Reisen 6.0 – Teil 9

Fortsetzung …

Noah verharrte auf dem roten Sitzleder des Tuk Tuks und beobachte Yumi, die unerwartet aus dem anderen Tuk Tuk vor ihm gestiegen war. 

Seine Yumi stand dort tatenlos und wartend am Straßenrand. Sie wirkte wie in „stand by“, als würde sie auf irgendetwas warten. Was macht sie hier? Und wie ist sie hier nach Indien gekommen? Er widerstand der Versuchung, sofort zu ihr zu gehen und suchte zunächst einmal nach Erklärungen für diese Situation.

War Yumi dann doch noch in seiner Micro-Flat erschienen und ist ihm über die VT@Home-Box nach Delhi gefolgt? Um das herauszufinden, müsste er die Reise abbrechen, die Brille und die Elektronen abnehmen und auf die Sofafläche neben ihm schauen. Und er würde auf den Kosten für die Reise sitzen bleiben. Keine gute Idee. So eine Fernreise ist schließlich kein Schnäppchen.

Oder hatte Yumi mittlerweile in ihrer Wohnung auch eine solche Box stehen und ist über ihren eigenen Account nachgereist? Aber woher wusste sie dann, dass er nach Indien gereist war? Sind die beiden Boxes vielleicht ohne deren Wissen miteinander verbunden? Woher wusste VTS-Reisen von ihrer Beziehung? Vielleicht von ihrem ersten Trip über das Virtual Travel Center in 2023?

Oder ist es gar ein Feature von VTS, dass man mit seiner Freundin verreisen kann, ohne dass sie wirklich vor Ort ist. Wobei die Formulierung „vor Ort sein“ an sich ja schon sehr merkwürdig ist. Vielleicht ist sie nur hineinprojiziert, um ihn bei Laune zu halten. Vielleicht weiß sie gar nichts von ihrer „Anwesenheit“ hier in Indien. Oder hat er einen dieser grünen Schieberegler missverstanden, mit dem er die Reise individualisieren musste?

Möglicherweise steckt aber auch ein finsterer Typ dahinter, der einfach nur ihren Avatar nutzt, um ihm näher zu kommen und Informationen zu ergattern. Jemand aus seiner Firma, der seine Performance überwachen soll? Vielleicht ein Neider? Oder gar ein Gauner? Wer weiß das schon. All das ist möglich und auch schon passiert.

Aber wenn er sie einfach an diesem Straßenrand in Old Delhi stehen ließe, würde sie ausrasten, wenn sie ihm doch einfach nur gefolgt war, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Das konnte er nicht bringen.

Also stieg er aus dem Tuk Tuk, ging direkt auf sie zu und näherte sich ihr von der Seite.
„Hallo Yumi“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken.
„Ah. Noah, da bist du ja. Wollen wir?“

Fortsetzung folgt

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Reisen 6.0 – Teil 8

Fortsetzung….

Und wieder wurde Noah in New Delhi, am Connaught Place abgesetzt, wieder vor dem Khadi-Shop. So langsam gewann er Routine beim virtuellen Reisen. Wie auch bei den ersten beiden Testläufen taxiert er die Umgebung.

