38) Kannst du kniggen

Wir haben doch alle, mehr oder weniger, den Europäischen Benimm und Knigge vermittelt bekommen, oder? Entweder durch die Eltern, den Oppa oder die Gesellschaft drumherum. Ich finde das auch gut, auch wenn man den Eindruck hat, dass das immer weniger gelebt wird. Aber darum geht es heute hier nicht, mir geht es darum, wie schnell man in Widersprüche und blöde Situationen gerät.

Also ich habe es ungefähr so im Kopf:

  • Frauen die Tür öffnen und den Vortritt lassen, in Kneipen geht aber der Mann vor
  • Chefs haben Vortritt … aber ist das eigentlich noch angebracht?
  • Gäste haben immer Vortritt
  • Bestecke von außen nach innen
  • benutzte Serviette nicht auf den Tisch
  • Der ältere bietet dem jüngeren das „Du“ an
  • und so weiter

Und da geht das Dilemma schon los:

  • Angenommen ein Mann geht zu einem Bewerbungsgespräch. Der Interviewer ist eine Frau. Also versucht der Mann wohlerzogen zu wirken, will ständig vorgehen, hat aber überhaupt keine Ahnung, welche schweren Brandschutztüren er öffnen soll und wo der Fahrstuhl ist. Blöd.
  • Noch einmal dasselbe Bewerbungsgespräch. Sie hat Ortskenntnis, übernimmt auch klar den Lead, schreitet zielstrebig durch die Gänge. Der Bewerber will trotzdem Gentlemen spielen und überholt sie ständig, um ihr die Türen zu öffnen. Er wird ihr zwangsläufig auf ihre glänzenden Pumps treten. Dumm gelaufen. „Danke, wir melden uns bei ihnen.“
  • Nehmen wir nun noch einen Mitarbeiter mit 45 Jahren und einen Chef mit 30 Jahren. Beide kommen sehr gut miteinander aus, unterhalten sich auch privat und haben einen Draht zueinander. Wer bietet das Du an? Der deutlich jüngere Chef oder ältere Mitarbeiter. Tipp? Ich würde sagen… trinkt mal einen zusammen und wird sich das ergeben!

Noch schwieriger wird es im Ausland:

  • Abu Dhabi: Auf der Terrasse der Firma findet ein Buffet statt, in das ich per Zufall hineinstolpere. Ich sehe Europäer aber auch „locals“, also verschleierte Frauen und Männer mit weißem Gewand . Ich sehe zufällig eine Kollegin aus Deutschland, wir laufen aufeinander zu und fallen in eine kurze, dienstliche Umarmung. Und wir haben die volle Aufmerksamkeit auf der Terasse. Vielleicht hätte es ein Handschlag auch getan?
  • Mumbai: Ich sitze mit dem Team im Meeting und erkläre ein paar Dinge am Computer. Auf einmal geht die Tür auf, der HR-Chef kommt rein. Eine Eminenz kurz vor der Rente. Alle springen auf und begrüßen ihn respektvoll. „Go ahead“, sagte er dann. Ähhhm, wie jetzt… im Stehen, etwa? Geht schlecht, ich muss dabei etwas tippen. Ich setze mich langsam hin, aber alle anderen stehen immernoch wie eine Cricket-Mannschaft bei der National-Hymne. Das ist mir aber zu doof, darf ich die jetzt eigentlich bitten, Platz zu nehmen?
  • São Paulo: Die nächste Stunde gehört uns, wir wollen die Ergebnisse präsentieren und eine Reihe Manager erscheint nach und nach im Raum. Bei den Männern ist das Begrüßen einfach. Fester Händedruck, linke Hand schlägt auf die Schulter. „How are you? Alles gute, danke“. Bei den Damen wird es schwieriger. Die kommen mir so nahe, wie sonst nur sehr wenige Damen und erwarten Küsschen. Echte Küsschen etwa? Mit Spucke oder nur Luft? Links, rechts, links? Oder rechts, links rechts. Oder reicht auch einmal? Und wohin mit den Händen? Gar nicht mein Ding!

Das alles überfordert mein sachliches Wesen. Wäre ich auf ein Englisches Internat gegangen, würde ich mir diese Fragen vermutlich nicht stellen … aber dann gäbe es diesen Beitrag hier auch nicht.

Also, wenn sich jemand berufen fühlt, mir etwas Benimm beizubringen, dann nur zu 😉

Frühere Beiträge:

37) Stille

Erinnere ich mich so an meine Jugend zurück, lief da ständig Musik. In der Wohnung, im Auto oder unterwegs per Walkman, später Disc-Man und dann auf dem iPod. Die Musik war meistens elektronisch, düster und natürlich … laut.

Heute bemerke ich immer mehr, dass ich stundenlang ohne Musik auskomme:

  • Arbeite ich zu Hause, herrscht Totenstille, ich kann Geräusche aus dem Nachbarhaus wahrnehmen und vorhersagen, wann der Fahrstuhl auf unserer Etage hält
  • Lenke ich unser Auto, ist zwar das Auto-Radio zwar noch an, aber oft so leise, dass ich geradewegs noch die Sprecher hören kann (früherer Beitrag Radio-Werbung)
  • Lege ich mal wieder eine CD aus alten Zeiten ein, verfalle ich kurz in Nostalgie, kurz darauf geht mir aber der Lärm auf die Nerven

Und dann genieße ich diese Stille. Aber woran liegt das?

  • Vielleicht daran, dass ich älter werde und sich mein Körper schon so langsam mal auf dauerhafte Stille einstellt? Ich hoffe nicht…
  • Möglicherweise auch daran, dass ich mittlerweile auch die Texte vieler Songs verstehe und damit auch wie inhaltslos so manches Werk ist?
  • Oder ist unsere Umwelt in Summe einfach auch lauter geworden? Sind es die Autos, Mopeds, Straßenbahnen, Flugzeuge, Bauarbeiten und Presslufthämmer um uns herum?
  • Sind es die Kids, die uns den Alltag schon genug mit Pokemon, Harry Potter und Fußball-Schlachtengesängen vertonen, so dass ich keinen weiteren Bedarf mehr an Stimmen und Klängen habe?
  • Oder eventuell die ganzen Assistenzsysteme, die uns zusätzlich mit Geräuschen beglücken? Zum Beispiel Gurtwarner, Park-Pieper, Ansagen in Bahnhöfen und Flughäfen oder alle anderen Gongs, Erinnerungen, Warnungen mit denen man uns irgendetwas mitteilen will
  • Oder ist auch der Digital-Lärm, der das seinen Anteil hat. Ich meine so etwas wie Likes, Posts, Downloads, Kommentare, E-Mails, What’s-App-Nachrichten, News-Ticker, Pulszähler, Schrittzähler, Kalorien-Zähler, Push-Nachrichten, Fußballergebnisse und Wetter-Prognosen

Vermutlich alles zusammen, oder?

Ich erinnere mich sehr gern an eine Lodge in Knysna / Südafrika, das ist nun schon 15 Jahre her. Die befand sich mit zwei anderen Lodges im Wald, weit weg von der Garden Route. Nach der Ankunft am Haus, schalteten wir das Auto ab, gingen durch den Wohnbereich hindurch zur Terrasse und schauten überrascht auf ein kleines Tal. Da herrschte absolute Stille. Bis auf ein paar Grashüpfer. Ich hatte bislang noch nie solch eine Stille gehört. Seitdem bin ich fest überzeugt, dass man Stille hören und genießen kann.

Frühere Beiträge zum Thema:

PS: Seit längerer Zeit habe ich zum Stichwort „Stille“ ein paar Text-Fragmente in meinen Notizen gespeichert.

Ein aktueller Beitrag von Sovely auf https://murmelmeister.com hat mich angeschubst, meine Gedanken zur Stille endlich zu veröffentlichen

https://murmelmeister.com/2019/08/19/senses-hearing/

 

36) Souvenir

Wenn man auf Reisen ist, so kommt man irgendwann an einem Souvenir-Shop vorbei. Denen kann man ja kaum entgehen. Auch wenn unsere Welt immer digitaler, virtueller und kleiner wird, scheint das Souvenir aber nicht auszusterben. Ganz im Gegenteil, es wird gekauft, als gäbe es keinen Morgen.

Auch wenn da manchen Entwicklungen echt skurril sind:

  • In jedem Shop gibt es grundsätzlich immer dasselbe Grundsortiment. Kaffee-Tasse, Kugelschreiber, T-Shirt, Base-Cap und Jute-Beutel. Nur Slogan und Aufdruck sind unterschiedlich. Häufig gibt es auch eine Schnee-Kugel. Auch wenn es da an dem Ort gar nicht schneit. Die Touristen wollen das so, weil es eben überall so ist.
  • In manchen Städten bekommt man dann noch lokale Spezialitäten oben drauf. In Amsterdam gibt‘s Clogs aus Plüsch und Grill-Schürzen mit Pimmel-Mann vorn dran. In Mexico-City mögen sie anscheinend Toten-Köpfe sehr gern. Da freut sich auch die Oma hier daheim. In Berlin gibts einen nie endenden Vorrat an „original“ Mauer-Stückchen. In Delhi findet man für seine letzten Rupees ein filigranes Taj Mahal aus Marmor, von Kinder-Händen gefertigt. Die können das besser.
  • Das Shop-Sortiment wurde mittlerweile etwas an das digitale Zeitalter angepasst. Man bekommt nun also auch Maus-Pads, Handy-Hüllen, Power-Banks und Selfie-Sticks. Denen kann man ja noch etwas praktisches abgewinnen, der Rest ist eher zum Hinstellen und Einstauben.
  • Die Leute kaufen immer noch Kühlschrankmagneten, obwohl die meisten Kühlschränke fest in deutsche Küchen eingebaut sind. Die Magnete bleiben an den Holzblenden gar nicht mehr haften. Vielleicht sollte ich da mal etwas erfinden. Einen alternativen Kühlschrank-Magneten-Halter, ohne Kühlschrank.
  • Schaut man bei Souvenirs aufs Etikett, stellt man häufig fest, dass sie aus China kommen. So kann es leicht sein, dass Chinesen auf Europa-Reise ihre eigenen Produkte kaufen und wieder zurück nach China bringen, auch wenn „Greetings from Kopenhagen“ draufsteht.

Wem die ganze Reiserei auf den Sender geht oder wer sich vor lauter Flug-Scham quält, der kann die Souvenirs auch bequem im Versand-Handel bestellen. Da muss man gar nicht mehr den weiten Weg nach Melbourne, Buenos Aires oder Rio fliegen. Stattdessen kommt der Fridge-Magnet Typ „Zuckerhut“ per Post nach Hause. Fragt sich nur, ob aus Brasilien oder aus China. Dann noch einen Caipirinha mixen und auf YouTube die „Best off Rio in 10 Minutes“ klicken.

Fertig.  Schön war‘s

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35) Rätselspaß mit der Bahn

Es wird ja so häufig auf die Bahn eingedroschen, die kann einem ja manchmal schon echt leid tun. Heute veranstalte ich mal ein kleines Quiz hier und wir werden gemeinsam erfahren, wie unterhaltsam eine mitternächtliche Fahrt mit der Berliner S-Bahn doch sein kann.

Potsdam Hauptbahnhof, Samstag 23:00 Uhr:

Die feucht-fröhliche Geburtstagsfete fand auf einem Floß statt und alle hatten ihren Spaß. Danke, liebe A., das war ein schöner Abend! Also machten wir uns wieder auf den Heimweg nach Berlin. Für diese Aufgabe hatten wir die S-Bahn erkoren, denn fahren konnte/sollte von unser keiner mehr. Gut gelaunt, aber etwas müde betraten wir also den Bahnsteig.

Am Gleis 6 warteten bereits einige andere Nachtschwärmer. Laut Anzeige über den Köpfen, sollte die nächste S7 nach Ostkreuz in 4 Minuten abfahren. Großartig, das passt ja wie die Faust aufs Auge.

Am Gleis 7 stand aber auch eine S-Bahn, hatte die Türen sperrangelweit offen und war komplett leer. Laut Anzeige war es auch eine S7, die nach Ostkreuz fahren sollte. Aber erst nach weiteren 44 Minuten. Na da steigen wir mal besser nicht ein, dachten wir uns so. Das dauert ja noch ewig!

Frage an die Leser: Welche Bahn fuhr zuerst?

War es nun …?

… einfach klicken, Lösung folgt prompt

 

Sobald die Besuche dann etwas abnehmen, werde ich hier auch die Ergebnisse veröffentlichen. Bin gespannt. Bis bald.

34) Schäm dich!

Ja, ich fliege regelmäßig mit dem Flugzeug. Auch im Inland, weil die Bahn noch zu langsam ist. Manchmal fliege ich auch ins Ausland, für den Job oder just for Fun. Vor ein paar Wochen habe ich den Begriff „Flug-Scham“ kennengelernt und schäme mich nun fortan für meine Flug-Vergehen. Ist ja nicht so, als wäre es das erste, für was ich mich schämen müsste.

Man kann sich heutzutage rund um die Uhr schämen:

  • Wir besitzen einen Diesel. Der steht zwar meistens ungenutzt herum, aber allein das Besitzen nagt schon am Gewissen. Ich trinke ab und zu Kaffee aus Papp-Bechern. Neulich habe ich Duschgel in einer schwarzen Plastik-Flasche gekauft, aber erst danach gelesen, dass das total falsch war. Auch kauften wir jahrelang Pfand-Flaschen, im guten Glauben, dass die damit automatisch im Mehrweg-System landen. Auch falsch. Selten vergesse ich, den Fernseher komplett auszuschalten. Dann ist der die ganze Nacht im Stand-By.
    —> Ja, ich versuche mich zu bessern und mehr für den Umweltschutz zu tun

 

  • Kürzlich habe ich einen Döner gegessen, ohne Pommes ohne Brot. Wegen der  Figur. Eigentlich müsste ich das Fleisch künftig auch weglassen, wegen des Klimas. Den Salat besser auch weglassen, wegen spanischer Gewächshäuser. Wir sollen auch weniger Wurst essen. Was dann? Fisch? Oder Käse? Ist der besser, da diese Rinder beim Käse-Machen weniger pupsen? Ich lese nicht immer den Stempel auf dem Ei und kaufe auch mal Industriebrötchen im Super-Markt, statt den weiteren Weg zum Prenzlauer-Berg-Koscher-Fair-Okö-Vegan-Teuer-Becker zu gehen. Auch nicht gut, ich weiß.
    —> Wenn die Kids jetzt schon zur Klima-Demo gehen, werde ich mich auch hier ändern

 

  • Letzte Woche habe ich habe ich viele Obstfliegen erschlagen, weil die mir die Decke im Wohnzimmer vollkackten. Ich habe eine Gesichts-Creme gekauft, ohne den Händler zu fragen, ob die nicht vorher an Tieren getestet wurde. Auch war ich nicht wirklich traurig drüber, als man feststellte, dass es immer weniger Wespen in der Stadt gibt. Ich habe dabei nur an mich und mein Wespenfreies Nackensteak gedacht, das war nicht korrekt.
    —> Schande über mein Haupt, auch beim Tierschutz werde ich mein Handeln überdenken und künftig auch ertrinkende Wespen aus der Limonade retten

 

  • Treffe ich auf eine attraktive Frau, schaue ich nicht immer auf den Boden. Nein, ich schaue die Dame auch mal an. Manchmal auch ihren Hintern. Unglaublich, oder?  Ich vergesse auch, gender-neutral zu schreiben. Ich schreibe z.B. „Mitarbeiter“, „User“ und „Manager“. Hätte natürlich „Mitarbeitende“, „Usende“ und „Managende“ heißen müssen. Auch wenn es bekloppt klingt. Zusätzlich „linge“ ich immernoch, ich habe „Flüchtling“ gesagt. Es muss natürlich „Flüchtende“ heißen. Genauso heißt es natürlich auch nicht mehr Lehrling oder Häftling. Für Riesling, Zwilling und Recycling fällt mir aber nichts besseres ein, gibt es da eine Alternative?
    —> Ok, auch am Respekt gegenüber dem anderen Geschlecht werde ich arbeiten, gleichzeitig versuche ich aber auch, die Geschlechter gar nicht mehr zu unterscheiden

 

  • Letzte Woche regte ich mich tierisch auf, als eine Chinesische Reisegruppe die Sicherheitskontrolle vor mir blockierte. Später betrat ein muslimisch anmutender Mann mit dunklen Augenringen den Flieger, der war mir sehr suspekt. Später musste der aufs Klo und hat sich doch glatt das Bord-Klo vorn beim Piloten ausgesucht. Sehr verdächtig. Und ich habe neulich ( … aber wirklich nur ganz kurz … ) über einen Witz gelacht. Der begann ungefähre so: „Treffen sich ein Christ, ein Moslem und ein Jude …“
    —> Auh Backe, das geht natürlich gar nicht. Ich gelobe auch hier Besserung. Ich werde alle meine Schubladen im Kopf durchwühlen und die Menschen daraus befreien.

 

  • Ab und zu drücke ich unserem Sohn ein iPad in die Hand, um mal meine Ruhe zu haben. Das ist egoistisch und für seine Zukunft bestimmt nicht gut. Ich selber checke morgens beim ersten Espresso schon, wieviele Besucher am Vortag meinen Blog besuchten. Das macht mich vermutlich süchtig und ist ein schlechtes Beispiel für die Kinder. Ich müsste es eigentlich besser wissen. Ach so, der Espresso kommt natürlich aus einer Alu-Kapsel ….
    —> Oh Gott oh Gott, jetzt reicht’s aber. Schluss jetzt, das kann ja keiner mehr lesen, das wird ja immer schlimmer

 

Wenn der Leser denkt, dass das schon alles war, dann muss ich enttäuschen. Die Liste meiner Vergehen ist unendlich lang. Ich bin anscheinend ein Gesellschafts-Versager. Ein Ignorant. Asozial. Wenn ich jemals zur Beichte gehe, sollte sich der Pfarrer was zu essen und zu trinken einpacken. Es könnte länger dauern. Danach komme ich trotzdem in die Hölle und darf sie auch als erster betreten. „Priority Boarding to Hell“, quasi.

 

Anmerkung: Bitte, nicht falsch verstehen, ich will Klima-Schutz, Tierschutz, LGBTQ, Toleranz, Diversity, Minderheitenschutz, me2, Anti-Rassismus, Religionsfreiheit und so weiter nicht durch den Kakao ziehen. Aber es kann doch auch nicht sein, dass sich ein gebildeter, durchaus achtsam lebender und sozialer denkender Mensch permanent schuldig fühlt und in die Ecke stellen könnte. Habe nur ich das Gefühl, dass die Verantwortung für den Wandel komplett bei uns abgeladen wird? 

 

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33) Digital Detox in der Cloud

Good Morning, Your capitan speaking … bla bla … flight time to Munich today will be one hour and ten minutes. Enjoy your flight!

Was, ein Inlandsflug?? Pfui! Hat der etwa keine Flugscham? Doch doch, ich schäme mich. Schon wieder. Aber dazu bald mal ein anderer Beitrag hier auf‘m Blog.

Eine Stunde und zehn Minuten Zeit nur für mich, das ist ein wahrer Luxus. Was kann ma da alles schönes anstellen?

  • Einen Blog-Beitrag verfassen?
    Logisch, das geht auch hier oben über den Wolken, aber dazu fehlt mir gerade eine Inspiration
  • Schlafen?
    Besser nicht, dann fühle ich mich in München wie gerädert und trage das den ganzen Tag mit mir herum
  • Auf dem Handy daddeln?
    Ja, kann man machen, aber ohne Netzanbindung kann ich nur alte Nachrichten lesen. Das Vergnügen ist irgendwie endlich
  • Magazine auf dem Tablet schauen?
    Hätte ich zwar offline dabei, aber um 06:45 Uhr fühle mich noch nicht ganz so aufnahmebereit für komplexere Informationen
  • Musik oder Hörbuch hören?
    Auch ´ne Idee, Musik lenkt aber von Gedanken ab und Hörbücher machen mich, zumindest im Sitzen, müde
  • Fotos aussortieren?
    Eine wunderbare Aufgabe für den Flieger, aber auf dem kleinen Bildschirm auch nicht gerade optimal. Außerdem saugt das den Akku leer
  • Im Board-Magazin blättern?
    Ist irgendwie immer dasselbe. Start Up-CEO‘s Mitte 20 geben ihren Senf ab, es werden Städte vorgestellt wo ich schon war und Prominente zeigen, welche Gadgets sie in ihren Koffern mit sich herum tragen
  • Im Shopping-Katalog blättern?
    Ganz nett zum inspirieren, aber so viele tragbare Lautsprecher, Adapter, Uhren, Mäh-Roboter, Saug-Roboter und Powerbanks kann ich niemals brauchen

Und nun?

Ich bestelle mir einen Premium-Krümel-Kaffee, packe den ganzen Medien-Kram beiseite, schaue aus dem Fenster und lasse den Gedanken freien Lauf.

Frühere Beiträge zu Fliegerei und Medien:

32) Musik macht…

Musik umgibt uns fast überall, ob wir wollen oder nicht. Meistens wollen wir sogar und suchen sie uns  selber aus. Jeder hat so seinen eigenen Geschmack. Ich habe meinen. Aber um den geht es mir hier nicht. Mir geht es darum, was Musik mit uns macht.

Ein paar Beispiele aus Kino und Arena:

  • Jemand verstirbt, ein neues Leben tritt in den Vordergrund, eine Feder fliegt in den Himmel. Ein Klavier beginnt ganz leise, die Streicher folgen und spätestens beim Finale hat es uns gepackt.
  • Ein Kind verschwindet irgendwo in Indien, macht sich als Erwachsener auf die Suche nach den Eltern und nach langer Zeit finden sie sich endlich wieder. Also bitte, wen das kalt lässt….
  • Das Konzert ist ausverkauft, der Frontman der Band hört auf zu singen, die Besucher zücken ihre Feuerzeuge und Handy-Lampen und singen weiter. Gänsehaut!!!!

Während manch einer immer noch Taccos in die Käse-Souce dippt oder sich am Klo anstellt, reißen andere Besucher schon die zweite Packung Taschentücher auf.

Warum ist das so?

Sind es die Bilder in Verbindung mit der Musik und unser Einfühlungsvermögen dazu? Oder spielen da eigene Erlebnisse, Bedürfnisse, Wünsche oder Ängste mit rein? Und funktioniert das nur im Film?

Nein, das allein reicht nicht. Das geht ja auch ohne Bilder:

  • Musik kann so antreibend sein, dass wir beim Joggen auf einmal drei Kilometer mehr schaffen und sogar unsere Bestzeit toppen
  • Bestimmte Titel sind so beschwingend, dass die Müdigkeit im Nu verfliegt und wir Berge versetzen könnten
  • Die Komposition kann so mobilisierend sein, dass Armeen dazu marschieren oder tausende Techno-Jünger vergessen, Wasser zu trinken
  • Das Werk kann so traurig und ergreifend sein, dass es uns die Kehle zuschnürt, ohne direkt betroffen zu sein
  • Sie kann so depressiv rüberkommen, dass wir uns sofort neben den Protagonisten an die Bar setzen und einen Whiskey bestellen könnten

Sind es vielleicht die Texte? Die Geschichten?

Nein, glaube ich nicht. Wenn man mal ehrlich ist, kennen wir doch die meisten Texte kaum und wissen nicht worum es wirklich geht. Klassische Musik und moderne Instrumental-Musik kommt auch ohne Texte aus. Da muss mehr sein.

Was ist es dann? Das Tempo? Der Rhythmus? Die Tonart?

Ja, das ist sicher wichtig und macht viel aus. Bestimmen sie doch, ob wir zur Musik tanzen, joggen, meditieren oder einschlafen können. In Dur kriegen wir gute Laune, Moll zieht uns runter.

Aber was trifft uns so ins Herz?

Es müssen also die Melodien sein. Die Akkorde, die Harmonien, die sich durch unsere Ohren zu unserem Prozessor durcharbeiten und uns dann über die Emotionsplatine fernsteuern. Mundwinkel fallen oder heben sich, Gänsehaut zieht über den Nacken hoch bin in die Haarwurzeln, Tränenkanäle laufen über oder wir können vor lauter Freude in die Luft springen.

Musik hat so viel Macht und macht so viel mit uns.

 

31) Kaufland-Radio

Läuft man mit offenen Ohren durch Supermarkt oder Kaufhaus, wird man permanent über Lautsprecher beschallt. Bei den Schuhen gibt‘s heute 10 % Rabatt, die Kunden mit 10.000 Treue-Punkten kriegen an der Info eine Alu-Pfanne geschenkt, der kleine Nick sucht seine Eltern und der Halter des Kfz mit dem amtlichen Kennzeichen B-LÖD 0815 soll bitte sein Auto umparken. Laaangweilig.

Und dann tönt es auf einmal laut … 28 an 329!

Aber was heisst das immer? Darüber kann man nur trefflich spekulieren…

  • 411 an 781
    Putzdienst bitte in die Konserven-Abteilung, irgendein Trottel hat da ein Glas Kartoffel-Suppe runtergeschmissen
  • 31 an 57
    Jochen, geh’ doch bitte mal zu den Spirituosen, da sucht ein alter Zausel den Eckes Edel-Kirsch
  • 99 zur 20
    Sicherheitsdienst, bitte mal flott in die Technik-Abteilung, da treiben sich so‘n paar dunkelhäutige Typen herum
  • 48 bitte in die 5
    Abteilungsleitung Backwaren, bitte demnächst mal herkommen, hier ist eine Öko-Tante, die will wissen, woher wir uns Mehl beziehen
  • 2 bitte dringend auf 7
    Claudia hier, Kasse 2, ich müsste jetzt nun wirklich mal aufs Klo, sonst platze ich. Wenn nicht, rufe ich den Betriebsrat
  • 9 bitte zur 997
    Uschi, bitte mal ans Telefon, deine Chantal ruft nun schon zum vierten Mal an, langsam reicht es uns aber
  • 33 an 19
    Torsten, wie oft haben wir dir schon gesagt, du sollst die alte Wurst nach vorn sortieren, damit die blöden Kunden das olle Gelumpe heute noch mitnehmen!
  • 33 an 19
    Ach so … und übrigens Torsten, du warst jetzt schon 12 mal rauchen heute, kannst dir bei Dienstende deine Papiere abholen!

Noch andere kreative Ideen?
Bitte einfach unten kommentieren oder meine Kontakt-Seite nutzen, ich nehme es dann gern hier auf.

PS: Sollte jemand aus der Leserschaft seinen eigenen Namen oben finden, dann sei gesagt, dass ich die rein zufällig gewählt habe

Frühere Beiträge zum Thema Einzelhandel:

30) Friedensglocke

Auf meiner Jogging-Tour komme ich meistens an der Friedensglocke im Volkspark Friedrichshain vorbei. Diese Glocke und der Pavillon drumherum wurden Ende der 80-er Jahre errichtet und erinnern an die Atombombenabwürfe in Japan.

Und wie auch andere Denkmäler in der Stadt, hat es die Friedensglocke in diesen Zeiten echt nicht leicht:

  • Anfänglich war noch ein schwingender Stamm installiert (… wie heisst so etwas doch gleich?), mit dem man die Glocke anstoßen konnte. Das klang dann durch den ganzen Park. Wirklich beeindruckend. Dieser Stamm wurde dann aber bald wieder abgebaut, vermutlich hatten irgendwelche Krawallos zu oft damit geläutet. 
  • Dann hatten sich andere Idioten großen Äste, Stämme und Steine aus dem Park besorgt und auf die Glocke eingedroschen, um sie zum Klingen zu bringen. Was für ein Spaß, nicht war? Das bekam der Anlage auch nicht gut.
  • Kriminelle hatten 2012 sogar große Kupferteile vom Dach geklaut, um diese zu versilbern. Da erging es dem Pavillon ähnlich wie z.B. dem großen nackten Athleten aus Bronze, am anderen Ende des Parks, dem schon vor Jahren der Speer geklaut wurde.
  • In den letzten Jahren hat das Bauwerk dann weiter gelitten, obwohl sich ein kleiner Verein für die Pflege und Erhaltung engagiert hat. Die Anlage wurde mehrfach bemalt, besprayed, als Bier-Lager und Schlafmöglichkeit genutzt.
  • Vor kurzem war die Friedensglocke nun ein paar Wochen eingezäunt. Für Bauarbeiten. Das Baugerüst ist jetzt wieder abgebaut und die Anlage scheint erst einmal wieder in Ordnung zu sein. Eine Info-Tafel erinnert aber an den Diebstahl des Kupfers und stellt klar, dass stattdessen nur kupferfarbene Ersatzstoffe verarbeitet wurden. 

Also wenn das so weiter geht, ist bald nichts mehr von Pavillon und Glocke übrig. Irgendwann muss man überlegen, ob man da nur noch einen Stein aufstellt mit der Inschrift: 

„Dieser Stein ist ein Mahnmal für ein anderes Mahnmal, was ursprünglich mal hier stand, um an die Atombombenabwürfe in Japan zu gedenken.“ 

Ist das nicht krank?

PS1: Am 6. August gedenkt man nun wieder den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki. Ich hoffe, dass die Glocke bis dahin verschont bleibt und jemand diesen Stamm aus dem Rathaus mitbringt, um die Glocke wieder läuten zu hören.

PS2: Wenn jemand der Leser mir bitte sagen könnte, wie so ein waagerecht schwingender  „Stamm“ heißt …?

Frühere Beiträge zum Umgang mit Denkmälern:

29) Acoustic Vehicle Alerting System

Neulich mussten wir mit den Kids eine Tiefgarage zu Fuß über die Ausfahrt verlassen. Das ist auch gar kein Drama, wenn man die Augen und Ohren offen hält. Gesagt, getan. Wir laufen wir also im Entenmarsch die Ausfahrt schräg hinauf in Richtung Schranke.

Leise nehmen meine Ohren ein Motorgeräusch wahr und ich rufe nach vorn: „Kinder’s, da kommt bald ein Auto. Lauft mal noch die paar Meter hoch und dann wartet ihr rechts neben der Schranke“. Aber ich fühle etwas direkt hinter mir und drehe mich um. Ein kleiner Elektro-Flitzer ist mir schon auf den Fersen. Wo kommt der denn auf einmal her?

Gestern las ich in der Zeitung über sogenannte Acoustic Vehicle Alerting Systems (AVAS). Also akustische Systeme, die das wegfallende Motor-Geräusch der E-Autos in den langsamen Geschwindigkeiten ersetzen sollen. Klingt vernünftig. Es gibt ein paar Vorgaben an die Hersteller, aber ansonsten setzt man auf Kreativität und Erfindergeist der Ingenieure und Sound-Tüftler.

Vielleicht wird es also ein sonores Brummen, ein Schnurren, Gluckern oder eher ein Pfeifen?

Oder aber sie machen sogar ein Business draus? Ich kann es schon hören:

  • Bei Volvo läuft ABBA, bei Renault trällert Charles Aznavour und bei Dodge hört man die US-Amerikanische National-Hymne
  • Über das AVAS der Mietwagen-Anbieter und Car-Sharing-Dienstleister schallt Werbung auf die Straße, die Fahrt wird dann noch billiger, wenn der Sound auch nach innen strahlt
  • Aus den Elektro-Mobilen des Ordnungsamts, werden die lokal geltenden Park-Bestimmungen, Tarife und Ordnungsstrafen vorgelesen
  • Junge Fahranfänger dürfen sich über eine App einen ganz eigenen Sound komponieren, Passanten können das Motor-Ersatz-Geräusch dann auch gern like‘n.
  • Filmfreaks können Zitate aus Blockbustern verwenden. Manchmal droht also der Terminator mit „I‘ll be back“, Rocky ruft immernoch nach seiner „Adrian“ und E.T. will nun wirklich langsam mal „nach Haus.“
    Manche Zitate stehen natürlich auf dem Index. Ist auch besser so.

Noch andere Vorschläge für diesen Patchwork-Klangteppich zur Elektromobilität?

Frühere Beiträge zur neuen Mobilität: