64) Tach, Post!

Habe ich mich neulich noch in > „63) Kein Schwein schreibt mich an“ beklagt, dass ich keine Briefe mehr bekomme, wurde ich heute regelrecht zugespamt. Ich kam vom Corona-Freigang zurück und warf einen Blick in den Briefkasten.

Stolz standen dort vier Sendungen, aufrecht hintereinander und voller Geltungsdrang. Jedes Papier wollte das erste sein. Ich hatte keine Zeit, also griff ich den Stapel und warf ihn oben in der Wohnung erst einmal auf … na ja … so eine … Fläche … die wohl jeder zu Hause hat. Kommode, Arbeitsplatte oder Schuhschrank eben. Oder öffnet ihr etwa immer gleich alle Briefe, überweist sofort irgendeinen Betrag und heftet danach alles schön sauber ab? Echt? 

Jedenfalls nahm ich den Stapel am Abend zur Hand und blätterte ihn nacheinander durch:

Zuerst fiel mir ein Postkarte vom SPD-Kiezbeauftragen Toni Scheitel in die Hand. Er schlug Kaffe und Kuchen vor und dabei könnten wir ja mal reden. Ich müsste ihn nur einladen, Kaffee und Kuchen würde er mitbringen. Mit Kaffee und Kuchen kann man mich nun aber gar nicht locken. Geht vielleicht auch eine Bratwurst mit viel Senf??

Danach ein Gutschein eines Hamburger Versandhauses. Das gab es übrigens schon lange vor den Amazonen. 13 EUR würde ich geschenkt kriegen, wenn ich bis 10.04.2021 etwas bestelle, was über 29 EUR kostet. Anscheinend bin ich mit denen schon mal auf einer Party versackt, denn sie duzen mich. Kann mich gar nicht erinnern.

Nummer Drei war ein Flyer, in dem man mir anbot unsere Wohnung perfekt zu entrümpeln. Haushaltsauflösungen, Sperrmüllentsorgung, spezialisiert auf Messi-Wohnungen und Nachlassentsorgungen. Ich schaute kurz auf und warf einen zweifelnden Blick durch die Wohnung. Also so schlimm, sieht’s hier nun auch nicht aus. Sicherheitshalber tastete ich mal meinen Puls. Ging noch.

Zu guter Letzt noch eine Rechnung von einem Labor. Mein Blut wurde untersucht und nun bekam ich drei Seiten Papier, die sich lasen wie das Periodensystem der Elemente. Der Doktor hat es mir übersetzt mit „alles im grünen Bereich“. Na dann, danke für die guten Nachrichten! Dann kann ich den Flyer der Entrümpelungsfirma erst einmal zum Altpapier legen. 

Puh… 😉

154) Weite

Dass ich an Stille mittlerweile durchaus Gefallen finden kann, habe ich ja hier schon einmal geschrieben. Aber Stille kann eben auch Enge bedeuten und da kommen wir schon zum nächsten Zustand, der mich zunehmend begeistert. Und zwar die Weite. Die weite Sicht. Der unverstellte Blick. 

Woran liegt’s?

  • Ist es das Leben in der Großstadt, bei dem der Blick ständig an einer Häuserwand, Werbetafel oder Menschengruppe endet?
  • Ist es das 9-monatige Dauer-Homeoffice, bei dem die Wege nur zwischen Arbeitsplatz, Kaffee-Maschine und Klo stattfinden?
  • Ist es die immer gleiche Tapete (… dabei haben wir gar keine Tapete … ;-), eher der Alltag, die Wiederholung, der Trott? Das Murmeltier, was täglich grüßt?

Vermutlich von allem etwas 

Besonders in diesen Tagen kann ich nur jedem raten: Nehmt euch das Auto oder setzt euch in einen Zug und fahrt raus, raus vor die Tore der Stadt. Lasst die Blicke über Wiesen, Felder und Wasser streifen. Und nehmt die Dinge wahr, die da sind. Und auch die, die nicht da sind. Herrlich.

