Reisen 6.0 – Teil 3

Yumi und Noah passieren den Check In und die Sicherheitskontrollen. Der Guide mit  dem Turban wartet bereits hinter den Kontrollen mit Tee und super-süßen Snacks auf sie.

Während sie gemeinsam Tee trinken und die anderen Reisenden beobachten, erscheint eine Push-Nachricht auf Noahs Smart Phone. „Please proceed to 15th Floor“. Er zupft an Yumis Shirt und deutet auf einen Lift ein paar Meter weiter. Im Lift drücken sie die Taste 15. Das scheint plausibel, denn darunter steht „Asien“ geschrieben. Kaum im 15. Stock angekommen, folgt die nächste Nachricht. „Please proceed to Gate 15131, your trip is ready to start, we are closing the gate.“ Also folgen sie den Schildern den Gang entlang. Gate 15128 „Sri-Lanka“ (fast voll), 15129 “Malediven“ (überfüllt), 15130 „Bangladesh“ (fast leer). Sie gehen durch Gate 15131, nehmen die ihnen zugewiesen Plätze ein und lassen ihre Reise beginnen. Es wird zunehmend wärmer, die Luft feuchter. Ein Display im Vordersitz zeigt 29°C an. Es duftet fremd. Mal nach Gewürzen, mal nach Duftstäbchen, mal nach Früchten, mal nach Dreck. Sie bereisen alle Hot Spots Nord-Indiens, reiten sogar auf einem Elefanten einen Hügel hinauf und machen ein Selfie vor dem Taj Mahal. Nach vier Stunden ruft ein Gong zur Pause. Eine Stimme rät, die VR-Brillen abzunehmen. Die Türen des Raums öffnen sich und mehrere Inder laufen in weißen Schürzen durch die Reihen. Sie bringen duftende Curry-Gerichte, Reis und Naan an die Plätze. Weitere Servicekräfte bieten Softdrinks, Lassi und Kingfisher-Bier an. Das Essen war wirklich gut, nur die streunenden Hunde in den Sitzreihen empfanden Noah und Yumi als etwas „too much“. Zum Nachtisch gibt es Tee und mega-süße Bällchen, die an den Zähnen kleben. So viel Süßes ist echt ungesund, denkt Yumi, als ein kleiner verrotzter Straßenjunge an ihren Sitz herantritt, die offene Hand hinhält und „Bakshish, Bakshish“ wimmert. „Na, ob der denn wirklich ein echter Inder ist“, brabbelt Yumi in sich hinein. Egal jetzt. Der Gong ruft zur Fortsetzung der Reise und sie setzen wieder ihre VR-Brillen auf. Sie besichtigen Süd-Indien, schlendern über Märkte, besuchen eine Schule, fahren Boot, schauen beim Cricket zu und gehen an Goas Stränden baden. Nach weiteren 4 Stunden sind Yumi und Noah echt geschafft. Die Hitze, die Gerüche, die Eindrücke, all die tausenden Bilder, die sie von ihrer Indien-Reise bislang gesammelt haben, machen sie müde. Langsam neigen sich ihre 6D-Sessel nach hinten und beginnen mit einer sanften Massage. Die Sonne hängt blutrot über dem Meer … nach wenigen Minuten fallen Yumi und Noah in einen tiefen Schlaf. Irgendwann tippt ihnen jemand auf die Schulter. „Sirr? Madam? Good Morrning. Your Brreakfast.“ Sie erleben einen großartigen Sonnenaufgang und bekommen ihr Frühstück serviert. Der bettelnde Junge ist verschwunden. „Mhm, bestimmt hat der was auf den Malediven bekommen“, beruhigt sich Yumi. Eine Stimme ertönt. „Herzlich Willkommen zurück in Berlin. Bitte bleiben sie noch einen Moment angeschnallt sitzen, bis wir das Ende ihrer CO2-reduzierten Reise erreicht haben. Wir bedanken uns, dass sie mit VTS gereist sind und wünschen Ihnen eine angenehme Heimfahrt. Sollten Sie Transfer gebucht haben, wartet ihr Fahrer mit ihrem persönlichen Souvenir-Paket auf dem Vorplatz. Wir würden uns freuen, sie auf einer ihrer nächsten Reise wieder bei VTS begrüßen zu dürfen“.

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14 Kommentare zu „Reisen 6.0 – Teil 3

    1. Hi amanita, danke. Ja, ist zwar irgendwie gruselig, aber wenn man das Thema Reise + Klima + 6DKinovumd Tropical Island zu Ende denkt, dann ist das gar nicht so abwegig. Immerhin gehen die beiden noch aus dem Haus … noch

  1. Mein Vorschlag zur Klimarettung wäre, die Schulen abzuschaffen. Unterricht findet nur noch via Bildschirm/Videokonferenz statt. Prüfungen und Klassenarbeiten können in angemieteten Konferenzräumen abgehalten werden. Zum persönlichen Treffen gibt es monatliche, ähm ja, Treffen, die an Orten nach Wahl stattfinden (Spielplatz, Lokal, Stadtteilzentrum, Museum, Kino, Vereinsheim, Hütte, Grillplatz,…)

    1. Wird zu einem gewissen Anteil so kommen, bin ich mir ganz sicher. Und viel früher als bei uns geschieht das in Asien, denn da gibt‘s oft nur die Alternative „gar keine Schule“

  2. so etwas ist bald (oder schon jetzt) möglich; ich hoffe nur unsere innere, sehr alte Programmierung kommt da hinterher, sonst besteht die Menschheit 2100 zur Hälfte aus verwirrten über-gesteuerten Konsumenten und die andere Hälfte aus leistungsgetriebenen „Teil-Arbeitern“. …. und wem gehört dann dieses „Übersystem“, wenn Amazon heute eigentlich schon weiß, dass ich vielleicht morgen nach virtuell nach Indien „reisen“ möchte??

    In einem älteren utopischen Film haben Leute mit großer Freude an einer Lotterie teilgenommen, deren Sieger ins Paradies reisen durften, aber das Paradies war eine Todesmaschine……..

    Ich hoffe, dass die Demokratie stark genug ist, den Möglichkeiten sinnvolle Bandagen einzuziehen. Hab da so meine Zweifel.

    P.S.nach einer versunkenen Gesellschaftstheorie ist der Staat das Machtinstrument der herrschenden Klasse.

    1. Oh ja genug Stoff für mehrere Abende Diskussion. Danke. Die beschriebenen Dinge gibt es im einzelnen alle schon, vielleicht noch nicht so sehr aneinander gekettet. Aber ob wir das mitspielen, liegt nur an uns. Da würde ich nich auf „die“ Demokratie, „die“ Regierung, den „Staat“ warten. Es kommt nur auf „die“ … äh … „unsere“ Vernunft an.

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