70) Die Welt da draußen, vor der Höhle

Dass ich immer noch im Höhlen-Office arbeite, brauche ich nicht zu erwähnen. Es gibt zarte Anzeichen für nahende Präsenzmeetings, aber bis dahin verlasse ich die Höhle am Tage maximal zum Lunch oder für Besorgungen, wenn überhaupt. Aber selbst dann bleibe ich im Radius von ca. 3 km zum Höhleneingang. Ich könnte diesen Radius mit Kreisen markieren, vielleicht sogar einfärben, um das zunehmende Lärm-, Stress-, oder Aggressionslevel sichtbar zu machen. 

Gehe ich aus der Tür, folgt bald ein Supermarkt. Kurz dahinter ziehe ich gedanklich mal den ersten Ring bei 100 m. Alles noch recht friedlich, kleinstädtisch fast. 30-er Zone, weniger Autos, Kinder, Fahrräder. Das einzige was an Großstadt erinnert, ist der Mann mit der dunklen Haut, der vor dem Supermarkt um Kleingeld bittet. Und die Schwärme von Gymnasiasten, die in den Pausen dort einfallen wie die Heuschrecken.

Den nächsten Ring ziehe ich bei 250 m, denn da befindet sich die erste große Kreuzung. Mehrspurig ballern die Autos mit Schwung drüber. Die Straßenbahnen kreuzen im Minutentakt, die >Fahrrad-Helden liefern sich ihre Wettrennen, >Imbisse stellen die Fußwege mit Stühlen voll, an den >Spaßkassen-Automaten gehts zu wie im Taubenschlag, beim >Späti gibts Hochprozentiges … und spätestens an der Ampel die ersten Ellenbogen.

Den dritten Ring ziehe ich am nächsten S-Bahnhof bei 500m und da ist dann endgültig Schluss mit Kleinstadt. Matratzen und Decken liegen unter der Brücke, eine räudige Burger-Braterei brät Burger für eilende Bürger und es herrscht ein Fahrrad-und Rollerverkehr, als hätte man gerade zur Evakuierung Prenzlauer Bergs aufgerufen.

Die nächsten 2,5 km überspringe ich mal jetzt, denn die sitze ich in der >Ring-Bahn und da gibt es leider kein stufenweises Herantasten an den Trubel in der Schönhauser Allee mehr. Denn steigt man dort aus der Bahn, hat man bereits alle weiteren Kreise durchflogen und steht mitten im Getümmel.

Hat man sich über die Treppe an die Erdoberfläche gekämpft, gibt‘s sofort Großstadt satt. Menschen hetzen in alle Richtungen, Fahrräder, Lastenräder, Roller, Kinderwagen, Hunde, Bettler, Obdachlose und die hippen Mitbürger mittenmang. Die U-Bahn auf der Hochtrecke über den Köpfen, Feuerwehr, Tram-Gerumpel, Müllabfuhr und Paket-Boten in der zweiten Reihe. Ein Geklingel und ein Gehupe. Rufe wie „Hallo Mia, hiaaaaa bin ich“ oder Schreie wie „Haltet ihn“ oder Geschimpfe wie „Ej, sa‘ ma‘ hast’de keene Oogen in Kopp“?

Dann drehe ich die Kopfhörer ein paar Stufen lauter und stehe maximal 10 Minuten am Straßenrand gegenüber eines Hauseingangs, um dort auf den Stammhalter zu warten und werde in der Zeit 20 mal verscheucht oder angesprochen. „Darf ick mal“ oder „Ick müsste mal an mein Fahrrad“ oder „Haben Sie Pizza bestellt?“ oder „Dit is‘n Radweg man!“ oder „Tschuldigung, hätten `se mal `n bisschen Kleingeld“. Von rechts riecht’s nach Döner, von links nach Eisdiele, von vorn nach Drogerie und von hinten nach Mülltonne. Weil da eine steht. Stand letzte Woche auch schon hier.

Jedes Mal wenn wir dann wieder in der S-Bahn in Richtung unserer Höhle sitzen, macht sich Entspannung breit. Aber auch da trügt der Schein.

Heute schlossen die Türen gerade, als Jugendliche brüllten und rannten.
Die Bahn fuhr an und kleine Kinder fingen im Wagen an zu heulen.
Fahrgäste verlagerten sich in den hinteren Wagenteil zu uns.
Dann folgten Wortfetzen, außerhalb unseres Sichtfeldes.
„Hust, spuck, schnief.“
Was ist passiert?
Geht’s gut?
„Heul, schluchz, rotz“
Braucht ihr Hilfe?
Do you …?
All good? Hello? Are you fine?

Ein Fahrgast greift zum Handy:

Ja, Hallo, hier Kasupke aus der Ringbahn … gerade Schönhauser raus … möchte Zwischenfall melden … Jugendliche … mit Messern … dann Reizgas rein … und weggerannt. Fahrgäste? Ja, so weit ok … die Fenster geöffnet … Bahn fährt noch. Schicken Sie einen Streifenwagen … und so weiter.

Sicher gibt‘s auch noch ganz andere Kreise in unserer Stadt, aber zurück bleiben verstörte Kinder, auffällig schwere Augenlieder und ein latent chemisches Kratzen im Hals.

Und die Gewissheit, dass es mir in meinem Höhlen-Office doch eigentlich ganz gut geht 😉

68) Hintenrum

Keine Sorge, der Beitrag bleibt jugendfrei. Ich will einen Gedanken aufgreifen, den Annuschka mit einem Beitrag bei mir getriggert hat. Es geht um nervige Zeitgenossen, die gern von hinten nerven (sei es auf der Straße oder an der Kasse), aber auch von vorn ein Mega-Hindernis darstellen können.

Zwei Situationen:

Mit der Klima-Diskussion, wachsender Ü40-Vernunft und wertvoller Lebendfracht an Bord, fahre ich auf Autobahnen seit einiger Zeit etwas langsamer. Da mag man jetzt die Schultern heben und fragen, was denn daran so besonders sei. Nun ja vielleicht seid ihr da schon eher zur Erkenntnis gelangt, bei mir hat‘s halt länger gedauert. Insofern ist das für mich schon eine „Entwicklung“. Aber darum geht’s heute nicht. Es geht um das Schauspiel, welches sich dann teilweise hinter mir abspielt, wenn ich flüssig aber eben gemäßigt über die Bahn tuckere. Könnt ihr euch vorstellen. Meine Karre wirkt recht breit und die dunkle Heckscheibe versperrt zusätzlich die Sicht, was solche Nervbacken an den Rand des Wahnsinns treibt, während ich nach meinem Ruhepuls suche 😉

Wo ich einen Tobsuchtsanfall kriege ist, wenn ich zum Beispiel auf einem Supermarktgelände rückwärts ausparke und denn ständig hinter dem Auto irgendwelche Menschen durchhuschen müssen. Ganz schnell noch. Husch, husch! Mit Einkaufswagen, Kindern, Hunden. Am besten von schräg hinten, wo man sie wegen der C-Säule nicht sehen kann. Dann drehe ich mich wie ein Flug-Radar und werfe Augen wie ein Kobold-Maki. Autos hinten links, Menschen hinten rechts, Autos hinten rechts, Menschen hinten link, Blick nach vorn und das Ganze wieder von vorn. Weil diese „Schnellnochvorbeihuscher“ nicht mal eben diese 20 Sekunden Zeit haben, mein Manöver abzuwarten, riskieren sie, dass sich sie aus Versehen anfahre. Schuld hätte ich natürlich, die Verletzung tragen sie aber davon.

Aber natürlich bin ich auch Fußgänger, komme mit vollgepacktem Wagen aus dem Supermarkt und möchte zu meinem Auto. Und wenn ich da sehe, wie ein Kleinwagen rückwärts ausgeparkt wird wie ein XXL-Truck, werde ich auch unruhig und neige zum „Schnellnochvorbeihuschen“ aber ich mahne mich dann zur Ruhe. Manchmal gebe ich dem Fahrer auch einen Wink, damit er sicherer wird (…und sein Aktion schneller über die Bühne bringt). 

Bis ich dann selber von einem anderen „Schnellnochvorbeihuscher“ überholt werde. Kopfschüttelnd fragt der sich, warum ich denn da so doof herumstehe und setzt dann zum Vorbeihuschen am Heck des Kleinwagens an. Dessen Fahrer vertraut aber darauf, dass er für einen Moment freie Bahn hat, was dann dazu führt, dass er den Vorbeihuscher fasst umnietet, der dann wiederum auf die Heckklappe trommelt und sich auf Berliner Art echauffiert.

  • Hey, Tomaten uffe Oogen?
  • Biste blind oda wat?
  • Man, da park ick doch‘n Panza aus!
  • Stell dia nich so an man!
  • Wo hast‘n dein Führaschein jemacht?

Ach, die Welt könnte so schön sein.

Oh, ich muss Schluss machen, der Einkauf wartet.

69 Wortwahl: Ich, Ich, Ich (Nr. 500 ;-)

Et voilà, Mein 500. Beitrag 😉
In 3G! Gedacht, Geschrieben und Gepostet.

Dieses Ereignis kündigt sich für mich schon seit ein paar Tagen an, also überlegte ich, ob ich etwas Besonderes machen sollte. Ein Best-Off? Ein Rückblick in Sepia? Ach, nee … besser nich‘.

Stattdessen will ich zu den Wurzeln dieses Blogs zurück, denn der entstand schließlich im Kontext des >Alltags-Egoismus in unseren Breitengraden. Die anderen >Kategorien (… die mir mittlerweile auch mehr Spaß machen …) kamen erst danach hinzu.

Aber nun zum heutigen Thema:

Vor einiger Zeit kam mir die Wortkonstruktion „Gerechtichkeit“ in den Sinn.

Nein, diesmal kein Schreibfehler 😉 Bewusst so entschieden und mit „ich“ geschrieben.

Aber als ich die Datenkrake danach befragte, musste ich lernen, dass es den Begriff Gerichtichkeit schon gibt, allerdings nur sehr selten und es stand auch kein Trademarkzeichen dahinter, also bin ich mal so frech und reite heute ein wenig darauf herum.

Warum beschäftigt mich nun diese „Gerechtichkeit“?:

Tja, es geht um das kleine gesprochene „ich“, denn das kann ja zwei Intentionen haben.

  • Zum einen, dass man eher sich selber, also das eigene „ich“, als Empfänger, Profiteur oder Nutznießer des Strebens nach Gerechtichkeit im Kopf hat.
  • Zum anderen, könnten wir es ja auch so denken, dass es von uns selber, also vom „ich“ abhängt, ob es gerechter, besser und friedlicher auf der Kugel zugeht.

Das Wort Gerechtichkeit wäre noch exakt das gleiche, es kommt aber darauf an, wie man dieses kleine „ich“ denkt.

Und es gibt noch viel mehr solcher Wörter, über die man mal nachdenken kann:

  • Persönliche Freiheit
  • Bürgerliche Rechte
  • Selbstlosichkeit
  • Chancengleichheit
  • Ausgeglichenheit
  • Unabhängichkeit
  • Impfpflicht, Sicherheit
  • Rücksicht, Nachsicht, Verzicht,

Also Schönen Abend, euer Stammtich-Philosoph!

PS: Alle Schreibfehler sind voll beabsichtigt!

67) Das merkwürdige Verhalten gestörter Großstädter

Ich habe lange nichts mehr über das merkwürdige Verhalten gestörter Großstädter:Innen* geschrieben, fällt mir auf. Woran kann es liegen? Bin ich abgestumpft, habe keine Lust mehr mich daran aufzureiben? Ist schon alles gesagt? Oder sind die Aufregbarkeiten so rar geworden? Keine Sorge, es gibt sie noch.

Drei Situationen aus den letzten Monaten:

  1. Pfingstsonntag um die Mittagszeit, ich freunde mich mit dem Gedanken an, mal für einen Moment die Augen zu schließen. 12:45 Uhr beginnt ein Honk im Haus zu bohren. Mit dem großen Besteck. Weder will ich im Haus den Spießer geben, noch habe ich einen besonderen Draht „nach oben“ an diesem Tag und es fehlt mir auch nicht an eigenen Bohrstellen. Aber ich würde die Maschine nicht um 12:45 Uhr anschmeißen, schon gar nicht an einem Sonntag, schon gar gar gar nicht an einem Feiertag.
  2. Im Sommer sitzen wir auf einer Bank, schlecken unser Prenzlauer-Berg-Bio-Regio-Fair-Vegan-Eis und glotzen dabei auf eine Grünfläche mit alten Eichen direkt vor uns. Weiter links sitzen zwei Frauen, um sie herum wuselt ein kleines Mädchen. Dem Mädchen drückt die Blase, es wird ermuntert, sich doch an die Eiche vor uns zu hocken. Nicht das drumherum genügend Büsche wären. Also entledigt sich die Prinzessin ihrer Klamotten da wo nötig und strullt mir direkt vor mein hippes Kürbiskernöleis. Na lecker. Nachdem ihr Geschäft erledigt ist, wirft sie Sand auf die Fläche, streichelt den Baum und rennt auf unsere Bank zu. Mein Blick war deutlich. „Wehe!“
  3. Ich sitze mit Sohn und Schulfreund im Biergarten. Kühles Getränk, heiße Pizza, alles sehr friedlich. Die Fahrradhelme der Jungs liegen zu unseren Füßen. Auf einmal kommt ein kleiner Bengel angewackelt und interessiert sich merklich für die Helme der Jungs. Er hebt sie auf, dreht sie, setzt sie auf, probiert sie beide sabbernd durch. „Ähhm, was macht der?“ fragen mich die Jungs. „Ähhm, zu wem gehört der überhaupt?“ schaue ich fragend in den Biergarten. Irgendwann bemüht sich ein Struwwelkopf-Kopf-Papa mit Hose unterm Hintern zu uns und dann folgte das, wo ich schnell rot sehe:
    • „Oh, was hast du denn da schönes gefunden Cornelius-Balthasar?“
    • „Hast du die schon probiert, ja? Gefallen sie dir?“ Ja?
    • „Das ist ein Helm, weißt du? H-E-L-M. Ein HEEEEEEEEELM! Sag‘ mal Helm.“
    • „Wollen wir die den Jungs zurückgeben? Wollen wir? Ja?
    • „Neeeeeeeeiiin, meiiiiineee“. Plärr, tropf, lutsch, schnief … corona … schmier“
       —> „Papa, der soll meinen Helm nicht anfassen“, empfange ich über die Vater-Sohn-Leitung. Mit erhöhter Dringlichkeit.

Ich greife zum Handy und stehe auf. „Jungs, ihr müsst jetzt los zum Fußball.“

„ZAAAAAAHLEN!.“

Ähnliche Beiträge:

*) die adulten Vertreter natürlich

66) Digitale Verwaltung?

Kürzlich habe ich an der Windschutzscheibe meines Diesels eine neue grüne „Anwohnerparkvignette“ angebracht. Wie immer, endete das mit einem Tobsuchtsanfall, da der alte Aufkleber nicht so einfach abging, sondern unter meinen Fingern zerbröselte.

Solche Kleinigkeiten, eignen sich eigentlich hervorragend für meine Kategorie „Kleinigkeiten mit Schlechte-Laune-Potenzial“. Aber es ist keine Kleinigkeit mehr, also muss es in die Kategorie, wo es um Metropolen-Egoismus und behördliche Unfähigkeiten geht!

Alle zwei Jahre muss ich so einen blöden Aufkleber bestellen, ein Verwaltungsakt, der so digital ist, wie eine Postkutsche im Cyberspace. 

Aber der Reihe nach:

  • In 2013, musste man das Formular noch mit der Hand ausfüllen, aber man konnte es schon per e-mail ans Amt schicken. Wow! Ein paar Tage später erhielt ich einen zweiseitigen Gebührenbescheid über 20,40 EUR und kurz danach hatte ich trotz dieses altertümlichen Prozesses eine handbeschriebene Vignette im Kasten. Inklusive behördlicher Aufklärung über noch mal zwei Seiten. Wahrscheinlich war der Verwaltungsakt teurer als die Parkgebühr, aber es hat alles in allem nur 6 Tage gedauert. Gar nicht so übel eigentlich.
  • In 2015, konnte man das Formular „schon“ per Tastatur ausfüllen. Wahnsinn oder? Zur Erinnerung, dass war das Jahr wo das iPhone S6 auf den Markt kam.
  • In 2017 und 2019 war das Procedere unauffällig ähnlich und endete immer mit einer Menge Papier und der Vignette per Post.
  • In 2021 folgte nun die absolute Innovation. Ein Online-Formular. Boah! Ein furchtbares Exemplar, aber immerhin online. Und ich konnte sogar per Kreditkarte zahlen. Den Antrag abgesetzt habe ich am 12.09.2021, die Kohle wurde bereits am 13.09.2021 eingezogen, die handbeschriftete Vignette lag dann bei mir im Kasten am 27.09.2021. Inklusive zweiseitiger Aufklärung. Was sonst. Alles in allem … 14 Tage. What?

Aber was hat sich nun verändert:

  • Zwei Seiten Papier gespart?
  • Einmal Porto vermieden?
  • Kohle automatisch eingezogen?
  • Eine Kassenstelle reduziert?

… und ich, was habe ich davon? 

Ich kriege nach nun nach 14 Tagen eine handbeschriftete Vignette in meinen Briefkasten.

Nee, Leute … also irgendwie … habe ich mir digitale Verwaltung anders vorgestellt.

65) Auf‘m Kasten

Sagt mal, bin ich der einzige dem auffällt, dass das Graffiti-Problem hier in den letzten Monaten vollends aus dem Ruder zu laufen scheint?

Woran mag das liegen?

  • Glauben diese „Künstler“, Polizei und Bahn-Sicherheit haben eh anderes zu tun in diesen Tagen, statt des Nächtens über Straßen und Gleise zu streifen?
  • Verschafft Corona den Typen einfach zu viel Zeit, um nachts ihre „Kreativität“ auszuleben? Und das nötige Kleingeld gleich noch mit dazu?
  • Meinen die etwa, nur weil aktuell jeder irgendetwas behaupten kann und „schon immer mal sagen können wollte“, dürfen die ihren geistigen Dünnpfiff auf Wände und Denkmäler sprayen?

Nicht falsch verstehen, ich mag Street Art und man kann in Berlin beeindruckende Werke finden. Richtig coole Sachen habe ich auch in >Sao Paulo und >Melbourne gesehen. Aber dieses planlose und destruktive Geschmiere, hat nichts mit Kunst zu tun. Da kann man mir nix erzählen. Das braucht man nicht einmal zu versuchen.

Eine Schule im Viertel hat letztes Jahr einen Deal mit dem Energie-Versorger gemacht und durfte die Stromkästen in der Umgebung gestalten. Und dabei sind auch coole Motive entstanden. Die haben‘s halt auf dem Kasten 😉

Aber seht selbst.

Mein Favorit ist der Astronaut. Welches findet ihr am besten?

64) Berlinari Desert

Wer mit offenen Augen im Berliner Raum unterwegs ist, wird feststellen, dass es hier furztrocken ist. War das früher auch so? 

Waren Rasenflächen bereits Anfang August braun? Verloren die Bäume da schon ihre Blätter? Versandet das hier zunehmend oder ist das alles nur Einbildung?

Schaut man sich ein paar Statistiken an, so liegen die Regenmengen hier seit Monaten weit unter dem Vieljährigen Mittel (1961-1990). Ob das Menschengemacht ist oder eine Laune der Natur, müssen die Profis ermitteln. Aber so oder so. Es ist zu trocken. Fakt. Und damit muss sich eine wachsende Großstadt beschäftigen. Im Gegensatz zu anderen Metropolen hat Berlin eigentlich den Vorteil, dass es viele Grünflächen in der Stadt gibt. Das kühlt die Temperaturen etwas herunter und ermöglicht die Flucht ins Grüne. Noch.

Denn das Trampel-Volk macht noch den letzten Berliner Grashalm platt:

  • Da gibts die ganz Digitalen, die zwar per App ihre Schritte zählen, aber via Navi den kürzesten Weg durch den Park ermitteln. Wenn nötig mitten durch die Sträucher. Wie Elefanten.
  • Viele Jogger laufen neben den Wegen. Könnte ich ja noch verstehen, wenn der Belag auf dem Weg so hart ist. Aber wenn der Weg aus Kies ist? Was soll das dann?
  • Selbst ernannte Personal Trainer coachen ihre Kunden in den frühen Morgenstunden und lassen deren Pfunde auf den Boden trommeln. Oder Gewichte fallen. Immer drauf aufs zarte Grün. Buff!
  • Die Oberfreiheitlichen und Querdenkenden laufen grundsätzlich quer feld ein. „Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wo ich entlang zu gehen habe“ und „Me first“.
  • Den Rest besorgen Grill-Parties, Lagerfeuer und nächtliche Feten. Die Clubs haben ja leider zu. Wegen Corona. Wie doof. Da müssen wir halt den halben Stadtpark verfeuern. Is‘ so.

So werden Wege zu wahren Schneisen. Gabelungen zu Plätzen. Von den kartografierten Grünflächen müsste man ehrlicherweise glatt ein Drittel abziehen.

Und das liebe Leute ist Menschengemacht, ohne Zweifel!

Macht nur weiter so, dann siehts hier bald aus wie in der Kalahari … ähm … Berlinari Desert.

63) Service-Dialog

Handwerkerleistungen sind häufig ein besonderes Erlebnis. Ich meine heute nicht die Umsetzung an sich, sondern eher die Anbahnung dieser „Service Experience“.

Ein aktuelles Beispiel:

Das Schlafzimmerfenster klemmt, ich kriege es nicht mehr auf, weder voll noch kipp. Doof irgendwie.

07.06.2020: Ich schreibe die Hausverwaltung an und schildere mein Problem.

08.06.2020: Verwaltung antwortet, Firma „Fenstermann“ (Name geändert) wurde beauftragt, man wird sich telefonisch melden.

10.06.2020: Ich frage bei der Verwaltung, ob sie denn noch einmal nachhaken könnten, denn bei mir hat sich noch niemand gemeldet.

11.06.2020: Verwaltung antwortet, … in Anbetracht der aktuellen Situation … usw… Corona … bla bla. Mir kommen die Tränen. Der Auftrag sei am 08.06.2020 erteilt worden, für die Bearbeitung rechne man aktuell mit 7 Arbeitstagen.

16.06.2020: Ich schreibe der Verwaltung, heuchle Verständnis für die Situation und wünsche mir, dass doch wenigstens jemand anrufen würde. Das muss doch auch in Corona-Zeiten gehen.

17.06.2020: Verwaltung antwortet, ich solle die Firma selbst unter 12345678/12345 anrufen. Wo ist das denn? WENN Vorwahl < Anschluß DANN Ort = Klein.

19.06.2020: Ich rufe dort an und bin besonders freundlich, Handwerker brauchen Streichel-Einheiten.

Sie: „Tischlerei Fenstermann, Guten Tag.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Sie: „Moment, ich stell‘ sie zum Chef durch. Wie war noch gleich ihr Name?“
Ich: „Mein Name ist Sowieso.“
Es: „Knack. Tut. Raschel“
Er: „Ja, bitte.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Er: „Wo?“
Ich: „Wie … Wo“?
Er: „Na, wo isses?“
Ich: „Ähm … meinen sie jetzt das Fenster oder meine Wohnung. Na, Berlin.“
Er: „Na Berlin, is‘n bisschen größer, da müssen ´se mir schon sagen wohin, sonst könn‘ wir nich‘ helfen.“
Ich: „Ist mir schon klar. Es ist in Berlin, Pipapo-Straße 123.“ Mir wird der Kragen eng.
Er: „Is‘ hier.“
Ich: „Was ist da?“
Er: „Na der Auftrag.“
Ich: Oh, schön und wie gehts jetzt weiter?
Er: „Nächste Woche.“
Ich: „Entschuldigung, heißt das, nächste Woche kommt jemand vorbei oder ruft jemand an?“
Er: „Der Auftrag wurde mit anderen Aufträgen an einen Mitarbeiter übergeben, der meldet sich.“
Ich: „Aha“. Die Frage, ob ich mir derweil ein Sauerstoff-Gerät ausleihen soll, verkneife ich mir.

Also warte ich, bis sich jemand nächste Woche meldet und dann die 120 Kilometer nach Berlin fährt. Für ein Fenster.

Warum nur beschleicht mich das Gefühl, dass das noch nicht das Ende der Geschichte ist…

62) Fahrrad-Skelette

Sagt mal, sehe nur ich immer mehr herrenlose Fahrrad-Skelette in der Stadt oder kommt mir das nur so vor? Warum kann das Ordnungsamt, was eh durch die Straßen läuft, um Strafzettel an Autos zu verteilen, nicht auch noch gleich da ein Papier dran machen. Zwei Wochen später kann die Müllabfuhr diesen „Rest“ dann gleich mitnehmen.

Nun bin ich ja kein Wortakrobat, aber ich habe mich mal an einem Gedicht versucht:

Ratlos

Was ist da mit dem Rad los?
Steht so allein, so herrenlos
Aber Herr ist nicht sein Rad los
Nur sein Rad von nun an radlos

Weder farblos, noch wertlos
Aber reglos und reizlos
Und leblos und nutzlos
Mach‘ es doch einer los!

 

Mal was anderes oder??
Und jetzt ab, los auf die Couch!

61) Handwerk Analog

Wenn man in Deutschland von Digitalisierung spricht, geht es häufig um die Infrastruktur. Fehlende Highspeed-Leitungen, Funk-Antennen und ähnliches. Man hört von Mittelständlern auf dem Lande, die einmal am Tag zu irgendeinem Hotspot fahren, nur um die elektronische Post zu erledigen. Gruselig.

Das wird sich irgendwann ändern.
ABER: Hardware, Kabel und Highspeed ist das eine. Worum es mir hier heute geht, ist die Digital-Kultur, besonders in der Dienstleistung, noch spezieller im Handwerk.

Versucht mal, in Berlin einen Handwerker per e-mail zu erreichen. Warum per e-mail? Na weil ich tagsüber schlecht telefonieren kann. Weil ich am Freitagnachmittag nicht vor verschlossenen Türen stehen will. Weil Handwerksfirmen ihre e-mail-Adresse auf deren Homepages und Autos schreiben. Darum.

  • Im September habe ich einen Polsterer angeschrieben, mein Problem geschildert und Fotos beigefügt. Ich habe nur um ein Statement gebeten, ob er ein solche Reparatur übernimmt, bevor ich samt Möbelstück zu ihm fahre. Bis heute, Januar, nichts gehört.
  • Im November dann eine e-mail an eine Gas-Wasser-Heizungs-Firma. Wieder mit Problembeschreibung und Fotos. Tagelang hat niemand reagiert. Daraufhin rief ich dann an und bekam eine typisch Berliner Antwort: „Watt, per e-mail? Also dafüa ham‘wa keene Zeit“. Na danke auch.
  • Vor ein paar Tagen wieder per e-mail an eine Schlosserei. Keine Antwort. Nach Tagen ging ich dann vorbei und verwies auf meine e-mail. Nichts. Nicht mal ein, „Oh, tut mir Leid, ist irgendwie untergegangen“, oder so. Anschließend war ich an diesem Tag dreimal dort, um irgendwelche Maße und Fotos vorbeizubringen. Das war die längste Mittagspause der letzten Monate. Immerhin etwas.

Vielleicht habe ich einfach nur Pech gehabt und woanders läuft das besser. Tut es das? Es braucht mehr als nur Antennen und Netze! Es braucht eine grundlegende Digital-Kompetenz (… und ich rede aktuell ja nur von e-mail …).

Zusätzlich braucht es eine digitale Service-Attitüde und dazu gehört mehr, als sich bei t-online eine Mail-Adresse zu besorgen und eine billige Homepage aufschwatzen zu lassen.

Beim Schreiben des Beitrags, bin ich auf folgende Website gestoßen:
https://www.handwerkdigital.de

Dort thematisiert man die Digitalisierung um Handwerk.

Ein Auszug:

„… Das analoge Geschäftsmodell, hier der Verkauf und Verlegung von Fliesen und Designböden sowie der Verkauf und die Montage von Kachel- und Kaminöfen, soll mit den Möglichkeiten der digitalen Welt verknüpft werden. Beratung, Verkauf aber auch Auftragsbearbeitung und -umsetzung werden über den Einsatz von Virtual-Reality-Technologien (VR) erleichtert und verbessert, indem neue, digitale Präsentations- und Kommunikationsmöglichkeiten für den Kunden entstehen. Ein wesentliches Projektziel ist die Erweiterung der bestehenden Kundenbasis sowie die Erschließung neuer Zielgruppen, z.B. sehr technikaffine Menschen wie „Digital Natives“. Für die Auftragsbearbeitung und -umsetzung werden über eine weitestgehend medienbruchfreie Gestaltung der Prozesse ein Effizienzgewinn und eine Verbesserung der Kundenzufriedenheit angestrebt…“

Na denn strebt mal! Aber vielleicht fangt ihr erst einmal damit an, eure e-mails zu lesen?