Es war ein schöner Ausflug an die Müritz heute. Und er hat gezeigt, dass man dem engsten Kreis mit Vernunft und Abstand auch nah sein kann.

Einen schönen Sonntag.
T.

<— 37) Stille

62) Herr Kollege Fliege

Trotz all der großen Themen aktuell, muss auch mal wieder ein kleines Thema her. Wenn auch wirklich ein sehr kleines.

Kaum verpasst man seinem Homeoffice mit einem Apfel oder einer Banane einen gesünderen Eindruck, kann man mit Sicherheit ungebetene Kollegen erwarten. Obstfliegen.

Das sind die nervigsten Homeoffice-Kollegen, die man sich vorstellen kann:

  1. Da hocken sie den ganzen Tag an der Wand, glotzen blöd und tun überhaupt nichts. Das bringt mich auf die Palme. Aber immerhin labern die kein blödes Zeug und trinken den guten Kaffee weg, wie so manche Human-Kollegen.
  2. Die fliegen auch in Zimmer wo gar kein Obst oder Getränk steht. Was wollen die da? Nur mal gucken oder was? Sind das vielleicht kleine Drohnen, die unsere Wohnung ausspionieren?
  3. Ja und voll die Teamsprenger sind das, oder? Überhaupt nicht sozialisiert sitzen sie immer irgendwo allein herum und sagen einfach … nichts. Voll öde. Wo soll man da mit einem Gespräch ansetzen?
  4. Und wie eitel die sind. Am liebsten fliegen die zu den Spiegelschränken im Bad und schauen sich den ganzen Tag selbstverliebt in die eigenen Augen. Wenn ich mich dann mal anschauen mag, fliegen sie herablassend zur Seite, kehren aber gleich wieder auf den Spiegel zurück.
  5. Einzig bei ihrem Stoffwechsel können sie wirklich beachtliche Dinge. Sie können gegen die Schwerkraft ihren Darm … oder was auch immer … an der Zimmerdecke entleeren, ohne dass ihnen ihr Dreck selber in den Schoß fällt. Respekt. Aber es reicht ja, wenn ihr euer Können nur EINMAL demonstriert ihr Angeber!

Welche Aufgabe haben sie im Gesamtgefüge? Wozu sind die Biester gut?

 

<— Weitere Kleinigkeiten mit Schlechte-Laune-Potenzial gibts hier

61) Forum Nervum

Irgendwie fehlt mir heute der Antrieb für die großen Themen der Zeit. Also komme ich mal wieder auf die nervenden Kleinigkeiten des Alltags zurück. Diese Kategorie hier auf’m Blog ist in den letzten Wochen etwas zu kurz gekommen.

Das Internet kann Fluch und Segen sein. Heute beginne ich kurz mit einem Segen, aber der Fluch lässt nicht lang auf sich warten.

Brauche ich mal einen praktischen Rat oder eine technische Hilfestellung, ist die große Video-Plattform eine gute Wahl. Wie stelle eine Fahrradschaltung ein? Wie zieht man eine Silikon-Fuge? Was tun bei einem platten Reifen? Großartig, die kurzen Videos möchte ich nicht missen.

Aber wehe man landet in einem Internet-Forum, in dem Menschen miteinander kommunizieren. Da beginnt dann schnell mein Fluchen. Verstehen sich zum Beispiel der Fernseher und Receiver nicht so recht und man hat großes Glück, findet man im Netz einen anderen Leidensgenossen. „Ich will meinen Panasonic-TV ABC-0815 über HDMI-ARC an den Teufel-Receiver 4711-XYZ anschließen, aber es kommt kein Ton an.“ steht dort. Mein Herz macht Freudensprünge, der hat das gleiche Problem wie ich und bestimmt auch die Lösung. Denkste.

Denn meistens liest man dann folgendes:

  1. Der Moderator: Bevor du die Frage stellst, schau doch erst mal im Forum nach. 🧐
  2. Der Schlaumeier: Also ich habe mir ja den Teufel 9876-UVW gekauft, da läuft alles bestens. 💪
  3. Der Granatwerfer: Probiere ein Reset und dann mach mal ein Firmware-Update. 💣
  4. Der Ingenieur: Löse alle Schrauben, nimm einen Spannungsmesser und prüfe an der MNO-Platine ob hinter dem Widerstands-Modul H noch ein Signal ankommt.🔧
  5. Der Weltretter: Also ich habe seit Jahren schon keinen Fernseher mehr, ich lese nur noch. 🦄

Oaaaaahh …. nerv. 😡

<— Weitere Kleinigkeiten mit Schlechte-Laune-Potenzial gibts hier

63) Service-Dialog

Handwerkerleistungen sind häufig ein besonderes Erlebnis. Ich meine heute nicht die Umsetzung an sich, sondern eher die Anbahnung dieser „Service Experience“.

Ein aktuelles Beispiel:

Das Schlafzimmerfenster klemmt, ich kriege es nicht mehr auf, weder voll noch kipp. Doof irgendwie.

07.06.2020: Ich schreibe die Hausverwaltung an und schildere mein Problem.

08.06.2020: Verwaltung antwortet, Firma „Fenstermann“ (Name geändert) wurde beauftragt, man wird sich telefonisch melden.

10.06.2020: Ich frage bei der Verwaltung, ob sie denn noch einmal nachhaken könnten, denn bei mir hat sich noch niemand gemeldet.

11.06.2020: Verwaltung antwortet, … in Anbetracht der aktuellen Situation … usw… Corona … bla bla. Mir kommen die Tränen. Der Auftrag sei am 08.06.2020 erteilt worden, für die Bearbeitung rechne man aktuell mit 7 Arbeitstagen.

16.06.2020: Ich schreibe der Verwaltung, heuchle Verständnis für die Situation und wünsche mir, dass doch wenigstens jemand anrufen würde. Das muss doch auch in Corona-Zeiten gehen.

17.06.2020: Verwaltung antwortet, ich solle die Firma selbst unter 12345678/12345 anrufen. Wo ist das denn? WENN Vorwahl < Anschluß DANN Ort = Klein.

19.06.2020: Ich rufe dort an und bin besonders freundlich, Handwerker brauchen Streichel-Einheiten.

Sie: „Tischlerei Fenstermann, Guten Tag.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Sie: „Moment, ich stell‘ sie zum Chef durch. Wie war noch gleich ihr Name?“
Ich: „Mein Name ist Sowieso.“
Es: „Knack. Tut. Raschel“
Er: „Ja, bitte.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Er: „Wo?“
Ich: „Wie … Wo“?
Er: „Na, wo isses?“
Ich: „Ähm … meinen sie jetzt das Fenster oder meine Wohnung. Na, Berlin.“
Er: „Na Berlin, is‘n bisschen größer, da müssen ´se mir schon sagen wohin, sonst könn‘ wir nich‘ helfen.“
Ich: „Ist mir schon klar. Es ist in Berlin, Pipapo-Straße 123.“ Mir wird der Kragen eng.
Er: „Is‘ hier.“
Ich: „Was ist da?“
Er: „Na der Auftrag.“
Ich: Oh, schön und wie gehts jetzt weiter?
Er: „Nächste Woche.“
Ich: „Entschuldigung, heißt das, nächste Woche kommt jemand vorbei oder ruft jemand an?“
Er: „Der Auftrag wurde mit anderen Aufträgen an einen Mitarbeiter übergeben, der meldet sich.“
Ich: „Aha“. Die Frage, ob ich mir derweil ein Sauerstoff-Gerät ausleihen soll, verkneife ich mir.

Also warte ich, bis sich jemand nächste Woche meldet und dann die 120 Kilometer nach Berlin fährt. Für ein Fenster.

Warum nur beschleicht mich das Gefühl, dass das noch nicht das Ende der Geschichte ist…

79) Corona-Lektionen 1

Corona ist nun in Deutschland angekommen und wir werden in den nächsten Wochen deutlich spüren, was das so für unseren Alltag heißt.

Das Zusammenleben wird heruntergefahren, wir bleiben in unseren Hütten und gehen nur fürs Nötigste unter Menschen. Na großartig.

Aber ich will mit dem Beitrag gar nicht so sehr auf den persönlichen Einschränkungen herumreiten, sondern über ein paar Punkte nachdenken, bei denen die Pandemie hoffentlich zum Umdenken anregt.

  1. CO2-Emissionen: Wir erleben gerade, wie schnell für sauberere Luft gesorgt werden kann. Vor wenigen Tagen noch demonstrierten Schüler freitags für die Zukunft. Flugzeuge bleiben nun vermehrt am Boden, Mitarbeiter fahren seltener in die Firma. Stinkende Diesel-Schiffe bleiben in fernen Häfen stecken. Auf einmal geht‘s doch oder? Aber vielleicht lesen wir zunächst Punkt 2.
  2. Klimaschutz: Punkt 1 zeigt aber auch, dass solch eine drastische Reduktion des Verkehrs „von Heute auf Morgen“ allerorts zu Problemen führt. Die Gesellschaft und Infrastruktur ist noch nicht so weit, sie muss dahin entwickelt werden. Fliegen weniger Flugzeuge und fahren weniger Schiffe, gibt‘s schnell Engpässe, die reiseabhängige Wirtschaft geht in die Knie. Und zwar schon nach wenigen Tagen.
  3. Importe: Wenn Fernseher und Smart Phones in China hergestellt werden, soll das so sein. Von mir aus. ABER: Wenn überlebenswichtige Medikamente, Mundschutze und sogar Flüssigseifen aus China oder Indien importiert werden, dann hört der Spaß auf. Man wird nach Corona nachdenken müssen, bestimmte Fertigungsbereiche zurückzuholen oder die Produktion weiter zu dezentralisieren.
  4. Virtuelles Arbeiten: Was mussten sich Arbeitnehmer „früher“ einfallen lassen, um den Chef wenigstens einen Tag Home-Office pro Woche aus den Rippen zu leiern. “Was der faule Mitarbeiter da wohl alles so nebenbei macht“, „Bloß kein Exempel statuieren, dann kommen sonst noch andere“ mag sich der Chef da gedacht haben. Seit Tagen werden Mitarbeiter nun förmlich nach Hause gedrängt. Hier habe ich große Hoffnung, dass das „Virtuelle Arbeiten“  entspannter gesehen wird, wenn der Spuk mal vorbei ist.
  5. Kinder: Die Kids stehen in manchen Bundesländern schon vor verschlossenen Schultoren, Berlin zieht nächste Woche nach. Das führt ihnen mal wunderbar vor Augen, wie sich Kids in der Dritten Welt fühlen. Von dem kleinen Unterschied mal abgesehen, dass sich unsere Kids untereinander vernetzen können und vieles online lernen können. Oder zwei Wochen abhängen und daddeln. Kids, denkt drüber nach!
  6. Hass: Beklagte man vor Tagen noch die teils verrohte Fan-Kultur und drohte mit leeren Rängen, können diese Idioten das nun mehrere Wochen üben. Zunächst Geister-Spiele, jetzt Pause in der Bundesliga. Schaut euch das an, ihr krakeelenden Schreihälse und Haters. Genießt es!
  7. Digitalisierung: Daten scheinen sonst überall verfügbar, wir können die Schritte zählen, Schlaf vermessen, Kalorien zählen und miteinander teilen. Phantastisch. Aber keine App der Welt, kann uns momentan sagen, ob wir den Virus unbemerkt in uns tragen. Vernünftige Digitalisierung muss nicht der böse Job-fressende Roboter sein, sondern zum Beispiel eine „Spuck-Fläche“ auf meinem Handy mit integriertem Viren-Scanner. Warum nicht?
  8. Richtig/Falsch: Was gestern noch richtig war, ist heute falsch. War es sonst “Bahn fahren“, ist es nun „Am besten allein Auto“, war es früher „Vorn beim Fahrer einsteigen“ ist es nun „Türen zu, bitte nur hinten einsteigen“. „Nähe“ wird zu „Abstand“. Gelernte Werte und auch willkürlich festgelegte Regeln verschieben sich. Andere machen auf einmal keinen Sinn mehr.
  9. Miteinander: Und das ist ein Punkt, der mir wirklich am meisten Sorgen macht. Ist doch mein Blog eigentlich auf diesem Fundament entstanden. Wenn sich sehe, wie „freundlich und selbstlos“ die Menschen auf einmal zurücktreten und mich die S-Bahn-Taste drücken lassen. Und wenn dieselben Typen mir am Spaghetti-Regal die Ellbogen in die Rippen rammen (bildlich gesprochen) frage ich mich, was hier eigentlich los wäre, wenn wir mal einen richtigen Killer-Virus ins Land kriegen.

Der Beitrag trägt den Zusatz 1, könnte mir gut vorstellen, dass es noch einen zweiten Teil gibt. Passt auf euch auf und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

—> Corona-Lektionen 2

B8C72070-0D7E-4B62-B238-1EFC081CEC1D

4) Löffel verloren

Ein weiteres Ärgernis kennt vermutlich jeder in seiner ganz besonderen Art. Der Geschirrspüler ist nahezu vollgeräumt, aber es sind noch ein paar Räume frei, um die Hinterlassenschaften des Frühstücks unterzubringen. Zack, Zack. Tassen, Teller und Besteck rein. Wie immer ist nur wenig Zeit. Und dann passiert es. Ein kleiner Löffel voll mit Marmelade fällt aus der Hand und verliert sich scheppernd in den Untiefen der Maschine. Shit! Der muss da raus, sonst verklemmt da später irgendetwas. Aber wo ist der Löffel nun? Auf der halben Höhe hängen geblieben oder ganz unten und auf dem Boden der Maschine gelandet? Es wird auf jeden Fall eklig und die Finger werden kleben.

19) Kleinkrieg im Sandkasten

Ein vorerst letzter Griff in die Erinnerungen, bevor wir das Feld der Jung-Familien wieder verlassen. Ein Spielplatz ist ein Platz zum Spielen. Das ergibt sich allein schon aus dem Namen. Spielen klingt nach Friede, Freude und Sandkuchen. Ich persönlich gehe da aber nicht so gern hin. Warum? Ja, weil es eben auch ein riesiger Konflikt-Herd ist. Eigentlich habe ich nichts gegen kleine Konflikte zwischen Kindern. Sie lernen dann mit so etwas umzugehen, auch wenn mal eine Träne fließt. Wenn sich der Konflikt aus der Interaktion der Kinder miteinander ergibt, sollen sie das auch irgendwie lösen. Meine Toleranz zur offenen Streitkultur zwischen den Kindern hört aber dann auf, wenn andere Eltern durch ihre antiautoritäre Erziehung oder ihren Egoismus diese Konflikte unter den Kids anzetteln. Spulen wir den Film wieder etwas zurück. Wir waren auf dem Spielplatz, meine Tochter turnt auf dem Klettergerüst herum, mein Sohn saß allein vergnügt im Sand und spielte mit seinem Buddelzeug. Er war voll in seinem Element, abgelenkt von all dem Trubel um ihn herum. Er war glücklich, mit sich allein. Eine Mutter betrat mit ihrem Sohn den Spielplatz und ihr Sohn klagte laut, dass sie gar kein Buddelzeug dabei hatten. Die Mutter begriff so langsam, dass sie ein Problem hatte und statt den Sohn in irgendeiner Form abzulenken oder zu ermutigen, etwas anderes zu unternehmen, sagte sie vorwurfsvoll. „Tja, Jonathan, das ist nun nicht meine Schuld. Dann hättest du dran denken müssen. Es ist ja nicht mein Buddel-Zeug“. Als der Wind diese Worte zu uns herüber trug, wackelte ich mit Kopf, wie ein Dackel auf der Hut-Ablage eines alten Audi A100. Die Lösung war für die Mutter ganz einfach. Sie rief über den ganzen Spielplatz: „Jonathan, dann geh‘ doch zu dem Jungen da, der hat ganz viel Buddelzeug dabei!“. Sie griff sich ihr Buch und begann zu lesen. „Cut! Stopp!“ rief der Regisseur mitten in den Film hinein. „Was soll das, wir wissen doch wie das ausgeht!“. Sie blätterte in ihrem Buch und vor meinen Augen entwickelt sich genau das, was der Regisseur vermutet hatte. Mein Sohn fühlte sich gestört und beraubt. Der Streit eskalierte. Ich schaute mir das ein paar Minuten an und griff dann ein. Jonathans Mutter las immer noch in ihrem Buch. Klar hätte ich nicht den Polizisten spielen müssen, die Jungs hätten sich auch etwas raufen und dabei ihre Hörner abstoßen können. Quasi als Einstieg auf die spätere Hackordnung. Aber musste denn das so sein? Warum hat Jonathans Mutter an ein Buch für sich gedacht, aber nicht an eine Schippe für ihren Sohn. Das könnte mir eigentlich egal sein, aber dass sie ihre Nachlässigkeit zu unseren Lasten austrägt, ist mies.

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben:

 

18) Pädagogisches Frühstück

Und auch nach dem Einstand für meinen Sohn ging es munter weiter. In der Kita wurde einmal wöchentlich ein „pädagogisches Frühstück“ veranstaltet. Mein Sohn war zu der Zeit drei Jahre alt und konnte das kaum aussprechen, geschweige sich etwas darunter vorstellen. Jeden Mittwoch war ein anderes Elternhaus dran, für die Kitagruppe mit ca. 18 Kindern ein komplettes Frühstück auszurichten. Irgendwann waren auch wir an der Reihe. Ausgehend vom Appetit meiner Kinder hatte ich mir das sehr einfach vorgestellt. Ich würde einfach 18 Brötchen kaufen und ein Jumbo-Glas Nutella. Fertig. Das ließe sich schnell besorgen, würde mir nur wenig Arbeit und den Kindern eine Freude bereiten. Denkste. Es muss versteckt Eltern gegeben haben, die Einfluss auf die Ausgestaltung „unseres“ pädagogischen Frühstücks genommen haben. Und kurz darauf folgte dann die Liste der Lebensmittel, die doch bitte mitzubringen sein. Ein kurzer Auszug aus der umfangreichen Aufstellung: 18 Brötchen, 18 gekochte Eier, 3 Gläser Marmelade (zuckerfrei), 2 Packungen Wurst (laktosefrei), zwei Packungen Käse (laktosefrei), 18 Joghurts (laktosefrei), 2 Packungen Frischkäse natur (laktosefrei) usw. Ich war schon allein beim Anblick der Liste völlig überfordert. Teilte ich die Gesamte Menge durch 18 Erwachsene, war das mehr, als das was ich üblicherweise unter der Woche zum Frühstück aß. Nicht zu vergessen, dass es für die Kinder eigentlich das zweite Frühstück war, da ich annahm, dass die Eltern den Kids am frühen Morgen etwas zwischen die Kauleisten schieben. Bei uns jedenfalls war es so. Aber gut, es war „pädagogisch“ – das war natürlich etwas anderes. Also fuhren wir am Samstag in den großen Supermarkt und wollten auch gleich den Großteil der Lebensmittel für das Frühstück am Mittwoch einkaufen. Wenn es so außergewöhnliche Lebensmittel gibt, dann bestimmt dort. Konnte ja nicht so schwer sein. So stand ich dann vor den endlosen Wurst-, Käse und Quark-Regalen und die Packungen vollführten einen Tanz vor meinen Augen. Ich begann die mir vertrauten Produkte zu studieren und las die Miniaturschriften auf der Rückseite, um tödliche Laktose-Spuren zu finden. Es war mühsam und kostete Zeit. Mittlerweile hatte ich entdeckt, dass laktosefreie Produkte mit einem eigenen Label beworben wurden. Also orientiere ich mich an den Logos, um den Einkauf zügig fortzusetzen. Nur überall, wo diese Logos im Regal prangten, waren die Preise um 1/3 höher. Warum? Weil Milchzucker fehlt? Ist es wirklich so aufwändig laktosefreie Produkte zu produzieren, dass es einen deutlich höheren Preis rechtfertigt? Ich fand auch Produkte, die laktosefrei waren, aber nicht als solche ausgeschrieben sind. Soll ich jetzt alles Wurstsorten auf der Rückseite studieren? Eigentlich nicht, also packe ich wahllos ein, Hauptsache laktosefrei. Mit einem gefühlten Monats-Einkauf liefen wir zur Kasse und bekamen den Wert des pädagogischen Frühstücks umgehend auf dem 1 Meter langen Kassenbon bescheinigt. Der Einkauf war 40 EUR teurer als sonst und auch meine Uhr zeigt mir, dass wir eine halbe Stunde länger im Supermarkt verbracht hatten als sonst. Das Ende vom Lied war dann, dass wir am Mittwochnachmittag all die nicht verzehrten laktosefreien Joghurts und Frischkäse -Packungen mit nach Hause bekamen.