Diesmal wirkt alles sehr durcheinander und geschäftig. Entweder lag das daran, dass er die grünen Schieberegler zu oberflächlich positioniert hat oder Indien ist nun einfach mal genau so. Vielleicht von beidem etwas. Schnell wird es heiß und er beginnt zu schwitzen, er hat das Gefühl, einen Dieselgetränkten Lappen vor der Nase zu haben. In seinem Gesichtsfeld erscheinen Angaben zur weiteren Orientierung. Nach Süden geht es zum Regierungsviertel, nach Norden zum Bahnhof und nach Old-Delhi. Wohin zuerst? Normalerweise entschied so etwas immer Yumi. Aber sie hat die Reise mit der VT@Home-Box nun mal leider verpasst. Also? Norden! Altstadt. Von der hatte Noah schon so einiges gehört. Am Rande seines Sichtfeldes werden verschiedene Transport-Optionen eingeblendet, inklusive der Fahrzeiten und der geschätzten Tarife. Linien-Bus, Tuk Tuk, Ola Cab oder Taxi stehen zur Auswahl. Er wischt vor seinem Gesicht umher und wählt das Tuk Tuk. Wenn schon Altstadt, dann zünftig. Und sogar zu einem Festpreis. Das erspart ihm nervige Verhandlungen. Wie aus dem Nichts steht eine grün-gelbe Autorikshaw vor ihm und er steigt ein. Der Fahrer tritt ohne Worte aufs Bodenblech und kämpft sich durchs Gewühl der Stadt. Nach einer halben Stunde hält der Fahrer am Straßenrand. „Here we are. Old Delhi, Sir“. Er zeigt rechts auf das Rote Fort und links auf eine quirlige Straße, deren Name Noah kaum verstanden hat. Andere Tuk Tuk-Fahrer tun ihm gleich, fast synchron. Noah entrichtet den Fahrpreis und beobachtet dabei das Tuk Tuk vor ihm. Auch da zeigen Arme nach recht und dann nach links. Dann dauerte es einen Moment und eine Europäerin windet sich wie in Zeitlupe elegant aus dem Gefährt. In einer fließenden Bewegung, wirft sie ihre Haare in Form und setzt eine Sonnenbrille auf. „Wow“, denkt sich Noah. „Was für eine Fr …, die sieht ja aus wie …, aber das kann nicht sein …! Noah mach sich zwei Köpfe kleiner, um nicht erkannt zu werden. Er muss nachdenken. „Wie zum Geier kommt Yumi hierher? Woher wusste sie…? Wie konnte sie hierher …?“

Fortsetzung folgt

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152) Corona-Lektionen 55

Einleitung … Einleitung …? Nee, heute nich‘. Eher Verleitung … Fehlleitung … Irrleitung … und so. Schluss mit Wortspielen, wir steigen gleich ein.

Meinungsfreiheit
Für das Geschehen letzten Mittwoch, im Berliner Regierungsviertel und im Bundestag, fehlen mir immer noch die Worte. Da krakeelten Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen zusammen mit Spinnern und Rechtsextremen und ließen sich dabei durch mitgebrachte Kinder vom Einsatz der polizeilichen Wasserwerfer schützen. Wie feige ist das denn! Und wer waren die überhaupt? Waren das wirklich die Leittragenden, deren Geschäft oder Existenz bedroht ist? Waren das die Kleinkünstler, Freiberufler, Kneipiers oder Kino-Betreiber, denen es aktuell wirklich nicht gut geht? Ich habe da so meine Zweifel. Vor die Kamera schafften es eigentlich nur zwei Gruppen von Teilnehmern. Die ach so „normal“ wirkenden Mitbürger, die aber nur dummes Zeug labern, dass man am liebsten abschalten würde. Und die gefährlichen Scharfmacher, die sich „geschickt“ am Vokabular dunkelster deutscher Vergangenheit bedienen und auch geschichtliche Ereignisse völlig verdrehen und für sich instrumentalisieren. Das ist so widerlich und einfach zu durchschauen. Wenn man nur hinhört. Also hört in! Auch wenn es schwer fällt.

Nachstehend ein Foto von einem Flugblatt, dass ich im Kiez gefunden habe. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesem Blödsinn hier eine Bühne geben sollte oder besser nicht. Ich habe mich dafür entschieden, nicht weil ich das irgendwie gutheiße, sondern eher um vorzuführen, wie billig da Stimmung gemacht wird. Bloß gut, dass der Wisch gleich neben dem orangen Mülleimer hängt. Denn da gehört er hin.

Apropos Bühne
Ich hatte Gelegenheit, die jüngsten Auftritte von Grebe, Sträter, Böhmermann und Co. zu sehen. Schön, dass die wieder auf der Bühne sind, auch wenn ich das nur aus der Video-Tube genießen konnte. Aber bei all dem Geblöke da draußen, tun deren scharfsinnige Formulierungen und ihr intelligenter Humor echt gut. Da macht es durchaus Freude zuzuhören!

Einen schönen Sonntag!
T.

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151) Corona-Lektionen 54

Bevor ich morgen in meine 36. Voll-Homeoffice-Woche starte, hier noch ein paar Gedanken zum Sonntag.

Fernweh
Am Samstag war ich im Buchladen denn ich verspürte Lust auf einen bunten Bildband mit Reiseeindrücken aus warmen Gefilden. Thailand, Vietnam, Indien … irgendwas aus der Ecke. Nach 10 Minuten fühlte ich mich aber wie Truman Burbank unter der Glaskuppel. Dort wo ihm ständig suggeriert wurde, dass es doch in Seahaven auch schön sei und es keinen Grund gäbe, diesen beschaulichen Ort zu verlassen. So schrien mich die Buchrücken da förmlich an:

„Hiergeblieben“
„Entdecke Deutschland“
„Unterwegs in Deutschland“
„Wo Deutschland am schönsten ist“
„Wandern mit Kindern rund um Berlin“

… und so weiter

Reagiert der Handel hier auf eine Nachfrage oder haben die vielleicht die Ansage bekommen, solche Bücher in die erste Reihe zu stellen? Oder bin ich etwas hypersensibel? Nach etwas Mühe konnte ich dann noch „Schweden“ und „Norwegen“ entdecken, aber dass war auch nicht gerade passend gegen den November-Blues.

Weihnachten
Bereits in der Corona-Lektion 43 von Anfang September, hatte ich spekuliert, wie Weihnachten und Jahreswechsel diesmal wohl ablaufen. Beim nochmaligen Lesen muss ich feststellen, dass ich da vermutlich gar nicht so falsch lag. Bei einer Sache allerdings schon. Ich habe mich gefragt, ob Weihnachtsmänner die Maske wohl eher über oder unter dem Bart tragen werden. Nun fürchte ich aber, die Frage wird sich nicht stellen. Gebuchte Weihnachtsmänner werden wohl keine fremden Wohnungen betreten dürfen, nehme ich mal an. Wahrscheinlich gibts aber auch hier schon findige Geschäftsideen. Ein Weihnachtsmann-Besuch per Video-Konferenz oder so. Künftig müssen Weihnachtsmänner also neben Bauch, Bart und tiefer Stimme auch noch eine ausgeprägte Digital-Kompetenz mitbringen. Der Berufsstand hat’s echt nicht einfach und befindet sich in einer großen Transformation. Zunächst bekamen sie immer mehr Konkurrenz von den DHL-Boten und anderen Päckchen-Amazonen, dann blieb auch noch der Schnee aus und nun müssen sie Zoom, Teams und Skype beherrschen. Bei uns im Kiez auch noch auf Englisch, Französisch und Spanisch. Die Eltern wollen das so für ihr Kind.

2021
Zurück zum Jahreswechsel und zum Jahr 21. Die 21 scheint eine besondere Zahl zu sein. Vor 20 Jahren zitterte die Welt schon einmal vor einer 21 und hoffte, dass all die Computer den Datumssprung ins 21. Jahrhundert schafften. Nun sitzen die Menschen wieder vor einer 21 wie das Kaninchen vor der Schlage und fragen sich, was da wohl nun kommen mag. Geht’s nun aufwärts oder kommt das dicke Ding erst noch. Tja, wenn wir das nur wüssten, oder?

Schönen Sonntag
T.

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150) Wochenblatt

Wer kennt sie nicht, diese kostenlosen Zeitungen, die vollgepackt mit Werbung ungewollt im Briefkasten landen. Um genau diesen Blödsinn nicht noch zu fördern, ziert seit Jahren ein Aufkleber unseren Briefkasten, der freundlich darum bittet, den Einwurf zu unterlassen. Das war dem Zeitungsträger neulich aber anscheinend egal und so lag irgendwann so ein Exemplar auf dem Küchentisch. Skeptisch hob ich das gefaltete Papier und staunte nicht schlecht. Ganz schön schwer. Ich stopfte das Ding hochkant in die Küchenwaage, die mir stolze 260 Gramm bescheinigte. Mein lieber Scholli. Dann bemühte ich die Datenkrake und das Internet-Lexikon um eine Auskunft und erfuhr, dass dieses Blatt in einer Auflage von 1,3 Mio erscheint. Jetzt muss man kein Mathe-Ass sein um auszurechnen, dass das ein Gewicht von in Summe 338 Tonnen (!!) ergibt. Das sind ungefähr 225 Mittelklassewagen, die da transportiert und getragen werden! Jede Woche.

Dann wollte ich wissen, wieviel Papier das eigentlich ist. Ich zählte die Seiten der Zeitung und die Seiten der Werbebeilage. Dann nahm ich die Maße der einzelne Bögen, rechnete rauf und runter und kam letztlich auf ca. 11 m2 Druckseiten in Summe pro Zeitung. Multipliziert mit den 1,3 Mio Exemplaren ergibt das ca. 14,3 km2 Druckfläche! Aber das war immer noch schwer zu greifen. 

Also wollte ich wissen, welche Strecke man erreichen kann, wenn man all die Papierbögen der Länge nach aneinander legt. Also halbierte ich die Druckseiten und multiplizierte mal Seitenlänge und kam dabei auf … Stirnrunzeln. Da kann doch nicht sein! Ich konsultierte die schlaue Tochter. Aber mit dem selben Ergebnis. Wir checkten noch einmal die Umrechnung der Maßeinheiten. Es stimmt wohl. Würde man diesen Papierstapel auseinandernehmen und an den kurzen Seiten zusammenlegen, schafft man … ich wage es kaum zu schreiben … eine Strecke von 32.000 Kilometern. Jetzt ist es niedergeschrieben und ich dokumentiere mich damit hier vielleicht als Mathe-Trottel. Hoffentlich habe ich mich doch einfach um 3 Nullen vertan. Aber rechnet selbst. Die Daten findet ihr unten. 

Aber mal weg von der Papier-Menge.

Jetzt mal angenommen, der Verlag druckt nur so viele Exemplare, wie er auch loswerden kann. Berlin hat ca. 3 Mio Haushalte, das würde bedeuten, dass 2/3 einen „Bitte keine Werbung“-Aufkleber am Kasten haben. Demnach werden also ca. 1 Mio Exemplare zugestellt, der Rest landet vielleicht beim Friseur oder Zahnarzt. Ich würde mal wetten, dass die Hälfte nie angeschaut wird, sondern direkt im Müll landet. Und das jede Woche. Is’ doch bekloppt, oder?

Theater, Kinos und Stadien sind geschlossen. Netflix wurde schon im März „leergeschaut“, also habt ihr Zeit für eine Mathe-Aufgabe. Nehmt doch mal bitte einen Taschenrechner und dann geht‘s los.

Hier die Daten:

-16 Seiten Zeitung, jede Seite jeweils 28cm x 40cm

-138 Seiten Werbebeilage, jede Seite im Mittel 22cm x 29cm

Bin gespannt auf euer Ergebnis!

149) Corona-Lektionen 53

Schon wieder 5 Tage vergangen seit meinem letzten Beitrag? Meine Güte, die Zeit rennt. Es ist doch schon wieder so viel passiert. Wo fange ich nur an?

Der neue Teil-Lockdown …, nee.
Die jüngsten Infektionszahlen …, auch nicht.
Der designierte US-Präsident …, nein, nein.
Der Verband der Berliner Gaststätten …, im Prinzip nichts neues.
Das deutsche Forschungsunternehmen Bio…, ähm, nein.

Ich glaube, ich leide an einer multiplen Nachrichten-Überdosis.

Also gehe ich zurück zu den Überlegungen, für die diese Serie hier im März eigentlich mal ins Rennen gegangen ist. Was lernen wir vielleicht daraus und was macht das alles mit uns?

Drei Anlässe der letzten Tage:

Wortwahl
Mich hat zunehmend irritiert, dass in Nachrichten und Kommentaren künstliche Begriffe auftauchten, die zwar einfach zu verstehen waren, aber wohl deutlich die Realitäten verzerrten. Da gab es z.B. den Begriff „Corona-Gegner“ und „Anti-Corona-Proteste“. Selbst bei meinem öffentlich-rechtlichen Lieblingsradio-Sender tauchten diese Worte auf und ich fragte mich, wer hier eigentlich „Gegner“ von Corona ist. Darauf schrieb ich am 1. November eine e-Mail an den Sender, übte freundliche Manöverkritik und bat, sorgsamer mit solchen Begriffen umzugehen. Das Team antwortete schnell und sagte zu, dass intern zu besprechen. Gestern Morgen sprach man dann in deren Nachrichtenblock von „Gegner der Anti-Corona-Maßnahmen“. Das klang zwar sperrig, sagt aber wenigstens was es ist. Ob meine e-Mail nun ausschlaggebend war, vermag ich nicht zu sagen, aber es fühlt sich gut an. Man kann in angemessenem Ton über alles reden!

Leipzig
Beim Anblick der Leipziger Demo vom Wochenende kann mir nur schlecht werden. Da tanzten viele Polonaise und der Polizei auf der Nase herum. Ich ertappte mich bei einem spontanen Kommentar a la „Die Polizei sollte die doch einfach alle auseinander knüpp….“. In der selben Sekunde erschrak ich aber auch. Will ich wirklich, dass die Polizei eine angemeldete Demo auseinanderknüppelt? In Leipzig? Waren das überhaupt Leipziger? Schwierig. Manche von euch haben in den letzten Tagen vielleicht auch solche Ambivalenzen wahrgenommen … ?

Zündschnur
Und noch was Nettes zum Abschluss. Mein Stammhalter und ich lieferten uns einen Streit. Da prallte Homeoffice-Einzelhaft auf bockige Prä-Pubertät. Am Abend begruben wir das Kriegsbeil und pafften eine dicke Friedenspfeife (bildlich natürlich). Und dann sagte er so etwas wie:

Ach Papa, is‘ nich‘ so schlimm, die Zündschnur ist ja bei uns allen etwas kurz in diesen Tagen.

In diesem Sinne, Gute Nacht und ich wünsche ausreichend Verlängerungskabel für eure persönliche Zündschnur.

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148) Corona-Lektionen 52

Morgen beende ich meine 34. Woche im Voll-Home Office, gleichzeitig die erste Woche des neuen Teil-Lock Downs. Nix besonderes eigentlich, machen andere auch. Trotzdem warten ein paar Gedanken auf schriftliche Fixierung.

Corona-Maßnahmen
Die sind, wie sie sind. Könnt ihr woanders nachlesen. Auch wenn ich diese Regeln ernst nehme, nervt mich kolossal, dass wir das alles lesen sollen. Wir müssen uns nun Z.B. informieren, in welcher Straße Berlins der Schnuten-Pulli verpflichtend ist. Wäre das nicht mal ein interessantes Feature für die Corona-App? Selbst die große Daten-Krake mit G* hat zwar ein Corona-Layer in seiner Map, aber die färbt ganz Berlin nur orange ein, statt mir zu sagen, wo ich nun eine Maske tragen sollte, um keinen Ärger zu kriegen. 

Karten
Und überhaupt habe ich den Eindruck, ich glotze nur noch auf Karten. Auf die Johns-Hopkins World Map, RKI-Map Deutschland, Corona-Map Berlin. Die Maps, die ich mir im Job anschaue. Den Regen-Radar. Nun noch die Map zur US-Wahl. Und eigentlich auch ganz gern die WordPress-Map, die mir anzeigt, wo auf der Welt meine Leser sitzen. Ich war noch nie so wenig unterwegs wie dieses Jahr, habe aber mehr Bundesländer, Bundesstaaten und Landstriche der Welt kennengelernt wie je zuvor. Ich strebe eine 1+ in Geographie oder die Saal-Wette bei „Wetten Das“ an.

Und sonst so?
Die jüngsten Ereignisse in Nizza, Paris und Wien stimmen mich nachdenklich. So etwas könnte in Berlin jederzeit auch wieder passieren. Gab’s ja schon, Diese Bilder zeigen aber auch, dass wir neben diesem beschissenem Virus noch ganz andere Dinge zu meistern haben. Von Ökologie, Migration, Digitalisierung, Arbeitsmarkt etc mal ganz zu schweigen. Man mag ja schnell auf die „da oben“ schimpfen, die aktuell das Sagen haben, aber wirklich tauschen möchte ich mit denen auch nicht.

In diesem Sinne … machen wir das Beste draus und tragen zur Beruhigung der Lage bei.
Grüße aus der Hauptstadt

<— Corona-Lektionen 51

147) Wir sind Flughafen!

Die Berliner und Brandenburger haben nun endlich einen halbwegs zeitgemäßen Flughafen bekommen. Wenn auch mit „etwas“ Verzögerung und noch bevor Mister Tesla seine Fabrik ein paar Kilometer weiter eröffnet hat. Das wäre ja noch peinlicher.

Mehr ich will zur Geschichte des Bauvorhabens gar nicht sagen, dass könnt ihr woanders nachlesen. Nach Hermanns Gastbeitrag vom Wochenende, habe ich auch noch einmal über meine Hassliebe zum Flughafen Tegel nachgedacht. Um das auch mit Zahlen zu unterfüttern, scrolle ich durch eine Excel-Datei, in der ich seit Ende der 1990-er Jahre meine Dienstreisen notiere. Ich wage kaum, es hier zu dokumentieren. Es sind 600 Dienstreisen. Ziehe ich circa 100 Reisen ab, die ich mit einem Firmenwagen gemacht habe, noch einmal 100 per Bahn oder Mietwagen, circa 30 von den Flughäfen Tempelhof oder Schönefeld und dann noch etwas Unschärfe subtrahiere, lande ich bei ungefähr 350 Reisen, die über den Flughafen Tegel führten. Da mag ich heute vor lauter Flugscham im Boden versinken. Lässt sich aber auch nicht mehr ändern. Das war halt so und heute ist es anders. Heute verreist man mit Zoom, WebEx oder Teams.

Was geht nun in mir vor? Na ja, nicht umsonst habe ich oben den Begriff Hassliebe gewählt. Lieben konnte ich den Flughafen, wenn ich von Tür zu Tür nur 23 Minuten benötigte oder auf dem Weg zwischen Flugzeugsitz und Taxi nicht einmal 10 Minuten vergingen. Hassen konnte ich ihn aber auch. Und zwar dann, wenn man ewig am Check In anstand, an der Security oder auf den  Koffer wartete. Wenn man sich mal in Ruhe irgendwo hinsetzen wollte oder etwas essen. Dann hat man schnell gemerkt, wie alt und abgerockt der TXL aus den 70-er Jahren mittlerweile war. Aber auch das morbide hat irgendwie Charme und man konnte es ins Herz schließen. Aber nun is‘ vorbei. Es hat sich sozusagen ausgetegelt.

Eigentlich wollte ich noch durchs Terminal A laufen, Abschied nehmen, ein paar Fotos machen. Mit den Kids vielleicht noch einmal zum Kurt-Schuhmacher-Platz fahren, wo die Flieger nur ein paar 100 Meter über die Häuser flogen. Vorbei. Nix da. Corona sei Dank. Am 10. März habe ich den Airport zum letzten Mal betreten.

Wer noch einmal etwas Tegel-Feeling aus den letzten zwei Jahren genießen will, sei hier zu einem virtuellen Rundgang eingeladen

Und wer dann noch einen Nachschlag möchte, für den hätte ich noch ältere Stücke, die bislang nur wenige Leser in Papierform zu Gesicht bekamen. Vielleicht stelle ich die hier online. Mal sehen.

In diesem Sinne. Guten Flug. Irgendwann…

T.

Nachtrag 06-11-2020: Petraida1 hat ihre Erinnerungen zu einem Flug nach Tegel zusammengeschrieben. Lesen! —> Berliner Flughafen

1) Tschüss Tegel, Willkommen BER (Gastbeitrag Hermann)

Kürzlich schlug T. mir vor, doch einmal einen Gastbeitrag zu schreiben. Ich fühlte mich geehrt, hatte bis zum 29.10.20 aber keine Idee. Im Wachwerden hörte ich das markante Heulen gedrosselter Flugzeugtriebwerke beim Landeanflug.
Na klar: Tschüss Tegel, willkommen BER! Ich will hier nicht das Berlin / BER-Bashing aufkochen, sondern die Leser an meinen persönlichen TXL/BER-Erlebnissen teilhaben lassen.

Ganz weit zurück:
1961 zog ich als Neunjähriger aus dem schönen Sachsenland nach Berlin. Vier Monate später stand die Mauer und wir wohnten im Osten. Meine Schule lag am S-Bahnhof Pankow praktisch in der Einflugschneise für Tegel. Den Flughafen gab es damals schon; er lag im französischen Sektor. Der Flugverkehr war natürlich viel geringer als heute und wenn die Caravelle kam (ein eleganter Düsenflieger der Air France) wurde die Schulstunde für 2-3 Minuten unterbrochen. Das Ding war laut, verschwand hinter dem Häusermeer und muss wohl immer in Westberlin gelandet sein.

Nach der Wiedervereinigung nutzten wir gelegentlich den Flughafen Tegel, nun in der modernen, 1974 fertiggestellten Form. Verglichen mit anderen Airports war er charmant, kompakt, kurze Wege durch die Ringform, toll, aber eben schwer erweiterbar. In den 90ern ging es Berlin wirtschaftlich nicht gut, und einflussreiche Kräfte waren eigentlich nicht am Ausbau Berlins zum Luftdrehkreuz interessiert. Also wurden Ergänzungsbauten (Terminals) rangebastelt, um das rasant steigende Volumen zu schaffen. Die Verkehrsanbindung nur durch Busse und Taxi war eh schon speziell. Aber schaut auf wikipedia, welche Pläne es zum Ausbau gegeben hat (mehrere Ringe, U-Bahn- Anbindung, toll!).

Dennoch: Die Innenstadtlage ist für die Bequemen toll, beim genaueren Nachdenken aber hoch riskant und nur durch die frühere Insellage „Westberlin“ zu rechtfertigen.

Nun wird TXL in wenigen Tagen als Flughafen stillgelegt. Als wir Ende 2012 an den Berliner Ostrand zogen, sollte BER eigentlich schon laufen, dazu später. Stillgelegt ist das Stichwort: Bisher wohnen wir in der letzten großen Anflugkurve praktisch am Beginn des Endanfluges nach Tegel; alle 2-3 Minuten ein Flieger war bis Corona normal, es war der Sound der nahen Großstadt, nicht so massiv als Fluglärm wie in Pankow oder Reinickendorf, aber doch deutlich.  Mit dem ersten Corona- lockdown verschwanden die Flugzeuge praktisch total;
ein pandemisches Vorspiel auf die BER-Eröffnung.

Nun, seit klar ist, dass BER eröffnet und bei wieder leicht steigenden Flugzahlen, schaut man öfter nach oben „na, alles klar dort, Maschine klingt normal, komm gut bis Tegel und dort runter… Du bist der xy – Vorletzte“.

Heute ist die Eröffnung des BER „Willy Brandt“.

Alle wissen, es sollte schon 2011/12 sein. …… und kurz vorher war ich schon dort!!  
Im Februar 2012 und noch einmal Ende Mai war ich Tester. Als Beleg habe ich noch die abgebildete Eintrittskarte für die Besucherterrasse. Mal sehen, ob ich sie noch einlösen kann. Den gesamten Umzug sollte eine Münchner Spezialfirma organisieren, sie gaben uns eine gute Einweisung zu den Tests und einen groben Überblick zum Umzug incl. Sperrung der Stadtautobahn und in einer Proviant-Tüte auch diese besondere Eintrittskarte und einige Marketing-Gimmicks.

Erster Eindruck: die wissen, was zu tun ist; dann beim Test (Check-in, Koffer auf´s Band, Security usw.: O ha, noch viel Arbeit (aber ich kannte internationale Messen, da sieht es kurz vor Eröffnung auch grausam aus).

Im Mai 2012 fand die Testeinweisung auf dem Rollfeld statt, wir durften Brötchen essen, aber nicht rauchen, denn die Tanks unter dem Beton waren schon mit Kerosin gefüllt!

Beim Test war sichtbar: immer noch viel Arbeit und die großen Brocken… Brandschutz, Entrauchung etc. haben wir Laien ja gar nicht gesehen. Dann bei der Rückfahrt an der Würstchenbude am S-Bahnhof Schönefeld tuschelte Flugpersonal am Nachbartisch und abends war klar: Herr Wowereit hat den Daumen gesenkt und die Eröffnung Ende Juli 2012 abgesagt.

2020: Für den diesjährigen Test hatte ich mich wieder angemeldet, Corona hat´s ausgebremst, andere haben getestet.

Jetzt ist alles bereit, in wenigen Minuten landen die ersten beiden Flieger, etwas Nacharbeit wird es sicher noch geben. Corona sorgt mit geringeren Flugbewegungen für einen sanften Anlauf. Der überhitzte Flughype der letzten Jahre (Taxi zum Flugplatz kostet so viel wie der Flug nach London) ist abgebrochen und Änderungen in der Umweltpolitik werden wohl auch das Flugwesen zurecht rücken, sodass das Geschrei „… der ist ja bei Eröffnung schon vieeel zu klein“ einer nüchternen Betrachtung gewichen ist.

Ich wünsche dem BER ein gutes Werden, nette Passagiere und vor allem all den Leuten, die dort arbeiten, eine gute berufliche Grundlage und den Tegel-Umziehenden, dass die Abschiedstränen bald trocknen mögen.

„Glück ab, gut Land“ und „many happy landings“

Hermann, Berlin, 31.10.2020

Nachtrag 06-11-2020: Petraida1 hat ihre Erinnerungen zu einem Flug nach Tegel zusammengeschrieben. Lesen! —> Berliner Flughafen

146) Corona-Lektionen 51

Gerade erst die 50. Ausgabe der Corona-Lektionen veröffentlicht, war ich ich etwas unschlüssig, ob und wie ich das infektiöse Thema weiter behandeln will. Eigentlich habe ich genug davon, aber anscheinend wird uns dieses miese Virus ja nun noch eine Weile beschäftigen. Also mache ich erst einmal weiter.

Heute geht es mir mal um Kommunikation:

Maske:
Zunächst heiß begehrt und nicht zu kriegen, trägt dieses kleine Stück Stoff nun zu soviel Unfrieden bei. Aber warum eigentlich? Im Frühjahr hatte man relativ bald erkannt und auch kommuniziert, dass Masken nicht für den Selbstschutz taugen, wohl aber für den Fremdschutz. Und diese Erkenntnis und ehrliche Kundgabe dessen, war bereits die erste Sabotage dieser Maßnahme. Zumindest in unseren egoistischen Breiten. Was wäre eigentlich geschehen, wenn man glaubhaft kommuniziert hätte, die Maske diene vornehmlich dem Selbstschutz? Ich werfe mal die steile These ins Netz, dass es deutlich weniger Maskenmuffel gäbe, da Selbstschutz unserem Naturell viel näher ist, als der Schutz der anderen. 

Regeln:
Der Staat, die Landesregierung oder die Gemeinde. All sie erlassen Regeln (…meistens Verbote…) und machen dabei nicht immer die beste Figur. Schon klar. Aber vieles fokussiert dann nur noch auf diese Regeln und es entlädt sich viel Frust gegenüber dem Überbringer der schlechten Nachrichten. Die Menschen beschäftigen sich eher damit, wo noch etwas „erlaubt ist“ und was „noch so geht“. Manche sehen in jeder Regel ihre ganze Freiheit bedroht. Andere wiederum folgen den Regeln bis auf jeden Buchstaben und auch dort setzt der Verstand zeitweise aus. Denn wenn etwas aktuell nicht verboten ist, heißt es doch nicht automatisch, dass Vernunft und Selbstverantwortung abgemeldet sind, oder?
Muss man zum Junggesellenabschied nach Malle fliegen, nur weil es eben noch erlaubt ist? Muss man um 22:50 Uhr drei Saalrunden ordern, nur weil es bis 23:00 Uhr noch möglich ist? 
Auch hier scheint der eigene kurzzeitige Vorteil viel erstrebenswerter, als das Wohl Anderer.

Wortwahl:
Interessant ist auch, welche Begriffe sich so langsam im Alltag einschleichen und wie sie instrumentalisiert werden.

Nehmen wir den „Corona-Gegner“. Dieser Mensch trägt das Attribut, „gegen“ Corona zu sein, im Namen, protestiert aber gegen die Corona-Maßnahmen. Während ich, der die Maßnahmen mitträgt, nun dafür in die Schublade der „Corona-Befürworter“ gehöre. What? Ich „befürworte“ Corona? Das wäre ja ganz was neues.

In den Nachrichten sprach man gestern von „Corona-Beschränkungen“. Das klingt nach “Beschränkung“ des Virus, also irgendwie gut. Es meint aber die Beschränkungen im Alltag, die das Ziel haben, die Infektionen zu beschränken. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ich glaube, keiner würde gegen die „Beschränkung von Corona“ demonstrieren. Und auf einer „Corona-Demo“? Da demonstriert doch auch nicht Corona. Oder vielleicht erst recht da??

Nun mal sehen, was heute Mittag final beschlossen wird. Die ersten Veröffentlichungen klingen schon recht knackig. Behaltet die Nerven und tragt zur Beruhigung der Lage bei!

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