17) Einstand in der Kita

Die folgende Geschichte, ist auch schon ein paar Jahre her, aber sie könnte sich genauso im „Hier und Jetzt“ abspielen. Vermutlich ist es heute noch dramatischer. Einstand in der Kita. Mhm, was macht man da zu essen? Recht einfach. Nichts Besonderes. Kuchen, Wiener, Brezeln und vielleicht etwas kleines zum Naschen. Das wollen alle Kids. Wir fragten die Erzieher, wie das denn in der Kita so gehandhabt wird. Sie antworteten, dass wir natürlich gern machen können, aber… . Da wären zunächst die „Laktose-Kinder“. Allein der Begriff, der Plural und Dominanz erschlug uns erst einmal. Es war anscheinend schon ein stehender Begriff. Bloß gut, dass es noch keine Verniedlichung dafür gab wie z.B. die Lakti’s oder die Vegani’s. Zudem durfte der Julius keinen Zucker essen und beim Tim untersuchte man das noch. Besser aber nichts riskieren. Die Eltern von Emma wollten, dass sie vegetarisch aufwächst und Paulas Eltern waren samt Kindern seit 4 Wochen Neu-Veganer. Letzteres ist zwar nicht kritisch, wir sollten es aber respektieren. Es folgten viele weitere Namen und Besonderheiten. Kein Schweinefleisch bei dem anderen Jungen, Süßigkeiten nicht gern gesehen bei den Eltern eines Mädchens, Lebensgefahr im Falle von Eiweiß bei den Zwillingen, Obst nur geschält, Obst nur in kleinen Stücken und so weiter und so weiter. Oh je! Wir wollten doch nur eine Runde schmeißen! Nun konnten wir nur noch Tüten mit Berliner Luft ausgeben, aber die ist auch nicht gerade die gesündeste. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn sich ein Kind damit in Lebensgefahr begeben würde. Dann muss man wirklich vorsichtig sein. Ich habe auch mittleres Verständnis, wenn dem Kind nach dem Essen kotzübel wird. Auch ok. Wofür ich aber überhaupt kein Verständnis habe, ist, wenn Eltern ihren Ernährungstick grundlos ihren Kindern überstülpen und damit über die Kita indirekt in meine Küche tragen. Zu Hause könnt ihr machen, was ihr wollt. Es ist mir total egal, aber lasst meine Kinder damit in Ruhe. Wir versuchen, unseren Kindern halbwegs die Kulinarik zugänglich zu machen und ihr verkompliziert so etwas Schönes, wie das Essen. Wir haben uns dann für laktosefreie Reiswaffeln und zuckerfreies Wassereis entschieden, damit unser Einstand doch noch stattfinden konnte. Am nächsten Morgen sind alle Kinder wieder in der Kita erschienen, es ist keins gestorben. Ein Glück.

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben:

16) Übereltern

Die ersten Beiträge dieser Rubrik drehten sich um ignorantes Verhalten gegenüber Familien. Soll aber keiner sagen, dass Familien nur die Leidtragenden sind. Familien können auch ein Quell von Verhalten sein, was andere auf die Palme bringt. Speziell wenn Eltern mit viel Freizeit, andere Eltern wiederum in Geiselhaft nehmen und beschäftigen. Sie packen auf die eh schon eingeplanten Beteiligungen der berufstätigen Eltern eben noch ein paar Engagements oben drauf. Ich rufe die MAZ, ein paar Videos aus dem Privat-Archiv dazu bitte:

Video: Ich hocke auf einem viel zu kleinen Stuhl in der Elternversammlung der Kita. Die Gespräche um mich herum drehen sich um Obst. Ich habe zehn Stunden gearbeitet und der Tag hallt noch nach. Termine, Offene Punkte Liste, Foliensatz, Statusbericht, und Datenanalyse. Und Obst? Unser Kind bekommt doch Obst in der persönlichen Büchse mit in die Kita! Warum reden wir jetzt über Obst? Ich habe nun wirklich andere Sorgen, als Obst! Es geht anscheinend darum, ob man nicht das ganze Obst in eine große Schüssel kippen könnte und sich die Kinder dann daraus bedienen. Das bringe Abwechslung und Interaktion untereinander in den Obst-Alltag. Ich finde das gut und bin sofort dafür, außerdem habe ich keine Lust über Obst zu sprechen, eigentlich möchte ich lieber bald nach Hause. Aber dann folgen ein paar Statements aus den Elternhäusern.

Wortmeldung 1: „Ja, aber wie ist es denn dann mit der Hygiene, wenn alle Kinder in dieselbe Schüssel greifen?“ Ich denke mir meinen Teil.

Wortmeldung 2: „Wie kann ich sicher sein, dass auch alle Eltern das Obst gründlich abwaschen?“ Auch dazu denke ich leise und mein Kopf neigt zum Schütteln.

Wortmeldung 3: „Ist denn sichergestellt, dass dann auch wirklich alle Eltern Bio-Obst mitbringen?“ Meine Augen beginnen zu rollen.

Wortmeldung 4: „Was passiert eigentlich mit den Obst-Überschüssen? Wäre ja schade, wenn die einfach im Müll landen würden.“ Ich nicke ausnahmsweise.

Wortmeldung 5: „Ich hätte da einen Vorschlag: Es könnte doch abwechselnd eine Familie Obst einkaufen und morgens in der Kita frisch zuschneiden“.

Nun denke ich nicht mehr leise. Es folgt ein klares Veto meinerseits. Wir bringen die Kids bereits um 07:15 zur Kita und werden bestimmt nicht um diese Uhrzeit für 18 Kinder Obst vor Ort in der Kita schnippeln und den vergammelten Salat am Abend wieder mit nach Hause nehmen. Niemals!
Das Obst-Thema ist abgeschlossen. Nächster Tagesordnungspunkt: „Kita-Gruppen-Fahrt“. Die Daten zur anstehenden Gruppenfahrt auf einen Bauernhof wurden bereits an alle Eltern per E-Mail versandt. Checklisten, Kontakt-Daten und der Ablauf vor Ort lagen bei. Was soll das? Es wurden doch alle wichtigen Dinge bereits verteilt, warum muss ich jetzt noch über eine Stunde über die Reise reden. Ich habe eigentlich gar keinen Bedarf. Andere schon.

Und schon folgten die besorgten Fragen der anderen Eltern, hier nur ein Auszug:
-ob denn z.B. das Wasser dort aus Flaschen oder aus der Leitung käme
-ob die Kinder dort nur duschen oder auch baden könnten
-ob auch wirklich täglich die Flaschen ausgewaschen werden.
…und ob man bitte die zwei kleinen Hunde, die es wohl auf dem Bauernhof geben würde, anleinen könne. Hunde auf einem Bauernhof? Das ist ja echt eine Zumutung!

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben:

1) Schlechte-Laune-Potenzial (Intro)

Es gibt viele kleine Ereignisse im Alltag, die meine Laune erheblich absacken lassen. Oft sind das wirklich winzige Auslöser, die bestimmt jeder schon einmal in ähnlicher Form erlebt hat. Diese können schon am frühen Morgen auftreten und einem den ganzen Tag vermiesen. Auch während des Tages, kann man auf einem Stimmungshoch sein und auf einmal, macht’s Peng und das Stimmungs-Barometer sackt in den Keller. Sogar spät am Abend, kann ein eigentlich toller Tag noch erheblich eingetrübt werden. Umso wichtiger ist dann, dass man sie als solche wahrnimmt, kurz drüber schmunzelt und sich nicht den Tag vermiesen lässt. Und da die Auslöser selbst oft nur sehr kurz andauern, werden auch die Texte dieser Kategorie sehr kurz gehalten.

8) Anstehen oder Draufzahlen

Das Wetter war toll. Wir beschlossen, in den Berliner Tierpark zu gehen. Etwas frische Luft mit Bildung wird den Kids gefallen. Der Haken dabei? Nicht nur einer, sondern gleich zwei. Haken 1 waren die Preise. Ich addierte alle Eintritte zusammen und kam auf stolze 39 EUR. Ganz ohne Eis, Brezel oder Pommes. Haken 2 waren die vermutlich langen Warteschlangen vor den Kassen, die jedes Kind zum Nerven bringen. Also checkte ich vorher die Tierpark-Homepage, um beide Haken irgendwie kleiner werden zu lassen. Die erste gute Nachricht war, dass es auch Familientickets gab, für 35 EUR. Auch nicht gerade ein Schnäppchen, aber immerhin. Zweite gute Nachricht war, dass man Tickets online bestellen konnte. Was für ein Segen! Leider war es nach genauerem Hinschauen nicht so. Ja, man kann einzelne Karten online bestellen. Das geht ganz komfortabel. Zum Kauf von ermäßigten Gruppen-oder FaKarten, muss sich aber die komplette Gruppe vorstellen. Da dies aber online nicht geht, sind Familientickets halt online nicht zu haben. Problem gelöst. Willkommen im digitalen Zeitalter! Ähnliches erlebte ich auch beim Fernsehturm, wo die Schlangen viel länger sein können. Alle Eintritte zusammen betrugen 75 (!) EUR eine Art Familienkarte suchte ich dort vergebens. Also halt eher aufstehen und sich anstellen. Mit all den anderen müden Eltern und quengelnden Kindern. Oder halt einfach mehr zahlen. Wirklich schade. Ich kenne die Finanzierung solcher Einrichtungen nicht, könnte mir aber vorstellen, das auch Steuermittel verwendet werden. Wenn ich dann aber mit einer solchen Familien-Ignoranz konfrontiert bin, könnte ich in die Luft gehen. Aber ist das nur ein Problem bei öffentlich-rechtlichen Einrichtungen oder ist es in der Privatwirtschaft ähnlich? Schauen wir mal!

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben:

7) Bürger-Service

Das Feld Politik und Kommune will ich bald wieder verlassen. Aber vorher möchte ich noch ein paar Aufregbarkeiten bearbeiten, wo Politik und Kommune ein paar Meter mehr auf Familien zugehen könnte. Mir geht es jetzt nicht um Geldleistungen oder materielle Förderung. Die Unterstützung von Familien kann auch ganz direkt funktionieren bei Dienstleistungen, die der Staat direkt in der Hand hat. Nehmen wir ein Beispiel: Will eine Familie ins Ausland reisen, benötigt sie in der Regel Reise-Pässe. Um diese zu beantragen, müssen alle Familienmitglieder zum Amt! Was ist das für ein Unsinn? Damit man die Fingerabdrücke der Kinder nehmen kann, um sie vorsorglich mit Terror-Akten abzugleichen? Und wenn man es ganz genau nehmen würde, müsste ich eigentlich 4 Wartemarken ziehen oder 4 separate Termine online vereinbaren, um alle Anliegen vorzubringen. Ich würde die Tür des Zimmers mit meinem Pass-Antrag verlassen und sofort wieder umdrehen, klopfen und den nächsten Antrag für eines meiner Kinder einreichen. Zusätzlich muss man die Kids gegebenenfalls tagsüber aus der Schule reißen oder nach der Schule zum Amt eilen, damit man bis 18:00 das Ganze abgeschlossen hat. Warum müssen bei solchen Formalitäten Kinder anwesend sein? Und wenn sie wirklich anwesend sein müssen, warum gibt es im Bürgeramt keinen bevorzugten Familien-Service sondern nur die üblichen Wartemarken? Wer je mit einem Kind im Wartesaal eines Amtes gewartet hat, weiß wovon ich spreche. Den Sachbearbeitern mache ich gar keinen Vorwurf, die finden meistens praktikable Lösungen. Mir geht es um die Sensibilität der Institutionen an sich und deren Ignoranz gegenüber Familien.

6) Nach grün kommt tot

Ein einschneidendes Erlebnis, ist schon länger her, passt aber wunderbar in die Schublade „Ignoranz“. An einem Sonntag unternahmen wir einen kurzen Spaziergang in den nahegelegenen Park. Dazu mussten wir, wie immer, eine 6-spurige Straße überqueren und die zwei Tram-Gleise in der Mitte. Das Vorhaben wird durch drei Ampeln geregelt – eigentlich überhaupt kein Problem. Wie warteten an der roten Fußgänger-Ampel und als nun endlich grün war, betrat meine Tochter ein paar Milli-Sekunden vor uns Eltern und Großeltern die Straße. Ich bestätige hier noch einmal, für uns war grün. In diesem Moment bretterte ein Auto über die Kreuzung. Es fehlten ungefähr noch 30 Zentimeter, dann hätten wir eine Anzeige in der Lokalzeitung schalten können. „Schulplatz unverhofft abzugeben, Kinderbett und Spielzeug gibt’s gratis dazu“. Rein rechtlich, hätten wir Eltern wahrscheinlich sogar noch unsere Aufsichtspflicht verletzt, weil wir den Übergang nicht abgesichert hatten. Tja, da kann man nichts machen. Lautes Veto! Politik und Verkehrslenkung kann mehr tun, als Verkehrsinseln und Tempo-30-Zonen zu bauen. Bei jedem Verkehrsvergehen gegen Kinder, sollte das Bußgeld verdreifacht werden. Das tut bestimmt weh und ich wette, dass ist effektiver. Diese Inseln bieten zwar Zuflucht, wenn die Kinder-Beine kürzer als der noch vor ihnen liegende Weg sind, es schützt aber kaum vor Voll-Idioten, die Gas und Bremse verwechseln und bei Dunkel-Rot über eine Kreuzung knallen. „Das kann doch mal passieren, es war ja vermutlich auch nicht mit Absicht des Auto-Fahrers geschehen, oder?“ Da habe ich so meine Zweifel! Warum ist er ohne anzuhalten einfach weitergefahren? Weil ja eben „nichts“ passiert war? Hätte er nicht anhalten können, um sich wenigsten mal zu entschuldigen? Hätte er denn gehalten, wenn meine Tochter nach einem dumpfen Knall durch die Luft geflogen wäre? Wäre das dann ein angemessener Grund, die eilige Fahrt zu unterbrechen? Nun, ja. Meine Tochter war zumindest zutiefst verunsichert, schließlich hatte sie alles richtig gemacht. Äußerlich war sie zwar nicht verletzt, aber das Ereignis wirkt nach. Traue nie einer Ampel.

Frühere Beiträge zum Thema Straßenverkehr:

5) Die Kinder-Taste

Mein erstes Beispiel für eine „Bevormundung,“ ist, wenn sich Politiker in den Medien mit meinem Familienalltag beschäftigen. Insbesondere dann, wenn sie selbst gar keine Kinder haben oder gar Personal, welches deren Alltag organisiert. Ein Beispiel: In einigen Städten gibt es wohl an Park-Automaten eine sogenannte „Brötchen-Taste“. Mit dieser Taste kann man quasi umsonst parken, weil das Brötchenkaufen ja nur 5 Minuten dauert. Ich brauche so etwas nicht, weil unser Bäcker in Laufweite ist. Aber die Idee finde ich gut. Vor einiger Zeit gab es mal in Berlin die Diskussion, eine ähnliche Taste auch an Park-Automaten vor Schulen anzubieten. Quasi eine „Kinder-Taste“. Diese Idee gefiel mir schon besser. Das Kinderabgeben dauert ungefähr genauso lange wie das Brötchenkaufen und eine solche Taste am Automaten würde den Eltern Stress und Geld sparen. Und wie argumentierte daraufhin ein Kommunal-Politiker in einer Zeitung? Nicht etwa mit Zahlen, fehlenden Budgets oder logistischen Problemen. Nein, er entledigte sich der Diskussion mit dem Statement: „Das wäre das völlig falsche Signal an die Kinder. Man solle doch lieber mit der Bahn fahren und den Kindern ein Umweltbewusstsein vermitteln“. Punkt. Erstens ist er überhaupt nicht auf die Fragestellung eingegangen. Zweites unterstellt er, dass Eltern die Kinder zur Schule mit dem Auto fahren, die Umwelt egal ist. Geht’s denn noch? Die Brötchentaste bleibt bestehen, damit der faule Bürger mit dem Auto zum Bäcker fahren kann? Kinder und Eltern rutschen in die hinteren Reihen und sollen doch zusehen, wie sie in die Schule kommen. Ich habe mich beim Lesen des Artikels übel aufgeregt. Der scheint wohl noch nie zwei Kinder und deren Rucksäcke mit der Bahn in die Grundschule gebracht zu haben. Natürlich geht das. Andere tun es, wir tun es ja auch, wenn es logistisch passt. Nur es funktioniert es eben nicht immer. Also ziehen die Eltern weiter Park-Tickets oder versuchen ihre Brut in der zweiten Reihe abzusetzen, ohne dass das Ordnungsamt davon etwas sieht. Großartig.

 

 

2) Egoismus-Lexikon

Wenn ich das Wort Egoismus so vor mich hin und her drehe, kann ich darin mehrere Arten sehen. Mag sein, dass die Wissenschaft zu ganz anderen Definitionen kommt, aber ich will ja hier auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Ganz oben sehe ich die Kategorie des „Natur-Egoismus“. Darunter fallen Menschen, die ernsthaft davon ausgehen, dass sie ganz allein auf dieser Welt leben. Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen, denn der jeweils andere, der egoistisch behandelt wird, existiert quasi nicht. Dieser Kategorie kann ich schon fast ein paar Sympathien abgewinnen, denn dieser Egoist ist mit sich absolut im Reinen. Er fühlt sich nicht schlecht dabei und kann sich gar nichts zum Vorwurf machen. Schlimmer ist eigentlich die zweite Kategorie. Die „Ignoranz“. Die Ignoranten wissen durchaus, dass es noch andere Artgenossen auf der Welt gibt und sie sehen sogar, wie sie anderen Menschen in der Situation eigentlich schaden. Aber es ist ihnen total egal. Es wird trotzdem entsprechend gehandelt. Hauptsache er oder sie oder auch seine Kinder setzen sich in der Hackordnung durch. Die dritte und vierte Kategorie, muss man ganz dicht beieinander eröffnen, denn sie agieren auf ähnliche Weise subtil. Beide könnten fast Zwillingsschwestern sein. Da sehe ich zum einen die „Einmischung“ und aber auch die „Bevormundung“. Beide Typen tanzen etwas aus der Reihe, da sie nicht so offensichtlich wie „Natur-Egoisten“ und „Ignoranten“ daherkommen. Aber für mich gehören sie mit dazu. Denn wenn wir in manchen Situationen quasi überhaupt nicht existieren oder auch mit voller Absicht ignoriert werden, frage ich mich in anderen Situationen, ob wir nicht selbständig genug sind, um nach eigenen Kriterien abzuwägen und unsere Entscheidungen zu fällen. Stattdessen grätschen aber in diesem Moment Personen oder auch Institution in unser anwesendes Leben und lassen die beiden Zwillinge darin toben. Mit schlauen Ratschlägen und vermeintlicher Expertise tauchen sie wie aus dem Nichts auf und geben ihren Senf zu unserem Alltag dazu. Auch wenn wir unser Leben lieber ohne Senf mögen.

1) Metropolen-Egoismus (Intro)

Metropolen-Egoismus? Was für ein eigenartiger Name für die Rubrik? Da möchte ich auch gar nicht widersprechen. Ich habe lange überlegt, wie ich das hier nennen könnte und es ist leider nichts vor meinem Inneren Auge erschienen, was vielleicht etwas cooler klingen würde. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Titel noch gar nicht so sehr festlegen will, er will noch etwas mehr Spielraum lassen und vielleicht mehrere Felder bedienen. Wir werden sehen, was sich so ergibt. Und was kann der Leser nun hier erwarten? Einen erhobenen Zeigefinger, dass wir doch alle etwas rücksichtsvoller miteinander umgehen sollen? Nein, diesen Anspruch haben die Texte nicht, obwohl das sicher mal dringend nötig wäre. Was wird es dann? Ein Klagelied auf die Ellbogengesellschaft? Nein, ich will auch nicht klagen. Klagen bringt nicht viel, besonders dann, wenn alles beim Alten bleibt und man nichts verändert. Ich will eher einladen zu einer kleinen geführten Sightseeing-Tour durch das häufig doch sehr raue Berlin. Besonders an den hässlichen Sehenswürdigkeiten des täglichen Miteinanders möchte ich gern etwas verweilen, ich will das Licht anschalten und die Kamera drauf richten. Das Übel ans Tageslicht zerren und öffentlich zur Schau stellen. Tja, was könnte dann sonst noch enthalten sein? Ein Appell an die Moral, Sitte und Anstand? Ja vielleicht ein wenig davon, denn es hört heute ja meist bereits dann schon auf, nachdem man einer alten klapperigen Frau in der Straßenbahn den eigenen Sitzplatz anbietet oder im Weg eines blinden Mannes etwas korrigierend eingreift. Und selbst diese Selbstverständlichkeiten scheinen vergessen worden zu sein.