287) Sirenen

Spätestens als letzten Donnerstag/Freitag die ersten Bilder und Töne aus ukrainischen Städten übermittelt wurden, kämpfte sich in mir eine längst vergessene Erinnerung zurück in die Realität.

Sirenen. 

Während betagte Mitmenschen beim Klang dieser Ungetümer jedesmal zusammenzucken und gen Himmel schauen, ziehen sich bei mir auch die Eingeweide zusammen. Ich bin zwar nicht betagt, aber dieser unmissverständliche Ton erinnert mich an Kindergarten und Schule, wenn damals jeden Mittwoch 13:00 Uhr die Sirenen auf benachbarten Dächern heulten und man innerlich gehofft hat, dass das Heulen bloß nicht anhielt, sondern nach dem Test-Durchlauf schnell wieder abklang.

Uns wurde damals gesagt, dass sei „wegen möglicher Feuer“ und das konnten alle Kinder verstehen. Schließlich gab und gibt es auf dem Land immer noch Sirenen, um die Freiwillige Feuerwehr zu rufen. Da wir Kinder aber auch nicht ganz blöd waren und der „Aggressor“ bekanntermaßen im Nachbarland stand, war mir durchaus klar, dass die Dinger gerade in Großstädten einen ganz anderen Zweck hatten.

Mehr Hintergründe hier beim MDR:
https://www.mdr.de/geschichte/zivilschutz-sirenen-ddr-bundesrepublik-100.html

Nun sind die meissten der Geräte in den letzten Jahren abgebaut worden und auch wenn ich sie überhaupt nicht mag, frage ich mich schon, wie man eigentlich die Bevölkerung warnen will, wenn mal irgendetwas ernsthaftes passiert. Das muss ja nicht gleich ein Luftangriff sein. Es kann heftiges Unwetter wie in Westdeutschland letzten Jahres sein, oder auch ein Terrorangriff größerer Dimension. Will die Polizei dann mit Lautsprecherwagen durch eine 4-Millionen-Stadt gurken? Twitter-Nachrichten oder SMS an Leute ohne Handy verschicken? Sondernachrichten im Radio senden? Wie lange soll das denn dauern, bis alle informiert sind?

Klar, kann man über Sirenen eher nur Aufmerksamkeit erreichen, die Botschaften darüber sind allerdings etwas beschränkt.

Aber immerhin wüssten alle Bewohner, dass die Kacke am Dampfen ist und würden sich informieren … oder vorsorglich in den Keller rennen.

Heute früh lief „Dracula“ von Wallners im Radio. (Die Band musste ich auch erst einmal recherchieren) und ab Minute 2:38 hörte ich auf einmal Sirenen. Unterschwellig, es war aber wieder da. Ganz klar und beunruhigend. Vielleicht gar nicht von der Band beabsichtigt, aber heute Morgen gegen 06:30 Uhr zog sich in mir wieder Einiges zusammen.

So etwas muss ich echt nicht haben in diesen Tagen.

12 Kommentare zu „287) Sirenen

  1. Jeden Mittwoch? Tatsächlich. Diese Erinnerung hatte ich offensichtlich erfolgreich verdrängt. Ich hätte einmal im Monat getippt. Eine Art Zivilschutzausbildung im Unterricht wäre aber gar nicht verkehrt, im Hinblick auf alles leider Mögliche. Neben der Evakuierung im Brandfall wird in den italienischen Schulen auch das Verhalten bei Erdbeben geprobt. Man kann den Kindern nur wünschen, dass Krieg und Terror nicht wieder überall auf dem Programm stehen müssen.

    1. Danke Anke fürs Lesen und das Feedback. Also ich meine, es war schon wöchentlich, aber vielleicht auch hier und da anders geregelt. Ja, etwas mehr Sicherheit, Bewusstsein und Vernunft kann gar gar nicht schaden. Und da rede ich mal gar nicht von zwischenstaatlichen Konflikten, sondern eben auch von Naturgewalten wie du, im Falle von Erdbeben. Hoffentlich braucht mans nie …
      Schönen Abend aus Berlin!!

  2. Man hat wohl inzwischen erkannt, dass der Abbau der Sirenen nicht wirklich sinnvoll war. Wir hier würden sie allerdings gar nicht hören, in unserer mega gedämmten Hütte. Wir hören ja kaum die Silvesterknallerei. Wir müssen uns also auf die diversen Apps verlassen.
    Ich kann mich noch erinnern, dass diese Probealarme für meine Mutter immer ganz furchtbar waren.

    1. Danke Frau Momo, ja da habe ich ja noch gar nicht dran gedacht. Sirenen waren wohl eher für „Einfachfenster“ und Holzhütten gemacht, nicht für mehrfach eingepackte Häuser.

      Darüber muss ich nachdenken.
      Einen friedlichen Abend!

  3. Dracula von Wallners – kannte ich auch nicht und habs mir gerade auf Deinen Post hin mal angehört.
    Nee, Sirenen hätte ich da nicht wirklich gehört, wenn Du’s nicht geschrieben hättest, und auch sonst finde ich die Musik irgendwie sogar ganz knuffig, die ja entfernt so klingt, als stamme sie noch aus den 80ern..

    Aber mal zur Sirenenfrage zurück:

    Da gabs doch in den letzten Jahren – zumindest her im Norden – eimal im Jahr Katatrophenübungen, wohl hauptsächlich wegen der Sturmfutgefahr entlang der Unterelbe. Dabei wurde dann irgendwie festgestellt, dass eine Alarmierung über Sirenen kaum möglich wäre, weil es davon kaum noch welche gibt.
    Seit her gibts parallel auch Warnungen über Ktwarn und Nina – und das funktioniert richtig gut – jedenfalls, solange die Handynetze noch in Betrieb sind.

    Sollten die aber mal ausfallen, wirds wohl zappenduster….

    1. Danke für den Kommentar, Vielleicht hat die Band auch nur einen schrägen Sound auf dem Keyboard erwischt und ich bin da etwas übersensibel, wer weiß.

      Besser eigentlich, solch ein Geheul wäre gar nicht nötig. Viel Spaß beim Hören, ist in der Tat recht knuffig, kommt aus AT so weit isch gelesen habe. Schönen Abend!

  4. Ja, es war immer mittwochs (wöchentlich) um 13:00.
    Als ich dann anfing, samstags in der „benachbarten“ Großstadt zu arbeiten, bin ich um 12:00 fast aus den Latschen gekippt, als die Sirenen losgingen. Ja, sogar in der Großstadt.
    Hier ist es so, dass wir einige freiwillige Feuerwehren in der Nähe haben und somit auch regelmäßig Probealarm. Da ich Sirenen aus dem Krieg nicht kenne (sooo alt bin ich dann doch noch nicht), kann ich mit den kurzen Probealarmen ganz gut umgehen. Aber ja, dieses erleichterte Gefühl, wenn es eben nur ein Probealarm ist, kenne ich noch heute. Als hier letztens Tag der Alarmbereitschaft (oder so ähnlich) war, hatte ich deutlich mehr Probleme, weil da die Sirenen eben nicht nur mal kurz probiert wurden…
    Und zu Deiner Keller-Bemerkung: Ich hatte jetzt die Tage auch mal kurz gedacht, wo ich wohl im Notfalle hinrennen würde. Die Tiefgaragen, die noch vor der Wende zu diesem Zweck gebaut wurden, sind diesbezüglich gar nicht mehr instandgehalten worden. Und ob der Keller des Wohnhauses einen Bombenangriff übersteht oder gar eine Atombombe? Aber Zweifel sind seit etlichen Tagen unbarmherzig treue Begleiter für mich – für so viele Fragen.

    1. Ja, in einigen Ländern gehört so etwas zum Allgemeinwissen bzw. Grundausbildung. Mein Eindruck ist, dass wir hier diese „Katastrophen-Awareness“ komplett verlernt haben. Und da meine ich jetzt mal gar nicht einen Kriegsfall. Es kann draußen stürmen und manche Leute gehen mit dem Blick auf die Wetter App durch einen Park voller Bäume. Es kann Gewitter geben und man hüpft mal eben schnell noch in einen See.

      Unser größtes Risiko sind vermutlich wir selbst … 😉

      1. Ja, schon merkwürdig, oder? Und das sind dann auch die, die in den sozialen Medien dann posten „Wir sind ein Volk von Weicheiern geworden! Früher gabs das alles noch nicht und wir haben es überlebt!“ Gefühlt war „früher“ aber auch weniger Selbstüberschätzung…
        Bei uns war in den 70er Jahren am ersten Samstag im Monat Probealarm immer um 12 Uhr mittags. Als kleines Kind habe ich mich dann instinktiv unter dem Küchentisch verkrochen, meine Mutter hat so manches Mal die Hacken verloren, um mich zu trösten. Und dabei hatte ich den „Ernstfall“ nie erlebt…

      2. Leider wird oftmals viel ideologisiert. Und vermutlich war es das ja auch – das will ich gar nicht mal komplett von der Hand weisen. Aber was ist gegen ein Fach „Zivilverteidigung“ einzuwenden, wenn man mal den politisierenden, ideologisierenden Ballast weglässt: grundsolide Erste Hilfe Ausbildung (weit über das hinaus, was ein Ersthelfer heute beigebracht kriegt), bergen und transportieren von Verletzten (z. B. auch nach einen Erdbeben oder einer Überflutung), löschen von Bränden mit richtiger Auswahl der Löschmittel. Keine Ahnung, warum das heutzutage nicht hilfreich sein sollte.

      3. Absolut richtig. Das wäre ein wichtige Allgemeinbildung, die völlig unmilitärisch, friedlich und nachhaltig ist. Ich habe meinen Wehrdienst knapp 6 Jahre im Kat-Schutz geleistet, da könnte allen, Männlein, Weiblein und allen anderen ganz gut tun. Aber gern etwas kompakter 😉

  5. Danke Annuschka. Und ich glaube auch, dieses Argument „Früher gabs das alles noch nicht und wir haben es überlebt!“ wird zwar gern gebracht, ist aber falsch

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