65) Auf‘m Kasten

Sagt mal, bin ich der einzige dem auffällt, dass das Graffiti-Problem hier in den letzten Monaten vollends aus dem Ruder zu laufen scheint?

Woran mag das liegen?

  • Glauben diese „Künstler“, Polizei und Bahn-Sicherheit haben eh anderes zu tun in diesen Tagen, statt des Nächtens über Straßen und Gleise zu streifen?
  • Verschafft Corona den Typen einfach zu viel Zeit, um nachts ihre „Kreativität“ auszuleben? Und das nötige Kleingeld gleich noch mit dazu?
  • Meinen die etwa, nur weil aktuell jeder irgendetwas behaupten kann und „schon immer mal sagen können wollte“, dürfen die ihren geistigen Dünnpfiff auf Wände und Denkmäler sprayen?

Nicht falsch verstehen, ich mag Street Art und man kann in Berlin beeindruckende Werke finden. Richtig coole Sachen habe ich auch in >Sao Paulo und >Melbourne gesehen. Aber dieses planlose und destruktive Geschmiere, hat nichts mit Kunst zu tun. Da kann man mir nix erzählen. Das braucht man nicht einmal zu versuchen.

Eine Schule im Viertel hat letztes Jahr einen Deal mit dem Energie-Versorger gemacht und durfte die Stromkästen in der Umgebung gestalten. Und dabei sind auch coole Motive entstanden. Die haben‘s halt auf dem Kasten 😉

Aber seht selbst.

Mein Favorit ist der Astronaut. Welches findet ihr am besten?

161) Mit Zettel und Stift 3

Mahlzeit, da bin ich wieder. Ein frohes neues Jahr noch!

Wer meinte, im Januar 2021 wird schlagartig alles besser, wird spätestens beim Neujahrsspaziergang gestern gemerkt haben, dass uns mindestens mal 12 graue Wochen bevorstehen, bis wir ansatzweise Frühling kriegen. Was man da machen kann?

Nüscht. Die Nerven behalten, mit offenen Augen vor die Tür gehen und sich über die dargebotenen Skurrilitäten wundern. 

Berlin war schon immer ein Eldorado für Zettelschreiber und Schilder-Fetischisten. Mit C_r_na tobten sie sich dann aber erst recht aus. Man kann heute kaum noch durch Schaufenster schauen, alle sind zugeklebt mit Verhaltenshinweisen (Maske, Abstand, etc) , Hinweisen zu Online-Bestellungen und Treueschwüren im Tone „Wir sind bald wieder da“. Oder Verabschiedungen im Stile „Alles muss raus, wir schließen“.

Aber ich will dem fiesen Virus nicht gleich wieder so viel Aufmerksamkeit schenken. Also starten wir erst einmal Viren-frei.

Das erste Exemplar kommt kunterbunt daher, schön gestaltet, aber ich habe auch nach mehrmaligem Lesen nicht verstanden, worum es eigentlich geht.

Das nächste Ding, ist eher düster und man muss schon nah herantreten, um es lesen/fühlen zu können. Allerdings frage ich mich schon, wie ein offizieller Wegweiser in den 2020-er Jahren wirklich noch „Duft und Behinderten Garten“ lauten kann. Übel. Die deutsche Sprache ist doch zu mehr fähig.

Die nächste Botschaft ist wieder handgeschrieben und zeugt von unseren Wohlstandsproblemen. Nun kann man wunderbar spekulieren, wie die Geschichte ausgeht. Werden sie sich finden und gemeinsam mit dem Benz in die Sonne fahren?

Und dann wieder so ein typisch deutsches Schild. Ein kleiner Stadtpark um die Ecke wurde ganze zwei Jahre saniert. Fußwege neu, Rasen und Spielgeräte, alles neu. Und damit alles seine Ordnung hat, gibt‘s an der einen Wiese ein stattliches Schild. Als wenn das auch nur irgendeinen interessieren würde, dass nur diese Wiese zum Liegen da ist. Eine Woche später war das Schild mit Edding verziert, jetzt kann’s keiner mehr lesen.

Die nächsten Hinweise kommen von der Stadt und zeigen uns seit letztem Frühjahr die Verhaltensregeln im Volkpark. In verschiedenen Sprachen. Denn Berlin ist ja multi-kulti. Die Reste der Schilder hängen immer noch da, völlig aufgeweicht und unbeachtet.

Und zum Schluss gibts noch etwas Brain Food in gelb.

<— Mit Zettel und Stift 1

<— Mit Zettel und Stift 2

159) Corona-Lektionen 59

Kaum ist der Weihnachtsbraten verdaut und Winnetou hat in die ewigen Jagdgründe eingecheckt, rollen LKW mit Polizeischutz über Europa‘s Autobahnen. Ein Anblick der Hoffnung macht. Denn sie haben den heiß ersehnten Impfstoff geladen. 

Beim Impfstoff wird mir wunderbar klar, wie verzerrt manchmal unsere zeitliche Wahrnehmung ist. Die Wartezeit auf diesen edlen Tropfen fühlte sich elendig lang an, dabei sind doch gerade erst einmal 10 Monate vergangen, seitdem das Virus an unsere Türen geklopft hat. Ein Rekord ist das. In unserer „Bestellichmalebenonline“-Welt wird uns mal gesund ins Gedächtnis gerufen, dass die Dinge nun mal ihre Zeit brauchen und dass man das Zeug auch nicht bei der nächsten Packstation abladen kann.

Beim kurzen Freigang durch den Kiez fällt auf, dass nur zwei Drittel der Parkflächen belegt sind. Wo sind all die Autos hin? Sind die nach Bayern und ins Schwabenland gefahren? Na ob das so angebracht ist in diesen Tagen. Vermutlich war es eine gute Entscheidung, dass neue Jahr mit Homeschooling zu beginnen, so dass die Familien in der Wohnung ausdünsten können. Und es müsste mal langsam etwas kälter werden. Im Stadtpark herrschte ausgelassene Stimmung gestern. Da wurden Gewichte gestemmt und Beachvolleybälle übers Netz geschmettert.

Apropos Stimmung. Sylvester steht vor der Tür. Und das, was Umweltschutz, Tierschutz, Gesundheitsschutz und Lärmschutz, jahrelang nicht geschafft haben, macht dieser kleine fiese Virus nun mit einem Fingerschnipp. Ohne Finger sogar. Es gibt nun ein Böllerverbot an öffentlichen Plätzen und es gibt auch keine Böller zu kaufen. Ein Novum. Und dann gleich noch eine Primäre. Der Supermarkt um die Ecke informiert bereits frühzeitig mit einem Plakat und drei Ausrufezeichen, dass es ab 31. Dezember 14:00 keinen Alkohol mehr zu kaufen gibt. Ich glaube, dass gab‘s noch nie im Land der Germanen. 

Wird „Dinner for One“ nun noch schnell umgeschrieben? Stößt Butler James fortan mit Himbeer-Brause an? Werden LKW Konvois aus dem kalten Osten über die Oder zu uns kommen, um uns im Rahmen einer humanitären Aktion mit Polen-Böllern und Kartoffel-Fusel zu versorgen? Es bleibt spannend.

Bis bald. 

<— Corona-Lektionen 58

—> Corona-Lektionen 60

140) Hinten raus

„Hinten raus“, das klingt irgendwie oll, oder? Fast so wie „Hintern“. Oder „Hinterteil“.

Aber „Hinterhaus“ und „Hinterhof“ auch. Schmuddelig, düster, eng. Auf jeden Fall einfach. Um so weiter hinten, um so mehr. Und „Seitenflügel“ dagegen, klingt zwar leicht und edel, macht’s aber nicht besser. Heute sagt man „Gartenhaus“.

Da wo ich groß geworden bin, gab es viele solcher Höfe und ich denke gern an sie zurück. In den zwei, drei Höfen hintereinander, konnte man viele Abenteuer erleben. Die Höfe waren frei zugänglich, es gab keine Wechselsprechanlangen oder Video-Kameras, die den Zugang versperrten. Im Sommer waren die Einfahrten und Durchgänge angenehm kühl. Im Winter dann duster und arschkalt, es roch nach Ofenheizung, Eintopf und Bohnerwachs. So konnten wir ewig über die Höfe tingeln, auch die Türen der muffigen Kellersysteme in den Altbauten standen meist offen. Großartige Verstecke gab es dort unter der Erde. Bis der Suchtrupp keine Lust mehr hatte, zu suchen. Oder der Gesuchte keine Lust mehr, noch länger zu warten. Wir kletterten über Ziegel-Mauern, erklommen Garagen-Dächer und experimentieren mit Streichholz, Klebstoff und Zündplättchen von der Rolle.

„Macht, dass ihr weg kommt da, sonst bin ick glei‘ unten!“ rief es oft von oben.

Und wenn 18:00 Uhr die Kirche läutete, war es Zeit zu gehen.
Nach Hause. Zum Abendessen. 
Und, wie war‘s heute?“ 
„Jut, war nüscht besonderes.“

Der morbide Charme ist vergangen, die Schornsteine qualmen nicht mehr … 

 

139) Mit Zettel und Stift 2

Man könnte meinen, die Mitmenschen glotzen nur noch auf Displays und tippen auf Tastaturen. Aber mit Zettel und Stift wird doch immer noch eine ganze Menge kommuniziert hier in der großen Stadt.

Ob Hilferufe, politische Statements oder kriminaltechnische Kreidemarken. Jeden Tag gibt es etwas Neues zu lesen. Den ersten Teil habe ich ich im Dezember 2019 veröffentlicht. Kaum zu glauben, es scheint eine halbe Ewigkeit zu sein.

Und weiter geht‘s!

Sie können verwirrend sein …
… auch irgendwie vergessen …
… oder hochaktuell ….
… oder herzzerreißend …
… und beängstigend … was ist hier geschehen …
… zu guter Letzt aber irgendwie auch wieder gut!

Und liebe Leute? Gut gewesen? Oder irgendwie doof? Feedbacks und Kommentare gern unten drunter.

Schönen Sonntag!
T.

<— Mit Zettel und Stift 1

—> Mit Zettel und Stift 3

38) Postkarte aus Berlinbestimmtnich

Es wird mal wieder Zeit für eine knackige Postkarte hier. Doch von wo soll ich denn eine Karte schreiben, wenn ich doch kaum reisen kann? Von Berlin etwa? Die Bilder vom Samstagabend waren weniger ansehnlich, eher erschreckend, verstörend, inakzeptabel!

In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung fand ich einen Artikel, der auf die 150-jährige Geschichte der Postkarte einging.
Zitat: „147 Millionen Postkarten beförderte die Deutsche Post 2019, 2007 waren es noch 210 Millionen.“
WhatsApp, Facebook und der Selfie-Sticks sind Schuld. Und nun kommt auch noch Corona dazu und lässt die Postkarten im Drehständer stehen und ausbleichen.

Aber ich habe auch gelernt, dass man sich elektronisch Postkarten schicken kann und man muss noch nicht einmal vor Ort gewesen sein. Wie „praktisch“. Die Umwelt wird’s gut finden. Die Reiseindustrie wohl weniger.

Aber jetzt mal angenommen, ich schicke Postkarten von Orten, an denen ich noch niemals war. Woher kriege ich dann die kitschigen Kühlschrankmagneten? Aber Ihr ahnt es schon, die Antwort liegt auf der Hand. Die gibt’s bei Herrn Bezos im Hochregal. Aus aller Herren Länder. Egal ob Zuckerhut, Taj Mahal oder Golden Gate Bridge. Ich will gar nicht drüber nachdenken, wo die hergestellt werden und welche Wege die zurücklegen.

Wenn ich mir ein paar meiner Magnete aus 2019 so anschaue, kriege ich schon Fernweh.

Hier noch mal zum Nachlesen

  1. Postkarte aus Dubai 2019
  2. Postkarte aus Mexico-City 2019
  3. Postkarte vom Taj Mahal 2019
  4. Postkarte aus Delhi 2019

 

Und wer es voll virtuell mag, der kann gern mit mir über die Zukunft des Reisens nachdenken. > Travel 6.0 

133) Corona-Lektionen 42

Die große Demo gegen die Corona-Maßnahmen heute war zunächst angekündigt, dann abgesagt und doch wieder genehmigt worden. Könnt ihr alles woanders nachlesen. Das wirkt natürlich chaotisch, ist aber eigentlich ur-demokratisch und ein Beweis der Freiheit hierzulande.

Genau die Freiheit, die die Teilnehmer zu vermissen scheinen und deshalb auf die Straße gehen, um sie wieder einzufordern. What?

Im Vorfeld wurde zum Sturm des Bundestages gerufen, mit Waffengewalt! Bei Amazon gab‘s T-Shirts mit Aufschrift „Die Masken müssen fallen“ für 17,99 EUR oder mit „Keine Zwangsimpfungen“ für 19,99 EUR. Bei den Querdenkern warb ein Flyer mit dem Slogan „Berlin invites Europe“. Was für eine Frechheit. Ich habe überhaupt keinen eingeladen.

Gehe ich hin, schaue mir das an? Lass’ ich es bleiben? Ich ging dann doch hin. Abmarsch 11:00 Uhr zu Fuß, denn der Tram-Verkehr in die City war eingestellt. Am Alex war nicht viel los. Unter den Linden, waren dann immer mehr Menschen zu sehen, die in Richtung Westen liefen. Aber bereits ab Charlottenstraße war kein Durchkommen mehr. Abgesperrt. Also drehte ich nach rechts ab, einen anderen Durchgang in Richtung Brandenburger Tor suchen. Keine Chance. Jede Seitenstraße war abgeriegelt. „Is‘ voll“, sagt ein Polizist. Also weiter nach rechts. An der Spree war dann für mich Schluss. Im Wasser fuhren Ausflugsdamper und schwarze Schlauchboote der Polizei. Aber so hatte ich einen guten Blick auf die Brücke, die der Friedrichstraße … und der Demo … übers Wasser hilft. Zu weit weg, um einzelne Menschen und deren Gesinnung ausmachen zu können. Ein Tross von Menschen befand sich im Stillstand, vorne ging es anscheinend nicht weiter. Die Polizei ließ wohl die ersten Reihen nicht weiterlaufen … so ganz ohne Maske.

Also blieben mir die Durchsagen der Veranstalter. Aus dem Gedächtnis und mittels Ton-Aufnahmen rekonstruiert:

„Liebe Freunde der Freiheit …“
„Bitte haltet die Abstände ein …“
„Da vorn geht es aktuell nicht weiter …“
„Bitte setzen sie sich hin, nicht stehen bleiben …“
„Gebt dem Gegner keinen Grund euch anzugreifen …“
„Schließt euch an, schließt euch an, schließt euch an, schließt…“
„Hinsetzen, Hinsetzen, Hinsetzen … zeigt der Welt wie viele wir sind …“
„Gebt der Polizei keinen Grund, die Veranstaltung gewaltsam aufzulösen …“
„Wir rufen die Polizei auf, die Infektionsschutzbestimnungen durchzusetzen, indem die Sperren zu den Seitenstraßen geöffnet werden …“
„Drängt nicht nach vorn Bürger, verschafft euch Platz, indem ihr durch die Absperrungen geht, euch in den Seitenstraßen verteilt …“
„Lauft nicht blind auf das Ziel zu. Unser Kampf wird ein langwieriger Kampf werden, wir brauchen Geduld … für unseren Kampf für die Freiheit …“

Haben die je in Unfreiheit gelebt?

<— Corona-Lektionen 41

—> Corona-Lektionen 43

132) Corona-Lektionen 41

Tja, liebe Leser, eigentlich wollte ich mich erst am Samstag wieder melden. Und zwar dann, wenn ich mit weitestgehend neutralen Eindrücken von der Corona …, ähm … Anti-Corona …, ähm … Freiheits … oder „Was auch immer“-Demo in Berlin zurück gewesen wäre.

Ja, ich wollte hingehen. Nicht als Teilnehmer, aber als Beobachter. Mir einfach ein Bild machen. Aber die Demo ist nun erst einmal abgesagt. Wegen zu erwartender Verstöße gegen geltende Infektionsschutzbestimmungen. Nach der Nummer am 01.08.2020 kann ich das vollkommen nachvollziehen, wenngleich es natürlich demokratisch und politisch heikel ist.

Also bleibt im Moment nur ein Blick in die Glaskugel:

  • Wie hätte ich mir die Demo gewünscht?
    Sachlich, friedlich, gesprächsorientiert, mit Abstand. Weniger esoterisch, weniger verschwörungssuchend und schon gar nicht undemokratisch.
  • Wie hätte ich die Veranstaltung erwartet?
    Eigentlich so wie am 01.08.2020. Nur noch etwas lauter, offensiver. Und zusätzlich noch weitere Party-Touristen aus dem In-und Ausland, die das hier als großen Spielplatz und Möglichkeit zur Provokation verstehen.
  • Und, wie wird‘s nun möglicherweise werden?
    Puh, vermutlich werden trotzdem viele Teilnehmer anreisen, vielleicht noch mehr als ursprünglich wollten, nur um ihren Frust hier abzuladen. Die Polizei hat ein Großaufgebaut angekündigt, das zieht vielleicht noch einmal zusätzliche Krawall-Touristen an.

Ich werde wahrscheinlich fernbleiben. Hoffentlich bleibt das friedlich.

 

Mal was anderes … heute eine Literaturempfehlung:

Bisher hielt ich mich ja hier mit Literaturempfehlungen zurück. Aber heute will ich mal auf ein Buch eingehen. Es geht um „Corpus Delicti“ (von Juli Zeh), neulich empfohlen von > Belana Hermine. Die Handlung spielt in einem deutschsprachigem, totalitärem Überwachungsstaat irgendwann in der Zukunft. Um das Gesundheitssystem zu entlasten, gilt es, Krankheiten vollständig auszumerzen. Also greift der Staat massiv in den Alltag ein, schreibt den Bürgern vor, wie sie sich zu ernähren und besonders gesundheitsfördernd zu verhalten haben. Mehr will ich gar nicht zum Inhalt sagen, am besten selber lesen oder hören.

Ich habe mir die Hörbuchfassung „reingezogen“. Vor wenigen Minuten beendet. Gut geschrieben, einfach zu verstehen, tolle Dialoge zwischen den Hauptfiguren. Und obwohl bereits 2009 erschienen, bietet natürlich das Corona-Geschehen nun eine bizarre Kulisse.

Eigentlich will ich die Beziehung zwischen Buch und aktueller Situation gar nicht herstellen. Aber es ist nun mal so. Jemand wollte an der Fledermaus knabbern und nun haben wir den Salat. Dafür kann ja nun das wirklich gute Buch auch nichts.

Also lest selbst!

<— Corona-Lektionen 40

—> Corona-Lektionen 42

 

131) Corona-Lektionen 40

Auf der Corona-Demo am 01.08.2020 brüllten Teilnehmer solch Worte wie „Lügenpresse“ und „Fake News“ in die Berliner Luft. Sie zielten damit auf die klassische Presse ab.

Fake News und Lügenpresse sollen daher heute mal exklusives Thema für diesen 40. Beitrag meiner Reihe der Corona-Lektionen sein. Wer hätte gedacht, dass mal 40 Beiträge draus werden…

Aber zum Thema:

Zunächst sind doch Fake News erst einmal nur falsche Informationen, als offizielle „Nachricht“ verpackt, die gezielt von irgendwem lanciert werden, um Ziele zu erreichen. Oder einfach nur um Chaos zu stiften. Die Nachricht sieht echt aus, ist aber falsch. Und das schließt erst einmal keinen Urheber aus. Solch eine Falschinformation könnte von der Presse selbst stammen, genauso aber auch von Regierungen, Hackern, Parteien und allmöglichen Organisationen und Bewegungen. Für die Urheber dieser Fake News wäre es natürlich am besten, die Presse schluckt den Frosch und ermöglicht somit eine freie Bühne. Medien-Häuser haben daher immer mehr damit zu tun, den Wahrheitsgehalt einer Nachrichten abzusichern. Und weil das gar nicht mehr so einfach ist, der Presse eine Falschinformation unterzujubeln, publizieren die Urheber im Internet. Da geht ja schließlich alles. So meine ich, ist der Begriff Fake News ursprünglich mal entstanden.

Journalismus soll aber nicht nur vorlesen, sondern eben auch Mißstände, Unwahrheiten und Täuschungen aufdecken. Und da sind wir beim Dilemma. Denn solchen Recherchen sind manch einem Autokraten oder Meinungsführer sehr unbequem, denn sie entlarven die eigentliche Agenda, ihr falsches Spiel. Also stellen sie sich breitbeinig hin, zeigen mit dem Finger auf die Presse und johlen „Fake News“ laut im Chor. Sie instrumentalisieren den Begriff für ihre Zwecke, werfen „all die Medien“ in einen Topf und unterstellen ihnen, gezielt Falschinformationen zu produzieren. Der deutsche Begriff „Lügenpresse“ ist da noch viel krasser, denn er verbindet die Worte „Lüge“ und „Presse“ ungerechtfertigterweise zu einem nachhallendem Begriff. So, als würden sich Springer, Süddeutsche, FAZ, Neues Deutschland, RTL, SAT und die öffentlichen Sender täglich im Kanzleramt treffen und festlegen, welche Nachrichten denn heute zu verbreiten sein. Und weil das ja dann alles „gelenkt“ ist und man „denen da“ nicht mehr trauen kann, verlangen Demonstranten „endlich Wahrheit“ und glauben eher halbgaren „Nachrichten“ und Wackel-Videos im Internet. Denn das muss ja dann folglich die „Wahrheit“ sein. Was für eine gequirlte Grütze.

All die, die je in einem diktatorischen System gelebt haben, wissen wie erstrebenswert eine breite Medienlandschaft ist. Falls sie das vergessen haben, dann sollten sie sich noch mal erinnern. Gar nicht so lange her.

Und wenn sie noch nicht das „Vergnügen“ hatten, sollten sie vielleicht einfach Menschen aus Ländern fragen, die sich derzeit schnurstracks auf eine solche Zeit zu bewegen. Hoffentlich macht‘s dann bei den Schreihälsen klick.

Grüße aus Berlin
T.

By the way, wer noch nicht Florian Schröders Auftritte zunächst beim NDR und dann als Gast bei den Querdenkern gesehen hat, sollte das mal tun. Großartig. Verdient einen Preis!!

In diesem Sinne: „Maske auf, Abstand halten, Nachdenken“! (Zitat Schröder)

<— Corona-Lektionen 39

—> Corona-Lektionen 41

127) Corona-Lektionen 36

In welcher Woche sind wir gerade? Schwer zu sagen. Habe die Orientierung verloren. Ich nehme einen Kalender und zähle mit dem Finger die Homeoffice-Wochen durch.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehen wir morgen … in die 20. Woche. Jawohl. In einer Woche soll in Berlin sogar die Schule wieder losgehen. Mit voller Last. Mir wird ganz schwindelig.

Denn das, was in den letzten Tagen hier abgeht, erfüllt mich mit großer Sorge:

  • Ja, ich bin auch kein begeisterter Masken-Träger.
  • Ja, ich könnte auch mal wieder ein Konzert besuchen.
  • Ja, ich würde auch mal gern wieder mit Freunden feiern.
  • Ja, ich wäre auch gern wie geplant in den Urlaub geflogen.
  • Ja, ich mache mir auch so meine Sorgen über unsere Freiheit.
  • Ja, ich bin auch verunsichert, wie das alles mal weiter gehen soll.

Aber, Nein, Nein, Nein, dass was ich so lese und höre, soll erst recht nicht sein:

  • 3.000 Leute feiern (nicht die erste) illegale Party in der Berliner Hasenheide.
  • 20.000 Menschen zogen gestern durch die Innenstadt und erklärten Corona für beendet.
  • Maske, Abstand = Fehlanzeige. Weil eh alles fake ist und der Staat sowieso doof und das Ganze von irgendwem initiiert ist. So einfach sind die Gründe dargelegt. Ruck Zuck erklärt. Der Gegner ausgemacht. Lautstärke. Gebrüll. Wut.

Mag man von der Regierung doch halten was man will. Aber vor 5 Wochen sah das doch alles ganz gut aus. Die Infektionszahlen gingen zurück, Einschränkungen wurden gelockert oder gar aufgehoben. Was sich jetzt da auf den Plätzen sammelt … tut mir Leid … ich kann es nur verallgemeinern … , scheint mir ein verwöhnter, asozialer, durchgeknallter Mix von gefrusteten Menschen und Krawall-Touristen zu sein. Wer dabei war und sich nun missverstanden oder in der falschen Schublade fühlt, sollte sich eine andere Demo suchen. Sorry.

Denn, ich habe mehrmals pro Woche mit Kollegen aus anderen Ländern (z.B. Indien, Brasilien, Israel, Spanien usw) zu tun und ich kann aus erster Hand wiedergeben, dass das, was wir hier in den letzten Wochen „erleiden“ mussten, der reine Kindergarten war, im Vergleich zu dem was dort abging. In manchen Ländern geht es noch so weiter, in manchen fängt man erst an oder hat noch nicht einmal kapiert, was eigentlich an der Tagesordnung ist.

Zusätzlich schmeißt unsere Regierung mit Geld um sich, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern. Dass das nicht jeden erreicht und nicht immer genug ist, mag sich ungerecht anfühlen, ohne Frage. Aber immerhin fließen solche Gelder hier und wir haben (…oder hatten?) genug Krankenhausbetten frei.

Mal sehen wie lange noch.

Darüber sollten wir mal nachdenken.

Schönen Sonntag!

T.

Nachtrag Montag 03.08.2020 08:00 Uhr:
In den sozialen Medien kursieren unzählige Diskussionen, ob‘s nun 17.000 bzw. 20.000 Teilnehmer, oder gar 800.000 oder 1,3 oder 1,8 Millionen waren. Man drischt wieder auf die Presse ein und so weiter.

Eine Millionen Menschen können wir getrost vergessen. Ich habe selber mehrere Love Parades in Folge an der Strecke Dienst geschoben. Glaubt mir, ich weiß wie es sich anfühlt, sich in einer Menschenmasse von 1 Millionen Menschen zu bewegen.

Und wir können uns noch mal über die Mathematik nähern. Die Party-Meile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist ca. 2.000 Meter lang. Und nur die Hälfte war m.W. davon freigegeben.
Die Straße des 17. Juni hat 6 Fahr-Spuren + 1 Mittelstreifen + 2 Park-Spuren + 2 Fußwege. Macht ca. 40 Meter Breite. Abzüglich Grünzeug, Bäume, Hindernisse … sagen wir 35 Meter. Multipliziert mit 1000 Meter Länge …  macht das eine Fläche von ca. 35.000 Quadrat-Meter. Und wie sollen da jetzt 1 Millionen Menschen reinpassen?

Und selbst wenn es mehr als 17.000 waren oder 20.000, macht’s das besser? 

<— Corona-Lektionen 35

—> Corona-Lektionen 37