124) Sekundenbruchteil-Momente 4

Seit ich >Teil 3 dieser Reihe im Dezember veröffentlichte, ist nun schon wieder ein halbes Jahr vergangen. Verrückt. Und noch verrückter, dass wir Mitte Dezember 2019 null Schimmer von Corona und all den Auswirkungen hatten. Aber trotzdem. Auch wenn wir in der Zwischenzeit zu Heimarbeitern wurden, zu Hobby-Lehrern und Kantinen-Chefs, gab es aber auch diese kleinen, unscheinbaren Momente, die an sich nur eine Bruchteil einer Sekunde dauern, aber doch einiges mit uns anstellen. Zeit also für einen Teil 4

Hier ein paar Sekundenbruchteilmomente aus den letzten Monaten:

  • Man greift einen Tetra Pak, der in der Küche steht, setzt beherzt an und nimmt einen kräftigen Schluck. In dem Moment fragt man sich, seit wann dieser Saft eigentlich schon dort steht.
    Würg?
  • Der Stoffwechsel meldet sich, man muss aufs Klo. Dort niedergelassen blickt man sich um und schaut auf die blanke Papp-Rolle.
    Wut? Hass? Panik? Alles zusammen.
  • Man steht im Copy Shop, drückt wahllos die Knöpfe am Kopierer. Man ist zu stolz, das Personal zu fragen, denn man braucht ja nur 10 SW-Kopien von 9 Seiten. Herauskommen 20 Exemplare, voll in Farbe. Macht dann 62 EUR. Selbstspott?
  • Für ein paar Tage muss man auf Schwiegervaters Auto umsteigen. Wie immer in Eile haste ich hinten um das Heck. Es macht „klonk“, mir wird schwarz vor Augen und mein Schienbein funkt SOS. Stimmt. Die Karre hat ja eine Hängerkupplung.
    Fluch?
  • Ich eile auf meinen Lieblingsbäcker zu, denn er erschließt in wenigen Minuten. Kurz vor der Tür will ich meine Maske aus der Jackentasche ziehen und greife ins Lehre. Andere Jacke.
    Nix gelernt, man? Nur noch immer dieselbe Jacke anziehen oder jede Jacke mit Maske ausstatten.

Sorry liebe Leser, ganz ohne Corona ging es dann doch nicht.

<— Weitere Kleinigkeiten mit Schlechte-Laune-Potenzial gibts hier

35) Postkarte aus Südafrika

Und eine weitere Postkarte kommt mit erheblicher Verspätung bei euch an. Vor gut 15 Jahren verschlug es uns nach Südafrika. Im Jahr 2004. Nelson Mandela weilte noch auf Erden, das iPhone gab’s noch nicht, Polen, Tschechien, Slowakei und weitere Staaten Osteuropas traten der EU bei. George W. Bush wurde für die zweite Amtszeit wiedergewählt. Was würde ich heute dafür geben …

Highlights der Reise

  • Kruger National Park
  • Kapstadt, Tafelberg, Kap der guten Hoffung
  • Weinregion nördlich Kapstadt
  • Swartberge
  • Wale bei Hermanus
  • Garden Route
  • Knysna und die einsame Lodge (>hier lesen)

Literatur:

  • Der Lange Weg zur Freiheit (Nelson Mandela) .. wat sonst.

Komfort-Zone verlassen:

  • Mit einem VW Golf 1 im Links-Verkehr durch Johannesburg
  • Einsame Schotterpisten und die Angst um die Reifen
  • Pannenhilfe und Reifenwechsel mit Löwen im Rücken (>hier lesen)
  • Mit einem VW Polo (in weiß natürlich) unüberlegt links abbiegen und auf einen Township zu fahren … brennende Tonnen sehen … und nun ?

Ein paar Bilder:

 

Skurrile Schilder, weisen auf dies und das hin.

Auch wenn man nicht der große Hobby-Zoologe ist, der Kruger Park ist schon eine große Nummer

Kapstadt und Umgebung allein sind schon eine Reise wert

Wilde life unterwegs

Egal ob auf wilden Schotterpisten …

… oder gigantischen Küstenstraßen …

…es gibt überall großartige Bilder zu sehen.

