38) Nervensäge in der Luft

Es ist Sonntag 06:45 Uhr, ich besteige meinen Flieger und freue mich auf eine Stunde Ruhe. Der Wecker hat heute schon 04:15 Uhr geklingelt, das ist echt zu früh fürs Wochenende, also vielleicht kann ich über den Wolken noch etwas schlafen. Nach dem ich es mir auf meinem Platz halbwegs gemütlich gemacht habe, betritt eine Großfamilie den Flieger. Auf einmal herrscht viel Getöse, ich verstehe kein Wort von dem, obwohl der Vater so laut ruft, als befehlige er eine ganze Kompanie. Die Meute läuft hintereinander den Gang entlang und sucht die Sitzplätze. Um so weiter sie das Flugzeug erobern, um so lauter quäkt es aus einem schlechten Lautsprecher. Irgendwelche Kinder-und Monsterstimmen schreien sich an, scheinen sich zu jagen. Ich kann das noch gar nicht zuordnen.

Der Vater hält abrupt an der Reihe vor mir und stoppt den Zug. Och nöö, bitte nicht. Hinter mir ist doch auch noch viel Platz. Hinter dem breiten Vater wird der Rest der Sippe sichtbar. Alle genauso übergewichtig, ganz wie ihre bunten Koffer, die sie als „Handgebäck“ hinter sich her ziehen. Ein dicker Sohn um die 14 Jahre, eine dicke Tochter so um die 10 und dann noch ein kleiner Sohn, 5 Jahre alt würde ich mal sagen. Nicht dick. Noch nicht. Er hält Handy an sein Ohr, aus dem diese Stimmen schreien. Hat der Bengel denn keine Kopfhörer?

Sie verteilen ihre Roll-Schränke in den oberen Fächern, der größte von ihnen guckt noch 10 Zentimeter aus dem Fach heraus. Als eine Flugbegleiterin den Vater darauf hinweist, dass die Klappe so niemals zugeht, tut der so als kapiere er das nicht. Das Handy des kleinen Sohns schreit pausenlos, ringsherum schütteln Passagiere schon mit dem Kopf. Aber keiner schreitet ein. Ich auch nicht. Gilt man dann gleich als Kinder-Hasser, wenn man da mal etwas sagt? Wird der Fratz dann noch lauter und dreht erst recht durch, wenn er nichts mehr aus dem Sprechkasten hören darf? Als der Flieger auf den Runway einbiegt, schalten sie das Gerät zum Glück ab. Es wird plötzlich ruhig vor mir in der Reihe. Vielleicht ist er jetzt ja müde und schläft noch mal ein? Ich vielleicht auch?

Aber kaum ist der Flieger in der Luft und es gongt, will der kleine auf die andere Seite des Ganges zu seiner Mutter wechseln. Neben ihr ist noch ein Platz frei, den der Racker lautstark erklimmt. Das Flugzeug ist noch in Schräglage, die Anschnallzeichen leuchten, aber die Nervensäge hält Sitz und Rückenlehne für eine Hüpfburg mit Rutsche. Die Eltern unternehmen nichts. Als der Tyrann auf diese Weise keine Aufmerksamkeit erlangen kann, nimmt er sich seinen Vordersitz vor. Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Trommel-Wirbel mit den Schuhen gegen die Lehne vor ihm. Sein Vordermann bekommt kein Auge zu, würde er aber gern, so wie er aussieht. Nach 15 Minuten kommt endlich der Getränkewagen, das lenkt das nervende Balg etwas ab. Der Steward fragt die Familie nach ihren Getränke-Wünschen ab. Zwei Cola, zwei Fanta und eine Sprite für den kleinsten. An einem Sonntagmorgen um 07:15 Uhr. Na Großartig, dann kriegt der jetzt noch einmal einen Energie-Schub.

Nachtrag, Mittwoch, 16. Januar, Dubai:

Mein Kollege und ich gehen zum Frühstück. Wir suchen uns einen ruhigen Platz am Fenster. Kaum sitzen wir, schreit und quietscht es schon wieder aus einem Lautsprecher. Ich zucke zusammen. Ist die Familie aus dem Flieger etwa auch hier abgestiegen? Aber nein. Am Nachbartisch sitzen 3 Erwachsene und ein Kind. Alle vier Frühstücken. Einer von ihnen spielt dabei lautstark auf dem Handy. Wer?

