2) Zum Gendern (Gastbeitrag Sabine)

Nach meinem letzten Beitrag zur neuen gendergerechten Sprache, war hier ganz schön was los und es gab jede Menge konstruktive Kommentare. Großes Danke! Tja, das Thema scheint die Gemüter*Innen zu bewegen. Eigentlich wollte ich den Beitrag ja zusammen mit Sabine schreiben, aber das klappte dann logistisch nicht. Also ist aus ihrem Input nun ein eigenständiger Gastbeitrag entstanden. Et voilà … lest selbst.

Sabine:
Das ist echt verrückt – wenn man ein bisschen die Augen aufmacht, stößt man (frau?) überall auf dieses „Neusprech“ und damit auf Menschen, die (mehr oder weniger) verzweifelt versuchen, sich der veränderten Sprache zu nähern und oft gewinne ich den Eindruck, dass es dann in Sprachlosigkeit endet.

Als T. mich eingeladen hat (vielen lieben Dank ;-)), einen gemeinsame Beiträge zum Gendern zu schreiben, wusste ich nicht genau, wie das anfangen? Habe ich doch noch nie einen Blogbeitrag verfasst. T. meinte, es wäre doch vielleicht interessant, das aus dem Blickwinkel einer Frau zu beschreiben.

Tja – wie fühlt sich das jetzt an? Auf der einen Seite ist es natürlich sehr schön, wenn mich mein*e Arbeitgeber*in mit einem extra spendierten „Mitarbeiterin“ einbezieht. Andererseits finde ich es mehr als schräg, diese*n als Arbeitgeber*in zu beschreiben. Oder sollte ich über ein von vornherein völlig anderes Wort nachdenken, das ich nutzen kann (Firma, Konzern, Institution, die mein Gehalt bezahlt)? Das mag ja, solange ich mich schriftlich äußere, noch einigermaßen klappen. Wie aber soll ich das während ich spreche umsetzen – in Sekundenbruchteilen? Das fühlt sich fast an, als müsste ich eine neue Sprache lernen. Mag ich dieses neue Deutsch?

Und was nützt das am Ende? Fühle ich mich nun durch diese Sprache gleichgestellter?

Für mich kann ich sagen – nein. Ich liebe unsere (bisherige) deutsche Sprache. Auch, oder gerade weil sie so herausfordernd und vielseitig ist. Und nur durch eine neue Art der Sprache werden unterschiedliche Bezahlungen für den gleichen Job auch nicht angepasst. Fast wirkt es auf mich eher wie ein Art „Deckmantel“. Außen hui innen pfui. 

Fazit: ich will das generische Maskulinum (sachliches Genera!) zurück. Ich verspreche, ich fühle mich nicht diskriminiert!

Spricht mich Jemand direkt persönlich an – in meiner jeweiligen Eigenschaft als Mitarbeiterin, Kollegin, Freundin freue ich mich darüber oder erwarte sogar die weibliche Form. Und selbstverständlich finde ich es nur gerecht, wenn Menschen jeglichen Geschlechtes die gleichen Chancen und Bedingungen erhalten. Aber echt – ich habe überhaupt kein Problem damit „zum Bäcker“ zu gehen. Und ich mag mir nicht vorstellen, wie ich morgens zu meinem Mann sage: ich gehe jetzt in ein Geschäft, das bereit ist, Backwaren gegen Entrichtung eines Entgelts an uns abzugeben.

Sabine, 06.02.2021

7 Kommentare zu „2) Zum Gendern (Gastbeitrag Sabine)

    1. …ja – leider, mijonisreise. Vieles hat sich verändert in den letzten Jahrhunderten, Jahrzehnten und Jahren. Aber vieles sitzt so tief, dass wir alle uns fragen müssen, wieviel Zeit noch in’s Land gehen muss… die Technik hat unglaubliche Fortschritte gemacht – oft beschleicht einen aber das Gefühl, dass wir als „Menschen“ da in unserem tiefsten Inneren anscheinend leider nicht Schritt halten können… Vielen Dank für Deinen Kommentar! Sabine

  1. Liebe Sabine, schön, dass du das Beispiel des Bäckers aus meinem Kommentar zum ersten Gender-Beitrag aufgreifst (vielleicht Zufall). Zum Bäcker gehe ich selbst auch. Das ist dann aber der Ort für mich. Die Bäckerin dort benenne ich auch so, ebenso wie die Ärztin oder den Kosmetiker. Frei nach Sapir-Whorf (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Sapir-Whorf-Hypothese) argumentiere ich, dass Sprache Wirklichkeit mitgestaltet und möchte bei der männlichen Form nicht „mitgemeint“ sein. Gendern ist für mich somit mehr als Kosmetik, wobei auch ich Gendern als bloße Kosmetik (ohne die damit einhergehende gesellschaftliche Gleichstellung) kritisiere.

  2. Liebe Sarah, das war in der Tat Zufall – wahrscheinlich liegt uns allen das Bäckerhandwerk am Herzen 😉
    Interessant, dass Du nur „den Ort“ „maskulin“ benennst. Ich habe gemerkt, dass ich „zum Arzt“ gehe, obwohl vor meinem inneren Auge meine Ärztin erscheint. Und ja, Sprache gestaltet Wirklichkeit. Das ist ein wirklich sehr gutes Argument! Ich habe für mich entschieden, dass mir diese „mitgestaltende Wirklichkeit“, die meines Erachtens (leider) oft nur als Vorwand genutzt wird, aber weniger wichtig ist, als ein geschriebenes und gesprochenes Deutsch, das mir zunehmend fremd zu werden droht. Ich bin gespannt, wie sich wohl alles in zwei Jahren verändert haben wird. Wird die Sprache die Wirklichkeit auf ihrem Weg unterstützt haben? Wie werden sich Bücher „lesen“, wie werden wir Sprache „hören“ – und wie werde ich dann darüber denken? Danke für Deinen Kommentar, der mich doch wieder nachdenklich gemacht hat… Sabine

  3. Irgendwann im letzten Jahr habe ich selbst einmal einen Blogbeitrag über dieses Thema geschrieben. Aufhänger war damals ein Einladungsschreiben an „Liebe Mitglieder*innen“. Das hat mir die Fußnägel aufgerollt! Weil „DAS Mitglied“ als Neutrum sowieso ein generischer Rundumschlag ist.
    Ich kann anteilig alle hier genannten Sichtweisen (von dir, Sabine, von Sarah und von T.) jeweils ein Stück weit nachvollziehen. Rein vom linguistischen Standpunkt her wünsche ich mir, dass gendergerechte Sprache keine Notwendigkeit sein müsste. Denn ich merke, dass ich beim mittäglichen Vorlesen nach dem Essen, wenn Mann, Tochter und ich noch am Tisch zusammensitzen (ich quäle die beiden dann immer mit der Lektüre aktueller Sachbücher, über die wir dann diskutieren) zunehmend herumeiere, zum Vorlesen ist es also gelinde gesagt Mist.
    Aber: Gerade seit der Populismus erstarkt, geht damit einher auch eine Renaissance des Machismo, so empfinde ich es vor allem in den sozialen Medien (naja, zu größeren Gesprächsrunden trifft man sich ja augenblicklich eher nicht). Mit allen Facetten von Abwertung bis Verächtlichmachung. Ganz davon abgesehen, dass Equal Pay immer noch weit entfernt ist und strukturelle Benachteiligung von Frauen, aber auch diversen oder queeren Personen nach wie vor stattfindet.
    Fazit: Ich habe eine zwiespältige Meinung zu der ganzen Sache und versuche daher meist, abzuwägen, wann ich gendergerechte Sprache verwende und wann nicht. Kommt auch immer ein bisschen darauf an, mit wem ich rede oder schreibe.
    Liebe Grüße, Anja

  4. …sehe das – glaube ich – sehr ähnlich, wie Du, @Anja – einhergehend mit dem zunehmenden Populismus, werden – – unter anderen – Frauenrechte in einschlägigen Kreisen ernsthaft verneint. Genau deswegen empfinde ich auf der anderen Seite dieses besonders betonte „*innen“ fast wie eine Stellvertreter-Diskussion (eben wie ein Deckmantel). Das ist für mich eine Ablenkung von den Tatsachen, die eigentlich diskutiert werden müssten. Ggf. ist es aber eben auch gerade die nötige Unterstützung, der es bedarf. Wir werden es sehen….
    Danke für Deinen Kommentar und viele Grüße Sabine

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