<— Weitere Postkarten gibt‘s hier

 

123) Datenschutz Berliner Art

Egal ob nun dienstlich oder privat, jeder wird nun schon mal von Datenschutz und Datenraub gehört haben. Vielleicht fühlt man sich übersensibilisiert oder verschreckt, vielleicht ist man aber selber schon Opfer gewesen. 

Ob nun Konto leer geräumt,  heikle Fotos im Internet wiedergefunden, die Kreditkarte gehackt oder eine Rechnung für zehn Rolex-Uhren bekommen, die man selber nie bestellt hat. Alles doof irgendwie, wenn man nicht auf seine Daten aufpasst.

Gestern in den Räumen der Spaßkasse um die Ecke:

Ich brauche etwas Bargeld also nähere ich mich den Türen des Instituts. Zwei kräftige Wachleute öffnen mir dir Tür (nicht der >humanoide Tür-Roboter, der sonst nach Ladenschluss dort die Türen öffnet). Sie fragen mich, ob ich Geld am Automaten abheben wolle. Ich nicke artig und ziehe mein ehemaliges Freizeithemd über Mund und Nase. Dann gehe ich zum Automaten und lasse mir ein paar Scheine auswerfen. Außerhalb meines Blickfeldes, entsteht ein kleiner Tumult.

Eine Frau kämpft mit einem Self Service Terminal und flucht vor sich hin. „So ein Scheiß-Ding“ …. „Was soll der Schwachsinn … „Maaaan, du kannst mich mal“ und so weiter. Auf einmal keift sie durch den Automatenraum der Spaßkasse: „Ey. Dit is Daaaaaatenschuuuutz, maaaaan!“

Ein kleiner, älterer Herr mit grauem Haar steht an ihrer Seite, wedelt beschwichtigend mit den Händen und redet auf sie ein.

„Nun entschuldigen s’e mal, ick wollte doch nur den Spaßkassenchef holen, damit der sie helfen kann mit den Jerät da“, sagt er und zeigt auf das Terminal, will sie beruhigen.

Die Wachleute halten Abstand und mischen sich da besser mal nicht ein. Ich muss weiter.

Ach Berlin, du kannst so hässlich sein,
aber beim Datenschutz bist du mit Abstand ganz vorn.

122) Corona-Lektionen 33

Kaum waren die Kids mal wieder in der Schule, sind sie nun schon wieder zurück daheim. „Juhu, Ferien!“. Juhu. Ja. Juhu. Ich starte in die 16. Woche Homeoffice ohne Aussicht auf nur eine einzige Dienstreise. Wer hätte gedacht, dass mir das mal fehlen könnte.

Am Wochenende ist mir aufgefallen, dass ich nun schon seit 10. März keinem Menschen außerhalb des Inner Circle die Hand gegeben habe. Nicht mal in der Familie eigentlich, denn wir begrüßen uns ja schließen nicht per Handschlag. Zeit, heute mal etwas darüber nachzudenken, denn es gibt ja eigentlich verschiedene Anlässe in unserem Kulturkreis, bei denen man sich üblicherweise die Pranke reicht.

Begrüßung

In der westlichen Welt vollkommen normal und sogar schon seit dem römischen Reich eine etablierte Form, den Gegenüber zu begrüßen. Zumindest, wenn man ihn etwas längere Zeit nicht gesehen hat. Da gibt es den kräftigen warmen Händedruck, aber auch die labberige feuchte Variante. Auf Partys tat man sich auch schon vor Corona leichter. Man trat in den Raum sagte einfach … „Hallo ich bin der Jürgen und mach‘ mal so hier…“. Dabei ruderte man mit beiden Armen. Und das machte der Jürgen nicht, weil er Angst vor Viren hatte, sondern weil er sich die ganzen Namen eh nicht merken konnte. Oder wollte. In der Kneipe ging‘s auch ganz gut, da konnte man einfach auf den Tisch klopfen. Man sollte nur wissen, welche Tische im Lokal zum Freundeskreis des Einladenden gehörten.