6) Shop-Gebläse

Der Einzelhandel muss sich etwas einfallen lassen, um langfristig gegen den Versandhandel bestehen zu können. Das ist allgemein bekannt. In Shopping-Centern versucht man es mit Modenschauen, Kinderbetreuung und irgendwelchen D-Promis, die Autogramme schreiben. Bei den klassischen Ladengeschäften in Fußgänger-Zonen tut sich hingegen in der Richtung nicht viel. In manchen Shops wummert zwar Musik, in anderen gibt es eine Warte-Couch für die Herren und einige Läden bieten freies WLAN an. Das war es im Prinzip schon. Immer noch gibt es lange Warteschlangen an der Umleide und an der Kasse. Schnäppchen gibt es meistens nur in Größe S oder XXXL, wer konkrete Vorstellungen, hat verliert schnell die Orientierung und geht wieder frustriert nach Hause. Mit Anfahrt, Parkplatz-Suche, Laufwegen und Rückfahrt sind schnell drei Stunden Lebenszeit vergangen und das, was man eigentlich kaufen wollte, gab es nicht. Da sollten sich die Shop-Strategen mal etwas mehr einfallen lassen, um Kunden anzuziehen und irgendwie einladend zu wirken. Neuester Trend scheint hier der „Tag der offenen Tür“ zu sein. Und zwar sechs Tage die Woche. Die Türen der Shops stehen sperrangelweit offen, viele Läden haben schon gar keine Tür mehr, sonder nur noch faltbare Glas-Fronten. Draußen herrschen Minusgrade und aus dem Shop bläst die warme Luft hinaus. Kommt man gerade vom Friseur könnte man sich dort die Haare föhnen. Selbst ein Olivenbaum würde dort im Winter Früchte tragen und stünden dort ein paar Liegestühle, fühlte man sich wie beim Shoppen in Phuket Town. Es würde mich echt mal interessieren, wie das mit einer Wärmebildkamera aussieht. Was is’n das für ein energetischer Unsinn? Häuserwände müssen heute mit dicken Dämm-Platten zugenagelt werden, Fenster sind mittlerweile doppelglasige Hightech-Produkte geworden und unten im Erdgeschoss hängen die einfach die Tür aus? Ich meine, es muss ja nun nicht mehr unbedingt der dicke Leder-Vorhang sein, in dem man sich früher verloren hatte, als man einen Laden betrat und die Glocke über einem bimmelte. Aber irgendetwas kreatives muss den Ingenieuren doch da einfallen. Oder machen das die Shop-Betreiber nur, damit sie dieser Tage vor der Tür keinen Schnee schieben müssen?

Frühere Beiträge zu Einzel-und Versandhandel:

5) Blätterregen

Vor ein paar Tagen konnten wir ein zunächst eher unscheinbares, später dann aber durchaus unterhaltsames Schauspiel erleben. Wir folgten der B196 auf Rügen, fuhren in Richtung Ost und erreichten einen Kreisverkehr. Bevor wir in den Kreis einfuhren, liess ich noch einen orangen Pritschenwagen passieren. Das war so ein typisches Auto von den Stadtwerken, von der Stadtreinigung oder vom Grünflächenamt. Die Heckladefläche war üppig mit Laub beladen und das Laub wiederum von einem Netz bedeckt. Direkt nach ihm fuhr ich in den Kreisverkehr und folgte ihm gleich wieder in die nächste Ausfahrt. Was macht man eigentlich hier mit soviel Laub auf einem Pritschenwagen, fragte ich mich?

  • Fahren die das Laub in den nächstgelegenen Wald?
  • Gibt es vielleicht Abnehmer, die mit nassem Laub etwas anfangen können?
  • Oder muss das laut §123 Deutsches Grünabfallgesetz fachgerecht entsorgt werden?

Um so mehr der Wagen vor uns beschleunigte, um so interessanter wurde der Anblick für uns. Die Maschen des Netzes waren wohl zu grob. Die Blätter schlüpften durch die Maschen und wirbelten, glücklich über ihre wiedergewonnene Freiheit, auf der Straße vor uns umher. Das hätte ich als Blatt vermutlich auch so gemacht, wenn ich nicht wüsste, wo es mit mir hingeht. Der orange Pritschenwagen fuhr also mit 80 KM/h zielstrebig vor uns her und verlor dabei durchgehend Laub. Das Netz hing bald nur noch schlaff hinten über die Ladekante hinaus.

img_3602

Beim nächsten Kreisel mussten wir uns verabschieden und fuhren einen anderen Weg. Wir wissen nicht woher der Ford wirklich kam und wo er noch hin wollte, aber Blätter würde der wohl nicht mehr abliefern. Denn die hat er bereits auf den 8 Kilometern zwischen den beiden Kreiseln verteilt. Großartig.

  • Hat der Fahrer nun seine Tagesquote an Blättern verpasst und muss noch einmal zurückfahren, um eine neue Fuhre zu holen?
  • Oder war es am Ende sogar einkalkuliert, provoziert oder eiskalt geplant, um eher ins Wochenende zu kommen?

Und warum überhaupt zum Henker, werden Blätter (Bio) mit einem Pritschenwagen (CO2 und Nox) quer durch die Landschaft gekarrt?

 

4) Medien-Qual

Das Problem der Zukunft wird nicht der Mangel sein, sondern die Auswahl. So ähnlich hat es Greg McKeown erst kürzlich wieder in mein Ohr geflüstert. Recht hat er. Nur glaube ich, dass wir da bereits angekommen sind. Es ist Samstag, kurz vor 21:00 Uhr, prime time also. Unsere Kids überlassen uns überraschenderweise den Fernseher im Wohnzimmer. Was‘n nu‘ los? Heißt das echt, wir können den restlichen Abend über das Programm bestimmen? „Ja, könnt ihr“, sprach es im Chor und schloss die Tür. Der spontane Zugewinn an Freiheit überfordert uns etwas, aber warum nicht? Der Abend ist noch jung, vielleicht können wir noch irgendwo einsteigen. Ich habe aber keine Lust auf planloses Zappen, also öffne ich meine TV-App, die mir die Sendungen meiner  Sender-Favoriten auflistet. Nichts dabei. Gut dann greife ich halt in den nächsten Topf, übernehme die Fernbedienung und schalte auf den Electronic Program Guide des HD-Receivers. Es erscheint eine Liste von angeblich 977 Sendern(!) Ich weiß aber, dass der Großteil gar nicht freigeschaltet ist. Warum wird das dann in der Liste angeboten? Und warum gibt es die dritten Programme jeweils dreimal oder viermal? Und warum kommen die Shopping-Kanäle so weit vorn? Und warum kriege ich fremdsprachige Sender, deren Sprachen ich nicht mal ansatzweise verstehe. Warum kann ich bei diesem dämlichem Receiver nicht einfach 80% der Sender löschen!!! Dann blieben ja immer noch stattliche 200 zur Auswahl. Auf den ersten Seiten der Sender-Liste erscheint nur Grütze. In einer Game-Show spielt Klein gegen Gross, ein Schlagersänger feiert mit Weggefährten seinen 76. Geburtstag und Johnny Depp kämpft mal wieder gegen Zombies. Ach nö! Ja, das Fernsehen hat ausgedient. Ich wechsele in den iTunes Store, mal schauen was es da so gibt. Die 63 Filme in der Kategorie „Neu und beachtenswert“ sagen mir nicht zu. Ein Mega-Hai frisst Menschen in 4K HDR und Mädels singen zum zweiten Mal ABBA-Lieder. Die 51 Filme der Kategorie „Neue Filme zum Leihen“ decken sich zur Hälfte mit „Neu und beachtenswert“. Natürlich kann ich nach den Film-Titeln suchen, aber nach welchen? Woher soll ich denn wissen, was ich jetzt schauen will und wie das dann noch heißt? Wir versuchen uns die Namen der jüngeren Kino-Filme ins Gedächtnis zu rufen. Ohne Erfolg. Dann suche ich nach Namen von Schauspielern, die ich eigentlich ganz gern mag. Ein paar Filme erscheinen zu Auswahl, allerdings laufen alle deutlich über 2 Stunden. Puhhh. Ganz schön gewagt, da es mittlerweile schon 21:15 Uhr ist. Wir wechseln zu Netflix und danach zu Prime. Überall das gleiche Drama. Tonnenweise bunter Bildchen, Filmbeschreibungen und Trailer. Nun ist es gleich 21:30 Uhr. Jetzt lohnt erst recht kein Film mehr. Aber vielleicht ein kurzer Reisebericht? Gute Idee. Malaysia beschäftigt uns gerade so ein bisschen. Wir wechseln zu YouTube und ich tippe „Malaysia Reise Doku“ ein. Als Ergebnis kriege ich unzählige private Video-Schnipsel. Ich will eine Doku, die mir einen Überblick über das Land verschafft (!) und keine verwackelten Handy-Filmchen von Leuten die ich nicht kenne. Ich überschreibe das Wort „Doku“ mit dem Wort „Reportage“ und schreibe noch ARTE und PHOENIX dahinter in das Suchfeld, damit es seriöser wird und was kriege ich? Die gleiche Sauce wie vorher. Dem Video mit den meisten Klicks gebe ich dann doch noch eine Chance. Aber wie schon vermutet, warten nur wackelige Aufnahmen und bunte Schriften, die aus allen Richtungen ins Bild einfliegen. Dann ertönt eine Off-Stimme, die in herzhaftem schwäbisch über Malaysia referiert. Gruselig. Also versuchen wir es bei den Media-Theken der öffentlich rechtlichen Sender. Aber auch dort gibt‘s keinen Überblick über die Reise-Ziele in Malaysia. Mittlerweile gehen wir auf 21:45 Uhr zu. Damit überhaupt noch etwas Grünes über den Bildschirm läuft, weichen wir auf Sri-Lanka aus, das ist aber auch bald ermüdend, weil die nur über eine uralte Eisenbahn sprechen. 

Kann das denn sein? Wir bezahlen Rundfunk-Gebühr, DSL-Anschluss, Kabel, HD-Paket, Netflix-Abo, Prime-Abo und weiß der Geier was und finden am Samstag Abend nichts inspirierendes in der Glotze?

Ich warte jetzt auf die Nachrichten und dann gehe ich ins Bett!

Vielleicht sollten wir den ganzen Mist einfach kündigen und uns einer Informations-Diät unterziehen? Wo war noch mal gleich der Zettel mit den Vorsätzen fürs neue Jahr?

Frühere Beiträge zu Medien in verschiedenen Formaten:

35) Eislaufen über 40

Um endgültig bewiesen zu bekommen, dass man ab Anfang vierzig so langsam älter wird, muss man keinen Stadtmarathon laufen oder die Zug-Spitze auf einem Bein hinaufhüpfen. Das kann man einfacher haben. Geht einfach mal Eislaufen! Also ich meine nicht nur an die Glühwein-Hütte nebendran, sondern richtig rauf auf das Eis, mit Schlittschuhen. Nur eine Stunde lang, das reicht schon. Bevor wir also losgehen, erinnern wir die Kids, dass sie sich bitte warm anziehen sollen. Solch eine Eishalle ist schließlich kalt. War sie früher auch schon. Auf dem Weg zur Halle erzähle ich von meinen früheren Eiskunstlauf-Probe-Trainings für den Turn-und-Sport-Club in unserem Kiez. Der Club hatte damals in den benachbarten Kindergärten die künftigen Leistungssportler getestet, mich dann aber bald wieder an eine andere Sportart „empfohlen“. In meiner Teenie-Zeit war ich dann auch ein paar Mal in der Eishalle, aber da ging’s weniger ums Eislaufen, eher um die Mädels dort. Das scheint den Kids schon Kompetenz genug zu sein und sie erwarten natürlich ein paar spektakuläre Sprünge und Landungen vor mir. Die Latte hängt also hoch. Wir gehen zur Kasse und zahlen Eintritt und Leihgebühr für die Eislaufschuhe. Das war einfach. Dann tauschen wir unser Schuhwerk gegen blaue „Knobel-Becher-Eislaufschuhe“. Es dauert etwas, für uns vier die beste Größe und Einstellung herauszufinden. Gegen 17:00 Uhr betreten wir die Eisfläche. Auf den ersten Metern komme ich überhaupt nicht klar. Das war früher viel einfacher. Da muss ich erst einmal meckern. Das Eis ist Mist! Die Schuhe sind doof! Die Kufen sind nicht ordentlich geschliffen! Warum sonst eiere ich hier so auf dem völlig verschneiten Eis? So kann doch keiner fahren! 

Aus der Musik-Anlage tönen Vanilla Ice mit „Ice Ice Baby“ und Snap! mit „Rhythm is a Dancer“. Krass, das läuft noch? Bald bin ich schneller unterwegs und gewinne zusehends an Stabilität … geht doch wieder. 

Links an mir zieht ein 14-jähriger Bubi vorbei. Er nimmt sich dabei selbst mit seinem Handy auf. Er fährt wie ein Olympionike, hüpft, dreht sich, springt und hält seinen Selfie-Stick wie der Musketier einen Degen. Respekt! Aber zum Glück empfindet meine Tochter noch nichts für solche Poser. 

Prompt überholt mich rechts ein Mädel in Kapuzen-Shirt und Karottenhose. Warum hat die sonst nichts an? Es ist doch kalt in einer Eis-Halle. Und warum sehen unsere Kids aus, als wären sie zum Nordpol unterwegs? Na immerhin die Klamotten der Girls scheinen noch die selben zu sein wie bei uns in den 80-er Jahren

Vor mir schiebt ein vierjähriger mit Bommel-Mütze einen Pinguin auf Kufen vor sich her um sich an ihm festzuhalten. Gleich hinten dran folgt sein Vater auf wackeligen Beinen, der sich an seinem Sohn festhält. Am liebsten hätte der Vater vermutlich den Pinguin selber gehabt, aber das fand er wohl uncool.

Anstelle von dramatischen Sprüngen, atemberaubenden Hebefiguren und Pirouetten, entscheide ich mich lieber dafür, ein paar Schlangenlinien und Zwiebeln zu fahren. Mehr geht heute auf diesem Eis echt nicht. Tür mir Leid. Aber ich erhöhe die Geschwindigkeit, um ein absolutes „Muss“ in einer Eis-Disco unter Beweis zu stellen. Nämlich mit Affen-Speed auf die Bande zufahren, ganz kurz vorher abbremsen, dann um die eigene Achse drehen und mit coolem Blick rückwärts an der Bande lehnen…

Frühere Beiträge aus dem Familienleben:

3) Handy-Nacken und Ampel-Mann

Beobachtet man andere Menschen in Bus, Bahn oder Flieger, könnte man meinen, sie beten oder meditieren. Alle schweigen und schauen die ganze Zeit nach unten an sich herab. Auch Freunde oder Kollegen, die sich gegenüber sitzen, machen das häufig. Statt miteinander zu reden, blicken sie nach unten. Selbst ganze Familien folgen diesem Trend. Auch am Pool oder auf dem Kreuzfahrtschiff. Man muss bei dieser Form von Gebet oder Meditation anscheinend auch gar nicht mehr inne halten. Nicht mehr still sitzen und die Augen schließen. Man darf es sogar beim Laufen tun! Auf dem Fußweg, in öffentlichen Gebäuden oder gar auf der Kreuzung. Egal wie und wo. Wer hat denn da bloß so viel Missionsarbeit geleistet? Beim genauen Hinschauen waren es wohl Konzerne aus USA, Südkorea und China, die den Menschen viele Millionen von Smartphones vom Himmel geschickt haben. Auf den Smartphones laufen dann zig Apps, also kleine mehr oder weniger nützliche Progrämmchen, die das Leben vereinfachen oder auch vom Leben abhalten. Je nach dem, welche man nutzt. Befragt man die gängige Suchmaschine um einen Hinweis zu der neuen Körperhaltung, bekommt man schnell den Begriff „Handy-Nacken“ angezeigt, mit dem Ärzte vor den gesundheitlichen Folgen am oberen Ende der Wirbelsäule warnen und diverse Übungen zur Vorbeugung anbieten. Verkehrssicherheitsexperten schreiben von erhöhten Unfallzahlen, weil die Fußgänger nur noch aufs Handy schauen, statt nach vorn in das Verkehrsgeschehen hinein. Meine Tochter sagte neulich, es gäbe mittlerweile schon Städte, die versuchsweise Ampeln in den Boden einlassen, damit man sie beim Blick aufs Smartphone besser sieht.

Gute Idee eigentlich, aber ist das nicht schon wieder absolut analog gedacht? Mit Lichtern im Boden begegnet man doch nicht der Digitalisierung, oder? Das schafft zwar neue Arbeitsplätze und Umsätze für die Firmen, die das produzieren und einbauen. Aber ist das digital? Nein.

Wäre der konsequente Schritt nicht, all die herkömmlichen Ampeln abzuschaffen und komplett in das Handy zu integrieren? Wenn alle Autofahrer und Fußgänger eh permanent mit den Geräten herumhantieren, warum leuchtet das Gerät nicht einfach rot, wenn man stehen bleiben soll und grün, wenn man wieder gehen darf? Jeder hätte im Prinzip seine eigene Ampel „zum mitnehmen“, über Ortungsdienste weiß die Ampel-App die eigene Position und kann grünes oder rotes Licht geben. In weiteren Ausbaustufen fallen mir bei der Gelegenheit auch noch zusätzliche kostenpflichtige Addons ein, mit der ich dann endlich Millionär werde.

Mit Diversity-plus können sich die Nutzer ihr eigenes Ampel-Männchen designen. Auf der Ampel kann nun auch mal eine Frau symbolisiert sein oder eben auch „ein/e diverse/r“. Soll sich niemand zurückgesetzt fühlen. Nicht auf diesem Blog hier! Auch Hautfarbe, Body Mass Index und andere „Properties“ kann man mit einem Schiebe-Regler anpassen, gar keine Frage.

Mit Avatar-plus lässt sich der Charakter aus der heimischen Spielkonsole direkt mit dem Ampel-Wesen synchronisieren. Auch andere Mii‘s aus dem Netzwerk können somit wahlweise auf die Ampel gebracht werden. Man kann die Wesen und ihren Service danach auch „sharen“, „liken“ oder mit Sternen bewerten.

Mit Travel-plus bekommt man nach Grenzübertritt das lokale Ampel-System per Update aufs Smartphone gespielt und schon ist man einsatzbereit. Es kann nichts mehr schief gehen. Man muss nur den Blick aufs Gerät halten, alle äußeren Eindrücke am besten ignorieren. Die bringen einen nur durcheinander und lenken vom wirklich wichtigen Geschehen ab.

Mit Germania-plus kann sich der  Deutsche Tourist das lokale Ampel-System einfach zurück in den „StVO-Standard“ übersetzen lassen. Egal ob es im Ausland also nun piept, gongt, bimmelt oder einen countdown in der Ampel gibt, für die Deutschen gibts auf dem Handy nur „rot“ oder grün“. Wie zu Hause auf dem Weg zum Büdchen.

Mit Zebra-plus, das teuerste unter allen Addons, lassen sich sogar Ampeln und Zebra-Streifen auf Handys generieren, wo es noch nie zuvor eine konventionelle Ampel gab oder sich jemand dran gehalten hätte. Man stelle sich vor, man läuft quer über über den Kreisel rüber zum Arc de Triomphe in Paris oder über den Connaught Place in Neu Delhi und die Autos halten an. Ich meine wirklich alle.

Aber wer weiß schon wie dass alles mal kommt. Vielleicht bleiben die Menschen künftig einfach zu Hause auf der Couch und bestellen Pizza und Bier online. Den Kreuzfahrt-Urlaub kann man sich doch bestimmt auch schon irgendwo herunterladen. Das wäre auch besser für die Umwelt, bei der Gelegenheit. 

Aber was ist dann mit meiner Ampel-Idee für die Fußgänger? Mhm…ich könnte die etwas umbauen und biete sie mal der Auto-Industrie an. Dann werde ich vielleicht sogar Multi-Millionär.

Frühere Beiträge zu Smartphone und Ampel:

34) Mega-Slide und Super-Maus

Schön, wenn die Kinder größer werden. Insbesondere deshalb, weil sie dann die Dinge zunehmend allein machen dürfen, die ihnen zwar einen Riesen-Spaß bereiten, mir aber ein absolutes „Unbehagen“ verschaffen. Vorsichtig ausgedrückt. Leider müssen sie aber bei bestimmten Anlässen immer noch von einem Erwachsenen begleitet werden.

Zwei Anlässe: 

Im Sommer lassen wir uns überreden, einen Wasserrutschenpark an der Algarve zu besuchen. Die Tickets kann man schon vorher online bestellen. Das ist praktisch. Zum Event selber, muss man aber noch persönlich erscheinen. Das ist eher unpraktisch. Für mich. Nachdem wir uns durch die Drehkreuze gedreht haben, geht es zur zentralen Umkleide. Von dort aus bewegen wir uns nur noch in Badekleidung. Das muss man mögen. Ich hasse es. Tasche, T-Shirt oder Latschen mitzunehmen macht keinen Sinn, wenn wir zu viert rutschen wollen … ähhm … müssen. Dann suchen wir uns die erstbeste Schlange und stellen uns an. Mit all den anderen halbnackten Menschen stehen wir also dicht an dicht in praller Sonne und warten. Überall riecht es nach Sonnen-Chreme. Das ganze Wasser muss doch schimmern wie eine Benzin-Pfütze unterm Auto, denk ich mir so. Bewegt sich die Warte-Schlange etwas nach vorn, drängen uns sofort nackte Leiber von hinten, die entstandene Lücke vor uns zu schließen. Passt man nicht auf, rutscht man der korpulenten Rutsch-Genossin vor uns auf. Nach circa 30 bis 45 Minuten kommen wir näher an das Geschehen heran und können schon mal sehen, wie sich andere Erwachsene so anstellen, wenn sie in den Rutschkanal verschwinden und unten wieder kopfüber herausfallen. Sieht turbulent aus, aber immerhin sind ihre Bikinis und Badehosen meistens noch da, wo sie hingehören. Manchmal aber auch nicht. Unsere Kinder hüpfen vor Freude wie Gummi-Bälle vor uns auf und ab, wir Erwachsenen werden immer stiller und schließen mit dem Leben ab. Was machen wir hier eigentlich? Könnten wir nicht gemütlich mit einer Flasche Vino Verde auf der Terrasse sitzen? Vielleicht etwas lesen oder was lustiges schreiben? Aber nein, wir müssen hier die Mega-Slide rutschen, bei der wir im Reifen eine Steilwand hinauf katapultiert werden und zum Ende in einer Art überdimensionalen Ausguss verschwinden. 

Aber auch der Winter in Berlin bietet ähnliche Challenges für uns Eltern. Auf dem Weihnachtsmarkt beim IKEA an der Landsberger Allee wartet die Super-Maus auf die Kinder. Und auf uns. Die Schlangen sind deutlich kürzer als im Rutschenpark in Portugals Süden. Die Menschen dort haben wenigstens Klamotten an und es gibt Glühwein so viel man will. Kein Vino Verde, aber immerhin. Um uns herum stehen lauter Teenies und gackern vor sich hin. Ein Girl aus der Gruppe telefoniert mit ihrem Handy und brüllt „Nee, isch bin nich Alex, isch bin IKEA, Alder“ in das Mikro. Ich sehe meine staatliche Rente im Schlamm des Weihnachtsmarkts versickern. Aber darum geht es ja hier nicht. Das wäre schon einen eigenen Beitrag wert. Zu viert besteigen wir also den Wagen der Achterbahn und lassen uns die stählerne Rampe hinauf ziehen. Noch einmal drücke ich den Metall-Bügel über unseren Hüften nach unten. Nur um sicher zu gehen, dass keiner herausfliegt. Zuviel. Ich kriege kaum noch Luft. Misst. Wir erreichen den Gipfel der Bahn, verharren für einen Moment und dann donnern wir hinunter. Kurve für Kurve. Über Berg und Tal. Es gibt zwar keine Loopings, trotzdem reicht es mir bald. Die Gondel beginnt nun auch noch, sich zu drehen. Ich habe die ganze Zeit meine Augen geschlossen, spüre meine Knie an die Wagen-Kante prellen und mein Halswirbel aus der Verankerung springen. Kaum ist es überstanden schallt es im Chor „Noch maaaal!!“. Also wenn ich heute 16 Jahre alt wäre, würde ich mich mit einem Papp-Schild vor die Achterbahn stellen. Darauf stünde dann so etwas wie „Kinderbegleitung: 5 EUR“.

Bei der Gelegenheit wünsche Ich allen Lesern einen guten Rutsch!!!

Frühere Beiträge aus dem Familienleben: