123) Datenschutz Berliner Art

Egal ob nun dienstlich oder privat, jeder wird nun schon mal von Datenschutz und Datenraub gehört haben. Vielleicht fühlt man sich übersensibilisiert oder verschreckt, vielleicht ist man aber selber schon Opfer gewesen. 

Ob nun Konto leer geräumt,  heikle Fotos im Internet wiedergefunden, die Kreditkarte gehackt oder eine Rechnung für zehn Rolex-Uhren bekommen, die man selber nie bestellt hat. Alles doof irgendwie, wenn man nicht auf seine Daten aufpasst.

Gestern in den Räumen der Spaßkasse um die Ecke:

Ich brauche etwas Bargeld also nähere ich mich den Türen des Instituts. Zwei kräftige Wachleute öffnen mir dir Tür (nicht der >humanoide Tür-Roboter, der sonst nach Ladenschluss dort die Türen öffnet). Sie fragen mich, ob ich Geld am Automaten abheben wolle. Ich nicke artig und ziehe mein ehemaliges Freizeithemd über Mund und Nase. Dann gehe ich zum Automaten und lasse mir ein paar Scheine auswerfen. Außerhalb meines Blickfeldes, entsteht ein kleiner Tumult.

Eine Frau kämpft mit einem Self Service Terminal und flucht vor sich hin. „So ein Scheiß-Ding“ …. „Was soll der Schwachsinn … „Maaaan, du kannst mich mal“ und so weiter. Auf einmal keift sie durch den Automatenraum der Spaßkasse: „Ey. Dit is Daaaaaatenschuuuutz, maaaaan!“

Ein kleiner, älterer Herr mit grauem Haar steht an ihrer Seite, wedelt beschwichtigend mit den Händen und redet auf sie ein.

„Nun entschuldigen s’e mal, ick wollte doch nur den Spaßkassenchef holen, damit der sie helfen kann mit den Jerät da“, sagt er und zeigt auf das Terminal, will sie beruhigen.

Die Wachleute halten Abstand und mischen sich da besser mal nicht ein. Ich muss weiter.

Ach Berlin, du kannst so hässlich sein,
aber beim Datenschutz bist du mit Abstand ganz vorn.

54) CCTV – bitte lächeln

Wer mit offenen Augen durch Flughäfen, U-Bahnen und Supermärkte geht, wird immer mehr Video-Überwachung wahrnehmen.

Selbiges Erlebnis folgt auf öffentlichen Plätzen, Tankstellen, Bahnhöfen oder am Rande von Baustellen. Man kann auch CCTV dazu sagen. Klingt niedlicher. Nun will ich hier keine Diskussion vom Zaun brechen und schon gar nicht Hardliner der konträren Lager an den schreib.blog bitten. Nein, dass will ich nicht, ich werde mich auch nicht daran beteiligen. Ich stelle nur für mich fest, was ich beobachte und dabei fühle.

  • Ja, in manchen Situationen beruhigen mich diese elektronischen Augen. Zum Beispiel abends, unterwegs mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß in bestimmen Ecken Berlins, wo man nur schnell vorbei will. WO?
  • Aber dann ist ja in diesem Moment nicht nur meine Visage festgehalten, sondern eben auch Situationen. Und zu diesen Situationen gehören auch andere Menschen wie Familien, Kollegen oder Freunde. WER?
  • Zusätzlich zu den zwischenmenschlichen Beziehungen des Moments, kommen meine Emotionen, Verhalten, Macken, Ticks, Vorlieben und Routinen auf die Festplatte des großen Bruders. WIE?
  • Dazu noch die Tätigkeit, die ich in dem Moment der Aufnahme eben so tue. Welches Buch ich lese, ob ich mir an der Bar ein Bier bestelle oder mir einfach nur mal am Hintern kratze. WAS?
  • Und letztlich kommen noch all die quantitativen Daten wie Überweisungen, Kontostände, Treuepunkte, Herzen, Meilen, Kilo, Schritte und Stockwerke hinzu. WIEVIEL?

Jedes „W“ für sich allein, scheint für uns zunächst entbehrlich. Da kann man gern sagen, „scheiß drauf … ich habe nichts zu verbergen … sollen die das doch wissen“. Wenn ich doch aber nichts Böses im Schilde führe, frage ich mich … WARUM?

PS: Liebe Leser, das Thema polarisiert vermutlich. Persönliche Kommentare sind gern gesehen, aber verschont mich mit Zitaten aus Wahlprogrammen von Links, Rechts, Oben, Unten, Blau oder Gelb 😉

22) Social Credit System

Ich habe neulich einem Podcast zugehört, beim dem ging es um das Social Credit System, welches aktuell in China aufgebaut wird.

Offiziell will man die Moral in der Gesellschaft heben, mehr Ordnung und bessere Menschen schaffen. So habe ich das zumindest verstanden.

Was passiert da?

Für gutes Benehmen, vergibt eine App fortan Punkte, für schlechtes Verhalten kassiert sie wieder Punkte ein. Was gut oder schlecht ist, entscheidet aber nicht die Gesellschaft sondern der Betreiber. Also der Staat. Und damit das nicht so umständlich läuft, wie das Kleben von Konsum-Marken, werden Stück für Stück andere IT-Plattformen angebunden und melden gute wie schlechte Taten an die App. Kameras im öffentlichen Raum decken immer mehr Fläche ab und dokumentieren das Verhalten. Gesichts-Erkennung ist völlig normal, von der Gang-Erkennung verspricht man sich noch viel mehr Zuverlässigkeit. Vorbildlich lebende Menschen werden in höchsten Tönen gelobt, Petzen und Anschmieren von anderen Menschen ist vorprogrammiert. Vielleicht bekommt man da sogar noch Punkte dazu? Durch dieses Meer von Daten lassen sich auch super-easy Sanktionen gegen Kritiker umsetzen, deren Punktestand vermutlich dauerhaft in den Miesen ist. Deren Accounts kann man sperren, Mobilität und Kommunikation einschränken und sogar die Bezahl-App austrocknen, ohne die künftig kaum noch etwas funktioniert.

Das muss man sich mal für unseren Alltag vorstellen:

  • Alles, was wir heute schon selber freiwillig sammeln (z.B. Kilometer, Stockwerke, Kilogramm, Meilen, Payback-Punkte, Treueherzen usw.) wird direkt an diese App übermittelt. Und zwar nicht die Punkte, sondern die Rohdaten. Ein wahrer Schatz. Die Punkte vergibt dann die Social Credit App. Der Maßstab kann beliebig angepasst werden. 
  • Alle elektronischen Zutrittssysteme und Mitgliedschaften melden unsere Bewegungen (z.B. Schwimmhalle, Fitness-Center, Fluggesellschaften, Car-Sharing, Navi, Schmuddel-Video-Shop und Massage-Extase-Oase). Das ist Grundvoraussetzung für deren Gewerbe-Erlaubnis.
  • Für „vorbildliches Verhalten“ gibts künftig Punkte von Vater Staat. Wenn man die StVO exakt befolgt, Organ-Spender ist, Sonntags in die Kirche geht und sich alle drei Jahre einen nagelneues deutsches Auto kauft. Taucht man auf einer Demo oder auf dem Volksfest einer Partei auf, kommt’s drauf an bei wem. Bonus oder Malus. Je nachdem wer gerade regiert.
  • All das gegenteilige „schlechte Verhalten“ wird sofort in Abzug gebracht. Versäumte Schulhof-Feste werden von der Power-Eltern-App gemeldet. Zu viel Screentime kommt von der Streaming-Plattform. Kritische Inhalte auf Blogs, führen bereits zu Punkt-Abzug, noch bevor man den „Veröffentlichen“-Button gedrückt hat.
  • Bei jedem Abruf einer privaten oder staatlichen Leistung, bei jedem Event, bei Bewerbung und auch beim Online-Dating muss man künftig seinen Punktestand ausweisen. Je nachdem wie es um diesen bestellt ist, bleibt man draußen oder man muss das oder den nehmen, der übrig bleibt.
  • Findige Streber mit Geschäftssinn werden ihre Punkte-Überschüsse verkaufen und damit steinreich werden, da Menschen mit wenigen Punkten ihren Wucher-Bedingungen chancenlos ausgeliefert sind
  • Mit dem Renten-Eintrittsalter werden nicht nur die Rentenpunkte gezählt, sondern auch der „Final Lifetime Social Score“ beim Social Credit System ermittelt und gegengerechnet. Das Ergebnis bestimmt die Höhe der Grundrente, die Güteklasse und Location des Altenheims und die Form der Bestattung. Senator oder Holzklasse?

Ein Cocktail aus Orwells „1984“ und Hollywoods „In time“.

Gruselig.