Handshake

Im Sport und auf der Straße, hatten sich zusätzlich noch saloppe Handshakes entwickelt. Fußballer klatschten sich vor und nach dem Spiel ab, Volleyballer feierten so jeden erzielten Punkt. Und auch Schwimmer reichten dem Gegner die nassen Flosse über die rot-weiße Schwimmleine. In meiner Kindheit war es sogar sehr trendy, ein gewisses Handshake-Ritual zu zelebrieren. Mehrere Grifftechniken folgten synchron in festgelegter Reihenfolge und dann war man cool. Keine Ahnung wie man das heute machen soll, aber nur mit dem Arsch zu wackeln oder sich die Ellbogen zu reiben ist jedenfalls mega uncool.

Vereinbarung

Und der Handschlag ist immer auch noch ein etabliertes Zeichen einer erzielten Vereinbarung. Selbst wenn der „Deal“ nirgendwo heruntergeschrieben ist, ist uns ein Handschlag mehr wert als nur ein „Ja ja, mache ich schon, kannst dich drauf verlassen“. Wie kriegen wir diese Verbindlichkeit ohne Handschlag jemals zurück in unseren Alltag.  Sollen wir nun immer einen persönlichen Notar mit uns führen?

Fazit

Ich bin gespannt wie das weitergeht. Wird der Handschlag in unserer Kultur für immer verblassen? Und was kommt dann? Eine japanische Verbeugung oder selbst ein indisches Namaste!  mit gefalteten Händen scheinen hier doch undenkbar. Tragen wir künftig eine dritte Hand mit uns? Montiert auf einem Handshake-Stick? Oder unterm Mantel wie bei „Fantomas gegen Interpol“?Ziehen wir uns einen Gummi-Handschuh drüber, sollten wir mal das Bedürfnis haben, eine fremde Hand zu schütteln?

Aber ich glaube, ich habe mir die Frage schon selber beantwortet.
Wir entwickelten einfach eine App.
Die macht das dann.
Appgemacht

Grüße aus Berlin
T.

<— Corona-Lektionen 32

15) New Work – Teil 6

Gong: „Guten Morgen Noah, es ist 5:30 Uhr“, klingt es aus der Zimmerdecke und beginnt sofort mit dem täglichen Briefing.

„Dein Meeting um 7:00 Uhr wurde abgesagt, das nächste ist für 08:00 Uhr geplant. Die frei gewordene Zeit ist dir als persönliche „reflection time“ zugeordnet worden. Man bittet um sofortige Umsetzung dieser Maßnahme. Weitere Instruktionen folgen um 7:45 Uhr.“

Noch etwas überrascht, über diese Info aus der Zimmerdecke, liegt er auf seiner Schlafmatte vor seinem Arbeitsplatz und reibt sich die Augen. Er beschließt, etwas liegen zu bleiben und über die letzten Wochen nachzudenken. Für ihn persönlich hat sich ja eigentlich in dieser ganzen Corona-Zeit nicht viel verändert. Zumindest was die Arbeit angeht. Die vielen Holo-Cons, die vollgepackten Tage, all das war vorher schon an der Tagesordnung.

Ein paar Veränderung gab es aber schon, resümierte er:

  • Zunächst das permanente Klopfen dieser Drohnen an der Fensterscheibe, die zweimal am Tag die Arbeitnehmer um einen Corona-Test baten. Es galt das Fenster zu öffnen und den Mund weit zu öffnen. Die Drohne flog in den Rachenraum, nahm einen Abstrich vor und verschwand wieder. Da war ihm sehr unangenehm, so als hätte er einen Käfer verschluckt.
  • Als es dann durch einen Softwarefehler zu unverhältnismäßig vielen Abstürzen dieser Drohnen kam, wurden die Postboten des Versandhandels in die Testung eingebunden. Denn die waren schließlich eh permanent in den Häusern unterwegs. Es war schon vor Corona störend, wenn ständig jemand an der Tür klingelte, um Pakete bei ihm abzugeben. Aber nun, baten sie ihn auch noch, jedes Mal den Mund zu öffnen, um einen Abstrich vorzunehmen. Das war nicht ganz einfach mit den Konferenzgesprächen via Holo-Con.
  • Die Holo-Cons haben sich nicht wesentlich verändert. Wechselweise erschienen verschiedene Kollegen aus aller Welt in seiner Micro-Flat und besprachen mit ihm die Dinge, die zu besprechen waren. Allerdings erwartete sein Arbeitgeber das Tragen eines Mundschutz, alleine aus Respekt gegenüber den Nationen, bei denen die Infektionen immer noch anstiegen.
  • In seinem Team kamen neue Meeting-Formate auf. „Virtual Coffee Breaks„ und „Tele-Lunchs“ wurden anberaumt, um die Kollegen vernetzt zu halten und etwas Small Talk unter ihn zu fördern. Ein paar mal war er anwesend, dann schwänzte er immer häufiger. Er hatte keine Lust mehr, die Töpfe seiner Kollegen klappern zu hören und schon gar nicht, sie in Jogging-Hose beim Mittag zu sehen.
  • Die IT-Abteilung sensibilisierte anfänglich noch, des Überspringen des Virus von Mensch auf Computer unbedingt zu vermeiden. Dies stelle ein großes Risiko für die IT Infrastruktur dar, hieß es. Mittlerweile hatte man diese Angst relativiert. Ja man fordert sogar dazu auf, diesen Virus endlich zu digitalisieren, dann könnte man ihn wenigstens mit den herkömmlichen Mitteln bekämpfen.

Gong: „Noah, es ist 07:45 Uhr. Hier nun das Briefing für das anstehende Meeting“

<— Zum Anfang der Serie

<— Zum Teil 5

121) Vergangenheit

Jeder hat eine davon. Ob man nun will oder nicht. Egal ob sie schön war oder weniger aufregend. Ob man sich gern an sie zurück erinnert oder sie lieber vergessen will. Nein, hier geht es heute nicht um die erste Liebe, sondern um die eigene Vergangenheit. In den letzten Tagen wurde ich mehrfach zurückgeworfen. In eine Zeit der Schwarzweiß-Bilder, Erinnerungsfetzen und Flashbacks, die ganz weit hinten im Oberstübchen liegen. Und dann ist es doch wirklich erstaunlich, was da alles noch vorhanden ist. Erlebnisse, Gespräche und Gefühle. Selbst Temperaturen und Gerüche. Alles lässt sich wieder hervorkramen.

Und das kann alles an einem Sonntag geschehen:

Sohnemann überzeugt mich, einen weiteren Instant-Messaging-Dienst zu installieren. Macht man halt heutzutage so. Kurz danach macht‘s „pling“ und mich schreibt Svenja (Name geändert) an. Mit Svenja war ich in Kita und Grundschule. Man könnte sagen, wir waren „zusammen“. Also so „zusammen“ man halt unter 11 Jahren ist. Und was hatte die für coole Rollschuhe.

Ich flitze zum Sportplatz und eine Frau kommt mir entgegen. Wir schauen uns beide unsicher an. Fußweg, Augen, Fußweg, Augen. Sag mal …? Bist du …? Nee, echt? Ich glaub’s ja nicht! Volltreffer. Doch. Sie ist es. Bettina (Name geändert) und ich synchronisieren uns. Family? Kids? Job? Wohnort? Und sonst so? Allet jut. Oh man, das waren Parties, Mitte der Neunziger.

Die Begegnung mit Svenja, treibt mich an, mal wieder nach Gero (Name geändert) zu googlen. Ich mache das seit Jahren immer mal wieder, denn der kann doch nicht von der Erdfläche verschwunden sein. Jeder hinterlässt doch heutzutage irgendwie Spuren. Ist dem was zugestoßen? Unsere Wege haben sich in den frühen 90-er Jahren getrennt, seitdem habe ich nichts mehr gehört. Und siehe da! Ein Doktor an einer Uni. Hah! Gefunden. So viele Erinnerungen kommen hoch. Viele Nachmittage haben wir verbracht, die Höfe im Viertel erobert.

Ist das alles nur Zufall? Oder wird man irgendwann empfänglicher für solche Begegnungen oder sucht gar aktiv danach?

63) Service-Dialog

Handwerkerleistungen sind häufig ein besonderes Erlebnis. Ich meine heute nicht die Umsetzung an sich, sondern eher die Anbahnung dieser „Service Experience“.

Ein aktuelles Beispiel:

Das Schlafzimmerfenster klemmt, ich kriege es nicht mehr auf, weder voll noch kipp. Doof irgendwie.

07.06.2020: Ich schreibe die Hausverwaltung an und schildere mein Problem.

08.06.2020: Verwaltung antwortet, Firma „Fenstermann“ (Name geändert) wurde beauftragt, man wird sich telefonisch melden.

10.06.2020: Ich frage bei der Verwaltung, ob sie denn noch einmal nachhaken könnten, denn bei mir hat sich noch niemand gemeldet.

11.06.2020: Verwaltung antwortet, … in Anbetracht der aktuellen Situation … usw… Corona … bla bla. Mir kommen die Tränen. Der Auftrag sei am 08.06.2020 erteilt worden, für die Bearbeitung rechne man aktuell mit 7 Arbeitstagen.

16.06.2020: Ich schreibe der Verwaltung, heuchle Verständnis für die Situation und wünsche mir, dass doch wenigstens jemand anrufen würde. Das muss doch auch in Corona-Zeiten gehen.

17.06.2020: Verwaltung antwortet, ich solle die Firma selbst unter 12345678/12345 anrufen. Wo ist das denn? WENN Vorwahl < Anschluß DANN Ort = Klein.

19.06.2020: Ich rufe dort an und bin besonders freundlich, Handwerker brauchen Streichel-Einheiten.

Sie: „Tischlerei Fenstermann, Guten Tag.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Sie: „Moment, ich stell‘ sie zum Chef durch. Wie war noch gleich ihr Name?“
Ich: „Mein Name ist Sowieso.“
Es: „Knack. Tut. Raschel“
Er: „Ja, bitte.“
Ich: „Guten Tag, mein Name ist Sowieso aus Berlin, sie müssten einen Auftrag von Verwaltung ABC haben und ich würde gern einen Termin dazu vereinbaren.“
Er: „Wo?“
Ich: „Wie … Wo“?
Er: „Na, wo isses?“
Ich: „Ähm … meinen sie jetzt das Fenster oder meine Wohnung. Na, Berlin.“
Er: „Na Berlin, is‘n bisschen größer, da müssen ´se mir schon sagen wohin, sonst könn‘ wir nich‘ helfen.“
Ich: „Ist mir schon klar. Es ist in Berlin, Pipapo-Straße 123.“ Mir wird der Kragen eng.
Er: „Is‘ hier.“
Ich: „Was ist da?“
Er: „Na der Auftrag.“
Ich: Oh, schön und wie gehts jetzt weiter?
Er: „Nächste Woche.“
Ich: „Entschuldigung, heißt das, nächste Woche kommt jemand vorbei oder ruft jemand an?“
Er: „Der Auftrag wurde mit anderen Aufträgen an einen Mitarbeiter übergeben, der meldet sich.“
Ich: „Aha“. Die Frage, ob ich mir derweil ein Sauerstoff-Gerät ausleihen soll, verkneife ich mir.

Also warte ich, bis sich jemand nächste Woche meldet und dann die 120 Kilometer nach Berlin fährt. Für ein Fenster.

Warum nur beschleicht mich das Gefühl, dass das noch nicht das Ende der Geschichte ist…

120) Zeit

Vor ein paar Tagen habe ich mir ein neues Hörbuch gekauft. Ein Jugendbuch. Ein Buch, dass schon auf einigen Blogs angesprochen wurde, mir sagte der Titel aber gar nichts. Bildungslücke? Einfach übersehen? Oder bisher keine Zeit gehabt? Vermutlich Letzteres.

Also fix heruntergeladen und beim Joggen angehört. Es begann aber „sehr gemächlich“, der Sprecher strahlte eine Gelassenheit aus, die in mir sehr schnell Unruhe entfachte. Sehr bald schaltete ich in der Hörbuch-App auf Tempo 1 1/4 und konnte dem Stoff immer noch gut folgen. Ein Amphitheater vor den Toren der Stadt, spielende Kinder, Phantasie-Spiel und so weiter. Mhm… passiert da noch etwas? Kann ich mit meiner Zeit nicht etwas Besseres anstellen? Ich überlegte abzubrechen, hörte aber weiter. Bis zum Kapitel 19, als die „grauen Herren“ die Bühne betraten. Und da hörte ich dann genauer hin, denn es ging um die Zeit. Ich muss sagen, ich gehöre auch zu den „von der Zeit getriebenen“. Vermutlich hört mein Umfeld folgende Sätze mehrfach am Tag von mir und rollt die Augen:

  • Ist noch Zeit?
  • Lass dir ruhig Zeit!
  • Los jetzt, wir müssen gehen!
  • Dafür habe ich nun echt keine Zeit!
  • Ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll!
  • Das mache ich, wenn ich irgendwann mal Zeit habe!
  • Wann geht es los? Wie lange dauert das? Wann ist Schluß?
  • Und so weiter ….

Nun bin ich bei Kapitel 61 angekommen. Keine Ahnung was noch kommt. Aber ich freue mich drauf und frage mich, ob ich auch so einer von den „grauen Herren“ bin.

Wie das Buch heißt? Na, ich denke die eingefleischten Bücherwürmer haben es schon erraten, oder? Es ist nicht Pipi, auch nicht Lala und nicht Mini.

Es ist Momo 😉

Lesen, wer‘s noch nicht getan hat!

Oder hören … beim Joggen … auf Englisch. Dann ist‘s gleich dreimal produktiv 😉

119) Große und kleine Fische

Was hat Mutter Natur nicht neulich für ein cooles Foto-Motiv zurechtgelegt. Am Ufer eines Sees im Berliner Süden. Großer Fisch, kleiner Fisch, beide in einer ausweglosen Lage.

Ob wirklich die Natur das arrangiert hat oder es ein Aktionskünstler war, weiß ich nicht, aber ich habe damit wirklich nichts zu tun.

Was will uns „Mother Nature“ mit dieser Komposition sagen?

  • Großen Fische können an kleinen Fischen zu Grunde gehen?
  • Jemanden zum Fressen gern haben, kann böse enden?
  • Der Fisch beginnt auch am Schwanz zu stinken?
  • Starke Feinde sollte man von innen angreifen?
  • Den Mund besser nicht zu voll nehmen?
  • Immer nach Gräten Ausschau halten?
  • Auf auf zu Tisch, heut’ gibt‘s Fisch!
  • Langsam essen und gut kauen?
  • Zuviel Fisch ist ungesund?
  • DDR-Ketwurst is back?
  • Pommes fehlen?
  • Und Zitrone!

PS 1: Lest ihr auf dem Handy? Dann besser horizontal kippen.

PS 2: Andere kreative Ideen der Leserschaft? Dann nur gern her damit in den Kommentaren

14) PPBS – Postpandemische Belastungsstörung

14. Juni 2021: Liebes Tagebuch, ich habe dir schon lange nichts mehr anvertraut, aber heute kann ich nicht mehr anders. Denn ich bin ein Wrack. Das Jahr nach Corona war einfach zu viel für mich.

Vor gut einem Jahr wurden immer mehr Corona-Maßnahmen gelockert und alles unterlag dem Ziel, die Deutsche Wirtschaft wiederzubeleben. Anfänglich wurde mit einem Wumms die Mehrwertsteuer gesenkt, aber das war ja alles noch harmlos und nur der Beginn viel weitreichender Konjunktur-Pakete.

  • Bereits im Spätsommer 2020 wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch alles kaufen sollte. Die monatlichen Zwangsumsätze, die deutsche Haushalte zu erreichen hatten, waren kaum zu schaffen. So viele Schuhe, Hemden und Hosen brauchte ich doch gar nicht. Oft habe ich dann irgendetwas gegriffen, zügig bezahlt und die Einkäufe dann aber dort stehen lassen.
  • Als das Wirtschaftsministerium dann die Haushaltsgeräte-Hersteller anwies, deutsche Fabrikate per Fernsteuerung außer Funktion zu setzen, begann der nächste Stress. Auf einmal mussten sich unzählige Haushalte neue Waschmaschinen, Geschirrspüler und Kühlschränke anschaffen.  Endlich kam es zu den erhofften Lieferengpässen. Die alten Geräte waren aber nun mal kaputt. Das ebnete den Weg für die nächste Maßnahme.
  • Um die Gastronomie wieder anzukurbeln, sollten die Menschen verstärkt auswärts essen. Ich habe 20 Kilo zugenommen, kann keine Pizza und kein Schnitzel mehr sehen. Gehe ich am Asia-Bistro vorbei, kriege ich vom Glutamat-Aerosol rote Pickel im Gesicht. Der nagelneue Geschirrspüler hatte kaum noch etwas zu tun, der endlich gelieferte neue Kühlturm kühlte fortan nur noch mein Bier und die blauen Kühl-Packs für Sportverletzungen.
  • Auch mein alter Diesel versagte eines Morgens den Dienst. Bei 160.000 Kilometern. Dem Automobil-Club war untersagt, den Fahrzeughaltern zu helfen. Als ich die Karre eigenhändig zur Werkstatt schob, schüttelte man nur den Kopf. Reparatur-Verbot. Erlass vom Wirtschaftsministerium. Als ich dann mit einem Hybriden aus Japan liebäugelte, schickte man mir Agenten des Deutschen Automobilverbands auf den Hals.
  • Und dann ging es weiter. Um die am Boden liegende Hotellerie zu retten, wurde jeder volljährige Staatsbürger verpflichtet, einmal pro Woche in einem Hotel zu nächtigen. Kostenloses Pay-TV, freie Mini-Bar und Frühstück ans Bett machten diese Einzelhaft zwar annehmlich, ich wäre aber lieber zu Hause gewesen. 
  • Als dann nach den Sommerferien die Berliner Clubs wieder öffneten, mussten wir auch dort regelmäßig antanzen. Ich meine, Blitzlicht und Nebeleffekte sind ja schon anstrengend genug, aber dann noch tanzen? Mit Maske! Ich halte mich ja eigentlich für sportlich, aber das war dann doch zu viel.
  • Zum Herbst hin, wurden dann die Kinos geöffnet. Unmengen Filme wurden auf den Markt geworfen und die Kino-Industrie erwartete, dass man auch dort vorbeischaut. Der gute neue Stoff war schnell durchgesehen, dann folgten nur noch schlechte Remakes. Kinokarten gab es nur noch mit Snack-Paket zu kaufen und der Werbeblock war nun doppelt so lang.
  • Und dann noch die Luftfahrt. Der Staat war ja nun Miteigentümer einer Airline. Und die Flugzeuge sollten wieder fliegen. Du glaubst nicht wieviele Flüge ich absolvieren musste. Stundenlang saß ich im Flieger, manchmal drehten wir nur über der Stadt, damit die noch übrig gebliebenen Piloten ihre Pflichtstunden absolvieren konnten. Damit es nicht so langweilig wurde, haben sie dann Elemente aus dem Kunstflug eingebaut. Erstaunlich, zu was so ein Airbus fähig ist und wieviele Kotztüten ich gefüllt habe.

Und das war noch lange nicht alles, liebes Tagebuch. Während der Corona-Zeit dachte ich ja, dass all die Einschränkungen einen bleibenden Schaden in uns hinterlassen, aber es war eher die Zeit danach, als es all die Verluste wieder aufzuholen galt. Immer häufiger wünsche ich mich in die Corona-Zeit zurück. Alles war entschleunigt, das Meiste war geschlossen, man konnte mal was lesen und Podcasts hören. Wir waren schon froh, überhaupt mal vor die Tür zu kommen. Das waren noch Zeiten.