56) Bratwurst

Die große Weltpolitik? Zu kompliziert.
Unser Klima? Wichtig, aber heute mal nicht.
Digitalisierung? Die kommt so oder so , auch wenn wir hier nicht drüber reden.

Wir sollten mal wieder über die kleinen Dinge des Lebens reden.

Zum Beispiel um die Bratwurst:

  • Da denke ich spontan an die zu kurze Variante aus dem Fränkischen, dann an die (zumindest für mich) normale Länge aus der Thüringer Ecke und dann noch an die 1/2 Meter-Exemplare von den Weihnachtsmärkten.
  • Im schlimmsten Fall schwimmen die Dinger schon länger in der Fettwanne einer Imbiss-Bude, so „la la“ dagegen sind die Kreationen die auf Gas-Grills umher rollen, am besten aber doch die vom Schwenk-Grill oder?
  • Manchmal ist der deutsche Döner so blass wie eine Wasserleiche, manchmal glaubt man, das Wurstgebilde wurde aus einem Braunkohle-Tagebau abgebaut. Am besten sind sie jedoch gut gebräunt und leicht angeschnitten würde ich sagen.
  • Der erste Konflikt droht, wenn der Grill-Meister die Wurst zwischen zwei pappigen Toastbrot-Hälften reicht. Das DIN-0815-Brötchen aus dem Plastik-Sack der Backfabrik dagegen macht nur unnötig satt. Der Hauptgewinn ist ein Brötchen, was man nicht jeden Tag sieht und im Premium-Falle sogar etwas angewärmt ist.

Über all das kann man trefflich streiten, man kann unterschiedliche Vorlieben haben und irgendwie kommt man mit dem Ergebnis klar.

  • Was nun aber gar nicht geht ist, wenn das Grill-Personal den Senf dosiert! Wenn sie ein spärliche Senf-Spur auf die Wurst kringeln, damit es nach mehr aussieht. Das ist ein No Go und solche Buden gehören boykottiert! Stellt die Senf-Eimer endlich auf die Theke, das gehört zu den Menschenrechten!!

Mhm … aber welchen Senf eigentlich …? Das ist ein Thema für sich 😉

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72) Wortwahl: Erzen und Unsen

Das Siezen und Duzen ist allbekannt ein komplexes Thema. Ein paar Buchstaben machen einen Riesen Unterschied aus. Mit ihnen schwingen Respekt, Altersunterschied, Nähe, Sympathie, Amt und Status durch den Raum. 

Man weiß nicht so genau, wer zuerst das „Du“ anbieten kann oder sogar soll, also wartet man auf die nächste Weihnachtsfeier. Mit Glühwein auf der Zunge, fällt uns das anscheinend leichter.

So richtig verwirrend ist aber das sogenannte „Erzen“:

Wenn mir mein Fahrlehrer damals Anweisungen gab, sprach er mich immer in der dritten Person an.

  • Kann er mal rechts abbiegen?
  • Hat er ganz gut gemacht!
  • Er darf mal bitte rechts halten.
  • Da sollte er aber in den Spiel schauen!
  • Muss er denn immer noch im dritten Gang fahren?

Vielleicht bin ich deshalb durch die praktische Prüfung gefallen, weil ich nicht wusste von wem er eigentlich die ganze Zeit spricht.

Wikipedia sagt: Im 17. und 18. Jahrhundert war auch die Anrede mit Er, das Erzen, in unterschiedlichem Kontext in weitem Gebrauch. Es konnte durch Vorgesetzte und Standeshöhere verwendet werden, um eine gewisse Geringschätzung oder einen Vorwurf zu vermitteln.

Na vielen Dank auch Herr Fahrlehrer!

Auch sehr lustig, is die Ansprache in der Wir-Form:

  • Etwa beim Zahlen: Ham‘wa denn `ne Kundenkarte?
  • Oder beim Pförtner: Wen suchen `wa denn?
  • Gar beim Doktor: Na, wie gehts uns denn heute?

Da würde ich am liebsten antworten: „Gut soweit und selbst so?“

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71) Ein Bomben-Haushalt

Heute früh beim Zähneputzen aufgeschnappt: Präsident Trump stellt seine Vorstellungen zum neuen Haushalt vor.

Kurz gefasst:

  • Zunächst deutlich mehr Geld für’s Militär, ingesamt 740 Mrd US-Dollar
  • Reduzierte 2 Mrd USD für die Mauer nach Mexico … waren schon mal 5 Mrd … ist aber auch Wurscht.
  • Für Umwelt, Wohnungsbau, Gesundheit und Entwicklungshilfe sollen die Budgets gekürzt werden

Eher unwahrscheinlich, dass er das so durch den Kongress kriegt, aber zeigt es durch ganz eindrücklich, wie der Mann so tickt.

Liegt die Mauer nach Mexiko kostentechnisch irgendwo zwischen Elbphilharmonie und Flughafen BER haut mich das nicht um.

Aber lasst euch noch mal den Etat für die Verteidigung auf der Zunge zergehen.

  • 740 Mrd
  • Eine 740 mit 9 Nullen.
  • 740 000 000 000

Als ich das mit meinem Handy auf den Monat umrechnen will, streikt es zunächst. Im Profil -Mode kann ich ingesamt nur 9 Ziffern eintippen. Im Landscape-Mode ging es dann.

Es sind 61.666.666.666,66667. Pro Monat.

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29) Postkarte aus Berlin: Denk mal

Berlin hat einiges an Denkmälern zu bieten. Die neueren sind zwar schwer an Material und  Schuld, aber in ihrer Bauweise, für meinen Geschmack, etwas zu schlicht. Metall-Stehlen, Beton-Klötze, Loch in der Erde mit Glasplatte drüber. Mhm, ich finde die vom Design eher langweilig und mir fehlt irgendwie der Mensch darin. Da hatte man doch früher noch etwas mehr zu bieten.

Ein kleiner Auszug, sortiert nach Größe

Etwas zurückgezogen im Park erinnert der Friedhof der Märzgefallenen an die Märzrevolution von 1848. Nach der November-Revolution von 1918 bekam der Friedhof gleich noch einen zweiten Zweck. Kann man nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedhof_der_Märzgefallenen. Wer nicht drauf eingestellt ist, erschrickt am Denkmal des „Roten Matrosen“, weil dieser Matrose aus dem Busch schaut.

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Nicht viel größer, aber viel höher, wurde der Kopf von Friedrich II auf eine Säule gestellt. Laut Wikipedia handelt es sich um einen Nachguss der 1848 entstandenen Büste. Gut, dass sie so weit oben steht, sonst wäre sie schon geklaut worden.

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Deutlich dramatischer zeigt sich das Denkmal für die Spanienkämpfer ein paar Meter weiter. Auch wenn das Halten des Schwertes uns heute einen Tennisarm oder Mausarm bescheren würde, macht das schon etwas her.

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Mit deutlich mehr Material, wurde in den 80-er Jahren ein Denkmal für Ernst-Thälmann errichtet. Ein stark polarisierende Figur, aber ein imposantes Bauwerk. Leider zu viel Graffiti, im April hat er wieder Geburtstag und dann wird er wieder geputzt. —> Graffiti-Teddy

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Dann das „Denkmal der polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten“. Das ist noch mal wuchtiger und erscheint im 70-er Jahre Monumental-Chic. An der Seite sind Soldaten abgebildet und auf der Rückseite trägt es sogar noch ein DDR-Wappen. Erstaunlich eigentlich.

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Mit militärischem Gerät russischer Bauart lädt das „Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten“ zum Nachdenken ein. Fährt man mal etwas verträumt den 17. Juni hinunter kann man schon mal zusammenzucken, wenn man im Augenwinkel Panzer sieht.

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Wer es mal richtig „dicke“ sehen will, sollte mal nach Treptow fahren. Zu unserem anderen Sowjetischen Ehrenmal. Ein riesiger russischer Soldat hält ein Kind auf dem Arm und zu seinen Füßen zerbröselt er mit dem Schwert das Hakenkreuz. Zwei weitere russische Soldaten verneigen sich vor den Opfern der Sowjets. All die Zitate Stalins ringsherum lassen sich zwar nur schwer verdauen, aber beeindruckend ist die Anlage trotzdem.

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Der große Lenin aus ukrainischem Granit hat die politische Wende nicht überstanden. An ihm biss man sich Anfang der 90-er Jahre die diamantenen Säge-Zähne aus und verscharrte die Steine in im Märkischen Sand. Immerhin hatte er es in den Spielfilm Good Bye Lenin geschafft.

