Noah zwei Buttons.

Links „Abbrechen“. Rechts „Traumreise buchen“

Er zögert…

<— Reisen 6.0 – Teil 1

< Reisen 6.0 – Teil 3

—> Reisen 6.0 – Teil 5

36) Souvenir

Wenn man auf Reisen ist, so kommt man irgendwann an einem Souvenir-Shop vorbei. Denen kann man ja kaum entgehen. Auch wenn unsere Welt immer digitaler, virtueller und kleiner wird, scheint das Souvenir aber nicht auszusterben. Ganz im Gegenteil, es wird gekauft, als gäbe es keinen Morgen.

Auch wenn da manchen Entwicklungen echt skurril sind:

  • In jedem Shop gibt es grundsätzlich immer dasselbe Grundsortiment. Kaffee-Tasse, Kugelschreiber, T-Shirt, Base-Cap und Jute-Beutel. Nur Slogan und Aufdruck sind unterschiedlich. Häufig gibt es auch eine Schnee-Kugel. Auch wenn es da an dem Ort gar nicht schneit. Die Touristen wollen das so, weil es eben überall so ist.
  • In manchen Städten bekommt man dann noch lokale Spezialitäten oben drauf. In Amsterdam gibt‘s Clogs aus Plüsch und Grill-Schürzen mit Pimmel-Mann vorn dran. In Mexico-City mögen sie anscheinend Toten-Köpfe sehr gern. Da freut sich auch die Oma hier daheim. In Berlin gibts einen nie endenden Vorrat an „original“ Mauer-Stückchen. In Delhi findet man für seine letzten Rupees ein filigranes Taj Mahal aus Marmor, von Kinder-Händen gefertigt. Die können das besser.
  • Das Shop-Sortiment wurde mittlerweile etwas an das digitale Zeitalter angepasst. Man bekommt nun also auch Maus-Pads, Handy-Hüllen, Power-Banks und Selfie-Sticks. Denen kann man ja noch etwas praktisches abgewinnen, der Rest ist eher zum Hinstellen und Einstauben.
  • Die Leute kaufen immer noch Kühlschrankmagneten, obwohl die meisten Kühlschränke fest in deutsche Küchen eingebaut sind. Die Magnete bleiben an den Holzblenden gar nicht mehr haften. Vielleicht sollte ich da mal etwas erfinden. Einen alternativen Kühlschrank-Magneten-Halter, ohne Kühlschrank.
  • Schaut man bei Souvenirs aufs Etikett, stellt man häufig fest, dass sie aus China kommen. So kann es leicht sein, dass Chinesen auf Europa-Reise ihre eigenen Produkte kaufen und wieder zurück nach China bringen, auch wenn „Greetings from Kopenhagen“ draufsteht.

Wem die ganze Reiserei auf den Sender geht oder wer sich vor lauter Flug-Scham quält, der kann die Souvenirs auch bequem im Versand-Handel bestellen. Da muss man gar nicht mehr den weiten Weg nach Melbourne, Buenos Aires oder Rio fliegen. Stattdessen kommt der Fridge-Magnet Typ „Zuckerhut“ per Post nach Hause. Fragt sich nur, ob aus Brasilien oder aus China. Dann noch einen Caipirinha mixen und auf YouTube die „Best off Rio in 10 Minutes“ klicken.

Fertig.  Schön war‘s

Mehr verrückte Welt gibt’s hier

 

14) Postkarte aus Delhi

Bevor wir Delhi wieder verlassen, möchte ich schnell noch eine Postkarte verschicken. Wie immer bei meinen Postkarten, soll es kurz und knackig sein. Reiseführer gibt‘s schon genug. Diesmal war ich mit Familie hier. Wir wollten einen guten Mix erleben und die Kids dabei nicht überfordern. Ein kurzer Abriß der letzten Tage also …

Sonntag: 

  • Rundgang am Connaught Place zum Ankommen und Orientieren
  • Jantar Mantar (Astronomische Sternwarte nahe Connaught Place)
  • Nirula Bazar (Indian Shopping auf mehreren Etagen)
  • Lodi Garden (Schöne Grünanlage, Grabstätten, Spielplätze, Teich) —> folgendes Bild

B050D2E2-4190-4F43-80BC-CDE4ABC770E3

 

Montag:

  • Jamma Mashid (drittgrößte Moschee der Welt in Old Delhi)
  • Raj Gath (Verbrennungsstätte von M. Ghandi und anderer Politiker)
  • Humayun’s Toomb (Gigantisches Grabmal in schöner Grün-Anlage) —> folgendes Bild

3699E4B3-2B07-45AF-BED0-D83A83BFFB48

  • India Gate (Großes Tor zu Ehren Indischer Soldaten, die im 1. WK ihr Leben verloren) —> folgendes Bild

06A428AD-8C28-4D88-9E58-48FED370DDC1

  • Raj Path (Regierungsviertel)
  • Spaziergang in Chanakyapuri (nettes Diplomaten-Viertel)
  • Shanti Path (Botschaftsviertel)
  • Qutub Minar (75m hohes Minaret) —> folgendes Bild

C64289E1-09D1-4A7C-8B57-23B7FF4517DE

  • Sikh Tempel (Tempel-Anlage incl. Großküche für 10.000-15.000 kostenlose Essen pro Tag) —> folgendes Bild

98C55472-4B32-4274-9FBA-72B43ED220D7

 

Mittwoch

  • Fahrt nach Madanpur Khadar (Siedlung für ehemaliges Slum-Bewohner)
    • Besuch von Patenkind A. und ihrer Familie, begleitet von NGO-Mitarbeitern
    • Besuch einer Jungs-Klasse zum Thema „Safety for Girls“
    • Besuch einer Mädchen-Klasse zum Thema „Computer + Internet“
    • Besuch einer Versorgungsstätte für Behinderte Kinder und deren Eltern
  • Rundgang Connaught Place, Palika Bazar
  • Jan Path Bawan und Jan Path

 

Donnerstag

  • Red Fort (berühmte Festungsanlage in Old Delhi) —> folgendes Bild

80DC2B36-3417-4EA2-A40E-2BA7333C736E

  • Chadni Chowk (quirlige Straße in Old Delhi)
    —> folgendes Bild, leider kann mir hier keine Geräusche, Gerüche und Flüssigkeiten hochladen

2B417426-2371-4208-9F8A-9DC96D196F42

  • Ghandi Smriti f.k.a. Birla House (Gelände, auf dem Ghandi seine letzten 144 Tage verbrachte und erschossen wurde), ein stiller Ort zum Nachdenken!!
    —> folgendes Bild

98413394-BE9A-4761-A1CB-513C17F930E0

 

Und was ist mit Skurrilitäten?

Die gibt es hier in Delhi natürlich zu Hauf, die kann ich gar nicht alle aufschreiben. Ich kann nur jedem raten, den Chandni Chowk einmal auf und ab zu gehen. Dann hat man quasi das „best off“ der verwirrendsten Eindrücke erlebt. Genug brain food.

Stadtplanung:

Auch die Stadtplaner von Delhi haben sich etwas Futuristisches einfallen lassen. Sie wollen den Chandni Chowk in eine begrünte Fußgänger-Anlage verwandeln!?

So informiert zumindest —> folgendes Schild

ADA38B9D-91F6-433E-A503-E255F0CED5CA

Also ehrlich, liebe Leser, wenn das so kommt, fresse ich einen indischen Besen und Delhi ist um ein Kultur-Gut (wenn auch ein sehr dreckiges) beraubt!

Verständigung:

Das Indische English ist reich an Missverständnissen, hier nur ein paar Beispiele.

  • Sagt jemand im Hotel „Pös Por“, heißt das nicht „Passport“ sondern „First Flor“.
  • Spricht ein Guide von einer „Muschi“, meint er nicht seine Katze 😉 sondern eine Moschee.
  • Erwähnt der Fahrer einen „Missing Helmut“, ist nicht vom verlorenen Onkel in Deutschland die Rede, sondern von der fehlenden Helmpflicht…also von „missing helmet“

 

Frühere Postkarten aus Indien:

 

 

12) Prekarte nach Indien 2019

Ab und zu veröffentliche ich ja hier auf meinem Blog auch digitale Postkarten, um über Eindrücke und Kuriositäten in der Ferne zu schreiben. Postkarten heißen vermutlich deshalb Postkarte, weil man sie mit der Post verschickt. Irgendwie naheliegend. Vielleicht deutet aber auch das Wörtchen „Post“ darauf hin, dass die Karte immer erst „nach dem“ Erlebnis folgt.

So wie in posttraumatischer Belastungsstörung. Nur halt positiver. Alles nicht sprachwissenschaftlich belegt und etwas an den Haaren herbeigezogen, beschäftigt mich es aber nun doch. Wenn wir also auf einer Reise ein paar Impressionen nach Hause schicken, dann könnte man das doch eigentlich auch vor der Reise tun, oder? Abgeleitet von dem Begriff Postkarte, würde man quasi eine Prekarte schreiben. Die verschickt man nicht an die Heimat, sondern an das Reiseziel. Ganz einfach. 

Schon mal gemacht? Ich nicht. Aber ich probiere es heute einfach mal aus.

Liebes Indien,

Viele liebe Grüße senden wir aus Berlin. 

Das Wetter hier ist absoluter Mist, die Verpflegung aber gut, Personal habe ich allerdings schon länger nicht mehr gesehen. Wir haben die Nase voll vom Winter und wollen endlich in die Sonne!

Wir alle sind schon sehr aufgeregt. Manchmal sprechen wir beim Essen über schwierige Fragen. „Wie lange werden wir fliegen? Wieviel davon über Wasser? Fliegen wir auch über Syrien? Wird es solch eine Boing sein, über die man dieser Tage in den Nachrichten spricht?“ Als Vielflieger versuche ich dann mit statistisch/technischem Halbwissen zu überzeugen.

In den letzten Wochen haben wir unserem Hausarzt und der Pharma-Industrie kräftige Umsätze verschafft. In unseren Impfausweisen haben wir nun ein paar Aufkleber mehr, insbesondere auf den exotischen Seiten im hinteren Bereich des gelben Heftes. In den nächsten zwei Jahren sollten wir am besten wieder nach Asien reisen, damit sich das  mehrfach rechnet. Ich schaue mich schon einmal nach Reisezielen um.

Aber nun zurück zu dir. Zunächst wollen wir uns also etwas in deiner Hauptstadt herumtreiben. Dann besuchen wir dein berühmtes Taj Mahal. Wieder zurück in Delhi möchte ich noch ein paar Orte sehen, die bei meinem letzten Besuch in 2015 zu kurz gekommen waren. Und wir werden A. und ihre Familie besuchen! Das wird sicher ein unvergessliches Erlebnis. Zu guter Letzt geht es dann noch ans Meer, um die tausenden Bilder im Kopf zu sortieren und die Seele baumeln zu lassen.

Also, wir freuen uns auf deine Menschen, deine heiligen Kühe, den allgegenwärtigen Trubel, den chaotischen Straßenverkehr und das pausenlose Gehupe in der Stadt. Wir sind gespannt auf deine Tempel und Moscheen, auf deine Farben und Gerüche. Auch wenn nicht alles immer farbig sein und gut riechen wird. Ganz klar. Vieles wird zum Himmel stinken und schwer zu erklären sein. Manches wird wütend und hilflos machen. Das wissen wir. Trotzdem freuen wir uns und zählen die Tage schon rückwärts.

Also, mach‘s gut, wir sehen uns ja. bald. Ach so … und noch etwas. Wäre echt cool, wenn wir bei der Einreise nicht ewig warten müssen und der Taxi-Fahrer den Weg ins Hotel kennt. DANKE

 

So, das war nun meine erste Prekarte. Noch etwas ungewohnt, aber durchaus ein interessantes Format. Habe ich nun der eigentlichen Postkarte vorgegriffen? Gibt es denn überhaupt noch Stoff für weitere Postkarten aus Indien? Irgendwie bin ich mir sicher, dass es genug zu berichten geben wird…

Frühere Postkarten aus Asien: