238) Corona-Lektionen 101

Seit Veröffentlichung der >100. Jubiläumsausgabe dieser Beitragsreihe sind nun schon wieder vier Wochen vergangen. Krass. Die Zeit fliegt nur so vorbei. Für einen weiteren Beitrag zum Thema konnte ich mich seitdem nicht aufraffen. Es gab genug andere Themen und irgendwie leide ich beim Thema Corona etwas an Geschmacksverlust. Aber heute ist es mal wieder so weit, ein paar Entwicklungen will ich dokumentieren.

Ein paar Gedanken der letzten Woche:

Höhlen-Office:
Ja, immer noch. Seit einem Jahr und 8 Monaten genau. Ohne Unterbrechung, ohne Dienstreise. Etwas frustrierend auf Dauer. Zum Ausgleich gibt’s private Kurz-Trips ins >Berliner Umland, nach >Sachsen oder >MeckPom. Damit die Kofferrollen nicht festbacken und ich nicht aus der Übung komme.

Vernunft:
Im letzten Hotel (3G) wiesen Schilder auf notwendige Masken hin und man bat sogar darum, sich mit Plastikhandschuhen am Buffet zu bedienen. Wow. Die nehmen es aber genau, dachte ich. Ein Irrtum. Während wir uns als Familie mit FFP2 und Handschuhen dem Buffet näherten wie vier Chefchirurgen dem OP-Tisch, wuselten ständig andere Gäste um uns herum. Zwar mit Handschuhen, aber nasal und oral standen alle Türen offen. Muss das ein?

Planung:
Die Sprachreise fürs Kind im nächsten Jahr wurde zunächst angekündigt, dann heftig diskutiert und dann wieder vom Senat kassiert, weil England bei Einreise 2G vorschreibt. Und das wäre dann ja unfair, weil es Kinder benachteiligt. What? Ist aber vielleicht auch gut so, die Zahlen in UK gehen wieder deutlich hoch, in Deutschland auch. Seit Tagen. Macht es Sinn über Reisen im nächsten Frühling oder Sommer nachzudenken? Keine Lust auf Enttäuschungen, aber ich brauche auch etwas zum Festhalten. Also ja!

Schule:
Heute hat in Berlin die Schule wieder begonnen, die Kids kommen aus ganz Europa wieder zusammen und hocken nun dicht an dicht. Bei 10° Tageshöchsttemperatur, kann man sich vorstellen wie groß die Freude aufs Stoßlüften ist. So dürfen sie nun bis incl 23.12. die Schulbank drücken, danach quetschen sich alle wieder in die Autos oder in die Flieger, um rechtzeitig bei den Großeltern unterm Baum zu sitzen. Na lecker. Frohe Weihnachten schon mal.

Und nun zum Sport. Fußball:
Ihr ahnt vielleicht, was nun kommt, aber ich fasse mich kurz, will nicht noch weiter auf den Nationalspieler eindreschen. Aber einen side kick muss er aushalten. Meine Teenie-Kids haben sich impfen lassen, nicht weil sie so wild drauf waren oder wir besonderen Zugang zu Langzeitstudien haben. Nee, wir alle wollen, dass dieser Spuk bald mal vorbei ist. Also jetzt reiß dich mal zusammen, Mann!

In diesem Sinne.
Schöne Woche

<— Corona-Lektion 100

54) Postkarte aus SN-HWI-NP

Kurz vor Ende der Berliner Herbstferien hieß es noch einmal „Licht tanken und „Akku aufladen“ für die vor uns liegende Dunkel-Zeit. Und für‘s Höhlen-Office natürlich.

In Schwerin dreht sich natürlich alles um Schloss. Manchmal sieht man das Schloss vor lauter Schlössern nicht mehr. Aber auch sonst hat Schwerin ein paar interessante Figuren zu bieten.

In Wismar fallen wir auf Backfisch-Maik rein. Erstes Boot im Hafen, Touri-Falle … hätte man wissen können … egal. Ansonsten fragt man sich beim „Gewölbe“ wie oft die Einwohner wohl aus dem Bett gefallen sind und beim Anblick einer DDR-Speisekarte in einer Retro-Kneipe, muss man endlich mal über Inflation sprechen.

In Neuruppin dreht sich natürlich viel um Fontane. Aber auch die aktuelle Herbstkollektion wird gezeigt. Ist allerdings nicht ganz mein Fall. Zu wenig „unten rum“, zuviel „oben rum“. Die Parksituation in NP ist nicht ganz einfach,  die Einwohner bieten daher kreative Modelle zur zeitweisen PWK-Aufbewahrung an. Diebstahlsicher in der Tat, allerdings nicht ganz so flexibel, wenn man mal schnell weg muss oder wenn man>viel Gepäck hat

Schön war es!

>Weitere Postkarten von der Rolle gibt‘s hier

67) Das merkwürdige Verhalten gestörter Großstädter

Ich habe lange nichts mehr über das merkwürdige Verhalten gestörter Großstädter:Innen* geschrieben, fällt mir auf. Woran kann es liegen? Bin ich abgestumpft, habe keine Lust mehr mich daran aufzureiben? Ist schon alles gesagt? Oder sind die Aufregbarkeiten so rar geworden? Keine Sorge, es gibt sie noch.

Drei Situationen aus den letzten Monaten:

  1. Pfingstsonntag um die Mittagszeit, ich freunde mich mit dem Gedanken an, mal für einen Moment die Augen zu schließen. 12:45 Uhr beginnt ein Honk im Haus zu bohren. Mit dem großen Besteck. Weder will ich im Haus den Spießer geben, noch habe ich einen besonderen Draht „nach oben“ an diesem Tag und es fehlt mir auch nicht an eigenen Bohrstellen. Aber ich würde die Maschine nicht um 12:45 Uhr anschmeißen, schon gar nicht an einem Sonntag, schon gar gar gar nicht an einem Feiertag.
  2. Im Sommer sitzen wir auf einer Bank, schlecken unser Prenzlauer-Berg-Bio-Regio-Fair-Vegan-Eis und glotzen dabei auf eine Grünfläche mit alten Eichen direkt vor uns. Weiter links sitzen zwei Frauen, um sie herum wuselt ein kleines Mädchen. Dem Mädchen drückt die Blase, es wird ermuntert, sich doch an die Eiche vor uns zu hocken. Nicht das drumherum genügend Büsche wären. Also entledigt sich die Prinzessin ihrer Klamotten da wo nötig und strullt mir direkt vor mein hippes Kürbiskernöleis. Na lecker. Nachdem ihr Geschäft erledigt ist, wirft sie Sand auf die Fläche, streichelt den Baum und rennt auf unsere Bank zu. Mein Blick war deutlich. „Wehe!“
  3. Ich sitze mit Sohn und Schulfreund im Biergarten. Kühles Getränk, heiße Pizza, alles sehr friedlich. Die Fahrradhelme der Jungs liegen zu unseren Füßen. Auf einmal kommt ein kleiner Bengel angewackelt und interessiert sich merklich für die Helme der Jungs. Er hebt sie auf, dreht sie, setzt sie auf, probiert sie beide sabbernd durch. „Ähhm, was macht der?“ fragen mich die Jungs. „Ähhm, zu wem gehört der überhaupt?“ schaue ich fragend in den Biergarten. Irgendwann bemüht sich ein Struwwelkopf-Kopf-Papa mit Hose unterm Hintern zu uns und dann folgte dass, wo ich schnell rot sehe:
    • „Oh, was hast du denn da schönes gefunden?“
    • „Hast du die schon probiert, ja? Gefallen die dir?“ Ja?
    • „Das ist ein Helm, weißt du? H-E-L-M. Ein HEEEEEEEEELM!
    • „Wollen wir die den Jungs zurückgeben? Wollen wir? Ja?
    • „Neeeeeeeeiiin, meiiiiineee“. Plärr, tropf, lutsch, schnief … corona … schmier“
       —> „Papa, der soll meinen Helm nicht anfassen“, empfange ich über die Vater-Sohn-Leitung. Mit erhöhter Dringlichkeit.

Ich greife zum Handy und stehe auf. „Jungs, ihr müsst jetzt los zum Fußball.“

„ZAAAAAAHLEN!.“

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*) die adulten Vertreter natürlich

53) Postkarte aus BZ-GR-ZI

BZ, GR, ZI ?? Was soll’n das sein? Belize, Griechenland und Zi … Zimbabwe … Zypern … ?

Nein, nein. Viel näher dran, als man denkt. BZ, GR und ZI sind Landkreise in Sachsen und liegen im Dreiländereck zu PL und CZ. Klaro?

