91) Corona-Lektionen 13

Wir gehen auf Ostern zu und haben nun endlich mal wieder die Gelegenheit, mit den Lieben etwas zur Ruhe zu kommen. Zu Hause. War das nicht zu Weihnachten schon so? Und seit dem eigentlich durchgehend?

Ein paar Gedanken aus den letzten Tagen:

Systemrelevant: Es wurde schon viel über den Begriff geschrieben, aber mich lässt der noch nicht ganz los. Bislang kannte ich „systemnah“ und „systemkritisch“. Beides extreme Gegensätze. Beides kann gefährlich werden, je nach dem, wer im System gerade das Sagen hat. Systemrelevant sind Menschen, die wichtig sind, das System aufrecht zu erhalten. Alle anderen sind demnach system-irrelevant. Also irgend wie zwar „da“, aber eben nicht relevant. Na vielen Dank auch. Danke, dass wir gerade den Job der Lehrer machen, danke, dass wir weiterhin Steuern zahlen und uns mit Klopapier-Käufen zurückhalten, damit das System nicht ins Wanken gerät. Und was bitte ist das „System“. Der Staat? Die Firma, für die ich arbeite? Oder meine Familie? Systeme gibt es in verschiedener Gestalt und Größenordnung, in denen wir durchaus relevant sind. Also Vorsicht mit solchen Kunstwörtern. Wir geben uns soviel Mühe nicht mehr Männlein, Weiblein und Diverse zu trennen und sprachliche Entgleisungen wie den „Negerkuss“ und „Heim ins Reich“ zu vermeiden. Da wird es uns doch gelingen, ein etwas wertschätzenderes Wort zu finden, das nicht alle anderen in die Irrelevanz abdrängt. Reicht ja schon, wenn sich die Schere in arm und reich teilt, muss ja nicht noch relevant und irrelevant dazu kommen. Obwohl es ein interessante Diskussion wäre, ob‘s vielleicht so gar jeweils die selben Menschen sind 😉

Normalität: Manchmal höre ich, dass doch hoffentlich bald wieder alles „normal“ wird. Hätte ich auch gern. Aber dann frage ich mich, welches „normal“ denn? Die Situation wie sie zu Jahresanfang war? Corona war weit weg und wir Europäer tanzten und husteten auf der Ski-Hütte? Die Normalität von … sagen wir … 1. Oktober 2019? Ganz zufällig gegriffen. Oder die von 2008, vielleicht? Was hätten wir denn da gern? Eher vor der Finanzkrise oder besser danach? Oder besser das Jahr 2000? Da hatten wir die Datumsumstellung überstanden und 9/11 war noch weit weg. Darf‘s sonst noch `was sein? Diese kurze Zeitreise zeigt schon, dass sich Normalität immer wieder neu definiert. Müssen wir vielleicht einfach damit leben, dass das jetzt erst einmal unsere Normalität ist? Und wenn das alles einmal vorbei ist (wann ist das eigentlich?), wird die neue Normalität nicht mehr wie die alte Normalität sein. Mhm. Doof. Wandel. Permanente Anpassung.

Verschwörung: Gestern habe ich ein paar Beiträgen in der Glotze gelauscht. „Nichts wird mehr so sein, wie es mal war“ … sagte der Eine und „Die Menschheit stünde an einer Abbiegung“ der Andere. „Alles wird sich ändern“ sprach der Nächste und „So kann es ja nicht weitergehen“ der Übernächste. Aber dann sprach einer von „der Zeit vor Corona“ … also in Englisch … „Before Corona“ … kurz also „BC“ … so wie „Before Christ“.

Ha! Steckt also doch eine dicke Verschwörung dahinter! Und British Columbia hängt auch mit drin, und der Landkreis Biberach und die BBC sowieso.

Grüße aus Berlin

T.

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6 Kommentare zu „91) Corona-Lektionen 13

  1. Du bringst das Absurde immer so richtig schön auf den Punkt! Vielen Dank. Da war ich in dieser Woche zum Baumarkt unterwegs zu Fuß, Zeit den Balkon schön zu machen, und kam an einem Spätkauf vorbei, wo einige pflichtbewußt anstanden, gab ja auch ein Schild ’nur 2 Personen‘. Andere drängelten dann an der Schlange vorbei und die Kinder mit Eis liefen einfach rein und raus. Dann voll Crowd Controll am Baumarkt und die Leute aus dem Fitnessstudio haben wieder was zu tun. Zu kaufen gab’s nix mehr. Auf dem Rückweg am Park vorbei und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Gruppen da nicht alle in derselben Wohnnung wohnen … Alles etwas schräg gerade … Vielleicht wollen viele gar nicht zu unserem alten ’normal‘ zurück. In diesem Sinne, frohe Ostern. So Religion soll ja auch mal echt in gewesen sein.

    1. Danke fürs Lesen und ausführliche Kommentar. Über die Idee „gar nicht mehr zum alten Normal zurück wollen“ habe ich noch nicht so tief nachgedacht. Mache ich aber. Schönen Abend!

  2. Sytemirrelevant, jetzt habe ich wenigstens einen Namen dafür, wie ich mich schon seit Ewigkeiten fühle. Und so einiges wird mir dann auch klar. Vor allem, dass es ebenso lange kein „Normal“ mehr zu geben scheint.
    Liebe Grüße, Kerstin

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