326) Bahn-Self-Bashing

Die Bahn hat es ja nun echt nicht einfach. In den letzten Jahren marode gespart, gestiegene Anforderungen seitens der Fahrgäste und nun wird sie auch noch im Putin-Takt mit zusätzlichen Fahrgästen geflutet. Klar sind einige Probleme sicherlich hausgemacht, aber im Vergleich zu ihren fliegenden Kollegen sind ihre Züge nun mal an die Erde gebunden, an Schienen und Bahnhöfe. Die Hardware ist sperriger als ein Airbus, wetteranfälliger und sie muss sich die 2D-Infrastruktur auch noch mit anderen Zügen teilen, die unterschiedlich schnell unterwegs sind.

Auf solchen „Erfahrungen“ kann man wunderbar herumhacken. Man kann sich über jedes stockende Wifi ergötzen, über jede gesperrte Toilette und defekte Klimaanlage. Hat der Flieger 30 Minuten Verspätung, regt sich kaum einer auf, denn man ist ja froh, dass man überhaupt heil auf dem Boden angekommen ist. Da wird selbst bei verspäteter Landung teilweise  noch geklatscht. In die Hände der Gäste meine ich. Nicht ins Gesicht des Piloten.

Natürlich sind Reisende gefrustet und machen ihrem Ärger auch Luft, allerdings ist auch die Bahn selbst ein schlechter „Kommunikator“ und nicht ganz unschuldig am Image.

Ich bin gestern von Franken nach Berlin gefahren und ich habe glatt 6 e-mails von der „DB Reisebegleitung“ erhalten.

  • 15:23: Ihre Abfahrt mit ICE 504 verspätet sich um 14 Minuten
  • 15:28: Ihre Abfahrt mit ICE 504 verspätet sich um 8 Minuten
  • 15:40: Ihre Abfahrt mit ICE 504 verspätet sich um 23 Minuten
  • 16:39: Ihre Abfahrt mit ICE 504 verspätet sich um 33 Minuten
  • 16:54: Ihre Ankunft mit ICE 504 verspätet sich um 18 Minuten
  • 18:23: Ihre Ankunft mit ICE 504 verspätet sich um 13 Minuten

Eigentlich hatte ich eine angenehme Fahrt, das WLAN war ok, die Klima-Anlage arbeitete und selbst ein gekühltes Blondes gab‘s im Bordrestaurant zu einem fairen Preis.

Letztlich war ich nur 14 Minuten später und mit Kundenzufriedenheit 1,3 in Berlin, aber dieser E-Mail-Automat hat mir 6-mal ins Hirn gehämmert, dass die Bahn „zu spät“ ist.

Warum also dieses Self-Bashing?

Das habe ich bei einer Airline noch nie erlebt. Die sagen „Sehr geehrte Fluggäste, wir haben über den Tag etwas Verspätung aufgebaut, wir versuchen auf der Strecke ein paar Minuten gutzumachen, wir melden uns noch mal.“

Klingt doch gleich ganz anders, oder?

Und wenn sie dann 10 Minuten aufholen, sind es die Helden des Abends.

29 Kommentare zu „326) Bahn-Self-Bashing

  1. Ich war immer ein Bahnfan, aber der Niedergang an Service auf dem Weg zur geplanten Privatisierung war schon bemerkenswert. Das muss aber nicht in Self bashing enden, da gebe ich dir recht. Prima, dass du eine positive Erfahrung hattest.

    1. Danke, Die Bahn wird noch ihre Zukunft finden. Klimawandel, Unabhängigkeit etc. unterstützen sie dabei. Leider werden wir durch ein Tal der Bauarbeiten durchmüssen, aber die Weichen sind gestellt (… was für ein Wortspiel…. 😉

      1. Absolut. Die Bahn war immer staatstragend und ein Aushängeschild fürs Land. Die Politik scheint das kapiert zu haben, selbst der liberale Verkehrsminister.

  2. Tolle Beschreibung und man versteht sofort wo der Hase im Pfeffer liegt.
    Du solltest das wirklich an die DB senden – damit sie was lernen.
    Auf jeden Fall ist der Artikel Vorstandstauglich 🤣🤣👍

    1. Danke Petraida1, wenn sie gute Algorithmen haben und die Stimmung der Kunden beobachten, wird der Beitrag vermutlich dort landen. Also nicht unbedingt beim Vorstand … aber vielleicht bei Marketing & Communication … immerhin

  3. Ich fahre auch gern Bahn, trotz aller „Beschwerden“. Meist kann ich lesen oder ein bisschen schlafen oder eben einfach nur mal aktionslos in die Gegend schauen. Das klappt beim Autofahren nie.
    Und ich glaube auch, dass sie inzwischen zumindest auf den längeren Strecken gelernt haben, wie man mit den Reisenden umgeht. Einmal wurde Wasser verteilt. Das mit der Rückzahlung klappt gut. Manchmal würde ich mir ein bisschen bessere, klarere Informationen z. B. über Anschlüsse wünschen. Aber nach einer Weile hat man sich ja selbst einiges an Expertise erarbeitet und kriegt das hin.
    Allzeit gute Fahrt!

    1. Das denke ich doch auch. Ich habe ja nun wirklich so einige Tonnen CO2 in die Luft blasen lassen, aber ich mag das leichte Schaukeln, die Arbeitsmöglichkeiten und den gelegentlichen Blick nach draußen. Ehrlich, ich sehe da schon „mobile Offices“ und „Konferenzen auf Rädern“, wartet mal ab. Die Zeichen stehen doch gut aktuell und es sind Budgets zugesagt

  4. Der größte Vorteil an der Bahn ist doch , die Menschen beginnen miteinander zu reden, wenn der Zug Verspätung hat. So entstehen Freundschaften 😂 Ist er pünktlich starrt jeder in sein Handy und hat Knöpfe im Ohr. Von daher fördert die Bahn Kommunikation und soziale Kontakte.👍🚝🚇

      1. Vielleicht lernt man da mehr Menschen kennen, wie auf Internet Plattformen. Ab auf den Bahnhof und auf die nächste Verspätung warten :-)) und Du hast jede Menge Menschen die mit Dir Deine Interesse teilen.😂

      2. Ja, absolut. Die Bahn sollte sich nicht so sehr auf die „Mobilität“ konzentrieren, sondern vielleich eher auf „Community, Networking und Partnervermittlung“. Oh, ich glaube, da ist gerade die Idee für einen Blogbeitrag entstanden 😉 Danke

  5. Ich muss gestehen, nach meiner Rückfahrt von Stuttgart vor ein paar Wochen bin ich erst mal wieder bedient. Über 3 Stunden Verspätung, Zugausfälle, vollgestopfte Züge bis hinten gegen. Entspanntes Reisen geht jedenfalls anders. Aber dann sollte man den Stuttgarter Bahnhof eh meiden, der alleine ist schon Streß pur.

  6. Der E-Mail-Automat wurde vermutlich mit Blick auf unser mE gestiegenes Kontrollbedürfnis eingerichtet. Rein subjektive Spekulation. Vielleicht meint es die Bahn auch einfach nur gut. Sicher auch damit, Benachrichtigungen ausstellen zu können.

  7. Actually travel by is a great experience but nowadays we don’t want to waste time so flight is more easy but train always gives us some special feelings! Well written your experience.

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