Ein paar Daten zu geografischen und klimatischen Bestimmung:

  • 50.8566°N 14.7086°O
  • 442 m ü. NHN
  • Nachts 1°C, am Tag 12°C

Und jetzt noch politisch und virologisch:

  • 35% AfD, 26% CDU. Puh … progressiv ist auch anders.
  • 7-Tage Inzidenz: 105
  • Impfquote: 55,9%
    —>Lässt sich da vielleicht ein Zusammenhang erkennen? Egal. Ich wollte euch ja ein paar Bilder schicken

Aber der Reihe nach:

Es lässt sich gut wandern, gerade für uns Flachland-Indianer. Oh, darf man das noch sagen? Hier schon! Das geht auch bei Nebel und Waschküche.

Kaum kommt die Sonne raus, sieht‘s gleich viel netter aus. Es ist nicht nur Schwarz, Grau und Blau hier, es gibt auch Rot, Gelb und Grün. Hoffnung kommt auf.

Die Typen unterwegs sehen etwas komisch aus, aber die Mädels dafür viel besser. Aber ständig muss ich den Rucksack tragen.

Um den Nonnenfelsen herum kann man das Elbsandsteingebirge quasi in kompakt erleben.

Ansonsten merkt man schnell, dass man in einer Grenzregion unterwegs ist. Einen Schritt dort lang ist man in Tschechien, einen Schritt hier lang gehts nach Deutschland, mal eben kurz über die Brücke ist man in Polen. Und alles ist offen. Für die Kids recht eindrücklich und für mich als Europäer der einzig richtige Weg.

Weiter so!

Nachtrag 17.10.21:

eigentlich wollten wir unterwegs in einer Baude einkehren. Die Familie hat einstimmig beschlossen, diesen Laden zu boykottieren und aufs Mittag zu verzichten. Stolz drauf! 

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Nachtrag 18.10.2021:

Und auch der Betreiber dieser Traditionsgaststätte hier, hält sich für oberschlau und macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt.

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71) Volle Packung

Moin Nachbar, wo soll es denn hingehen?
Ach … öhm … nix Besonderes eigentlich.
Ja aber, die Karre, die is‘ voll bis unters Dach?
Tja … nur das Nötigste, weißt ja wie das is‘.
Wem sagst du das. Aber jetzt sag‘ mal … was macht ihr?

Zum Wandern nach Patagonien?
Auf UN-Hilfsmission? Nach Mali?
Südpol, Nordpol, Mond, Mars?
Gebt ihr etwa die Wohnung auf?
Sonst, alles in Ordnung … Probleme?
Schimmel, Schwamm, Schädlinge?
Schafft ihr Platz? Macht ihr jetzt Airbnb?
Habt ihr vielleicht finanzielle … ?
Können wir irgendwie helf…?

Nee du, eigentlich … fahren wir nur …
Nach Italien, Spanien, Portugal?
Nee … gar nich‘ weit von …
Norwegen?… auch schön da!
Nee … eigentlich nur …
Jetz‘ hab‘ ich‘s … Schweden oder?

Nee … nur fünf Tage Sachsen 😉

237) Schriftverschmutzung

Ich möchte heute einen Gedanken von Simon Sinek aufgreifen. In einer seiner Podcasts geht es auch um all die Schrift, die in einer Stadt verteilt ist. Dafür kam mir das Wortkonstrukt „Schriftverschmutzung“ in den Sinn. Denn „Luftverschmutzung“ haben wir ja schon, „Lichtverschmutzung“ gibt es auch. Bei der Datenkrake finde ich für „Schriftverschmutzung“ gerade mal 22 Treffer, aber alle in anderem Kontext. Also fühle ich mich jetzt mal als Schöpfer diese Wortes.

Aber zurück zum Thema:

Ich gehöre zu den Menschen, die ständig alles lesen. Auch wenn ich eigentlich gar nicht will. Vielleicht habe ich da eine kleine Macke, aber ich nehme alle möglichen Wörter, Buchstaben und Hinweise wahr. Alles. Straßennamen, Werbung, Schilder, Beschriftungen, Warnungen, Aufkleber oder Graffiti. Aushänge, Info-Tafeln, Anzeigen. Ich denke über Auto-Kennzeichen nach, erkenne  Botschaften, Bedeutungen und Firmennamen in ihnen. Das einzige was ich nicht lese, sind kleingedruckte lange Texte wie AGBs, Beförderungsbedingungen und Cookie-Regeln 😉 

Erleichterung. Schöne Grüße von Herrn Asperger, alles noch nicht so schlimm.

So eine große Stadt wie Berlin, ist völlig zubuchstabiert. Dem Lärm kann man halbwegs entgehen, wenn man sich dicke Muscheln auf die Ohren packt. Der Enge kann man ausweichen, wenn man asynchron unterwegs ist oder bestimmte Plätze meidet. Den Buchstaben kann man aber nicht entgehen. Wenn man so auf Schriften reagiert, kann man eigentlich nur versuchen, die Lettern nicht als einzelne Objekte wahrzunehmen, denn die ergeben zwangsweise ein Wort. Man muss Wörter besser als Oberflächen, als Strukturen, als Design nehmen. So wie eine Tapete quasi oder ein Nudelgericht. 

Das Lesenkönnen (physisch als auch kognitiv) ist ein großartige Gabe, aber manchmal würde ich mir auch wünschen, für einen Moment mal nicht lesen zu können. Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit, fragen sich vermutlich, ob ich noch alle Latten am Zaun habe. Verstehe ich. Aber manchmal ist es auch zu viel.

Kann man Lesen eigentlich verlernen? Weiß das jemand hier? Sprachen kann man ja auch verlernen, Verhalten auch. Oder ist man quasi ein Leben lang zum Lesen „verdonnert“, wenn man es einmal erlernt hat?

Tja und was macht man da nun?

  • Häufiger die Augen schließen? Das kann in Berlin gefährlich werden. 
  • Den Wohnsitz aufs Land verlagern? Da gibt es weniger Schilder und „Schriftverschmutzung“.
  • Oder nach China, Japan, Indien oder Israel umziehen. Die haben ihre eigenen Schriften, das ist dann wie Tapete oder Nudelgericht und ich verstehe nix 😉

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236) Scam

Am Samstag kurz vor 09:00 Uhr klingelte das Festnetztelefon. Eine Dame von Microsoft Manchester stellte sich in asiatischem Englisch vor. Oh, wenn die mich am Samstag kurz nach dem Frühstück anrufen, dann muss es wohl wichtig sein.

Ich fasse unser halbstündiges Gespräch mal zusammen:

In ihren Server-Logs fällt mein Computer immer wieder auf. Und zwar immer dann wenn ich online gehe, E-Mails lese, Filme schaue oder Online-Games spiele. Mein Computer sei „98% corrupted“. Meine Frage, um welchen Computer es sich denn handle, konterte sie mit der Gegenfrage, wieviele ich denn hätte. Ich sagte „a hand full“. Ich solle meinen Computer bitte mal anschalten, dann könnte sie mir eine Secure-ID durchgeben, die ich dann auf meinem PC suchen und überprüfen kann. Diese ID ist so speziell, dass nur Microsoft-Leute sie kennen. Ich sagte, dass ich überhaupt nichts in meinen Computer tippen werde, ich die ID aber gern erst einmal auf Papier notiere: Sie gab mir eine 32-stellige ID durch.

Dann führte sie mich durch System:

  • Über Win+R und Cmd lotste sie mich in die Windows-Eingabeaufforderung. Hier fühlte ich mich noch halbwegs wohl, obwohl ich das schwarze DOS-Fenster lange nicht mehr gesehen hatte.
  • Ich solle mal bitte „assoc“ eingeben. Den Befehl kannte ich nicht, aber ich googelte den parallel und befand ihn für unkritisch. Eine lange Übersicht von Dateityp-Zuordnungen wurde gelistet. Ich sollte ganz zum Ende scrollen und da bitte mal die Nummer überprüfen. Krass. Das war genau diese Secure-ID, die sie mir gerade durchgegeben hatte. Wow.
  • Sie führte mich zurück zur DOS-Box, wo ich „eventvwr“ eingeben sollte. Ich landete in der Windows Ereignisanzeige und dort warteten tausende Warnungen auf mich. Auch von Samstagmorgen. Das seien alles Meldungen, die darauf hindeuten, dass mein PC von anderen Rechnern fremdgesteuert würde. Ich sollte mal versuchen eine Meldung zu löschen, das ging aber nicht. Ein weiteres Indiz dafür, dass ich nicht mehr Herr meines Computers sei. Sie wolle das mit mir zusammen nun lösen.
  • Wieder zurück zur DOS-Box, ich sollte „netstat“ eingeben. Machte ich auch, nachdem ich den Befehl kurz gegengecheckte hat. Eine Liste von 6 unbekannten IP-Adressen erschien, das seien vermutlich Hacker aus Indien, China die meinen PC „remote“ steuern. Sie riet mir dringend, das Problem zu beheben, um weiteren Schaden oder gar einen Totalverlust meines Computers zu vermeiden. Oh, ein Totalverlust, käme mir in der Tat etwas ungelegen.
  • Dann sollte ich TeamViewer installieren. Eine Software die ich durchaus kenne, gar nicht unüblich, wenn ein IT-Support aus der Ferne, etwas am Rechner machen muss. Das wurde mir dann aber zu heiß, ich sagte, ich hätte jetzt keine Zeit dafür. Dann erhöhte sie den Druck und drängte mich immer mehr. Ich sagte, ich muss das erst einmal verifizieren und wir könnten 14:00 noch einmal telefonieren. „But Sir … was gäbe es zu verifizieren, ihr Computer ist einem erheblichen Risiko ausgesetzt“. Und 14:00 sei ihr „office“ schon „closed“. Gut dann halt Montag schlug ich vor. „But Sir … you cannot wait until Monday…“)

Hier beende ich mal die Abschrift.

Wenn ich das jetzt rückwirkend so niederschreibe, schreit das schon zum Himmel, aber ich muss gestehen, ich war kurz davor, in die Falle zu tappen. Die war so professionell, sprach so gut Englisch, ihre Systemchecks und Schlussfolgerungen machten Sinn in dem Moment. Im Hintergrund konnte ich sogar Call-Center-Geräusche hören.

Was hat mich zweifeln lassen?

  • Warum rufen die am Samstag kurz vor neun an?
  • Wieso ruft jemand aus England mit der Vorwahl 0032 an?
  • Und warum überhaupt aus England, warum nicht aus Deutschland?
  • Wie kriegen sie meine Festnetznummer mit der Secure ID zusammen?
  • Wieso wiederholte sie bestimmte Sätze immer wieder und überhaupt … ich spiele gar keine Online-Games!

Und wie ging die Geschichte nun aus?

Ich beendete das Gespräch mit dem Verweis auf 14:00 Uhr, das würde mir Zeit verschaffen, ein paar Recherchen anzustellen. Ich startete meinen Arbeitsrechner und führte die selben Checks aus. Der trug die selbe Secure-ID in sich (vermutlich trifft das auf alle Windows-Rechner zu 😉

Der Rechner hatte auch tausende Meldungen in der Ereignis-Anzeige und hielt Verbindungen zu anderen IP-Adressen aufrecht. Damit konnte das Problem ja nicht so gravierend sein, denn der Computer wird schließlich von unserer IT-Abteilung gut abgeschottet.

Dann googelte ich ein wenig und traf auf den aktuellen Artikel vom Tagesspiegel https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/betrug-mit-angeblichem-support-nimmt-wieder-zu-vorsicht-wenn-microsoft-anruft/27081542.html und auf diesen Blogbeitrag hier aus 2017 https://blog.thul.org/misc/imho/funstuff/angeblicher-anruf-von-microsoft

Ok, Entwarnung. Ich bin wohl fast auf einen „Scam“ reingefallen.

Wenn die sich in englisch durchs Berliner Telefonbuch telefonieren werden sie vermutlich nicht weit kommen. Oder, sie würden es nicht tun, wenn es sich nicht lohnen würde….

Also passt auch Nachbarn! Holzaugen und Hühneraugen … seid wachsam. Der Beschiss lauert überall

Schönen Sonntag
T.

70) Horst und die Schredder-Retoure

Der Schredder hat vor ein paar Tagen den Dienst quittiert. Noch gar nicht alt, wenig genutzt und erst kürzlich entleert. Das Ding gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Alle Schalter probiert, verschiedene Steckdosen, auf Fremdkörper überprüft, Kabel untersucht. Half aber alles nix. Tot. R.i.P. my dear.

Aber da das eigentlich ein Markengerät war, wollte ich es mit Retour / Garantie versuchen, aber wie das nun mal so ist. Es gibt immer tausend Gründe sich aktuell nicht darum kümmern zu können. Keine Ahnung, keine Telefonnumner, kein großer Karton, keine Lust sowieso. 

Kurz gesagt: Prokrastination vom allerfeinsten.

Und so stand das Ding tagelang im Flur und wartete auf Aufmerksamkeit. Gestern gab ich mir dann einen Ruck. Ich suchte Hersteller, Typbezeichnung, Seriennummer, Kontaktadresse, Online-Formular etc und machte noch Fotos von dem Ding. Bevor ich aber mein „Service-Ersuchen“ abschickte, nahm ich die Komponenten noch einmal auseinander und checkte wiederholt. Schließlich wollte ich mich ja nicht zum „Horst“ machen, sollte es zum Gespräch mit deren Hotline kommen. Der Schredder war aber nicht zu reanimieren. Also schickte ich mein „Request“ ab, freundlich geschrieben eigentlich, aber einen kleinen Seitenhieb auf das noch so junge „Markenprodukt“ konnte ich mir nicht verkneifen.

Damit ich die Elektro-Leiche übers Wochenende nicht um Flur zu stehen habe, setzte ich die Teile wieder grob zusammen. Auffangbehälter aufstellen und Schneidwerk oben drauf … aber wie rum eigentlich … so rum oder so rum … ? Logo vorn oder Logo hinten? Mir doch egal! Aber da dämmerte es mir. Vielleicht ist es dem Schredder aber eben nicht egal.

Also setzte ich das Schneidwerk andersherum drauf, steckte das Kabel in die Steckdose und siehe da … er lief wieder!!!!

Und nun kann ich „Horst“ wieder schreddern, bis die Messer glühen. So wie damals der Erich in der Normannenstraße.

Aber, was sage ich denen jetzt, sollten die am Montag anrufen?

  • Guten Tag, Horst hier? 
  • Falsch verbunden?
  • Oder ich piepe laut … wie ein Fax 😉

69) Ich schreib‘ jetzt Rechnungen

Sagt mal, bin ich etwa der Einzige, der das Gefühl hat, immer mehr Arbeit von Dienstleistern zu übernehmen und das auch noch in Rechnung gestellt zu bekommen?

Vielleicht bin ich da etwas dünnhäutig, wenn andere über meine Zeit verfügen, aber ich glaube, ich werde jetzt auch einfach Rechnungen schreiben!

Situation 1:
Neulich stehe ich im Baumarkt an der Menschen-Kasse und nehme nicht das Self-Scan-Terminal, weil ich da keine Lust drauf hatte und weil ich überzeugt davon bin, dass so ein Kassiervorgang mit etwas Wartezeit auch Quality-Time ist. Da rief eine Angestellte den halben Laden zusammen, dass „bei ihr“ alles frei sei. Also tapperte ich da hin. Und dann drückte sie mir den Scanner in die Hand. 

  • Ich: „Nein danke, darauf habe ich keine Lust“. 
  • Sie: „Aber schauen Sie mal, das ist ganz einfach.“
  • Ich: „Mag sein, aber mich nervt das.“
  • Sie: „Aber wirklich, Sie „müssen“ nur …“

Aufgrund der gültigen Gebührenordnung erlaube ich mir zu berechnen:

  1. Manuelle Ausführung automatisierbarer Tätigkeiten
  2. Erhöhte Aufwendungen wegen erschwerender Verhältnisse
  3. Entsprechend GOZ-Nr 3010 erhöhter Hygieneaufwand
  4. Beratung, auch mittels Fernsprecher (… stellen die alle in Rechnung)
  5. Sonstiges, nicht näher spezifiziert

Situation 2:
Die Spaßkasse hat sich vollends in den virtuellen Raum verabschiedet. Konto-Auszüge „muss“ ich mir selber downloaden und irgendwie digital ablegen. Deren blöde Apps „muss“ ich auf dem Handy warten und dafür „muss“ ich dann noch Kontoführungsgebühr bezahlen. What? Konto“führungs“gebühr? Wer führt denn das Konto? Ich!

Aufgrund der gültigen Gebührenordnung erlaube ich mir zu berechnen:

  1. Erschwerniszuschlag mangels Interesse an Ausbildung zu Bankkaufmann/-frau
  2. Erhöhte Telekommunikationskosten gegenüber IT/TK-Provider
  3. Gestiegene Festspeicherkosten bzw. Cloud-Speicher-Kosten
  4. Risikopauschale für haptischen Kontakt mit Bankautomaten
  5. Sonstiges, nicht näher spezifiziert

Situation 3:
Die Kieferorthopädin der Kids, hat ihre komplette Rechnungslegung automatisiert. Da wo ich früher eine Rechnung per Post bekommen habe, werden nun automatisiert E-Mails verschickt. Eine Ankündigung per E-Mail mit Password für die Rechnung. Eine weitere E-Mail mit der Rechnung. Die „muss“ ich dann fürs Lesen „entschlüsseln“, die Rechnung „unverschlüsselt“ irgendwo ablegen, weil ich die für die Krankenkasse natürlich „unverschlüsselt“ uploaden „muss“. Logisch. Sonst können die das nicht lesen, weil denen der „Schlüssel“ fehlt. 

Aufgrund der gültigen Gebührenordnung erlaube ich mir zu berechnen:

  1. Aufsuchen eines Urologen, weil ich ständig „müssen muss“
  2. Consultation eines Schlüsseldienstes außerhalb Öffnungszeit
  3. Externe Aufwendungen für eine Halbtags-Bürokraft (w/m/d)
  4. Schmerzensgeld wegen Mausarm rechts
  5. Sonstiges, nicht näher spezifiziert

Man, macht doch euren Mist alleine!!!

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66) Digitale Verwaltung?

Kürzlich habe ich an der Windschutzscheibe meines Diesels eine neue grüne „Anwohnerparkvignette“ angebracht. Wie immer, endete das mit einem Tobsuchtsanfall, da der alte Aufkleber nicht so einfach abging, sondern unter meinen Fingern zerbröselte.

Solche Kleinigkeiten, eignen sich eigentlich hervorragend für meine Kategorie „Kleinigkeiten mit Schlechte-Laune-Potenzial“. Aber es ist keine Kleinigkeit mehr, also muss es in die Kategorie, wo es um Metropolen-Egoismus und behördliche Unfähigkeiten geht!

Alle zwei Jahre muss ich so einen blöden Aufkleber bestellen, ein Verwaltungsakt, der so digital ist, wie eine Postkutsche im Cyberspace. 

Aber der Reihe nach:

  • In 2013, musste man das Formular noch mit der Hand ausfüllen, aber man konnte es schon per e-mail ans Amt schicken. Wow! Ein paar Tage später erhielt ich einen zweiseitigen Gebührenbescheid über 20,40 EUR und kurz danach hatte ich trotz dieses altertümlichen Prozesses eine handbeschriebene Vignette im Kasten. Inklusive behördlicher Aufklärung über noch mal zwei Seiten. Wahrscheinlich war der Verwaltungsakt teurer als die Parkgebühr, aber es hat alles in allem nur 6 Tage gedauert. Gar nicht so übel eigentlich.
  • In 2015, konnte man das Formular „schon“ per Tastatur ausfüllen. Wahnsinn oder? Zur Erinnerung, dass war das Jahr wo das iPhone S6 auf den Markt kam.
  • In 2017 und 2019 war das Procedere unauffällig ähnlich und endete immer mit einer Menge Papier und der Vignette per Post.
  • In 2021 folgte nun die absolute Innovation. Ein Online-Formular. Boah! Ein furchtbares Exemplar, aber immerhin online. Und ich konnte sogar per Kreditkarte zahlen. Den Antrag abgesetzt habe ich am 12.09.2021, die Kohle wurde bereits am 13.09.2021 eingezogen, die handbeschriftete Vignette lag dann bei mir im Kasten am 27.09.2021. Inklusive zweiseitiger Aufklärung. Was sonst. Alles in allem … 14 Tage. What?

Aber was hat sich nun verändert:

  • Zwei Seiten Papier gespart?
  • Einmal Porto vermieden?
  • Kohle automatisch eingezogen?
  • Eine Kassenstelle reduziert?

… und ich, was habe ich davon? 

Ich kriege nach nun nach 14 Tagen eine handbeschriftete Vignette in meinen Briefkasten.

Nee, Leute … also irgendwie … habe ich mir digitale Verwaltung anders vorgestellt.