127) Corona-Lektionen 36

In welcher Woche sind wir gerade? Schwer zu sagen. Habe die Orientierung verloren. Ich nehme einen Kalender und zähle mit dem Finger die Homeoffice-Wochen durch.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehen wir morgen … in die 20. Woche. Jawohl. In einer Woche soll in Berlin sogar die Schule wieder losgehen. Mit voller Last. Mir wird ganz schwindelig.

Denn das, was in den letzten Tagen hier abgeht, erfüllt mich mit großer Sorge:

  • Ja, ich bin auch kein begeisterter Masken-Träger.
  • Ja, ich könnte auch mal wieder ein Konzert besuchen.
  • Ja, ich würde auch mal gern wieder mit Freunden feiern.
  • Ja, ich wäre auch gern wie geplant in den Urlaub geflogen.
  • Ja, ich mache mir auch so meine Sorgen über unsere Freiheit.
  • Ja, ich bin auch verunsichert, wie das alles mal weiter gehen soll.

Aber, Nein, Nein, Nein, dass was ich so lese und höre, soll erst recht nicht sein:

  • 3.000 Leute feiern (nicht die erste) illegale Party in der Berliner Hasenheide.
  • 20.000 Menschen zogen gestern durch die Innenstadt und erklärten Corona für beendet.
  • Maske, Abstand = Fehlanzeige. Weil eh alles fake ist und der Staat sowieso doof und das Ganze von irgendwem initiiert ist. So einfach sind die Gründe dargelegt. Ruck Zuck erklärt. Der Gegner ausgemacht. Lautstärke. Gebrüll. Wut.

Mag man von der Regierung doch halten was man will. Aber vor 5 Wochen sah das doch alles ganz gut aus. Die Infektionszahlen gingen zurück, Einschränkungen wurden gelockert oder gar aufgehoben. Was sich jetzt da auf den Plätzen sammelt … tut mir Leid … ich kann es nur verallgemeinern … , scheint mir ein verwöhnter, asozialer, durchgeknallter Mix von gefrusteten Menschen und Krawall-Touristen zu sein. Wer dabei war und sich nun missverstanden oder in der falschen Schublade fühlt, sollte sich eine andere Demo suchen. Sorry.

Denn, ich habe mehrmals pro Woche mit Kollegen aus anderen Ländern (z.B. Indien, Brasilien, Israel, Spanien usw) zu tun und ich kann aus erster Hand wiedergeben, dass das, was wir hier in den letzten Wochen „erleiden“ mussten, der reine Kindergarten war, im Vergleich zu dem was dort abging. In manchen Ländern geht es noch so weiter, in manchen fängt man erst an oder hat noch nicht einmal kapiert, was eigentlich an der Tagesordnung ist.

Zusätzlich schmeißt unsere Regierung mit Geld um sich, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern. Dass das nicht jeden erreicht und nicht immer genug ist, mag sich ungerecht anfühlen, ohne Frage. Aber immerhin fließen solche Gelder hier und wir haben (…oder hatten?) genug Krankenhausbetten frei.

Mal sehen wie lange noch.

Darüber sollten wir mal nachdenken.

Schönen Sonntag!

T.

Nachtrag Montag 03.08.2020 08:00 Uhr:
In den sozialen Medien kursieren unzählige Diskussionen, ob‘s nun 17.000 bzw. 20.000 Teilnehmer, oder gar 800.000 oder 1,3 oder 1,8 Millionen waren. Man drischt wieder auf die Presse ein und so weiter.

Eine Millionen Menschen können wir getrost vergessen. Ich habe selber mehrere Love Parades in Folge an der Strecke Dienst geschoben. Glaubt mir, ich weiß wie es sich anfühlt, sich in einer Menschenmasse von 1 Millionen Menschen zu bewegen.

Und wir können uns noch mal über die Mathematik nähern. Die Party-Meile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist ca. 2.000 Meter lang. Und nur die Hälfte war m.W. davon freigegeben.
Die Straße des 17. Juni hat 6 Fahr-Spuren + 1 Mittelstreifen + 2 Park-Spuren + 2 Fußwege. Macht ca. 40 Meter Breite. Abzüglich Grünzeug, Bäume, Hindernisse … sagen wir 35 Meter. Multipliziert mit 1000 Meter Länge …  macht das eine Fläche von ca. 35.000 Quadrat-Meter. Und wie sollen da jetzt 1 Millionen Menschen reinpassen?

Und selbst wenn es mehr als 17.000 waren oder 20.000, macht’s das besser? 

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11 Kommentare zu „127) Corona-Lektionen 36

  1. Lieber T., ich könnte es nicht besser beschreiben… und, leider, es ist nicht nur in der Hauptstadt so. Ist den Menschen nicht bewusst was passiert wenn wir wirklich eine 2. Welle bekommen? Ich mag mir die wirtschaftlichen Folgen gar nicht vorstellen…. dann hilft kein Geld der Welt mehr 😏

  2. T. genau so ist es
    Es wundert mich sehr und macht mir auch Angst das auch ältere Menschen da mit machen die es doch eigentlich besser wissen sollten

    1. Das wundert mich auch alles sehr und wenn ich lese, dass dort nicht nur das rechte Spektrum vertreten war, frage ich mich, ob mich das erleichtern oder glatt erst recht besorgen soll.

    1. Das glaube ich aber auch. Wer am Wochenende mit Kind und Kegel nach Berlin fährt, um an einer Jahrmarkt-ähnlichen Demo teilzunehmen, dort zu übernachten um Sonntag wieder heimzufahren, dem geht‘s sehr gut und der hat zu viel Zeit.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren

  3. Vor zwei Tagen habe ich an einem Webinar der amerikanischen Vasculitis Foundation teilnehmen können. Eine Vaskulitis ist eine Autoimmunkrankheit, die unbehandelt innerhalb von wenigen Wochen zum Tod führen kann. Menschen, die einen solchen Krankheitsausbruch erlebt haben und durch die schwere, aber lebensrettende Therapie mit Chemotherapeutika gegangen sind, wissen, was es heißt, dem Tod ganz direkt ins Gesicht zu schauen. Bei dem Webinar gab es eine Umfrage, wie sich die Teilnehmer in der Coronakrise verhalten: 97% (der vorwiegend US-amerikanischen Webinar-Teilnehmern) gaben an, bei Verlassen des Hauses fast immer einen Mundnasenschutz zu tragen. Von über 700 Vaskulitis-Betroffenen in den USA haben sich bis jetzt lediglich 7 Personen mit Corona angesteckt, also 1%. Wer dem Tod schon einmal begegnet ist, wird ihm so schnell nicht wieder begegnen wollen, auch nicht in der Gestalt von Covid-19….

    1. Yep, ist doch prima (also im Sinne der Vermeidung einer Ansteckung), aber was machen all die, die nicht Vaskulitis, Aids oder Krebs haben?. Wenn 97% ALLER Amerikaner Maske tragen würden, gäbe es dort keine Probleme würde ich mal sagen

      1. Richtig, aber das ist der Punkt: die allermeisten Menschen halten sich für unsterblich, bis sie es am eigenen Leibe fühlen, das sich im eigenen Körper ausbreitende Sterben.
        Dazu halte ich es für durchaus möglich, dass die Sozialen Medien trefflich durch entsprechende Interessengruppen mit verharmlosenden Meldungen zu Covid-19 manipuliert werden. Wer daran Interesse hätte? Nun, sowohl China als auch Russland als auch Nordkorea würde eine gesellschaftliche Destabilisierung der USA sicher zu pass kommen. Der republikanischen Partei, die ja schon in der New-Orleans-Katastrophe mittels Untätigkeit kläglich versagt hat, würde eine Verharmlosung von Covid-19 – und damit eine Verdeckung der strukturellen Probleme der USA – auch in die Karten spielen. Menschen, die aber krankheitsbedingt mehr als der Durchschnitt medizinisch geschult sind, kann man nicht so einfach hinter das Licht führen, wie z.B. Vaskulitis-Patienten.

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