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70) Die Drei Jahreszeiten

02-02-2020 zeigt die Datumsanzeige heute. Welch magisches Datum, zeigt es doch von vorn wie von hinten, dass wir Anfang Februar haben. Also sind es draußen -10 bis -15°C, es liegt Schnee, wir haben Ostwind aus Sibirien und die Vögel sind weg. So war das mal.  

Ich war gerade Laufen:

  • Schon nach den ersten 2 Kilometern, musste ich bei 8,5° den Reisverschluss am Hals öffnen. Andere Läufer begegneten mir in kurzen Hosen.
  • An der Südseite des Parks konnte ich bereits die ersten Krokusse auf der Wiese stehen sehen.
  • Im Teich schwammen die Enten und der Reiher stand auch schon wieder (…oder immer noch?) auf seinem Stein.
  • In der Ferne, zog ein Vater seine Kids auf einem Schlitten. What? Als ich ihnen näher kam, konnte ich sehen, dass er Rollen unter die Kufen geschraubt hat.
  • Hätte Vivaldi das damals schon geahnt, hätte er sich bei seinen 4 Jahreszeiten kürzer fassen können. Die Pizza Quattro Stagioni wird wohl zur Pizza Tre Stagioni und auch die berühmte Hotel-Kette sollte sich schon mal eine neue Marke sichern. Hotel 3 Jahreszeiten

Ob das alles so gut ist? Nun bin ich ja echt kein großer Winter-Fan, aber das stimmt schon nachdenklich.

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29) NapCap, MeetingCap, BodyCap

Neulich hatte ich im Münchener Flughafen noch etwas Zeit bis zum Boarding. Also lief ich auf und ab und wartete auf „die“ Eingebung. Die Lösung aller Probleme. Kam aber nicht. Blöd.

Dafür stieß ich aber bei Gate G06 auf große Boxen. Nein, keine Boxen aus denen Musik kommt, keine Schachteln/Büchsen zum einpacken und auch nix für Pferde. Um all diese Missverständnisse zu vermeiden, nennt man die Dinger „Cap“. Und zwar „NapCap“ und „MeetingCap“. Und was kann man da machen? Na ja, wie der Name schon sagt, kann man im NapCap ein Schläfchen halten. Zwei Stunden für 30 EUR, Liege, Bettwäche, Tisch und Spiegel inclusive. Im MeetingCap kann man für 35 EUR ein Meeting mit 4 Personen durchführen. Es warten Tisch, Stühle, WiFi, alles da was man so braucht

Also laufe ich zwischen den Caps umher und denke nach:

  • Werden die Scheiben eigentlich abgedunkelt? Oder können anderen von außen reinschauen, wenn man da schläft? Und der große Spiegel am Ende, wer sitzt dahinter?
  • Was wird’s künftig sonst noch so für Caps geben? Vielleicht was für Pärchen … … pfui … stopp! Vielleicht eine SaunaCap, WellnessCap? Eine RaucherCap? Aber die gibts ja schon. Vielleicht ein BodyCap? Also ein Art „Hülle“ die mich komplett einschließt und nur unten die Beine zum Laufen hinauslässt?
  • Die Caps sind auch viel eleganter und platzsparender als die wuchtigen Container der Flüchtlingsheime. Wenn die Cap-Ingenieure noch etwas tüfteln, dann können sie die Caps bestimmt bald stapeln und somit die komplette Höhe des Terminals nutzen.
  • Und da die Dinger noch relativ ungenutzt sind, kann man denn nicht vielleicht den Nutzerkreis etwas öffnen? Ich meine, der Münchener Wohnungsmarkt ist doch recht angespannt … ;-). Klo, Dusche, Snack-Automat, Kaffee-Automat und diverse Bars gibt’s nebenan und zum Flughafen hat man‘s auch nicht mehr weit. Na ja, nun vielleicht ist das nicht für jeden geeignet. Aber für Vielflieger und Board-Personal allemal.

Dann können Captains oder DiCaprios am Wochenende dort bleiben und müssten nicht mehr in die Capitale Bayerns fahren. Sie können ein Basecap aufsetzen und das Spiel der Capitals anschauen. An ihren Capabilities arbeiten oder mal über ihr Handicap nachdenken. Am Montag gibt’s ein paar Meter weiter einen Cappuccino und dann geht’s gleich wieder in die Flieger nach Cape Canaveral, Capetown oder Capri.

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8) New Work – Teil 5

<— Zum Anfang der Serie

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Fortsetzung

„Ende der Konferenz einleiten!“, kann er am Rand seiner Holo-Con-Brille lesen. Schon knapp 90 Minuten spricht er bereits mit den Mexikanern, die vor ihm in seinem Zimmer schweben.

Er bringt das Gespräch zu Ende, die Kollegen lösen sich in Luft aus und er nimmt die Brille ab. Ihm grummelt es im Magen. Normalerweise rollt um 18:00 Uhr die Thermophore in seine Wohnung und versorgt ihn mit exakt 400 kcal für den Abend.

Gong. „Noah, dein Business-Dinner wurde vertagt, zur Sicherstellung der Performance, bitte ersatzweise zwei Dosen Perpetuol 2000 einnehmen“, klingt es aus der Zimmerdecke. Er kippt die blaue Flüssigkeit hinunter. Sie ist nicht besonders schmackhaft, aber es ist ein wahres Wunderzeug. Schießt es doch schlagartig  Energie in Hirn, Augen und Hände. Die drei wichtigsten Organe der Human-Resourcen seiner Klasse.

Gong. „Noah, es ist 18:30 Uhr, dein niedriger Social-Networking-Score erreicht in Kürze Melde-Pflicht“. Er hat sich da bereits zwei Tage nicht blicken lassen und müsste wieder etwas aufholen, um ein weiteres Sensibilisierungs-Training zu vermeiden. Also wählt er sich im Social Network der Firma ein und „liked“ und „praised“ wahllos umher. Es ödet ihn so an. Nach dem er auf diese Weise ein paar positive Spuren in der Firma hinterlassen hat, wechselt er zu den anderen Karriere-Netzwerken im Internet. Hier wird etwas mehr Teilnahme erwartet. Der Arbeitgeber erwartet aktive Mitwirkung und positive Kommentare. Also schreibt er fleißig „Great!“ oder „Congrats“ oder „proud2be“ unter nicht gelesene Beiträge.

Bis zum letzten Meeting des Tages hat er noch 13 Minuten Zeit. Keine Stimme aus der Decke, keine neuen Anweisungen. Stille. Noah erhebt sich, geht zum Fenster, schaut auf die Häuserzeilen seines Viertels und wälzt einen gut bekannten Gedanken. Soll‘s das sein? Will er ewig so weiter machen? Aber welche Optionen gibt es denn? Um sich von seinem Arbeitgeber zu lösen, müsste er eine beachtliche Kaution zurückzahlen und auch die Micro-Flat abgeben. Und selbst wenn? Was soll er dann machen? Viele der Jobs, für die er qualifiziert wäre, gibt es seit Jahren nicht mehr. Auftrieb haben aktuell nur Altenpfleger, Grundschullehrer und Psychiater, alles nichts für ihn.

Gong. „Noah, das Meeting 19:00 Uhr beginnt in wenigen Minuten. Das Dossier liegt zum Download bereit“. Er überfliegt es kurz. Es geht um die USA. Die sind zwar etwas nervig, aber wenigstens wissen sie was sie wollen. Und schon erscheinen die Amerikaner in seinem Zimmer. Nach kurzem Smalltalk kommen sie sofort zur Sache, platzieren ihre Forderungen und versuchen Noah mit einem „Deal“ festzunageln. Er gibt sich geschlagen, er kann nicht mehr. Er überlegt, ob die Ami’s nur deshalb zur Wirtschaftsmacht wurden, weil die Verhandlungspartner in Europa bereits müde sind, wenn sie mit ihnen verhandeln. Das Meeting geht zügig vorüber und die Cowboys verschwinden wieder aus seinem Zimmer.

Gong. „Noah, es ist 19:23 Uhr, die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit ist für heute abgeleistet“. Er seufzt erleichtert. Um etwas Privatsphäre zu haben, schickt er seinen Computer und das Holo-Con-System in den Stand By. Eine Abschaltvorrichtung gibt es nicht. Er nimmt den Fitness-Belt ab und legt sich auf seine Schlafmatte.

Gong. „Noah, es ist 19:30 Uhr, die Flex-Time beginnt, Nachtruhe wird ab 22:00 Uhr eingeleitet. Ausgewählte Artikel aus der Fachpresse, Best-Practice-Berichte und Benchmark-Studien liegen zum Download bereit. Schönen Feierabend.“

ENDE

7) New Work – Teil 4

<— Zum Anfang der Serie

<— Zum Teil 3

Fortsetzung

Gong. „Noah, Deine Entscheidung bitte“, spricht die Stimme wieder fordernd aus der Zimmerdecke. Noah schaut seit zwei Minuten auf die beiden Buttons, die vor ihm im Raum schweben. Unentschlossen. Er weiß nicht wie er sich entscheiden soll.

  • JA, einverstanden (5 Punkte Gutschrift in „Flexibilität“)
  • NEIN, abgelehnt (50 Punkte Abzug in „Passion“)

Eigentlich hat er wenig Lust auf ein weiteres Meeting um 19:00 Uhr, hatte er doch heute seine erste Holo-Con bereits um 06:30 Uhr mit den beiden Australiern. Fünf Punkte mehr, würden aber seinem Social-Credit-Konto ganz gut tun. Er steht kurz davor, sich einen weiteren Urlaubstag erarbeitet zu haben. Zusätzlich zu seinen vertraglich vereinbarten zehn Tagen pro Jahr. 50 Punkte Abzug würden ihn weit zurück werfen. Also tippt er auf „JA, einverstanden“. Die Buttons verschwinden und geben wieder die schwebenden Diagramme und Kurven frei, die seine Performance vom Vormittag zeigen.

Für das nächste Meeting mit Brasilien startet er wieder das Holo-Con-System. Zwei Minuten vor Konferenz-Beginn 16:00 Uhr erhält er wie üblich sein Briefing, verschafft sich einen Überblick und spielt erste Ideen durch, wie er das Problem lösen kann. Doch irgendwie erscheinen heute keine Brasilianer in seinem Zimmer. Hatte man sich im Termin vertan? Das kann nicht sein. Die Stimme in der Decke macht keine Fehler. Er wartet fünf Minuten, aber es geschieht nichts. Gong. „Meeting abbrechen, Meeting abbrechen. Ineffiziente Nutzung der Arbeitszeit. Alternative wird erarbeitet, bitte warten“. Noah hatte sich bereits auf eine halbe Stunde ohne Termine gefreut, aber daraus wird nun wohl nichts.

Gong. „Noah, meine Analyse zeigt, dass du mit der monatlichen Mitarbeiter-Befragung überfällig bist. Man bittet um sofortige Teilnahme.“ Er hasst diese Fragebögen wie die Pest. Jeden Monat nerven sie ihn damit. Immer wieder dieselben Fragen. Wie zufrieden man denn mit dem Arbeitgeber ist. Ob man denn zu den Werten und Prinzipien des Unternehmens steht. Wie engagiert man sich fühlt oder wie offen gegenüber neuen Entwicklungen. Ja / Nein-Buttons wechseln sich mit Schiebereglern für Prozent-Werte ab. Wie hat er sich nur letzten Monat bewertet? Zu deutliche Abweichungen führen zu Rückfragen und Abzug in Gründlichkeit. Am Bildschirmrand ist der Kontostand des Social Credit Programs eingeblendet. Mit jedem Klick in diesem Self-Assesment verändert sich die Zahl. Mal geht es rauf, mal runter.

Gong. „Noah, bitte Vorgang abschließen, in zwei Minuten beginnt das Meeting mit Mexiko. Das Dossier liegt zum Download bereit“. Oh, nein bitte nicht, denkt sich Noah. Das wird wieder anstrengend. Seit Monaten ist er mit ihnen zu Gange. Die Verständigung ist mühsam. Viel schlimmer findet er aber, dass die vereinbarten Aufgaben dort nicht abgearbeitet werden, denn das führt zu Abzügen in seiner „Umsetzungsstärke“. Gong. „Noah, es kommt eine neue Software zum Einsatz. Sie wird die mündlichen Aussagen der Teilnehmer real time in ihrer arbeitskulturellen Bedeutung übersetzen“. Na großartig. Ein paar Mexikaner erscheinen im Zimmer und schweben durch die Luft. Wie schon so oft, bestätigen sie, dass sie die Aufgaben bis zum nächsten Meeting erledigen werden. Die Software in seiner Brille übersetzt dabei synchron. „Bis zum nächsten Meeting schon?. Mal sehen. Erst mal den heutigen Tag abwarten und dann sehen wir weiter.

—> Zum Teil 5

 

68) Handy-Zombies

Habe ich nicht erst vor einem Jahr über all die Handy-Nacken geschrieben, die man im Alltag antrifft? Mir Gedanken gemacht, was man wohl alles für Apps erfinden könnte? Ja, habe ich und zwar hier —> Handy-Nacken und Ampelmann (lesenwert wie ich finde 😉

Aber nun, ein Jahr später, sind wir bereits ein Level weiter:

Mir fällt zunehmend auf, dass am Sonntag immer mehr Menschen im Stadtpark unterwegs sind, die nur noch auf ihre Handys glotzen. Nein, ich meine nicht einzelne Geo-Caching-Daddies im Wolfskin-Parker, die mit ihren Kids ein   Abenteuer in der Großstadt erleben wollen. Ich meine mehrere Dutzend Menschen, locker an die Hundert, die allesamt irgendwie dort „abgesetzt“ wirken, um etwas zu suchen. Mit dem Handy. Sie laufen zu zweit als Pärchen oder im Trupp mit anderen, glotzen aufs Display und brabbeln kurze Kommandos. Manche haben zwei Geräte in der Hand. Was machen die da?

  • Ist es eine Art Schnitzeljagd, ein Flash Mob, ein Gruppen-Geo-Caching, eine Partner-Vermittlung oder gar ein Swinger-Club auf Exkursion?
  • Und warum gehen die in den Park? Sie schauen doch eh nur auf ihr Handy. Würden sie ihren Event in einer Tiefgarage oder Lagerhalle abhalten, käme es aufs Gleiche raus.
  • Sind die auf Rezept hier? Manche sehen so aus, als hätte man ihnen Tageslicht und regelmäßige Bewegung per Rezept verordnet.
  • Werden unter den Wegen bald Induktionsspulen verlegt, damit die Gäste permanent ihre Telefone aufladen können?
  • Und was ist mit den Laternen und Mülltonnen, werden die demnächst mit Gummi verkleidet, damit diese Entdecker nicht dagegen laufen und sich verletzen?
  • Und wenn ich doch nur in der Lage wäre, Push Nachrichten an alle diese Freaks zu schreiben? Das wäre lustig. „Fassen sie ihrem Gegenüber an die Nase und drehen sie mal kräftig dran“.

Ich erwarte jeden Moment Michael Jackson aus der Hecke springen zu sehen, wie ihr zu Thriller einleitet und die Zombies zum Gleichschritt animiert. Aber das war wohl nur so ein Flashback aus alten (…analogen) Zeiten.

Ach Michael, wenn du wüsstest was hier abgeht …

 

67) Machtworte

Was macht Macht mit denen die sie haben?

  • Ein Präsident, hat bereits vor zwei Jahren die Amtszeitbegrenzung aufheben lassen, damit er sein Leben lang regieren kann.
  • Eine anderer, bringt mal eben die komplette Regierung zum Rücktritt, installiert einen Nobody und arbeitet auf ein Super-Amt hin.
  • Noch ein anderer, wird das laufende Amtsenthebungsverfahren einfach weggrinsen und weiter zwitschern, was er doch für ein toller Kerl ist.

Die Liste lässt sich vermutlich fortsetzen.

Aber was macht Macht eigentlich mit so einem Machthaber, mit dem Menschen dahinter?
Wenn die Macht gar nicht mehr vom Volk vermacht ist, sondern quasi selbstgemacht?
Wenn er bereits mehrere Amtszeiten durchgemacht hat und sich wieder breitmacht?
Sich seinen Machtbereich zurechtmacht wie er will und nun einfach weitermacht?
So mächtig, wie nie zuvor, Widersacher kaltmacht und noch einmal durchmacht
Eine militärische Großmacht führt, allmächtig die nächsten Jahre voll macht?
Gar nicht merkt, wie machtsüchtig und machtversessen er eigentlich ist
Wahrscheinlich in Ohnmacht fällt, sollte er jemals machtlos sein?
Was treibt diese Menschen nur in solch einen Machtkampf?
Immer noch mächtig unverständlich für mich …
… sollten wir mal ein Machtwort sprechen?
Geht doch endlich in Rente.
Macht‘s gut!