15) Nur ins Bett

Neulich kam ich von einem gemütlichen Kneipen-Abend nach Hause. Ich ließ mich von der Straßenbahn bringen, stieg an unserer Haltestelle aus und bog für die letzten Meter in unseren ruhigen Kiez ein. Es waren kaum noch Menschen zu sehen.

Um zu unserer Straße zu kommen, musste ich noch eine andere schmale Straße überqueren. Das tat ich etwas „unkonventionell“, also schräg, weil der Weg kürzer war und ich so meinem Bettchen schneller näher kam. Das „Manöver“ gelang, ich erreichte die andere Straßenseite und setze meinen Fuß auf den Gehweg. Kurz hinter einer Frau, die bereits auf dem Gehweg in meine Richtung lief. Für die nächsten Meter hatten wir also erst einmal den selben Weg. Auch nicht schlecht. Bin ich nicht so allein. Ich stapfte ihr in meinem eigenen Tempo hinterher, sie war aber etwas langsamer unterwegs als ich. Also kam ich ihr Schritt für Schritt näher. Ich habe mir nichts dabei gedacht, ich wollte nur ins Bett. Dann bemerkte ich, wie sie über ihre Schulter blickte und selber an Geschwindigkeit zulegte. Kurz davor hatte ich mich aber bereits für’s Überholen entschieden, gab also auch etwas mehr Gas. Wieder schaute sie über die Schulter und wurde noch schneller. Was macht die denn? Warum lässt sie mich nicht überholen? Was wird das hier? Dann klapperte es in meinem müden Kopf. Die denkt doch wohl nicht etwa, ich will ihr irgendwie… ? Nein, um Himmels Willen. Ich? Ich bin müde und will nur ins Bett. 

Was mache ich denn jetzt?

  • Soll ich sie vielleicht ansprechen? „Ähhhm, Entschuldigung. Ich bin nicht so einer, wie sie jetzt denken.“ Aber das tue ich besser nicht. Wenn ich auch nur einen Ton von mir gebe, dreht sie vielleicht durch.
  • Soll ich meinen Überholvorgang einfach zügig durchziehen? Aber dann läuft sie wohlmöglich noch schneller. Wo soll das enden? Dann rennen wir bald die Straße hinunter oder sie gerät vollends Panik.
  • Soll ich mich zurückfallen lassen oder wieder die Straßenseite wechseln? Dann denkt sie möglicherweise, ich Dreckskerl habe von meinem widerwärtigen Vorhaben „abgelassen“. Ich will aber nicht, dass sie so denkt. Ich bin kein Dreckskerl. Ich bin ein friedlicher Kerl, der nur ins Bett will. In sein Bett. Allein.

Was ist das nur für eine Welt und wo soll das hinführen?

38) Zahnarzt

Wenn es um Zahnarzt-Besuche geht, bin ich eine echte Pfeife. Ein Weichei, ein Schisser, eine Flachzange, ein Drückeberger… die deutsche Sprache ist da recht vielfältig. Allein die telefonische Termin-Vereinbarung kann sich etwas hinziehen. Es gibt immer genug Gründe, diesen einen Anruf noch etwas hinauszuschieben. Viel Arbeit und „andere wichtige Projekte“ zum Beispiel. Aufgrund einer anstehenden Asien-Reise, musste ich nun doch mal zum Hörer greifen, denn vor Ort wollte ich bestimmt nicht zum Zahnarzt gehen. Als die Hürde des Anrufs aber erst einmal gemeistert war, trat sofort Erleichterung ein. Mein innerer Schweinehund war zunächst überwunden. Aber damit begann die Qual ja eigentlich erst. Zunächst war der Termin noch wochenlang entfernt, es gab noch viele andere schöne Dinge bis dahin. Dann waren es nur noch ein paar Tage bis zum Zahnarzt-Besuch, dann auf einmal war der Termin … „heute“. Heute schon?

Schon beim Gedanken daran, werden meine Hände feucht und kalt. Ich gehe also auf die Praxis zu und erhoffe ein Schild mit der Aufschrift  „wegen Krankheit bis auf weiteres geschlossen“. Das Schild fehlt aber und alle Türen springend summend auf. In der Praxis bin ich der Einzige und werde freundlich begrüßt. Eine kurze Ruhe-Pause wird mir noch gegönnt, dann ruft man mich ins Zimmer 1. “Machen Sie es sich bequem“.

Nun geht alles Schlag auf Schlag. Eine Betäubungs-Spritze ins Zahnfleisch, dann zunächst der kleine „fiepende“ Bohrer und dann der große „rubbelnde“ Bohrkopf, der meine Schädeldecke zum Vibrieren bringt. Zum Finale folgt noch ein Bohrer mittlerer Größe, der ganz laaaaaangsaaaam und  ausführlich das neue gebohrte Loch durchwühlt, um wirklich aaaaaaaalles zu erwischen und ans Tageslicht zu befördern. Es ist ein furchtbares Geräusch. Es ist ein „Kratzen“, „Schleifen“, „Feilen“, „Schleifen“… und da ist die deutsche Sprache auf einmal sehr arm an Wörtern.

Der Arzt ruft der Schwester ständig irgendwelche Abkürzungen und Nummern zu? Ist das etwa das Material, was er als nächstes benötigt oder sind das bereits die Nummern der Zähne, die in den nächsten Wochen noch dran sind. Ich kann nicht fragen, ich habe ein Pfund Watte-Stäbchen im Mund und einen Schlauch, der literweise „Sabber“ absaugt. Wo fließt die eigentlich hin, versuche ich mich abzulenken. Gibt’s im Keller etwa einen großen „Sabber“-Behälter, der einmal im Monat abgeholt wird und zu Frischwasser aufbereitet wird? 

Mein Kopf brummt und meine Ohren klingen, aber das Schlimmste scheint überstanden. Noch etwas Schmiere in das Loch, dann die Füllung rein, Heizlampe drüber und nur wenige Momente warten. Schon erstaunlich, was die Werkstoffe heute so ermöglichen. Nun noch mehrmals zubeißen und etwas nachschleifen, bis die Zähne oben und unten wieder aufeinander liegen und klappern können. Geschafft. Nach gut einer Stunde darf ich wieder aufstehen. Noch etwas wackelig auf den Beinen, verspreche ich Arzt und Schwester, mich bald wieder zu melden. Ernsthaft. Diesmal wirklich. Versprochen…

Ich torkele auf die Straße, laufe zur Tram und denke nach:

  • Wann gibt es endlich die ersten Nano-Roboter? Ich wüßte sofort einen Anwendungsfall.
  • Was kann man nur gegen diese Geräusche machen? Vielleicht Ohrschützer von der Baustelle besorgen?
  • Und warum muss im Praxis-Radio „103.6 LTR, Achim und das Morgen-Team“ laufen? Die ganze Bohren ist doch nun schon echt anstrengend genug, oder?

Bin ich hier der einzige Schisser?