230) Ruf nach Freiheit – Teil 2

In meinem Beitrag > Ruf nach Freiheit, habe ich Beobachtungen entlang der Freiheits-Demo-Schnitzeljagd vom 29.08.2021 notiert. Der Beitrag endete etwas ratlos, mit vielen Fragezeichen. Also habe ich weiter drüber nachgedacht und mit anderen diskutiert.
Spoiler: Es gibt noch mehr Fragezeichen.

Also wer sind sie, was könnte sie antreiben, was ihr Motiv sein?

  • Leben sie vielleicht sonst in einer Kuschelweich-Comfort-Zone und müssen nun zum ersten Mal unangenehme Einschränkungen erleben? Sind sie deshalb so verunsichert und schreien „Diktatur“, wenn es darum geht ein Stück Zellulose vor der Futter-Luke zu tragen und eine Zeit lang mehr Spielregeln zu folgen als sonst?
  • Oder geht es ihnen wirklich so dreckig? Haben sie in den letzten Monaten erhebliche Nachteile erlitten? Wirtschaftlich, gesundheitlich, vielleicht jemanden verloren, der ihnen nahe stand? Haben daraus einen Frust gegenüber der Regierung aufgebaut und wollen diesem nun lautstark Luft machen?
  • Haben sie selbst schon einmal ein diktatorisches System erlebt und wissen noch gut, wie das war? Halten sie sich dadurch für qualifiziert zu erkennen, dass wir angeblich schon wieder auf dem Weg in eine „Diktatur“ sind? Spüren sie einen Erfahrungsvorteil und meinen daher ganz besonders zu wissen, worüber sie reden?
  • Eventuell sind es aber auch Charaktere, die von Geburt an echte Freigeister waren, die es schon immer schwer hatten, sich in Regelwerke einzufügen? Aber wie stellen sie sich das vor, wenn hier jeder maximale Freiheit anstrebt? Oder würden sie dann „ganz unter sich“, ein neues gemeinsames Verständnis von Freiheit aushandeln? Und wären sie dann eigentlich wirklich „frei“?
  • Oder sind es Köpfe, die mit all ihrer Freiheit überfordert sind? Das Leben in Freiheit ist ja auch anstrengend. Es gibt so viele Entscheidungen, man muss sie für sich treffen und kann im Nachgang niemanden dafür verantwortlich machen. Aber wenn sie da nun „Freiheit“ fordern und irgendwelchen Rattenfängern folgen, wünschen sie vielleicht insgeheim jemanden, der ihnen diese Entscheidungen, also die Freiheit, wieder abnimmt?
  • Möglicherweise fühlen sie sich auch von Komplexität überrollt? Die Dinge um uns herum werden immer komplizierter und das kann intellektuell überfordern. Zusammenhänge zu verstehen oder sogar noch anderen zu erklären, ist echt nicht ohne. Suchen sie vielleicht einfachere Antworten? Ist es da leichter, aus Fakten Fake zu machen und andere zu überzeugen, dahinter steckten elitäre Strippenzieher, die uns allen etwas vormachen? Aber sie können das nicht nachweisen, denn dazu bräuchten sie wiederum Fakten, die sie weder haben noch akzeptieren. Also bleibt dann doch nur, auf den Staat zu schimpfen und laut nach „Freiheit“ zu rufen?

Und damit sind wir schon wieder beim Anfang des Beitrags.

<— Ruf nach Freiheit – Teil 1

9 Kommentare zu „230) Ruf nach Freiheit – Teil 2

  1. Vermutlich ist ein Teil der Wahrheit, dass es nicht „sie“ und „uns“ als Gruppe gibt. Die Motive werden so verschieden sein wie die Menschen, die zu solchen Demos gehen. Da du ja offensichtlich als Beobachter dabei warst: hast du jemanden der Mitlaufenden persönlich nach ihrem/seinem Beweggrund gefragt? Wäre sicher erhellend, auch im Sinn des Miteinander- statt Übereinanderredens!🙂

    1. Danke Sarah fürs Lesen und für den Kommentar. Mir ist klar, dass es nicht den einen Beweggrund gibt, vermutlich ist es vielschichtiger oder noch viel bunter, als ich mit meinen vereinfachenden Schubladen darstellen kann.

      Und nein, ich habe keinen der Teilnehmer dort gefragt. Ich habe da eine wütende, aufgeheizte Situation (das war keine Demo) erlebt, in der alles dafür getan wurde der Polizei aus dem Weg zu gehen und auf Nebenstraßen für Chaos zu sorgen. Da tue mich schwer damit, die Damen und Herren zu fragen, wo denn so der Schuh drückt.

      1. Okay, danke dir für die Antwort. Das erklärt für mich dann auch deine Skepsis. Trotzdem bleibe ich grundsätzlich dabei: Miteinander- statt Übereinanderreden erscheint mir auch bei kontroversen Positionen sinnvoll, einfach, weil sonst vermutlich noch mehr ein Abdriften in das Gefühl des „Alle sind gegen uns“ geschieht. Und das lässt sich dann wieder von – z.B. rechten – Demagogen herzlich gut für eigene Zwecke instrumentalisieren. In dem Sinn demokratische und diskussionsfreudige Grüße nach Berlin, freue mich immer über deine Kurznachrichten aus der Großstadt!🙂

      2. Danke Sarah, absolut, Reden ist wichtig, auch über Positionen, die einem selbst nicht so schmecken. Grüße und bis bald wieder 😉

  2. schwieriges Ding mit der Freiheit: Ich glaube, heute oder schon seit längerer Zeit wird die Freiheit des Einzelnen etwas zu hoch gehängt und sein (ihr) Platz in der Gemeinschaft vergessen. Einige Auswüchse erleben wir mit Corona, andere mit „Kampfradlern“, die wie irre im Straßénverkehr unterwegs sind.

    Was ist Freiheit?? Was verstehen wir darunter, oder jeder für sich?. ICH tue, was ICH will, die anderen sind MIR egal, denn ICH bin (sooooo) einzigartig?!? Das geht schon im Kleinkindalter los, wenn die Kleinsten sich nicht einfügen wollen, sollen, brauchen usw.
    Ich komme aus der gräßliche DDR, wo wir frei von Existenzsorgen, aber auch von globaler Reisefreiheit waren. Nach der Wiedervereinigung habe ich neue Freiheiten, schöne und unschöne – z.B. frei von Arbeit = Arbeitslosigkeit – kennengelernt, war nicht so nett.

    aber zurück zum Therma:
    wir sollten im Kleinen wie im Großen an der Balance von individueller Freiheit und Gruppennotwendigkeiten arbeiten. Corona ist ein großer Brocken, das Klimathema ist noch eine ganz andere Dimension.

    1. Der letzte Satz spricht mir wirklich aus dem Herzen.
      Und dabei fällt mir auch noch ein Zitat ein, von dem ich leider nicht weiss, wer der Urheber war:

      „Die Freiheit jedes Menschen endet da, wo die Freiheit seiner Mitmenschen beginnt“

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