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben:

 

17) Einstand in der Kita

Die folgende Geschichte, ist auch schon ein paar Jahre her, aber sie könnte sich genauso im „Hier und Jetzt“ abspielen. Vermutlich ist es heute noch dramatischer. Einstand in der Kita. Mhm, was macht man da zu essen? Recht einfach. Nichts Besonderes. Kuchen, Wiener, Brezeln und vielleicht etwas kleines zum Naschen. Das wollen alle Kids. Wir fragten die Erzieher, wie das denn in der Kita so gehandhabt wird. Sie antworteten, dass wir natürlich gern machen können, aber… . Da wären zunächst die „Laktose-Kinder“. Allein der Begriff, der Plural und Dominanz erschlug uns erst einmal. Es war anscheinend schon ein stehender Begriff. Bloß gut, dass es noch keine Verniedlichung dafür gab wie z.B. die Lakti’s oder die Vegani’s. Zudem durfte der Julius keinen Zucker essen und beim Tim untersuchte man das noch. Besser aber nichts riskieren. Die Eltern von Emma wollten, dass sie vegetarisch aufwächst und Paulas Eltern waren samt Kindern seit 4 Wochen Neu-Veganer. Letzteres ist zwar nicht kritisch, wir sollten es aber respektieren. Es folgten viele weitere Namen und Besonderheiten. Kein Schweinefleisch bei dem anderen Jungen, Süßigkeiten nicht gern gesehen bei den Eltern eines Mädchens, Lebensgefahr im Falle von Eiweiß bei den Zwillingen, Obst nur geschält, Obst nur in kleinen Stücken und so weiter und so weiter. Oh je! Wir wollten doch nur eine Runde schmeißen! Nun konnten wir nur noch Tüten mit Berliner Luft ausgeben, aber die ist auch nicht gerade die gesündeste. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn sich ein Kind damit in Lebensgefahr begeben würde. Dann muss man wirklich vorsichtig sein. Ich habe auch mittleres Verständnis, wenn dem Kind nach dem Essen kotzübel wird. Auch ok. Wofür ich aber überhaupt kein Verständnis habe, ist, wenn Eltern ihren Ernährungstick grundlos ihren Kindern überstülpen und damit über die Kita indirekt in meine Küche tragen. Zu Hause könnt ihr machen, was ihr wollt. Es ist mir total egal, aber lasst meine Kinder damit in Ruhe. Wir versuchen, unseren Kindern halbwegs die Kulinarik zugänglich zu machen und ihr verkompliziert so etwas Schönes, wie das Essen. Wir haben uns dann für laktosefreie Reiswaffeln und zuckerfreies Wassereis entschieden, damit unser Einstand doch noch stattfinden konnte. Am nächsten Morgen sind alle Kinder wieder in der Kita erschienen, es ist keins gestorben. Ein Glück.

Frühere Beiträge zum Thema Familienleben: