36) Souvenir

Wenn man auf Reisen ist, so kommt man irgendwann an einem Souvenir-Shop vorbei. Denen kann man ja kaum entgehen. Auch wenn unsere Welt immer digitaler, virtueller und kleiner wird, scheint das Souvenir aber nicht auszusterben. Ganz im Gegenteil, es wird gekauft, als gäbe es keinen Morgen.

Auch wenn da manchen Entwicklungen echt skurril sind:

  • In jedem Shop gibt es grundsätzlich immer dasselbe Grundsortiment. Kaffee-Tasse, Kugelschreiber, T-Shirt, Base-Cap und Jute-Beutel. Nur Slogan und Aufdruck sind unterschiedlich. Häufig gibt es auch eine Schnee-Kugel. Auch wenn es da an dem Ort gar nicht schneit. Die Touristen wollen das so, weil es eben überall so ist.
  • In manchen Städten bekommt man dann noch lokale Spezialitäten oben drauf. In Amsterdam gibt‘s Clogs aus Plüsch und Grill-Schürzen mit Pimmel-Mann vorn dran. In Mexico-City mögen sie anscheinend Toten-Köpfe sehr gern. Da freut sich auch die Oma hier daheim. In Berlin gibts einen nie endenden Vorrat an „original“ Mauer-Stückchen. In Delhi findet man für seine letzten Rupees ein filigranes Taj Mahal aus Marmor, von Kinder-Händen gefertigt. Die können das besser.
  • Das Shop-Sortiment wurde mittlerweile etwas an das digitale Zeitalter angepasst. Man bekommt nun also auch Maus-Pads, Handy-Hüllen, Power-Banks und Selfie-Sticks. Denen kann man ja noch etwas praktisches abgewinnen, der Rest ist eher zum Hinstellen und Einstauben.
  • Die Leute kaufen immer noch Kühlschrankmagneten, obwohl die meisten Kühlschränke fest in deutsche Küchen eingebaut sind. Die Magnete bleiben an den Holzblenden gar nicht mehr haften. Vielleicht sollte ich da mal etwas erfinden. Einen alternativen Kühlschrank-Magneten-Halter, ohne Kühlschrank.
  • Schaut man bei Souvenirs aufs Etikett, stellt man häufig fest, dass sie aus China kommen. So kann es leicht sein, dass Chinesen auf Europa-Reise ihre eigenen Produkte kaufen und wieder zurück nach China bringen, auch wenn „Greetings from Kopenhagen“ draufsteht.

Wem die ganze Reiserei auf den Sender geht oder wer sich vor lauter Flug-Scham quält, der kann die Souvenirs auch bequem im Versand-Handel bestellen. Da muss man gar nicht mehr den weiten Weg nach Melbourne, Buenos Aires oder Rio fliegen. Stattdessen kommt der Fridge-Magnet Typ „Zuckerhut“ per Post nach Hause. Fragt sich nur, ob aus Brasilien oder aus China. Dann noch einen Caipirinha mixen und auf YouTube die „Best off Rio in 10 Minutes“ klicken.

Fertig.  Schön war‘s

Mehr verrückte Welt gibt’s hier

 

47) E-Sharing-Wahn

Dass ich so meine Probleme mit den unzähligen bunten Leih-Rädern in der Stadt habe, hatte ich schon mal hier geschrieben (Früherer Beitrag). Mittlerweile kann ich denen ja wenigstens noch etwas ökologisches und sportliches abgewinnen, ABER nur wenn sie an Stationen gebunden sind. Wenn die Dinger einfach irgendwo abgestellt oder in die Büsche geschmissen werden, bleiben sie mir ein Dorn im Auge. Nix zu machen!

Aber nun wird‘s ja immer bunter:

In jeder Nacht werden neue bunte E-Tretroller in den Straßen abgestellt. Man spricht mittlerweile von 5.000-6.000 Stück in der Stadt, Tendenz steigend. Über diese Roller wurde schon vor ihrer Zulassung heftig gestritten, als es um Geschwindigkeit, Helmpflicht und Nutzungsrechte ging. Darum geht es mir aber heute nicht. Mir fehlt z.B. die Diskussion, welche konventionellen Verkehrsmittel denn dadurch weniger wurden. Haben denn all diese Spaß-E-Tretroller-Fahrer ihre Autos oder Mopeds verschrottet? Glaube ich wohl kaum. Da das Fahren der Dinger vermutlich auch noch Spaß macht und sie überall zu haben sind, wird künstlich Verkehr geschaffen, der sonst nie da war. Diese Wegstrecken wurden früher mit der Bahn oder eben zu Fuß erledigt. Die zweite Frage, die mich beschäftigt ist, wie denn die Dinger geladen und gewartet werden? Werden sie mit Diesel-LKW durch die halbe Stadt gefahren und morgens wieder aufgestellt? Das wäre eine schlechte Öko-Bilanz. Mal ganz zu schweigen davon, mit welchem Strom sie geladen werden und wie die vielen Heinzelmännchen bezahlt werden. Weiß hier jemand mehr?

Und nun kommt noch mehr oben drauf. In den letzten Tagen wurden zig Elektro-Autos in den Straßen abgestellt. Zum Beispiel 1.500 VW e-Golf ! Was soll denn der Mist nun wieder? Wenn man e-Tretroller und Fahrräder in die Büsche schmeißt, sieht das zwar übel aus, aber sie nehmen wenigstens keine Park-Plätze weg. Mit den E-Cars werden nun noch mehr Autos in die Stadt gespült und geparkt. Sollten es nicht eigentlich weniger Autos werden? Was soll der Schwachsinn? Auch hier die Fragen. Wie und wo werden die aufgeladen? Wieviele werden nachts irgendwo durch Waschanlagen geschoben, die Wasser und Chemie verbrauchen. All die Kunststoffe, Reifen und Metalle, die nötig waren, um die Autos zu produzieren. Und auch noch einmal die Frage, wieviele konventionelle Autos dafür aus dem Verkehr gezogen wurden. Weiß das jemand?

Wenn ich nur mal die Zahlen hier im Beitrag addiere, handelt es sich ungefähr um zusätzliche 7.500 Batterieren! Für den Moment. Die müssen alles aus seltenen Rohstoffen hergestellt, nach Deutschland gebracht und später wieder entsorgt werden. Mir wird da echt schwindelig. Was hier im grünen Antlitz daher kommt, ist doch ökologisch eine Mega-Augenwischerei oder denke ich zu einfach? Kann mal bitte jemand aufklären?

Was soll das nur werden, wenn es irgendwann mal an jeder Ecke E-Hoverboards zum Leihen gibt? Und noch E-Segways, E-Dreiräder und E-Rollschuhe und E-Inliner und E-Skateboards und E-Tuk-Tuks und E-Rollatoren und E-Bobby-Cars und …

Wir müllen unsere Stadt mit stehendem Schrott zu und verfetten zunehmend, weil keiner mehr nur noch einen Meter läuft. Na großartig. Gut gemacht!

Anmerkung: Ich finde E-Autos sehr interessant und könnte mich selber mit einem E-Auto oder Hybriden anfreunden. Aber das was hier passiert, wirkt total planlos. Oder ist da echt ein Plan dahinter? Autos auf den Markt spülen, damit Menschen ihre alten Autos abgeben und am Ende weniger Autos auf dem Markt sind als vorher. Hääääh??? Is‘n das für eine Rechnung?

 

PS: mein Sohn klärte mich gerade auf, dass ein durchschnittlicher E-Tretroller in Paris ungefähr 78 Tage alt wird, häufig landen sie in der Seine. Bingo!

35) Rätselspaß mit der Bahn

Es wird ja so häufig auf die Bahn eingedroschen, die kann einem ja manchmal schon echt leid tun. Heute veranstalte ich mal ein kleines Quiz hier und wir werden gemeinsam erfahren, wie unterhaltsam eine mitternächtliche Fahrt mit der Berliner S-Bahn doch sein kann.

Potsdam Hauptbahnhof, Samstag 23:00 Uhr:

Die feucht-fröhliche Geburtstagsfete fand auf einem Floß statt und alle hatten ihren Spaß. Danke, liebe A., das war ein schöner Abend! Also machten wir uns wieder auf den Heimweg nach Berlin. Für diese Aufgabe hatten wir die S-Bahn erkoren, denn fahren konnte/sollte von unser keiner mehr. Gut gelaunt, aber etwas müde betraten wir also den Bahnsteig.

Am Gleis 6 warteten bereits einige andere Nachtschwärmer. Laut Anzeige über den Köpfen, sollte die nächste S7 nach Ostkreuz in 4 Minuten abfahren. Großartig, das passt ja wie die Faust aufs Auge.

Am Gleis 7 stand aber auch eine S-Bahn, hatte die Türen sperrangelweit offen und war komplett leer. Laut Anzeige war es auch eine S7, die nach Ostkreuz fahren sollte. Aber erst nach weiteren 44 Minuten. Na da steigen wir mal besser nicht ein, dachten wir uns so. Das dauert ja noch ewig!

Frage an die Leser: Welche Bahn fuhr zuerst?

War es nun …?

… einfach klicken, Lösung folgt prompt

 

Sobald die Besuche dann etwas abnehmen, werde ich hier auch die Ergebnisse veröffentlichen. Bin gespannt. Bis bald.

30) Friedensglocke

Auf meiner Jogging-Tour komme ich meistens an der Friedensglocke im Volkspark Friedrichshain vorbei. Diese Glocke und der Pavillon drumherum wurden Ende der 80-er Jahre errichtet und erinnern an die Atombombenabwürfe in Japan.

Und wie auch andere Denkmäler in der Stadt, hat es die Friedensglocke in diesen Zeiten echt nicht leicht:

  • Anfänglich war noch ein schwingender Stamm installiert (… wie heisst so etwas doch gleich?), mit dem man die Glocke anstoßen konnte. Das klang dann durch den ganzen Park. Wirklich beeindruckend. Dieser Stamm wurde dann aber bald wieder abgebaut, vermutlich hatten irgendwelche Krawallos zu oft damit geläutet. 
  • Dann hatten sich andere Idioten großen Äste, Stämme und Steine aus dem Park besorgt und auf die Glocke eingedroschen, um sie zum Klingen zu bringen. Was für ein Spaß, nicht war? Das bekam der Anlage auch nicht gut.
  • Kriminelle hatten 2012 sogar große Kupferteile vom Dach geklaut, um diese zu versilbern. Da erging es dem Pavillon ähnlich wie z.B. dem großen nackten Athleten aus Bronze, am anderen Ende des Parks, dem schon vor Jahren der Speer geklaut wurde.
  • In den letzten Jahren hat das Bauwerk dann weiter gelitten, obwohl sich ein kleiner Verein für die Pflege und Erhaltung engagiert hat. Die Anlage wurde mehrfach bemalt, besprayed, als Bier-Lager und Schlafmöglichkeit genutzt.
  • Vor kurzem war die Friedensglocke nun ein paar Wochen eingezäunt. Für Bauarbeiten. Das Baugerüst ist jetzt wieder abgebaut und die Anlage scheint erst einmal wieder in Ordnung zu sein. Eine Info-Tafel erinnert aber an den Diebstahl des Kupfers und stellt klar, dass stattdessen nur kupferfarbene Ersatzstoffe verarbeitet wurden. 

Also wenn das so weiter geht, ist bald nichts mehr von Pavillon und Glocke übrig. Irgendwann muss man überlegen, ob man da nur noch einen Stein aufstellt mit der Inschrift: 

„Dieser Stein ist ein Mahnmal für ein anderes Mahnmal, was ursprünglich mal hier stand, um an die Atombombenabwürfe in Japan zu gedenken.“ 

Ist das nicht krank?

PS1: Am 6. August gedenkt man nun wieder den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki. Ich hoffe, dass die Glocke bis dahin verschont bleibt und jemand diesen Stamm aus dem Rathaus mitbringt, um die Glocke wieder läuten zu hören.

PS2: Wenn jemand der Leser mir bitte sagen könnte, wie so ein waagerecht schwingender  „Stamm“ heißt …?

Frühere Beiträge zum Umgang mit Denkmälern:

46) Späti

Sorry liebe Leser, ich muss mal wieder schimpfen. Ich versuche, es auch kurz zu machen. Seit ein paar Wochen fällt mir auf, dass unsere beliebten Berliner Spätverkaufsstellen (Späti’s) nun am Sonntag wieder geschlossen sind.

  •  Ja, ich weiß, dass das Ladenschluss-Gesetz auch in Berlin gilt.
  • Und ja, die Späti’s haben sich vermehrt wie die Guppies.
  • Und verdammt noch mal ja, die verkaufen mittlerweile weit mehr als Reisebedarf.

Na und?

Wen es stört, der muss ja nicht hingehen! Aber lasst doch dieser Stadt dieses „Kultur-Gut“. Warum versuchen irgendwelche lokalen Wichtigtuer, die Stadt wieder in die Wilmersdorfer Piefigkeit der frühen Achtziger Jahre zurückzukatapultieren?

Etwas sachlicher stellte man diese Frage kürzlich einem Befürworter des Ladenschlussgesetz im Radio-Interview. Und der sagte sinngemäß so etwas wie „ na weil es ein Gesetz ist, muss es eben auch eingehalten werden …“.

Also mit der gleichen Gründlichkeit, mit der auch alle anderen Gesetzesverstöße hier geahndet werden? Ich lach‘ mich schlapp. Haben Ordnungsamt, Polizei und Gewerbeaufsicht nichts Wichtigeres zu tun hier? So etwas Albernes. Wir hätten auch Drogenhandel, Menschenhandel, Kinderporno-Handel und viele andere Formen von üblem Handel hier im Portfolio, die etwas mehr Aufmerksamkeit bräuchten. Stattdessen geht man nun dem Sonntäglichen „Bier,-Kippen,-Butter,-Waschmittel,-Brötchen,-TK-Pizza und Mango-Handel“ an die Substanz.

Wer steckt dahinter?

  • Sind es die Investoren, die ihr Asset pflegen und gedeihen lassen wollen? Als es noch der Attraktivität der Stadt diente, hatte man die Zügel noch lockerer gelassen.
  • Sind es die Gewerkschaften, die sich ums Wohle der mehrheitlichen Türkischen Shop-Betreiber und deren Familien sorgen?
  • Steckt die Kirche dahinter, die ihr Haus am Sonntag nicht mehr voll bekommt, weil die Leute stattdessen im Späti ihren Halt finden?
  • Oder sind’s die großen Handelsketten, die den Umsatz lieber am Samstag oder Montag bei sich verbuchen wollen?

Zum Ende des Interviews drohte der Mensch im Radio dann auch noch den Tankstellen, demnächst viel strenger hinzusehen. Also bald gibt‘s da nur noch Sprit, Zündkerzen und Öl.

Ist das nicht piefig?

zur Klarstellung:
In Nord -und Ostdeutschland bedeutet „piefig“ so etwas wie altmodisch, verzopft, steif oder spießig.
Im Westen Deutschlands kennt man es wohl auch als missmutig, stänkernd, unfreundlich.

Je nach Perspektive passt aber beides, oder?

Frühere Beiträge zu Shops und Einkauf:

44) Container-Wechsel

Irgendwann sind die Kids den Dingen entwachsen, das gilt für die Wohnung, wie auch für das Wochenend-Häuschen. Dann bedarf es eines Befreiungsschlags. Kinderstühle und -Tische aus Plastik und Holz sollen zum Müll (… bitte keine Kommentare hier bezüglich „kann man ja noch brauchen“ und „Plastik im Allgemeinen“ … das Zeug ist nun mal leider da … und keiner von euch wollte es haben)

Ein kurzer Abriss der Geschichte:

  1. Ich hasse es, wenn Leute ihr Zeug auf der Straße abstellen. Bitte auch keine Kommentare dazu, ihr werdet mich nicht überzeugen. Nie und nimmer. Müll bleibt Müll und wird keine gutgemeinte Spende.
  2. Wir fahren zum Recycling-Hof der 11.000-Seelen-Gemeinde und ich grüße den Chef vom Dienst.
    Ich: „Tachchen … ich hätte da ein paar Kinder-Gartenmöbel“.
    Er: „ Das ist aber schlecht“.
    Ich: „Und was heisst das jetzt?“
    Er: „Nehm‘ wa‘ nich‘ mea‘, nur noch Kleinmengen hier … seit 1,5 Jahren schon“.
    Ich: „Aber Kindermöbel sind doch klein.“
    Er: „Is‘ ejal, und mit den‘ Berliner Kennzeichen eh schwierich‘.“
    Ich: „Und was kann ich nun tun?“
    Er: „Sperrmüll nur noch in Spindlersfeld und Köpenick, oder besser gleich nach Mahlsdorf mit den’ Kennzeichen da. Tut mia‘ Leid“.
    Ich: „Danke für den Tipp, kannst’e ja och nüscht füa‘“.
  3. Mein Kopf-Navi springt an. Spindlersfeld? Das ist doch locker eine Stunde Anfahrt … und auch noch mit einem Diesel! Ist das so gut für den Planeten?
  4. Besser also vielleicht doch nach Mahlsdorf. Um nicht exklusiv für den Müll dorthin zu düsen, verbinden wir das mit einer anderen Aktivität. Kurz vor 11:00 Uhr fahren wir beim Recycling-Hof vor. Noch nicht mal die Klappe geöffnet, sperrt ein Mann in Orange direkt vor uns die Zufahrt. „Container-Wechsel“.
  5. Über zwanzig Minuten beobachten wir nun, wie nur ein (!) LKW die Container tauscht. Die Schlange hinter uns reicht schon bis zurück zur Hauptstraße. Von den orangen Männern auf dem Gelände, ist nur noch einer zu sehen. Er sitzt im Häuschen und guckt uns aufs Nummernschild. Alle anderen sind bestimmt auf einer „Besprechung“.
  6. Ich schaue mich so um und sehe sofort zig Dinge, die man dort trotz Container-Wechsel tun könnte. Zum Beispiel den Hof fegen, schon mal die nächsten fünf Autos abfragen, was sie den zu bringen gedenken. Oder wenigstens eine Zigarette rauchen oder mal kräftig ins Brötchen zu beißen. Aber einfach nur „da sitzen und nichts tun“, macht mich selbst im Urlaub fix und fertig.
  7. Kurz vor halb zwölf dürfen wir endlich auf den Hof fahren. Eine Berliner Einweisung, wie immer sparsam an Worten: „Plastik zu die Hartkunststoffe links‘, dit‘ Holz zu den’ Altholz rechts.“ „Alles klar, verstanden“.

Wenn man seinen Schrott eben nicht in den Wald schmeißen oder vor die Tür stellen will, warum wird es einem so schwer gemacht, das Zeug vernünftig zu entsorgen …?

Frühere Beiträge zum Thema:

42) Baugrube Berlin 10407

Eigentlich wollte ich ja hier nicht mehr so viel schimpfen. Aber ich kann heute nicht anders, ich muss es loswerden. Andere schimpfen auch, ich stimme in den Kanon ein. Wenn ihr es nicht mehr hören könnt, dann klickt den Beitrag einfach weg. Mir egal. Es werden wieder bessere Texte folgen. Das hoffe ich doch.

06.03.19 bis 15.04.19: Straßenbahn M4 gesperrt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen zwischen City-Ost und Prenzlauer Berg.

08.04.19 bis 20.05.19: S-Bahn 41 gesperrt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen über die Storkower Straße, 50 % der Auto-Spuren zu Bus-Spuren erklärt

15.04.19 bis 13.05.19: Straßenbahn M10 gesperrt, „die“ Tram schlechthin, die vom Wedding, über Prenzlauer Berg, Friedrichshain bis kurz vor Kreuzberg fährt, stattdessen Schienenersatzverkehr mit Bussen.

13.05.19 bis 07.06.19: Kreuzung Landsberger Alle / Petersburger Straße. Das ist eine Mega-Kreuzung, essentiell für den Verkehr von Nord nach Süd und von den östlichen Außenbezirken in die City. Temporär nur noch einspurig (!) in alle Richtungen wegen Schienenbauarbeiten.

Herbst 2018 bis Frühling 2019: Unser Sportplatz soll nach 30 Jahren einen neuen Tartan-Belag bekommen. Mittlerweile ist bald Juni, viel Sand gibt es dort, Tartan aber nihc.

xx.04.19 bis xx.05.19, die Details habe ich vergessen: Monatelanger Bau einer Leichtbau-Schule ein paar Straßen weiter. Die ist anscheinend nicht „leicht“ zu bauen, sondern nur leicht an Material. Beginnende Kanalarbeiten in unserer Straße pünktlich zu Ferien-Ende. Gelbe Zebra-Streifen nehmen die Arbeit der Schülerlotsen ab. Die Grundschule ein paar Hausnummern weiter baut noch immer an ihrem Jahrhundertgarten. Wir vermuten, es entsteht ein zweites Taj Mahal. Und zu alldem noch der Wahnsinn, dass hier bei uns im Kiez viele Auto-Spuren zu Fahrrad-Spuren erklärt werden.

Selbst der unaufmerksame Leser hat kapiert, dass all das zur gleichen Zeit oder überlappend stattfindet. Nur derjenige, der hier wohnt, hat schon seit Wochen kapiert, dass all das auf einer Fläche von nicht einmal 3 Quadrat-Kilometern geschieht.

Die müssen spinnen, sorry. Aber anders kann ich mir das nicht erklären.

„Ja“, natürlich muss auch einmal gebaut werden. Verstanden. “Ja“, endlich werden die Baugelder locker gemacht. Auch gut. Und „Ja“, es gibt nie einen guten Moment für eine Baustelle. Alles schon gehört. Aber auf diese Weise?

Woran liegt das?

  • Ist eine Tram-Kreuzung oder eine S-Bahn-Weiche wirklich ein so komplexes Bauwerk?
  • Muss ein Schulhof bereits zum Unesco-Welterbe zählen, bevor er eröffnet ist?
  • Sind es die hohen Qualitätsstandard, die zu solchen Bauzeiten führen?
  • Liegt es an den knappen Budgets, dass keine Nacht- und Wochenendzuschläge gezahlt werden?
  • Sind es gar die Anwohner, die gegen den Baulärm vorgehen und alles in die Länge ziehen?

Bitte, erkläre es mir einer!

Denn es wenn es keine sachlichen Gründe gibt, dann muss es planerisches Unvermögen sein oder gar Kalkül. Bin mir gerade noch nicht sicher, was das Schlimmere ist.

Das sind die Momente, wo ich im Auto aufpassen muss, den Kids nicht mein komplettes Spektrum an Schimpfwörtern zu offenbaren. 

Man oh man…

Frühere Beiträge, aber nicht weniger aktuell:

42) Auswärtsspiel

Samstag 07:00 Uhr, der Wecker klingelt. Verrückt geworden? Nee, eigentlich nicht. Wir müssen zum Auswärtsspiel. Anpfiff ist 09:30 Uhr, aber bereits 08:30 Uhr soll sich die E-Jugend dort treffen. Nach einem Express-Frühstück steige ich mit unserem angehenden Ronaldo ins Auto und düse in Richtung Berliner Norden. Pünktlich wie die Maurer sind wir dort. Unser Ronaldo entschwindet in die Umkleide und ich habe nun eine Stunde zeit. Herrlich.

Ich beschließe, mir die Beine zu vertreten und laufe ein wenig durch die Nachbarschaft des Sportplatzes. Neue Eigenheime stehen neben älteren Häusern. Eigentlich ganz nett hier. Schön grün und natürlich gewachsen das Viertel. Kurzzeitig freunde ich mich mit Gedanken an, dort zu wohnen. 

Doch dann treffe ich auf erste Zettel, die an Laternen kleben. Es sind wiederholt als „Bouletten getarnte Gift-Köder“ gefunden worden. Man solle bitte auf die lieben Hunde und Katzen achten. Von Kindern war nicht die Rede. Auf einem anderen Zettel mobilisiert die Anwohnerschaft gegen ein geplantes Neubau-Siedlungsgebiet. „Naturwiesen statt Beton-Riesen“. 

Gegen 09:00 Uhr bin ich zurück am Platz und genehmige mir im Sportler-Imbiss einen Kaffee. Ich kriege den abgestandenen Rest aus der Glas-Kanne. Für einen Euro. Die verbliebenen 20 Minuten bis zum Anpfiff tingele ich auf dem Gelände herum und schaue mich etwas um. Der hiesige Sportverein hat ein Faible für Regeln und Schilder. „Fahrräder am Zaun abstellen verboten“. „Sportplatznutzung außer zum Training und Punktspiel verboten“. „Leise verabschieden, Auto-Türen rücksichtsvoll schließen und nicht hupen“.

Ich beschließe, nicht dorthin zu ziehen.

Das Fußball-Spiel:

  • 09:30 Uhr: Anpfiff erfolgt, heute sogar mit Schiri und Linienrichterin. Schiri mit Notizblock, Linienrichterin mit Fahne. Na die fahren aber mächtig auf heute, mein lieber Mann. Gibt’s auch eine Video-Schalte nach Köln…?“, lästere ich mit einem anderen Papa.
  • 09:32 Uhr: Die Linienrichterin entpuppt sich schnell als parteiisch für die Gastgeber und schreit pausenlos „Klasse Toni!“, „Toll Kevin!“, „Schade Tim!“
  • 09:38 Uhr: 1:0 für die Gastgeber. Misst.
  • 09:39 Uhr: „Super Pete, weiter so!“, „Klasse Kevin!“. Och nö! Soll das jetzt das ganze Spiel so weitergehen? Anscheinend ja. Sie schreit weiter.
  • 09:41 Uhr: „Klasse Pete … nee … Toni meine ich!“, schreit sie
  • 09:42 Uhr: Ausgleich zum 1:1, meine Stimmung steigt wieder
  • 09:43 Uhr: „Klasse Jannik, toll gemacht!“
  • 09:44 Uhr: „Schön Pe … ähm Kevin“
  • 09:45 Uhr: „Toll Toni!“, „Super Louis!“. Aber halt, wer ist denn auf einmal Louis? Ach so, kürzlich eingewechselt. Habe ich nicht mitbekommen.
  • 09:50 Uhr: Der Gastgeber geht mit 2:1 in Führung, „Toll, superklasse Jungs“ schreit es von der Seitenlinie
  • 09:51 Uhr: Wir holen zum 2:2 auf, ich mache mir Hoffnung
  • 09:53 Uhr: Die Linienrichterin legt die Fahne gänzlich weg und focussiert sich nur noch darauf, Jungs-Namen über den Platz zu brüllen.
  • 09:56 Uhr: Halbzeit
  • 10:08 Uhr: „Toll Leon, ganz geiler Pass“. Die Spieler-Mama nebenan schaut zu mir rüber. Wir beiden runzeln die Stirn. Weiter schallen Namen über den Rasen, ich komme beim Schreiben gar nicht mehr mit.
  • 10:16 Uhr: Mit 3:2 gehen unsere Jungs in Führung, die Linien-Richterin stellt das Schreien ein
  • 10:32 Uhr: Abpfiff. Gewonnen! Gut gemacht! 

Los komm Kevi… ähm Ronaldo, wir hauen ab. 

Aber leise bitte…

 

Andere Beiträge zu Fußball und Kids:

 

 

15) Nur ins Bett

Neulich kam ich von einem gemütlichen Kneipen-Abend nach Hause. Ich ließ mich von der Straßenbahn bringen, stieg an unserer Haltestelle aus und bog für die letzten Meter in unseren ruhigen Kiez ein. Es waren kaum noch Menschen zu sehen.

Um zu unserer Straße zu kommen, musste ich noch eine andere schmale Straße überqueren. Das tat ich etwas „unkonventionell“, also schräg, weil der Weg kürzer war und ich so meinem Bettchen schneller näher kam. Das „Manöver“ gelang, ich erreichte die andere Straßenseite und setze meinen Fuß auf den Gehweg. Kurz hinter einer Frau, die bereits auf dem Gehweg in meine Richtung lief. Für die nächsten Meter hatten wir also erst einmal den selben Weg. Auch nicht schlecht. Bin ich nicht so allein. Ich stapfte ihr in meinem eigenen Tempo hinterher, sie war aber etwas langsamer unterwegs als ich. Also kam ich ihr Schritt für Schritt näher. Ich habe mir nichts dabei gedacht, ich wollte nur ins Bett. Dann bemerkte ich, wie sie über ihre Schulter blickte und selber an Geschwindigkeit zulegte. Kurz davor hatte ich mich aber bereits für’s Überholen entschieden, gab also auch etwas mehr Gas. Wieder schaute sie über die Schulter und wurde noch schneller. Was macht die denn? Warum lässt sie mich nicht überholen? Was wird das hier? Dann klapperte es in meinem müden Kopf. Die denkt doch wohl nicht etwa, ich will ihr irgendwie… ? Nein, um Himmels Willen. Ich? Ich bin müde und will nur ins Bett. 

Was mache ich denn jetzt?

  • Soll ich sie vielleicht ansprechen? „Ähhhm, Entschuldigung. Ich bin nicht so einer, wie sie jetzt denken.“ Aber das tue ich besser nicht. Wenn ich auch nur einen Ton von mir gebe, dreht sie vielleicht durch.
  • Soll ich meinen Überholvorgang einfach zügig durchziehen? Aber dann läuft sie wohlmöglich noch schneller. Wo soll das enden? Dann rennen wir bald die Straße hinunter oder sie gerät vollends Panik.
  • Soll ich mich zurückfallen lassen oder wieder die Straßenseite wechseln? Dann denkt sie möglicherweise, ich Dreckskerl habe von meinem widerwärtigen Vorhaben „abgelassen“. Ich will aber nicht, dass sie so denkt. Ich bin kein Dreckskerl. Ich bin ein friedlicher Kerl, der nur ins Bett will. In sein Bett. Allein.

Was ist das nur für eine Welt und wo soll das hinführen?

40) Vollschaden von Typ VZ2009 und WH38

Das Viertel in dem wir wohnen, war nach dem Krieg ziemlich kaputt und zu DDR-Zeiten mächtig heruntergekommen. Mittlerweile sind fast alle Häuser saniert, die Wohnungsbewerber reichen sich die Klinke in die Hand. Alt und Neu wechselt sich ab. Es ist „historisch gewachsen“, wie man so schön sagt. 

Gerade erst aus Indien zurück, joggte ich neulich durch die Straßen zum Park. Diesmal irgendwie „achtsamer“ als sonst. Der Kiez war so viel sauberer als Indien, kaum Dreck auf der Straße, viel grüner und alles viel frischer irgendwie.

Dafür fielen mir aber diesmal ganz besonders all die bescheuerten Straßen-Schilder auf, für die man in Indien gar kein Geld hat. Ganz besonders dann, wenn sie gar nicht auf eine explizite Situation hinweisen, sondern nur den miserablen Zustand der öffentlichen Verkehrswege in der ersten Welt dokumentieren. „Gehwegschäden“ und „Straßenschäden“ sind wohl die meist geprägten Schilder Berlins. Aber eben weil es ein Altbau-Viertel ist, habe ich gar nicht den Anspruch an „High-Tech-Flüster-Asphalt“ und „Nanopartikel-Beschichtete Gehwegplatten“.

Aber die Stadt muss diese Schilder vermutlich aus Versicherungsgründen an die Laternen nageln, damit niemand sie verklagt, wenn man sich beim Joggen die Knie aufschlägt oder ein nobler Kinderwagen der „Helicopter-Hypercare-The-Angel-Premium-Class“ das Vorderrad verliert. Also hängen an jeder Kreuzung unseres Tempo-30-Viertels solche Schilder. Die Rechnung ist ganz einfach: Eine klassische Kreuzung bietet vier Richtungen, multipliziert mal zwei Fußwege, macht also exakt … acht Schilder je Kreuzung! Nicht zu vergessen noch die Hinweise auf Straßenschäden in ähnlicher Anzahl.

Bemüht man die gängige Suchmaschine, findet man das Schild „Gehwegschäden“ mal unter der Typ-Bezeichnung VZ2009 oder auch WH38. Egal wie es nun heißt, kostet es je nach Reflexionsklasse und Befestigungsart ca. 30-40 EUR. Einzelpreis natürlich, ohne Montage und Mehrwertsteuer. Bei all den Schäden hier  kann die Stadt Berlin bestimmt gigantische Mengen-Rabatte verhandeln, trotzdem könnte man es doch einfacher und preiswerter haben.

  • Alle Berlin-Reiseführer erhalten ab sofort einen zusätzlichen roten Aufdruck „Caution: Walkway damage throughout the City“. Dieser Hinweis folgt dann gleich unter dem schon existierenden gelben Balken „New: The 10 Top sights to get drunk for low budget“
  • Am Flughafen TXL läuft direkt nach der „Alleinstehende-Koffer-Ansage“ eine zusätzliche Ansage. „Achtung, Achtung. Wir machen sie darauf aufmerksam, dass sie ab Verlassen des Flughafengeländes mit erheblichen „Gehweg-und Straßenschäden rechnen müssen. Dafür können wir ausnahmsweise mal nichts“
  • Die gelben Ortseingangsschilder an den Autobahnen und Landstraßen, bekommen einen zusätzlichen Text: „Mit passieren der Ortseingangsgrenze akzeptiert der Besucher hochwahrscheinliche Gehweg-und Straßenschäden und übernimmt daraus entstehende Folgekosten aus Beschädigung an Gesundheit und Eigentum zu seinen Lasten“.

Noch andere kreative  Ideen? Dann bitte einfach kommentieren !

 

Man o man, wäre ich doch nur Schilder-Fabrikant geworden…

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